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Beiblatt zu Nr. 123 der,Huldaer Zeitung."

Sonnabend, den 2. Junii 1883.

ä Bunte Blätter.

i.

Gesellige Unterhaltungen aus alten Tagen.

Wie das ganze gesellschaftliche Leben vergange­ner Jahrhunderte sich weit einfacher, anspruchsloser und gewissermaßen naiver gestaltete, als in unse- rem glänzenden Jahrhundert der Telegraphen und Eisenbahnen, des elektrischen Lichtes und des Pho­nographen, so tragen auch die Spiele und gesel­ligen Vergnügen in alter Zeit einen mehr beschei­denen und weniger rafsinirten Charakter, als heut­zutage. Und dennoch lassen sich die meisten der heute mit besonderem Eifer und höchster Begeiste­rung gepflegten gesellschaftlichen Unterhaltungen in ihren Anfängen bis in das Mittelalter und den Beginn der Neuzeit verfolgen. Die geneigten Leser mögen von uns nicht etwa eine kulturhistorische Skizze über frühere Spiele und Vergnügen erwar­ten; die folgenden Zeilen sollen nur einige der in alter Zeit entstandenen, der damals besonders be­liebten und durch ihre Eigenthümlichkeit sich aus­zeichnenden geselligen Unterhaltungen kurz skizziren.

Daß im Mittelalter und auch noch in späteren Jahrhunderten Trinkgelage und Schmausereien, Turniere und Jagdzüge in Friedenszeit zu den ersten Beschäftigungen der Ritter und Herren ge­hörten, ist bekannt, auch sind die sich mit dieser Art von Unterhaltungen verknüpfenden Gebräuche und Sitten Gegenstand so vieler Schilderungen in Fachweüen, sowie in geschichtlichen und anderen Romanen und Erzählungen, daß man dem Leser in der Beziehung nicht viel Neues bieten kann. Einzelne andere ritterliche und bürgerliche Vergnü­gen dürften eher ein allgemeines Interesse finden.

Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts spielten bereits Tanzvergnügungen eine große Rolle und wurden auch bereits damals schon mit dem heutigen Namen „Bälle" genannt. Der Name „Ball" hat mit dem Tanzen, wie sich gewiß schon manche unserer geneigten Leserinnen gesagt und gedacht haben wird, gar nichts zu thun. Und doch ist derselbe nicht willkürlich, sondern findet in dem Ursprung des ganzen Vergnügens seine Er­klärung. Der Name ist wirklich vom Fang- und Federball abzuleiten, von dessen Gebrauch die ganze Unterhaltung ausging. Man suchte das an sich auf die Dauer einförmige und langweilige Ball­spiel mit Gesang und Tanz zu unterbrechen und zu beleben. Ursprünglich bestand das Ballspiel, der „Ball", nur in einem Anfmarschiren reihen­weise geordneter Paare, deren gemessene Bewe­gungen durch ein gelegentliches Aufhüpfen des einen oder anderen Abwechselung erhielt. Erst später begann man allmählich das anfangs regel­lose Springen an bestimmte Regeln zu binden und die Reihen der Tanzenden durch Verschlingungen und Figuren künstlich zu gliedern, und so eine Abwechselung in das Springen und Hüpfen zu bringen. Auf diese Weise entstand der eigentliche Tanz und der Name „Ball". Früher wurde diese Art von Ballspielen und Reigen meist im Freien aufgesührt; fanden sie Abends statt, so wurden Fackelträger mit in die Reihe ausgenom­men, wie solche auch den Neigen anführten. Im Laufe der Zeit schwand das harmlose eigentliche Ballspiel ganz, und wurden dafür allerlei andere Aufführungen, insbesondere mimische Darstellungen allegorischen Inhalts in die Reigentänze eingefloch­ten. Im großen Stile fanden solche Tanzauf­führungen, verbunden mit den mannigfachsten mi­mischen Spielen, bei fast allen Hoffesten statt, und da nach der damaligen Sitte großartige Feierlich­keiten in einem eigenen mit Abbildungen ausge­statteten Werke weitläufig befchrieben wurden, kann man sich alle Details aus solchen Festlichkeiten aus den anschaulichen Darstellungen in Wort nnd Bild noch heute recht gut vergegenwärtigen.

Die Ritterturniere, welche im Laufe der Zeit vielfach in rohe und barbarische Menschenschläch­tereien ausarteten, geriethen bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts in Verfall, und man sah

*) Mit vorstehendem Artikel eröffnen wir eine zwang­lose Serie von feuilletonistischen Aufsätzen ans den ver­schiedensten Gebieten.

an ihrer statt andere ihnen nachgebildete, aber weit harmlosere Uebungen austauchen. Insbesondere wegen der häufigen Verwundungen und Todesfälle bei den ernstlichen Zweikämpfen der Ritter begann man, Waffenspiele einzuführen, welche weniger Kraft und Muth als Geschicklichkeit beweisen soll­ten. Statt einer lebenden Person nahm man einen hölzernen und mit grellen Farben bemalten Tür­ken zum Gegner im Turnier oder hing einen Ring in der Höhe auf; beide mußten mit der Lanzen­spitze getroffen werden.

Wenn auch der Sieg geringer war, als wenn ein gepanzerter Reiter aus dem Sattel gehoben wurde, so war doch der Beifall des rings um den Schau­platz auf Tribünen und zu ebener Erde versammel­ten Volkes nicht weniger laut. Das Ringstecheik kennt man ja heute noch, nicht nur in einzelnen Dörfern im Norden, wo besonders am Pfingstfeste derartige Uebungen stattfinden, sondern auch in einigen Städten, wo es besonders bei Gelegenheit der Schützenfeste von berittenen Abtheilungen aus­geführt wird. Damals trat bald an die Stelle des Ringelrennens das Karrouffelreiten, und die hölzernen Pferde auf den Karroussels der heutigen Jahrmärkte können als letzte Erinnerung an die einst so stolzen Ritterspiele gelten, denn auch bei diesem Kinderspiel hat noch immer das Ringstechen seine Bedeutung.

Auch die unteren Klassen des Volkes, vor Allem das Landvolk, hatten ihre besonderen Festlichkeiten und geselligen Unterhaltungen. Außer den srohen Familienereignissen war es namentlich das Fest des Kirchenpatrons, welches neben den gottesdienstlichen Feierlichkeiten zu allerlei weltlichen Vergnügungen Anlaß bot. Solche Kirchweihfeste sind uns nicht nur in alten Chroniken und Schriften, sondern auch in recht drastisch gehaltenen bildlichen Darstel­lungen lebendig und lebensgetreu überliefert. Mit der Dorfkirchweih mar meist auch ein Jahrmarkt verbunden, gerade wie auch heute noch. Es wurde gezecht, gespielt, und auch Streitigkeiten und über­hitzte Köpfe kamen nicht minder vor, wie auch heut­zutage bei den meisten ländlichen Kirmeßfeierlich- keiten. Ein alter Holzschnitt von H. S. Beham veranschaulicht eine Dorfkirchweihe mit packender Lebenstreue. Bauernburschen stellen ein Wettrennen zu Pferde an, Mädchen laufen nach ausgesteckten Preisen, Knaben ringen, Alte schieben Kegel, so­gar eine Prügelei scheint nicht mehr fern zu sein, was bei der Bewaffnung des Landvolkes weit ge­fährlicher war, als heute. Im Vordergründe rechts wird ein Tanz aufgesührt, der sich, wie deutlich erkennbar, in den oben beschriebenen bescheidenen, einfachen Grenzen hält, die Paare Hüpfen Hand in Hand neben und hinter einander. Ein eigenthüm- liches Spiel hält in der Mitte rechts eine große Gruppe in gespannter Aufmerksamkeit. Auf hin­ter einander in kleineren Entfernungen parallel ge­legten Balken balancirt ein Mann, der offenbar ein Gefäß auf dem Kopfe trägt. Es galt ohne Zweifel, den Weg über die Balken zurückzulegen, ohne daß der Topf von dem Kopf herunterfiel. Die im Vordergrund in der Mitte sich an Speise und Trank amüsirende Gruppe enthält verschiedene Darstellungen von derber Komik, die daraus schlie­ßen lassen, daß es von Alters her bei solchen Festen in jeder Beziehung hoch herging.

In den Städten waren die Feste und Unter­haltungen sehr verschieden, wie es die Scheidung der dort bei einander wohnenden Gesellschaftsklassen mit sich brachte. Die reicheren und vornehmeren Familien wetteiferten mit dem Adel und den Für­sten in ihrem Prunk und dem Glanz ihrer Feste, während die minder begüterten und ärmeren Klas­sen sich in ihren Unterhaltungen und Vergnügun­gen mehr dem Landvolk näherten. Die Patrizier­söhne hielten auf dem Markte ihre Gesellenstechen, eine 'Nachahmung der Ritterturniere, und das Volk, welches mit dem derben Humor und der Spottsucht nie lange hinter dem Berge hält, begann alsbald, diese Spiele zu parodieren und lächerlich zu machen. Man ging gleichfalls auf den Marktplatz, arran- girte Alles gerade so, wie beim Turnier und ließ dann die Kämpfer auf hölzernen Pferden gegen einander losziehen, und zwar wurden die Holzpferde

mit Teilen gegen einander gezogen. — Auf den Rathhäusern wurden Hochzeiten gefeiert und Fackel­tänze aufgeführt.

Für das beliebte Ballspiel gab es bereits eigene Hallen, ebenso wie für Ring- und Fechtübungen. In solchen öffentlichen Localen ließen sich dann auch gelegentlich Gauklerbanden, Schauspieler unb Kunstreiter nieder und zeigten dem schaulustigen Publikum ihre Künste. Selbst die heute auf Jahrmärkten umherziehenden Menagerien hatten in früheren Zeiten schon ihr Seitenstück. In den bezeichneten Vergnügungshallen wurden auch von Zeit zu Zeit wilde Thiere ausgestellt, natürlicher­weise nur in vereinzelten Exemplaren. — Die öffentlichen Bäder hatten damals eine besondere Anziehungskraft, es gab solche fast allerorts für Reich und Gering. Die Badstuben wurden fast in demselben Maße besucht, wie heute die Caffee- häuser, und kamen dort vielfach Bekannte und Unbekannte zu geselliger Unterhaltung zusammen. Als aber später das Treiben in den Bädern einen zügellosen und der Sittlichkeit hohnsprechenden Cha­rakter und Umfang annahm, ergriffen die Fürsten und Obrigkeiten strenge Maßregeln dagegen und unterdrückten mit den Auswüchsen auch die Sache selbst fast ganz.

Schon im 15. Jahrhundert hatten sich Schü­tzengilden gebildet, welche unter der obersten Leitung der Magistrate bieder Nachbarorte zu ge­meinsamen Wett- und Preißschießen einluden. Bei der großen Wichtigkeit, welche die Fertigkeit im Schießen in damaliger Zeit für die Vertheidigung der Städte hatte, wurden sogar von Zeit zu Zeit gesetzlich bestiminte Uebungen abgehalten, selbst solche mit schwerem Geschütz. Als Gewinne für die besten Schützen wurden meist besondere Gold­gulden ausgeprägt. Herren und Bürger nahmen in gleicher Weise an diesen Uebungen theil. Nur fand, wie auch sonst im Jahre, bei den mit den Uebungen verknüpften Trinkgelagen gewöhnlich eine Scheidung und Trennung statt. Die Burger versammelten sich in ihren Zunftstuben, die Pa­trizier in den Herrentrinkstuben.

Dabei drängte es die fröhlichen Zecher natürlich auch . ’»n, welche ihnen besonders am Herzen läge ein gutes Lob, ein Wort des Dankes oder der Huldigung zu spenden. Da aber der Mund der ehrsamen Meister und bedächtigen Rathsherren der zusammenhängenden oder gar künstlich gefügten Rede noch wenig mächtig war, hielt man zu dem Zwecke eigene Spruchsprecher, welche Toaste aus­bringen nnd im passenden Augenblicke die Ohren der Gäste mit Reimsprüchen ergötzen mußten; natürlich machten die dort gedrechselten Reime keinerlei Anspruch aitf dichterische Vollendung, je­doch waren die gestellten Anforderungen auch ge­wöhnlich recht geringe, und fanden die weisen Reden der Spruchsprecher meistens die größte Anerken­nung. Dieselben führten als Zeichen ihres Amtes einen Stab, mit welchen sie auf den Estrich auf­stießen, sobald sie die allgemeine Aufmerksamkeit zu fesseln gedachten. Als Zeichen der Zufrieden­heit und des besonderen Lobes wurden ihnen ge­schnitzte und bemalte, meistens hölzerne, auch wohl silberne Schilder verehrt. Eine unter der Zunft der Spruchsprecher besonders hervorragende Per­sönlichkeit war der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu Nürnberg lebende Michael Weber, dessen Bild auf uns gekommen ist. Seine Brust ist mit zwölf größeren und kleineren Schildern ge­schmückt, welche mit Wappen, Emblemen und Stadt­bildern geschmückt sind. Die meisten scheinen von Metall, wahrscheinlich von Silber zu sein. In einem weiteren Artikel ivollen wir insbesondere das alte Schauspiel, die Feuerwerkskunst früherer Zei­ten und einige kleinere Gegenstände einer kurzen Betrachtung unterziehen.

Vermischtes.

**♦ (Im Seebade.) Dame: „Ach, Herr Doktor! stets, wenn ich in'S Wasser gehen will, bekomme ich am ganzen Körper eine Gänsehaut." - Arzt: „O, das macht gar nichts aus, das ist etwas ganz Natürliches!"