1883
Freitag, den 1. Juni
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„Der Kulturkampf und feine Folgen".
Unter dieser Ueberschrift bringt der conservative ,Reichsbote, einen beachtenswerthen Artikel, dem wir nachstehende Stelle entnehmen:
„Aeußerlich ist natürlich die katholische Kirche am'schwersten vom Kulturkampf betroffen, 1000 unbesetzte Pfarreien und seit zehn Jahren so gut wie kein priesterlicher Nachwllchs, das will etwas heißen, — aber einen reichen Ersatz findet die katholische Kirche für diese Schäden darin, daß gerade durch den Kulturkampf das katholische Volk sich mit nie gesehener Treue und Aufopferung um seine Kirche geschart hat. Und dadurch ist die katholische Kirche auch im Stande, die äußeren Schäden leichter zu ertragen.
Viel größeren Schaden hat der Staat, denn durch den Kulturkampf ist das katholische Volk ihm innerlich in einer Weise entfremdet, mißtrauensvoll und verbittert worden, daß es schwer halten wird, hier je wieder eine vertrauensvolle Versöhnung herbeizuführen. Die demokratisch oppositionelle Richtung gewinnt in der kath olischen Bevölkerung in Folge dieser Verbitterung immer mehr Boden. Die meisten katholischen Zeitungen stehen bereits auf diesem Boden, und die konservativ gerichteten unter ihnen, wie z. B. der .Westfäl. Merkur', haben einen schweren Stand.
Gerade jetzt, in Folge der letzten Note, welche eine bittere Enttäuschung gebracht und deshalb den Stand der konservativ gerichteten katholischen Kreise so sehr erschwert hat, scheint diese Entwickelung rasche Fortschritte zu machen. Die rheinisch-katholischen Organe treten jetzt ganz offen auf die Seite fortschrittlich Richter'scher Politik und weisen die konservativere Richtung des ,Wests.
Torquato Tasso. 17
Ein Dichterleben.
Diu Wilhelm 8erche«d»ch.
(Fortsetzung.)
Tasso hatte einen viel schwereren Kampf zu bestehen. Ihm ivar es nie gegeben gewesen, sich in die Nothwendigkeit zu finden. Er konnte es auch jetzt nicht. „Weg da mit diesen tollen Schranken", murmelte er, „Menschen haben sie gebaut, Menschen müssen sie auch niederreißen. Warum hat Gott dem Dichter einen Vorzug vor den übrigen Staubgeborenen gegeben, wenn es ihm nicht einmal gemährt sein soll, sich dieLebensgesährtin auszusuchen?"
In diesem Augenblicke fühlte er sich stark genug, vor den Herzog zu treten unb die Hand_ seiner Schwester zu begehren, aber schon im nächsten bemächtigte sich seiner eine ebenso große Niedergeschlagenheit, und so wurde er von einem Gegensätze in den andern geschleudert, bis zuletzt fast die Verzweiflung über ihn kam. Hastig sprang er empor, und um die Gedanken los zu werden, eilte er dem Schlöffe zu, wo man ihn bereits mit Sehnsucht erwartete.
Als er in den hellerleuchteten Saal trat, kamen ihm Lucrezia und Anna von Guise entgegen. „Ah, der Flüchtling", sprach Lucrezia. „Wißen Sie auch, daß die Herzen Aller mit Sehnsucht auf Sie gewartet haben? Gewiß schweiften Sie im Parke unter den Eichen undCypreffen umher und hielten Zwiesprache mit den Göttern. Aber was sehe ich!
Merkur' zurück. Die Wahl Lenzmanns in Dortmund war ein Symptom der Lage. Schon jetzt stockt in den Parlamenten alle Gesetzgebung und es ist zu fiirchten, daß Reichstag wie Landtag kaum noch eine ihrer Vorlagen zu Stande bringen werden. Bei einer Neuwahl ist sehr zu fürchten, daß die Katholiken überall statt der Konservativen die Fortschrittler unterstützen werden. Die Wirkung würde eine große fortschrittlich-sezessionistisch- ultramontane Majorität sein.
Die Folgen einer solchen Entwickelung für unser ganzes Volks- und Staatsleben liegen auf der Hand. Die Wirthschafts- und Socialreform würde versumpfen und auf dem Gebiete des Militäretats, deffen 7jährige Dauer demnächst zu Ende geht — würde diese Majorität ihre Kraftproben machen. Die katholische Bevölkerung Deutschlands in die Demokratie getrieben und gegen Preußen, den leitenden Staat des deutschen Reiches, unheilbar verbittert und dadurch die innere Einheit des Reiches, auf welcher seine Stärke ruht, auf's Schwerste geschädigt zu haben — das find die bösen, beklagens- werthen und vielleicht nie wieder gut zu machenden politischen Folgen des Kulturkampfes. Je weiter er geht, je bitterer und aussichtsloser wird er und je mehr vergiftet er jene Wirkungen. Was werden soll, ist gar nicht abzusehen; dieser unglückselige Kampf verdunkelt unsere ganze Zukunft und liegt wie eine finstere Wolke auf unserem Volksleben!
Auf unsere evangelische Kirche wirkt er lähmend und wie Mehlthau tödtlich. Sie muß alle Kulturkampfwetter über sich ergehen laßen und kann weder Hand noch Fuß regen. Oben ist sie dnrch den Staat und seine Beamten, unten durch die von der antikirchlichen Presse beeinflußten Volksmassen beherrscht; auf der einen Seite spannt ihr die katholische und auf der anderen die mit Hilfe des Vereinsgesetzes arbeitende Sektenpropaganda die Mitglieder ab, und dabei der große Mangel an Geistlichen, die vielen unbesetzten Pfarreien! Die widerwärtige Pfarrwahl scheucht immer mehr die tüchtige, ehrenhafte Jugend vom Studium der
Auf Ihrer Stirne lagern Wolken, diese sind so breit und finster, als ob Sie in den Abgrund des Häßlichen geschaut hätten. Was ist Ihnen begegnet, Taßo?"
„Nichts, Prinzessin! Wer einmal das Unglück hat, in den Irrgärten der Dichtkunst zu wohnen, der darf nicht zürnen, wenn ihn nicht immer die Musen anlächeln, sondern auch die Eumeniden zuweilen ihr erstarrendes Auge auf ihn richten."
„Sie haben gewiß traurige, an'sHerz greifende Verse gemacht, Tasso. Wollen Sie uns nicht mit dem Vortrage derselben beglücken?"
„In der That, Prinzessin, es fuhr ein klingendes Lied durch meine Seele, aber ich kann es Ihnen nicht vortragen, denn es ist nur der Anfang eines Dramas, welches Zeit braucht, ehe es Form und Inhalt annimmt. Vielleicht wird es niemals reif und schlummert nur wie ein Kern, dem der Keim fehlt, in meiner Seele, darum kann ich es Ihnen nicht vortragen."
Lucrezia sprang bald auf ein anderes Gebiet der Unterhaltung und ließ den Dichter nicht mehr los, bis die Gesellschaft sich trennte. Jetzt eilte sie hinauf zu ihrer Schwester und bat um Einlaß. Eleonore schob den Riegel zurück und ließ sie ein.
„Schwester", rief Lucrezia, „wie kannst Du Dich in die Einsamkeit vergraben, während das lichte Tagesgestirn der göttlichen Dichtkunst unter uns weilt? Wenn ich keine Prinzessin wäre, würde ich keinen Augenblick zögern, Taßo die Hand zu reichen."
Theologie zurück; denn wer mag sein Berufs-und Lebensschicksal von den Launen, Jntriguen und Zufällen solcher Wahlagitationen abhängig machen? — dazu ferner das widerwärtige Schauspiel, daß in manchen Landeskirchen der Unglaube dasselbe Recht in der Kirche beansprucht und erhält, wie der Glaube — das alles sind Zustände, die zum Himmel schreien!
Es sind trübe Bilder, die da vor unseren Augen vorüberziehen — aber sie sind nach dem Leben gezeichnet. Zehn der besten, schönsten Jugendjahre des neuen deutschen Reichs haben wir in Gründerei und Kulturkampf zugebracht, wirthschaftliche, religiöse, sittliche und soziale Sch äden sind die Folgen; was hätte in dieser Zeit für das Wohl unseres Volkes geleistet werden können!"
Deutsches Reich.
Fulda, 1. Juni.
♦ (Kirchenpolitisches.) Die ,Berl. Pol. Nachr.' schreiben: „Es verlautet, daß die Beschluß- faßung des Staatsministeriums über die Ausarbeitung einer kirchenpolischen ^Vorlage un mittelbar.b e vor st ehe."
— Nachstehende anscheinend offiziöse Correspondenz findet sich gleichlautend in dem ,Hamb. Corresp.' und der Magdeb. Ztg.':
„Di.e gegenwärtig stattfindenden Erwägungen der Regierung beziehen sich, wie man hört, nicht mehr auf die Frage, ob dieser Zeitpunkt szu einseitigem gesetzgebrischem Vorgehens gekommen ist, denn der Staat ist es seinen zahlreichen katholischen Anhängern schuldig, endlich eine definitive Regelung ihrer kirchlichen Verhältnisse herbelzu- führen, sondern nur noch darauf, ob die bezüglichen (Gesetzentwürfe, deren. Vorbereitung im Hinblick aus die Wahrscheinlichkeit der nunmehr durch Roms Unversöhnlichkeit herbeigesührtenWendung schon seit längerer Zeit ins Werk gesetzt ist, dem Landtage bei der so sehr vorgerückten Jahreszeit noch jetzt oder erst zu Beginn einer im Herbst zeitig zu berufenden Session vorgelegt werden sollen. Sie werden sich vielleicht erinnern, daß ich Ihnen schon im Winter schrieb, daß Angesichts der schon damals zu Tage tretenden Unnachgiebigkeit der Kurie die Regierung Gesetzentwürfe kirchenpolitischer Natur für den Land-
„Er muß sehr liebenswürdig und zuvorkommend gegen Dich gewesen sein."
„Im Gegentheil, Eleonore, als er aus dem Parke zurückkam, sah er aus, als ob er mit den bösen Geistern gerungen, aber was macht das? Ich würde ihn lieben, wenn er häßlich und mißgestaltet wäre, wenn —"
„Aber, Schwester, das wäre eine Liebe —
„Aus der niemals eine Heirath folgen kann. Ich weiß es, aber so ernst nehme ich die Sache auch nicht, weil — nun weil es ja einmal nicht geht."
„Wie leicht Du Dich über Alles Hinwegsetzen kannst! Wenn ich ihn liebte, so würde ich es mit allen Seelenkünsten thun und lieber Alles aufgeben, als ihm entsagen."
Sie war im Begriffe, der Schwester zu lagen, was sie für den Dichter empfand, denn sie hoffte, sie würde großmüthig verzichten, aber nein, sie durste sich nicht verrathen. Eine verräthensche Thräne im Auge zerdrückend, gab sie dem Gespräche eine andere Wendung, aber Lucrezia wollte sie nicht hören. „O schweige, schweige," rief sie. „Ich spreche Dir von dem Liede der Nachtigall und Du antwortest mir mit dem Rufe des Wiedehopfs. Ich kenne Dich nicht mehr! Seitdem die verkörperte Poesie in unseren Mauern weilt, scheinst Du den Sinn für dieselbe abgestreift zu haben."
Trillernd verließ sie das Zimmer und begab sich in ihre eigenen Gemächer.
(Fortsetzung folgt.)