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Donnerstag, den 31. Mai

1883

Fuldaer Heilung.

Fuldaer Rettung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementLpreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wojchenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die »ierspaltigeZeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Die Landstreicherplage.

Wenn inan von der Landstreicherplage redet, so ist schon in dem Ausdruck „ Landstreicher" eine nicht mißzuverstehende Einschränkung des all­gemeinen Begriffes der „wandernden Handwerks­burschen" gegeben. Zu allen Zeiten hat es Män­ner gegeben, welche, entweder weil sie in ihrer Heimath arbeitslos wurde,!, oder um sich weiter auszubilden und die Welt zu sehen, den Wander­stab ergriffen und in der Fremde ihr Brod suchten. Der reisende Handwerksbursche ist in unserem Va- terlande stets eine populäre Erscheinung gewesen, er hat seine Stelle int deutschen Volkslied, und Niemand hat gegen diese Wanderburschen etwas einzuwenden gehabt, war doch die Wanderschaft in früheren Zeiten ein bei allen Handwerkszweigen bestehender Brauch, eine Vorbedingung zur spä­teren Selbstständigkeit. Wenn heute alle Tage­diebe, Faullenzer und Taugenichse unter dem Deck­mantel des Handwerksburschen Stadt und Land überschwemmen und sich mit „Fechten" ihren täg­lichen Unterhalt erwerben, so leidet nothwendig der ehrliche Wandergeselle mit unter dieser Plage.

Wenn ein Mensch in redlicher Absicht sich auf's Wandern begeben hat, um für sich Arbeit und vielleicht auch noch für seine Familie Brod zu suchen, und wenn dieser in die wahrlich nicht be- neidenswerthe Nothwendigkeit versetzt wird, ein Almosen zu begehren, so ist es ohne Zweifel eine Pflicht der christlichen Nächstenliebe, ihm ein solches zu gewähren. Diese Leute haben mit den Land­streichern oder Vagabunden nichts zu schaffen, welche das Betteln zu ihrem Gewerbe machen und brandschatzend von einem Ort zum andern ziehen.

Die größeren Städte haben von diesem arbeits­scheuen Volk weniger zu leiden, als das platte Land, dort wacht'die wohlorganisirte Polizei an allen Ecken und läßt alltäglich einige von diesen Burschen von der Bildfläche verschwinden; um so schlimmer ergeht es den Bauern. Jeden Morgen ziehen diese arbeitsscheuen Gesellen aus den Her­bergen der Städte, in denen sie die Nacht ver­brachten, aus und überfluthen das platte Land,

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Torquato Tasso.

Ein Dichtcrleben.

|ea Wilhelm Nerchkudach.

(Fortsetzung.)

Der unselige Taumel der Leidenschaft hatte in einem nicht minder hohen Maße die Prinzessin er­griffen, aber sie kam eher zu sich und riß sich von Tasso los. Der Gedanke, daß sie beobachtet werden könnten, erfüllte sie mit Schrecken, und sie spähte »nt weit geöffneten Augen um sich herum, sah aber zu ihrer Beruhigung Niemanden.

„Komm dorthin, mein Taffo", sagte sie, „denn ehe wir scheiden, muß ich Dir Dein Verhalten vorzeichnen."

Unter einer Hängebuche, welche die darunter drehende Bank ganz mit ihren Zweigen einhüllte, ließen sie sich nieder, und die Prinzessin nahm Zuerst das Wort. „Tasso, Du sollst wissen, daß >ch Dich wie mein Leben liebe und gerne Alles hingeben würde, um Dich ganz zu besitzen, aber unsere Liebe wird niemals durch das Band der Ehe gekrönt werden. Mein Bruder ist gut und ltebt mich, auch hält er große Stücke auf Dich, aber er würde nimmer zugeben, daß zwischen uns k>n Verhältniß bestünde, wie es unter Gleichge- dorenen natürlich ist. Du weißt es ja, Prinzes- Uwien sind ausgeschlossen von der Wohlthat des treten Willens; darum ist uns unser Verhalten vorgeschrieben, und ich bitte Dich um Deinet- und

um hier durch zudringliche Frechheit und Droh­ungen aller Art ihren Lebensunterhalt und das Geld zum weitern Landstreichen zu erpressen. Daß bei diesen Leuten die Begriffe über das Mein und Dein ziemlich unklar werden, versteht sich von selbst.

Klare statistische Nachweise über diese immer fühlbarer werdende Landplage fehlen bisher, jedoch weiß Jedermann aus seiner eigenen täglichen Er­fahrung, wie sehr sich die Zahl der Landstreicher in den letzten Jahren vermehrt hat. Diejenigen, welche neuerdings der Frage eine große Aufmerk­samkeit zuwenden, schätzen die Zahl der in Deutsch­land herumlungernden Vagabunden auf einige Hunderttausend. Die Konsequenzen dieses Zustandes lassen sich leicht erkennen, wenn man sich nur ein ganz einfaches Rechenexempel vorhält: Rechnet man für jeden Landstreicher als Bettel­erwerb die jedenfalls viel zu gering taxirte Summe von nur öO Pfg. pro Tag, so würden je 100,000 Vagabunden jährlich über 18 Mil­lionen Mark kosten. Muß man nicht staunen über die Höhe dieser „freiwilligen Steuer", mit denen Bürger und Bauer so ganz nebenbei be­lastet wird?

Gegenüber einer solchen ivirklichen Landstreicher- Noth ist es gewiß sehr zu loben, wenn die Be­hörden alles thun, um diesem Unwesen zu steuern; sie werden aber mit den heutigen Mitteln der Gesetzgebung keine durchgreifende Besserung herbei­führen können. Weit erfreulicher noch sind die neuerdings vielerorts zu Tage (relendeu aus dem Schooße der Bevölkerung hervorgegangenen Be­strebungen, welche durch Gründung von Arbei­ter-Kolonien, durch Organisation einer geeig­neten Natural-Verpflegung der wandern­den Bevölkerung, und zwar soweit irgend möglich, gegen Arbeitsleistung, endlich durch Einrich­tung von Arbeitsnachweisungs-Büreau's ic., diesem Nebel entgegentreten wollen. Am 28. Mai ist zu Düsseldorf ein großer „Rheinischer Verein wider die Vagabundennoth" ge­gründet worden, dessen Ziele und Pläne, so weit es sich bis jetzt übersehen läßt, alle Anerkennung verdienen. Auch anderwärts beginnt man sich in

meinetwillen, nicht mehr zu begehren, als ich Dir gewähren kann: Treue Liebe in stiller Brust, das ist Alles. Hüte Dich, jemals merken zu lassen, was wir uns sind, nicht Wort, nicht Blick darf es verrathen. Der geringste Verdacht würde hin­reichen, Dich vom Hofe zu entfernen, ja er würde Dir vielleicht viel Schlimmeres bereiten."

„O, Dich täglich sehen und Dich nicht umarmen zu dürfen, welche Qual!" sprach Tasso.

„Füge Dich darein! Es werden Stunden kom­men, in denen wir uns ohne Zeugen sehen können, aber mir überlasse es, Dir dieselben anzugeben. Weile noch hier, bis ich das Schloß erreicht habe, damit Niemand Verdacht schöpft."

Noch einmal umarmte er sie, dann sprang sie leichtfüßig von dannen. An der Rückseite des Schlosses blieb sie stehen und schaute zu den hell erleuchteten Fenstern empor. Es wäre ihr jetzt nicht möglich gewesen, unter diese kalten, ceremo» niellen Höflinge zu treten; auch fürchtete sie, sich zu verrathen,' deshalb eilte sie in ihre Gemächer und schloß sich ein, der Kammerfrau den Auftrag gebend, alle Besucher fortzuweisen, da sie der Ruhe bedürfe. Wohl bedurfte sie der Ruhe, denn ihr ganzes Wesen war aufgeregt; Freude und Angst stritten sich in ihrem Herzen um den Vorrang.

Die Hand auf die Brust pressend, flüsterte sie: „Ruhig, mein Herz! Sei kalt, mein Blut!"

Und als sie nun wirklich ruhiger wurde, da machte sie sich schwere Vorwürfe. Wozu konnte

dieser Frage endlich zu regen. Aber wenn man auch diese Bestrebungen wahrlich mit Freuden begrüßen muß, so fragt es sich denn doch, ob auf diesem Wege allein etwas Ersprießliches zu erreichen ist. Unseres Erachtens muß das hebet an der Wurzel angefaßt werden. Und diese Wurzel liegt in der ganzen volkswirthschaftlichen Politik der weiland liberalen Aera. Die Gewerbege­setz gebung, das Steuerwesen, der Freihandel, die Goldwährung u. s. w. haben das voterlandslose Kapital begünstigt, die einheimische Produktion und insbesondere die Landwirthschaft schwer ge­schädigt, dadurch die Arbeitslosigkeit beför­dert und endlich durch die Freizügigkeit zum Vagabundiren verlockt. Wer also an diese Frage Hand anlegen will, dessen erste Aufgabe ist es, den Gesetzgeber zur Umkehr zu bewegen. So lange dies nicht geschieht, helfen alle anderen Mittel auf die Dauer nichts.

Deutsches Reich.

Fulda, 31. Mai.

* (Kirchenpolitisches.) Das W. T. B. meldet aus Rom)

„Das ,Journal de Rome' hält es für gerathen, gegenwärtig die Verhandlungen mit der preußischen Regierung abzubrechen. Preußen habe mit Vor­bedacht das erstrebt, was jetzt eingetroffen ist, um auf dem Wege der Gesetzgebung den kirchlichen Konflikt zu lösen. Aber dieser macchiavellistische Plan fei eitel, täusche Niemanden und löse die Schwierigkeit nicht. Jndeß werde jede Erleichte­rung der Gesetzgebung, welche man für die Reli- gionsübung in Deutschland gewähre, ein Akt der Toleranz sein, d. h. eine Negation des Rechts der Kirche, für welche es keine Vorschriften gibt. Auch viel mildere Maigesetze würden immer noch ein gottloser Uebergriff des Staates sein und die Zeit der Verfolgung nicht beendigen. Diese unwürdige Behandlung der Kirche werde keine Sympathie bei' den Katholiken Deutschlands finden."

Die .Germania' bemerkt hierzu u. A.:

„Diese gewiß sehr tieffinnigen Auslassungen wollen uns zum Theil nicht recht verständlich vor-

ein Verhältniß führen, dein die gänzliche Verbin­dung abgeschnitten- war? Sie beging ein Unrecht an sich, an Taffo und ihrem Bruder, wenn sie es fortführte.

Wie es in solchen Fällen wohl geht, nahm sie sich vor, von ihm zu scheiden; aber alle Versuche, die sie tnachte, hatten keinen Werth, denn ihre Liebe war zu tief, zu ernst. In der Folge zeigte es sich, daß sie Beide zu schwach waren, um das einzig Richtige zu thun, nätnlich heldenmüthig zu entsagen.

„O", flüsterte sie, „bis heute Hatteich die Liebe nicht gekannt; ich hatte mir dieselbe so schön ge­dacht und geglaubt, daß sie den Himmel auf die Erde zaubere, aber ich sehe nun, daß sie auch Qualen und Sorgen im Gefolge hat. Wo ist mein ruhiger Sinn geblieben, wo meine süßeZufriedenheit?"

Nachdem der Sturm in ihrem Herzen endlich ganz ausgetobt, hatte sie eine Empfindung wie Jemand, der rasch einen reichen Schatz gewonnen und denselben int Schiffbruch verloren. Ein Frö­steln ging über ihren Körper, und sie fühlte sich unbeschreiblich unbehaglich.

Die Siebe ist eine unergründliche Sache; sie macht den Menschen zum Helden und znm Narren und flößt ihm die entgegengesetztesten und wider­sprechendsten Gefühle ein. Nachdem sich Eleonore gesagt hatte, daß ihre Liebe zu Tasso nur zum Unglücke führen könne, wurde sie plötzlich wieder andern Sinnes. „Was kann ich dafür", flüsterte