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Montag, den 28. Mai

1883

Fuldaer ZW Jeitung.

«e .Fuldaer Zcitmg' srjckemt täglich. Sonn- uns FsiertagcAusgenommen. Vierteljährlicher Aboanemmtspreis ohne BniMrlshn und ^stellgeld. 1 Mk. 50 Pfg-, m 1 belletristischen Wojchenbeilag: .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Psg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die »ierspaltigeZeile oder drren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Psg.; bet Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Die Krönungsfeier in Moskau.

Die gestrige Kcönungsfeier, welcher ganz Europa mit einer gewissen Spannung entgegensah, ist einer Meldung des „Wolff'schen Tel. Bur." zufolge ohne Zwischenfall verlaufen. Wir ent­nehmen den bezüglichen Depeschen Folgendes: Der Kcönungstag wurde bereits um 7 Uhr Morgens durch Artilleriesalven und das Geläute aller Glocken eingeleitet. Schon von früher Morgen­stunde an war die Umgebung des Kreml außer­gewöhnlich belebt; die im Innern desselben be­findlichen, nicht reservirten Räume waren rasch von einer compakten Menschenmenge besetzt. Die Truppen sind dem Programme gemäß aufgestellt, das Wetter hat sich in der Nacht gebessert und läßt einen schönen Tag erwarten. Die Stadt bietet einen grandiosen imb festlichen Anblick dar. Um 8 Uhr versammelten sich die außerordentlichen Botschafter sowie das diploma t ische Korps bei dem deutschen Botschafter General». Schweinitz als Doyen des diplomatischen Korps und begeben sich von dort gemeinsam zu der Krönungsceremonie, die mit der Celebrirung der hohen Messe in der Uffpenski-Kathedrale ihren Anfang nimmt. Nach 8 Uhr werden in den Kreml nur solche Personen eingelassen, welche Karlen für die Tribünen und das Innere der Kirche haben. Da dieselbe sehr klein ist, so sind für das diplomatische Korps nur achtzig Plätze reservirt und werden von demselben nur die Chefs der Missionen, die ersten Räthe derselben und die Militärattaches im Innern der Kirche Platz er­halten, die übrigen Mitglieder des diplomatischen Korps verbleiben außerhalb derselben auf einer sehr eleganten, für sie reservirten Tribüne.

Um 8Vi Uhr traf das diplomatische Korps in Gala-Equipagen im Kreml ein. Bald darauf be­gab sich der Großfürst - Thronfolger, geleitet von den Mitgliedern der kaiserlichen Familie und den fremden Fürstlichkeiten im prächtigen Zuge in die Kathedrale und nahm daselbst Platz. Trompeten- geschmetter und Paukenschall kündigen alsdann an, daß sich der kaiserliche Zug formirt hat und im Begriffe ist, sich vom Palast nach der Kathedrale zu begeben.

In dem Augenblicke, wo der kaiserliche Zug er­scheint, läuten alle Glocken, die Musik spielt, die Tambours schlagen an, die Truppen präsentiren das Gewehr, aus der dichtgedrängten Volksmenge innerhalb und außerhalb des Kreml ertönen brau­sende Jubelrufe. Das Ende der Ceremonie wird durch ein besonderes Signal kundgegeben werden.

Die Usspenski-Kathedrale bietet einen unbeschreiblich prächtigen und feierlichen Anblick dar. Auf vier Säulen in der Mitte der Kirche ist eine Estrade aufgebaut, auf welcher sich zwei Throne befinden. Dieselben stammen aus der Zeit der Czaren Michael Feodorowitsch und Alexei Mi­chajlowitsch ; der erste, aus Elfenbein mit kunstvol­ler Schnitzarbeit verziert, ist für den Kaiser be­stimmt; auf dem zweiten, der aus vergoldetem Silber besteht und mit kostbaren Edelsteinen ge­schmückt ist, nimmt die Kaiserin Platz. Gegenüber den Thronen befindet sich der Ikonostas, vor den Thronen zwei Tische mit drap d’or bedeckt, auf denen die Krönungs-Insignien liegen. Auf der Estrade unter der großen Kuppel befindet sich ein prächtiger Thronhimmel von Sammet und Gold, auf der Rückseite erscheinen in Silber gestickt vas große kaiserliche Wappen, sowie die Wappen sämmt- licher zum russischen Reiche gehöriger Völker und Länder. Die Pfeiler der Kirche sind mit den Na­menszügen dis Kaisers und der kaiserlichen Familie geschmückt.

Für die fremden Fürsten und das diplomatische

Korps sowie für die Großwürdenträger des Reichs befinden sich drei weitere Tribünen in der Kirche. Nur auf der Tribüne für die fremden Fürsten und die Diplomaten sind Seffel aufgestellt, da so­wohl die Angehörigen der kaiserlichen Familie wie die Großwürdenträger nach dem Gebrauch der or­thodoxen Kirche der Ceremonie stehend beiwohnen. Der militärische Dienst im Innern der Kirche und des Palastes wird von Chevalier-Garden wahr­genommen. Auf den Plätzen außerhalb sind die Garderegimenter mit fliegenden Fahnen und in großer Gala sowie Abtheilungen der Militärschule aufgestellt. Großfürst Wladimir führt den un­mittelbaren Befehl über die Truppen.

Die Ceremonien der Krönung wurden in der schon vor längerer Zeit bekannt gemachten Reihen­folge programmmäßig vorgenommen. In Peters­burg wurde nach Eintreffen der Meldung von der glücklich vollzogenen Feier mit allen Kirchen­glocken geläutet.

Der Gottesdienst in allen Kirche,i war zahl­reich besucht. Auf dem Platze der Jsaakskirche fand eine glänzende Parade der hiesigen Garnison statt. Die Stadt ist in allen Theilen auf _ das festlichste geschmückt, am Nachmittag wird auf dem Marsfelde ein großes Volksfest gefeiert und zu einer für den Abend in Aussicht genommenen Illumination werden die umfangreichsten Vorkeh­rungen getroffen. —

Heute erscheint ein kaiserliches Manifest, welches eine politische Amnestie denjenigen pol­nischen Insurgcuten gewährt, ivelche, die Rückkehr in die Heimath ausnehmend, dem Kaiser vollkommene Unterwerfung und Treue versprechen; dieselben bleiben jedoch noch zwei Jahre einer Ueberwachung seitens der politischen Polizei unter­worfen. Das Manifest enthält weiter zahlreiche Straferlasse bezüglich unpolitischer Vergehen, Aushebung zahlreicher Geldstrafen, Niederschlag­ung rückständiger Steuern zu Gunsten gcwiffer Kategorien der ärmeren Bevölkerung. Weitere partielle Amnestien, Gnadenerlasse und Verleih­ungen von Würden werden erwartet.

Deutsches Reich.

Fulda, 28. Mai.

* (Der Krönungsfeier in Moskau) wid­met die ,Nordd. Allgem. Ztg.' in ihrer gestrigen Nummer nachstehenden Artikel:

„Die glanzvollen Festlichkeiten, deren Schauplatz seit mehreren Tagen die alte Czarenstadt Moskau bildet, er­reichen mit der heute daselbst stattfindcnden feierlichen Krönung des russischen Kaiserpaares ihren Höhe­punkt. In Moskau koncentrirt sich zur Zeit das gesammte Denken und Fühlen jener Völkerwelt, welche von den Grenzen des ungeheuren nordischen Reiches umfriedet wird. Aber auch aus allen Weltgegenden sind Schaaren von Gästen gen Moskau gepilgert, die Einen aus bloßer Lust an Schaugepränge, die Anderen von den Gedanken ge­leitet, Zeugen eines seltenen geschichtlichen Aktes zu wer­den, wieder Andere, um Erfahrungen zu sammeln und aus eigenen Anschauungen kennen zu lernen, wie sich eine Nation von achtzig Millionen Seelen in Gala präsentirt.

Die zwischen allen Culturvölkern — sei es in höherem oder in geringerem Grade — bestehende Jnteressensolida- rität bedingt es, daß Europa dem heutigen Ehrentage einer Großmacht wie Rußland die Regungen herzlicher Theilnahme widmet. An hervorragender Stelle aber ist Deutschland berufen, die Sympathien, die es für das Wohlergehen und Gedeihen des benachbarten russischen Volkes hegt, heute auf die Krönungsstadt Moskau zu firiren. Mit den Beweggründen einfach menschlicher Theil­nahme und solchen des politischen Taktes trifft für uns Deutsche noch das Moment der nahen, zwischen den beider­seitigen Herrscherhäusern obwaltenden engen verwandtschaft­lichen Beziehungen zusammen, als eine Aufforderung mehr, den Akt der Moskauer Kaiserkrönung loyal zu werthen.

Schwere Tage sind über Rußlands Regenten und Volk dahinqezoqen, seitdem der Czar-Befreier einem frevelhaften Attentate zum Opfer fiel. An alle geistig und sittlich po­

tenten Kräfte der Nation erscholl es aus der Kunde jenes Kaisermordes wie ein Weck-, ein Warnungsruf, sich um Thron, um Staat, um Kirche zu schaaren, als schützender Damm wider den Anprall der lichtscheuen Zerstörungsmächte. Heute dars sich endlich die Hoffnung hervorwagen, daß das Schlimmste überstanden ist, die Wuth der volksvergiftenden Seuche gebrochen und für die so lange verdunkelt gewe­senen besseren Eigenschaften der menschlichen Natur wieder freierer Spielraum geschaffen ist. Diese Hoffnung erweitert und vertieft die symbolische Bedeutung der Moskauer Krö­nungsceremonie und legt es nahe, in dem Weihe-Akte des heutigen Tages einen Wendepunkt in den Geschicken des russischen Reiches zu erkennen. Der zu Moskau feierlich gesalbte und gekrönte Selbstherrscher aller Neuffen rst dem russischen Volksbewußtsein gleichbedeutend mit der Verkör­perung aller göttlichen und menschlichen Autorität in der Person des Monarchen — eine Auffassung, welche der Sache des Friedens, der Gesetzlichkeit, der staatlichen Ord­nung mächtigen Vorschub leistet. Rußland fest und dauernd mit dieser Sache verbunden zu sehen, ist der aufrichtigste Wunsch Aller, die es mit seiner und mit der Zukunft des Welttheils ehrlich meinen. In diesem Sinne wenigstens richtet das deutsche Volk heute seine Blicke nach der Krö­nungsstadt des fernen Ostens. Möchte die Moskauer Feier zum Ausgangspunkt einer neuen Aera des Völkerglückes, des Völkerfriedens sich gestalten."

* (Kirchenpolitische Verhandlungen.) Von gut unterrichteter Seite verlautet, die Ver­öffentlichung der Antwort der Kurie auf die letzte preußische Note stehe unmittelbar bevor. In­zwischen wird von verschiedenen Seiten überein­stimmendbehauptet, daß die Antwort des Vaticans einen lediglich hinausschiebenden Charakter trage, indem sie vor allem betone, Jakobini habe nach Wunsch der preußischen Regierung Erläuterungen zu der päpstlichen Forderung über die Befuglüsse der Bischöfe zur Rechtsprechung und die Vorbild­ung der Priester gegeben; daraus sei noch keine Erwiderung gefolgt, sondern in der letzten 9iote eine ganz neue Grundlage für den Ausgleich in Vorschlag gebracht. Zunächst erwarte die Kurie nun die Abwicklung der früher eingeleiteten Fragen, bevor sie aus die jetzt gemachten Vorschläge ein« aehen könne. , r

“ lieber die Entstehung der letzten Schl özer scheu Note hat die .Corresp. Maj.' Folgendes in Er­fahrung gebracht:

„Der Text der Note lst von Herrn v. Schlozer, der das Aktenstück auch unterzeichnet bat, formu- lirt worden; es ist dies aber auf der Grundlage von Instruktionen geschehen, welche in eingehender Form vom Reichskanzler dem Gesandten zu« gegangen waren. Diesy Instruktionen waren es, von denen Herr v. Goßler im Abgeordneten­hause bei der Börachung des Antrages Windt- horst am 25. April erklärte, daß sie die „Ant­wort" auf die Note des Kardinals Jakobini (vom 7. April) seien. Diese Antwort, fügte der Kultusminister hinzu, sei vom Reichskanzler „im vollen Einverständniß mit dem preußischen Staats- minist erium redigirt" und sie liege „gegen­wärtig zur Genehmigung und Beschlußfaffung Sr. Majestät dem Könige vor". Auf Gruno dieser Instruktionen hat dann Herr v. Schlözer seine Note in französischer Sprache, in welcher er mit dem Kardinal Jakobini verhandelt, aufgesetzt und eine Abschrift davon an das hiesige auswärtige Amt gesandt. Auch die ,Prov.-Korr.' erwähnt, daß der Text der (vom 5. Mai datirten) Note erst am 5. Mai festgestellt worden sei. Der in der .Nordd. Allg. Ztg.' und in der,Prov.-Korr. veröffentlichte Text beruht auf einer im Auswär­tigen Amte angefertigten Uebersetzung, die nicht ohne Mängel ist. So z. B. hatte Herr v Schlözer bei der Angabe der Beschränkung der „Anzeigepflicht" auf die Pfarrer rc. den krrchen- rechtlich ganz korrekten Ausdruck gebraucht: „ben6- fices p ar och i au x“ ( „P farr - B en efi - cien",) woraus der Uebersetzer: „Die mit Seel­sorge verbundenen Beneficien" gemacht hatte — als wenn nicht auch Hilssgeistliche Seelsorge aus