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Beiblatt zu Nr. 117 der,Fuldaer Zeitung/

Sonnabend, den 36. Mai 1883.

13

Torquato Tasso.

Ein Dichterleben.

Po« Wilhelm Hercheubach.

(Fortsetzung.)

Tasso war wie vom Donner gerührt, als er hörte, daß sie Prinzession Eleonore war. Auf die Kniee stürzend flehte er ihre Verzeihung an. aber er machte einen Zusatz, welcher von der Aufrich­tigkeit seiner Verehrung zeugte. „Herzogin", sprach er, „ich habe schwer gefehlt, daß ich Ihnen meine Huldigung darbrachte, aber ich hoffe, Sie werden in dem Umstande, daß ich Sie nicht kannte, eine Entschuldigung finden. Wären Sie ein Mädchen aus erreichbarem Stande, so würde ich nicht so grenzenlos unglücklich werden, wie ich es jetzt bin, denn dann würde ich nicht ruhen, bis Sie mein wären. Jetzt aber bin ich schwerer gestraft, als irgend ein Sterblicher, denn ich muß vergeffen, daß ich ein Herz habe."

Die Prinzessin war tief bewegt, denn aufrich­tiger und offener konnte Niemand sprechen. Eine Hand auf sein Haupt legend, flüsterte Sie: „Tasso, wir Menschen sind alle an Schranken gebunden, Jeder in seine Sphäre; am stärksten aber liegen die Großen und Kräftigen in Fesseln, und sie kön­nen nicht einmal etwas thun, um dieselben von sich abzustreifen. Stehen Sie auf Tasso, es darf Sie Niemand in dieser Stellung treffen."

Taffo erhob sich mit flammendem Gesichte; er wagte nicht, ihr in die großen, schönen Augen zu schauen. Eleonore aber reichte ihni die Hand und sprach: „Tasso, ich schätze Sie hoch, und Sie werden immer eine Freundin und Fürsprecherin an mir finden, aber was zwischen uns beiden vor­gefallen ist, bleibe ein sorgsam gewahrtes Geheim- niß. Und nun bitte ich Sie, mich allein zu lassen. Taffo verneigte sich tief und verließ den Ort, der so verhängnißvoll für ihn geworden war. Erst in weiter Entfernung blieb er unter den immergrünen Eichen stehen und preßte beide Hände auf das stürmisch pochende Herz.

„Eleonore", flüsterten seine Lippen, „warum bist Du nicht in einer Hütte, warum bist Du am Throne geboren?"

Er warf sich zwischen Gras und Blumen nieder,

und überließ sich den süßen Schwärmereien, in denen er sich stets so glücklich fühlte; aber dies­mal war sein Traum doch mit einem tiefen Weh gemischt, denn er durfte derjenigen, welche er an­betete, nicht nahen. Je mehr er die Nothwendig- keit einer großen Zurückhaltung einsah, desto hef­tiger wurde seine Leidenschaft, aber desto unglück­licher fühlte er sich auch.

Der Sturm in seinem Innern wollte sich lange nicht beschwichtigen lassen, und als derselbe endlich ein wenig nachließ, da wollte es ihm scheinen, als wenn seine Kraft nimmer ausreichen werde, um sich der Feffeln zu entledigen, in welche er durch den Anblick der Prinzessin geschmiedet worden war.

Er vergegenwärtigte sich ihre Gestalt, ihre Züge und wiederholte sich ein jedes Wort, welches von ihren Lippen geflossen war.

Da schnellte er plötzlich empor und rief: „Wa­rum zagst du, mein Herz? Sie hat dich nicht herbe abgewiesen, hat nicht einmal gezürnt, son­dern dir nur Geheimhaltung unseres Zusammen­seins aufgelegt. Ich habe also wahrlich wenig Ursache zu klagen und zu lamentiren!"

Seine Gedanken gingen noch weiter, als seine Worte. Er hatte mit ihr ein Geheimniß gemein und dieses Band hielt sie aneinander fest. Wenn sie nun aufrichtig wohl wollte, so brauchte sie nur hinzugehen und ihrem Bruder zu sagen, was vorgefallen. Ein Wort aus ihrem Munde reichte aber auch hin, um ihn vor dein ganzen Hofe lächerlich zu machen und sihn aus dem Bereiche von Ferrara zu vertreiben.

Seine ungezügelte Phantasie spiegelte ihin in der Ferne ein Glück vor, daß er nicht auszu­denken wagte. Halb wahnsinnig vor Freude ver­ließ er den Park und eilte in sein Gemach. Hier jubelte er in einer Canpone, die später auf die Nachwelt gekommen ist, seine Freuoe aus. Eines der schönsten seiner Gedichte entsprang der ersten Begegnung mit Eleonore von Este.

Die Prinzessin war zurückgeblieben und hatte sich wieder auf die Marmorbank niedergelassen. Eine Weile schaute sie nachdenklich auf den bunten Sand zu ihren Füßen, dann ging ein süßes Lächeln über ihr Antlitz. Den Gedanken, geliebt zu wer­den, hatte sie längst aufgegeben, denn sie zählte

| schon 31 Jahre, und nun war ihr so ganz uner­wartet eine Huldigung geworden, dazu noch von einem Manne, der ihr durch sein Talent höher stand, als ein Prinz. Diese Huldigung hatte nicht ihrem Stande, nicht ihrer hohen Stellung, sondern ihrer Person gegolten, denn Tasso kannte sie nicht. Sie hätte kein Weib sein müssen, um in ihrem Herzen unberührt zu bleiben. Wie Tasso dachte auch sie: „Warum bin ich nicht niedrig geboren, oder warum ist er kein Fürst?"

„Aber", flüsterte sie, „wenn auch unübersteig- liche Schranken zwischen uns liegen, wenn ich auch niemals daran denken darf, ihn zu besitzen, so darf ich ihm doch im Stillen gut sein!"

Die Hand auf ihr pochendes Herz legend, fuhr sie fort: „Ja, ich darf es, und ich will es, denn er ist der einzige Mensch, der sich mir ohne In­teresse genaht hat. So will ich denn den Dichter laut und öffentlich ehren und den Menschen im Stillen lieben. Niemand wird es wissen, als ich allein, auch er nicht, den es angeht. Gott schütze meine Liebe vor Mitwissern!"

Ach, sie ahnte nicht, welche ein Quell von Lei­den in dieser ersten Begegnung lag. Gemessen und ruhig, stillheitern Charakters, umsichtig und echt weiblich, glaubte sie im Stande zu sein, die Leidenschaft zu bannen und mit Taffo als Freun­din verkehren zu können, ohne von den Flammen der Liebe verzehrt zu werden. Auch jetzt war sie ruhig und vernünftig, aber ihre Brust wurde von einer heiligen, erwärmenden Flamme durchlodert und auf ihrem Antlitze spiegelte sich der Wieder­schein des innern Glückes.

Langsani verließ sie das traute Plätzchen, wel­ches ihr immer so theuer blieb und wanderte dem Schlosse zu. Zwischen den Blumenbeeten traf sie ihre Schwester Lucrezia und Anna von Guise.

„Ach", rief Lucrezia, „Du bist wieder von den Todten auferstanden? Deine Krankheit muß hef­tiger und gefährlicher gewesen sein, als ich.glaubte."

„Woraus schließest Du das, meine Schwester?"

„Aus Deinem Gesichte, denn Du siehst so ver­klärt aus, als ob Du von den Thoren des Para­dieses zurückgekommen seist und einen Blick in die Räume der Seligen gethan habest. Ist/es nicht so, Anna!" (Fortsetzung folgt.)

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Verantwortlicher Redakteur Dr jur. Armin Kausen. Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei.