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M 117

Sonnabend, den 26. Mai

1883

Fuldaer

eitung

Äulbaer Heituna' erscheint tiiqlich, Sonn- und Feiertage"ausqenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., mit der ~ belletristischen Wochenbeilag- .Sterne und Blumen' in Fulda 1 SM. 70 Pfg.. auswärts 1 M. 75 Pfg.

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K. Der Listclub.

ii.

Schutz und Förderung der nationalen Arbeit.

Wer den aufrichtigen Wunsch hegt, sein Vater­land groß und glücklich zu sehen, der darf es nicht beim Wünschen laffen und die Hände müßig in den Schooß legen, sondern muß.zur Erreichung dieses edeln Zieles mitwirken, und hat, so viel es in seinen Kräften steht, die Verniinderung des Na­tionalwohlstandes zu verhüten und die Verinehrung desselben zu fördern. Glücklicherweise ist beides nicht so schwierig, als es sich anhört, und Jeder, selbst der Aerniste und Unwissendste, kann auf diesem Felde eine gedeihliche Mitarbeiterschaft über­nehmen. In erster Linie erinnere ich hier wieder daran, daß jeder deutsche Mann, jede deutsche Frau und Jungfrau es als eine nationale Ehrenpflicht betrachten muß, nur im Inlands zu kaufen.

An Mahnungen und begeisterten Worten haben es in dieser Beziehung die Schriftsteller nicht feh­len laffen, und man darf kühn die Behauptung aufstellen, daß ihre Arbeit nicht ganz fruchtlos ge­wesen ist;, aber die alte Neigung, dem Auslande das baare Geld zuzuführen und im Inlands zu knickern, ist bei Weitem noch nicht bei Allen über­wunden. Es gibt noch Barone, Grafen und Für­sten, welche sich die Möbeln und die Dekoration für ihre Schlösser aus der Fremde kommen lassen, Frauen aus dem Bürger- und Adelstande, die sich nur in französischer Toilette wohl fühlen, Officiere, welche französische Wäsche unvergleichlich finden.

Was man bei deutschen Fabrikanten, Kaufleuten und Handwerkern haben kann, soll man aus Pa­triotismus und Rücksichten auf den National-Wohl- stand nicht in der Fremde kaufen. Würde dieses allgemein beobachtet, so bedürfte es nur weniger Jahre, und Deutschland wäre nicht ein armes, sondern ein reiches Land; alle Fabrikanten, alle Kaufleute und Handwerker hätten vollauf zu thun; keine Hand, kein Hammer, keine Nadel wäre müßig; von der Socialdemokratie, vom Vagabondenthum bald keine Rede mehr. Wir würden die Zeiten des Mittelalters wieder erhalten, wo deutscher Reich« thum, deutscher Geschmack und deutsche Sitte sprüch- wörtlich waren und wo das Ausland von uns borgte, wie wir jetzt vom Auslande.

Die Freude am Fremden darf niemals so weit gehen, daß sowohl der Einzelne wie die Nation dadurch geschädigt wird. Unsere Väter fühlten sich am glücklichsten in der Bethäligung des Spruches: „Selbst gesponnen, selbst gemacht, ist die schönste Bauerntracht." Mit dem Kaufen im Auslands ging die inländische Fabrikationstüchtigkeit zur Neige, weil das Kapital in die Säcke der Fremden fiel; sie hob sich wieder, als man anfing, die Auslands­tollheit von sich abzuthun, und sie wird sich zur • höchsten Blüthe entfalten, wenn jeder Private dem Wahlspruche huldigt: „Laß das Geld im Lande!"

Deutsches Reich.

Fulda, 26. Mai.

* (Zur kirchenpolitischen Situation) hebt die ,Nordd. Allg. Ztg.' in ihrer Journal- Revue den Schluß einer Auslassung des ,West- phälischen Mercur' über die preußische Note ganz besonders hervor, die Schlußstelle ist auch in der ,Nordd.' im Druck hervorgehoben: „Aber im Vatikan faßt man die Revisionsfrage, über welche man in Berlin „als nebensächlich" hinweg­geht, eben als die conditio sine qua non der Verständigung auf. Darin liegt aber eben die enorme Schwierigkeit, auf diplomatischem Wege einen Vergleich zu erzielen. Herr v. Schlözer hat

zwar Alles gethan, um die Kurie von der Ver­söhnlichkeit seiner Note zu überzeugen. Aber bis zur Stunde predigte er tauben Ohren. Dessen­ungeachtet dauern die Negociationen fort, und man irrt sich, wenn man die besprochene Note für ein Ultimatum hält."

— Aus der Fülle der Preßäußerungen über die preußische Note, verdient auch der erste Theil eines Artikels der .Kreuzztg.' hervorgehoben zu werden. Das conservative Organ schreibt:

„Wer die neueste preußische Note an den Car­dinal Jacobini aufmerksam studirt, wird unschwer erkennen, daß dieselbe sich aus zwei Theilen zu­sammensetzt, die nicht nur nach der Tragweite der aufgestellten Gesichtspunkte, sondern vielleicht auch ihrem Ursprünge nach eine von einander sehr abweichende Bedeutung haben. In dem ersten Theile kommt unzweifelhaft der allgemeine Ge­danke zum Ausdruck, daß unsere kirchenpolitische Gesetzgebung auf falschen Grundlagen aufgebaut und principiell auf die Dauer nicht haltbar ist. Man kann die Maigesetzgebung in ihrer Totalität offenbar nicht entschiedener verurtheilen, als indem man die Abänderung grundlegender Bestimmungen von dem Ehrenpunkte eines prioritätischen Ent­gegenkommens abhängig macht. Man kann die Unhaltbarkeit dieser Gesetzgebung vom moralischen Standpunkte aus nicht bestimmter aussprechen, als wenn man die Pflicht des Staates anerkennt^ auch aus eigener Initiative eine Revision dersel­ben eintreten zu laffen, durch welche den katho­lischen Preußen — wohlverstanden, den eigenen Unterthanen, nicht der Kirche — erst dasjenige gewährt werden soll, was sie, da es mit dem un­entbehrlichen Maß staatlicher Autorität vereinbar ist, von Gott und Rechts wegen verlangen können.

Ein schärferes Urtheil über die Maigesetze, als es hier geschehen, hat auch die conservative Partei, so oft sie eine organifche Revision derselben ge­fordert hat, nicht fällen können....."

* (Freihändlerische Begründung.) Nach­dem früher das „Pfeifchen desarmenMan« nes" so oft wie möglich angeblasen wurde, wird nunmehr bei Gelegenheit des italienischen Handels­vertrages der „Rosinenkuchen des armen Mannes" mit Grazie servirt. Die .Freihan- dels-Correspondenz' hat nämlich herausge- funben, daß „gerade Korinthen und Rosinen in dem Festkuchen der ärmeren Klaffen häufig eine Stelle finden und daß diese Südfrüchte gerade von den Ermäßigungen des italienischen Handelsver­trages ausgeschlossen geblieben seien." Dazu be­merkt das .Frankfurter Journal' mit Recht: Eine solche Polemik der radikalen Freihändler streift stark an's Komische, und man könnte einer guten Sache nicht schlimmer mitspielen, als wenn man ihr mit solch' gebrechlichen Argumenten unter die Arme greift. Korinthen und Rosinen werden im Verhältniß zu dem Import aus anderen Ländern nur in sehr geringen Mengen aus Italien bei uns eingeführt. Unfern Bedarf an Korinthen schickt zu neun Zehntel Griechenland resp. die griechischen In­seln, und an Rosinen hauptsächlich Smyrna und die kleinafiatische Küste. Diesem sachlichen Verhal­ten gegenüber weiß man nicht, ob man die in allem Ernst gegen die großen Gesichtspunkte der Socialpolitik der Reichsregierung geführte kleinliche Polemik der.Freihandels-Correspondenz' als baa- renUnverstand oder als Naivetät auffaffen soll.

* (Officielle Lutherfcier.) Ter .Reichs­anzeiger' meldet: Ein Erlaß des Kaisers an den Cultusminister und an den evangelischen Ober- kirchenrath vom 21. ds. ordnet die feierliche Begehung des 400jährigen Geburts­tags Luther's durch ein am 10. und 11. Nov.

in den evangelischen Kirchen und Schulen statt- findendcs Kirchenfest an. Am 9. Nov. feier­liches Einläuten des Festes mit den Kirchenglocken und Choralblasen, am 10. öffentliche Schulfeier­lichkeiten und vorbereitende Gottesdienste, am 11. kirchlicher Hauptgottesdienst, wobei als Hauptlied: „Ein' feste Burg ist unser Gott" zu wählen und in dem Dankgebet der Gesichtspunkt hervorzuheben ist, daß es sich nicht um Lobpreisung eines Menschen, sondern um Lobpreisung Gottes für die in der Reformation dem deutschen Volke zu Theil gewordene göttliche Gnade handelt. Der Erlaß schließt: Ich flehe zu dem allmächtigen Gott, daß die Gebete, in denen ich mich an den Tagen des Festes mit allen Gliedern der evangelischen Kirche vereinigen werde, Erhörung finden mögen, damit die Feier der theueren evangelischen Kirche zu dauerndem Segen gereiche.

* (Vertheilung der Gelder für die Ueberschwemmten.) Von den Geldern, welche bei dem Reichstage für die Ueberschwemmten der verschiedenen deutschen Gegenden eingegangen sind, werden jetzt wieder auf Wunsch und Vorschlag des Präsidenten v. Levetzow 20,000 M. den Ueber­schwemmten in den Westpreußischen Niederungen zugewendet, so daß nun noch 50,000 M. zur Ver­theilung übrig bleiben.

* (Liquidation.) Am 18. d. Mts. hat die General-Versammlung der DeutschenLandes- bank in Berlin unter Ausschluß der Presse ihre Liquidation beschloffen.

* (Der russische Gesandte) für Bayern und Württemberg ist auch für Baden und Hes­sen beglaubigt.

Frankreich.

* Paris, 23. Mai. (Die politischen Sitten d'er Franzosen) amerikanisiren sich sichtbar. Es sind nur Einzelheiten, in denen sich die steigende Roheit und Gemeinheit ausprägt, und sie werden deshalb im Auslande nur beiläufig beachtet; wir könnten aber fast jeden Tag Belege dazu aus der Tagespresse, aus den Parlamentssitzungen, aus den Gelegenheitsreden und Versammlungen beibringen. So schweigt heute die gesammte oppor­tunistische Preffe, welche für George Renaud ge­arbeitet hat, der durch Ptaueranschlag verkündigen ließ, Viktor Hugo werde ssür ihn stimmen, während Hugo erklärt, es sei Mißbrauch mit seinem Namen getrieben worden. Der ,Jntransigeant' dagegen nennt Renaud heute einen Lügner, Fälscher und Dieb, da er 2—300 Stimmen seinem Mitbewer­ber durch diese Spitzbüberei gestohlen habe; und die .Röpublique' habe grade diesen Renaud em­pfohlen, weil er „ein ehrlicher Mann" fei. Die ,Röpublique' hat mehr zu thun, als, sich über die Kriegslist ihrer Leute zu entschuldigen und für die Lauterkeit der Wahlen einzutreten; sie schildert heute an der Spitze ihres Blattes mit sichtbarem Behagen des breitesten den Froschmäuslerkrieg der Anarchisten und Possibilisten, die sich am Sonn­tag in einem Kaffeehause „Aux Folios d’Athenes“ eine förmliche Schlacht lieferten; um 10*/2 Uhr waren die Anarchisten gefchlagen und der Anführer der Possibilisten: „Bürger Stadtrath Joffrin", konnte seinen Leuten verkündigen, er sei weidlich gepufft worden, habe sich aber tapfer seiner Haut gewehrt. Die Besitzer von Versammlungssälen haben natürlich wenig Neigung, den Anarchisten und Genossen ihre Lokale zu leihen; Camille Drey- fus und Fiaux wandten sich daher in der Stadt­rathssitzung an den Seinepräfekten und verlangten Ueberlaffung der Schulräume zu ihren Versamm­lungen, und als dieser sich nicht dazu verstehen wollte, wurde er mit den rohesten Schimpfworten überschüttet, und schließlich stimmten 27 Gemeinde-