Beiblatt zu Nr. 115 der,Fuldaer Zeitung/
Mitttvoch, beit 34. Mai 1883.
*** Gründet Bauernvereine!
„Utreinigneg macht stark."
Der Bauernverein für Hessen-Cassel ist ins Leben getreten. Was will derselbe, welche Aufgabe bat er sich gestellt? Dieses will er, das ist sein Ziel: daß alle Bauern im alten Hessen- land? nach seinem Programm, nach seinem Statut mit vereinten Kräften an der Verbesserung ihrer gedrückten Lage thätig seien, damit dem Nothstande, in welchem sich unser Bauernstand, namentlich in materieller und wirthschaftlicher Beziehung befindet, wirksam begegnet werde durch alle erlaubten Mittel.
Es handelt sich nun zunächst darum, daß auch wirklich die Bauern zusammentreten in den einzelnen Orten, daß sie sich vereinigen, „Ortsvereine" bilden auf Grundlage der Statuten des Bauernvereins für Hessen-Cassel.
Zur Gründung solcher Orts-Vereine möchten wir nochmals die Bauern selbst, alle Freunde des Bauernstandes und insbesondere die verehrte Geistlichkeit vom Lande, die seither mit wenigen Ausnahmen der Sache gegenüber ziemlich passiv sich sich verhalten hat, dringend auffordern und einladen. Wir setzen bei Allen voraus, daß sie Jn- tereffe an der Bauernbewegung haben. Jndeß mag es Manche geben, die da meinen, es fehle ihnen am nöthigen Verständniß solche Vereine zu gründen oder zu leiten. Andere wieder werden sagen: Wir haben Arbeit genug in der Seelsorge, namentlich seit dem Mai 1873. Wieder Andere meinen wohl: es ist den Bauern doch nicht zu helfen, es nützt nichts. Endlich gibts noch Einige, die der Ansicht sind: die Sache mit den Bauern- Vereinen hat doch keinen Bestand. Sie werden schließlich an Langeweile zu Grunde gehen; denn was soll man denn immer Neues reden und vorbringen.
Alle diese Bedenken schwinden, sofern man sie recht ins Auge faßt.
„Es macht also zunächst Arbeit und Mühe, solche Bauernvereine zu gründen und zu leiten." Nun, Freunde! Die Arbeit und Mühe ist nicht so groß, als man sich vorstellt. Den ersten cou- ragirten Anlauf gethan, und die größte Schwierigkeit ist überwunden; ist einmal die Sache im Gange, so gehts immer leichter und das bischen Arbeit und Mühe wird reichlich versüßt und belohnt durch den Nutzen, welche sie unfern lieben Bauern auch in materieller Beziehung verschafft. Ich will Euch ja recht gerne mit Rath und That dabei unterstützen. Mir ists eine wahre Erholung am Sonntag Nachmittag in der Schule unter meinen Bauern zu sitzen und ihnen Rath und Winke zu geben und sie zur That anzuregen für ihr irdisches Wohl, nachdem ich am Vormittag für bereit Seelenheil das Nöthige gethan. Ich bleibe dabei stark und gesund. Was nun das Verständ- niß von der Landwirthschaft und Bauerei betrifft, was Andern, wie sie meinen, abgeht, so ist meine Ansicht, daß jeder Pfarrer vom Lande so viel Verstand hat, um zu erkennen, wenn er nur will, wo es bei seinen Bauern fehlt im Haus, am Hof, im Felde und sonst wo, und daß er sich durch Nachdenken das Zeug verschaffen kann und durch Lesen und Fragen, um mit Rath denselben zur Hand zu gehen und wo es geht auch durch die That. Vieles Reden in den Vereinsversamm- iungen ist nicht die Hauptsache. Wohl muß man im Anfänge befonders über die Wichtigkeit der Bauernvereine reden, um die Leute für die Sache zu gewinnen. Aber das Redenhalten soll auch bei den Vereinen sein, wie ein guter Braten, den man nur an Festtagen und bei außergewöhnlichen Ge- legenheiten auftischt. Für gewöhnlich heißt es kur; machen und fleißig zur Arbeit halten. Je wehr Arbeit, desto besser. Nicht die bloße Belehrung, wobei jedem Einzelnen das Thun frei- gestellt bleibt, bildet den festen Kitt, der die Vereine auf die Dauer zusammenhält, sondern tüchtige gemeinsame Arbeit, bei welcher jeder Vereins- genofse seinen persönlichen Vortheil vor Augen sieht und derenUnterlassung Jedem womöglich am eigenen Geldbeutel sich bemerklich macht. Damit ’fi auch der Einwand beseitigt, den Manche er
heben : „Die Bauernvereine werden keinen langen Bestand haben; was soll man immer sagen?"
Die Hauptsache des Vereinsvorstandes ist also, für genügende Arbeit zu sorgen. Solche gibt es aber überall, man darf nur die Augen offen halten. Es empfiehlt sich z. B. neue Saatfrucht, Samenkartoffeln eiuzuführen, weil der Wechsel in diesem Punkte von großem Vortheil ist; oder es sollen Dungmittel, wie Gyps, Superphosphat, Dungsalz u. s. w. angeschafft werden. Nimmt der Verein die Sache in die Hand und besorgt diese Dinge im Großen, so sparen die Bauern Geld, weil man so billiger kauft. Ebenso verhält es sich mit anderen Produkten, zum Leben nöthig, die man in der Regel im Kleinen von jüdischen Krämern am Lande bezieht, von denen auch häufig die christlichen Krämer ins Schlepptau genommen sind. Diese machen dann die Preise und so wandert der Verdienst von Tausenden, ja Hunderttausenden in deren Hände, während doch die Bauern diesen Nutzen selbst haben, wenn sie durch den Verein im Großen solche Produkte beziehen. Freilich schreien dann diese Krämer über Benachtheiligung ihrer Geschäfte, schreiben sogar anonyme Briefe von Frankfurt aus, drohen mit Verklagen — allein das macht nichts, wenn nur dem Wucher das Handwerk gelegt wird, und die Bauern denVortheil haben. Wenn in den Vereinen verhandelt wird, was wollen wir diesmal kaufen, verkaufen, an wen, wie viel und um welchen Preis, so gibt das mehr Leben in die Vereins-Versammlung, als wenn bloß geredet oder vorgelesen wird. Manchmal setzt's auch einen kleinen Streit ab, allein das schadet nichts; die Bauern müffen lernen, zusammenzuhalten und gemeinsam ihren Vortheil suchen; da ist das eine gute Schule. Die Streiter von Profession, wenn sie ihren Vortheil sehen, besinnen sich bald eines Bessern. Die Konsumvereine in Heffen- Darmstadt haben auf diese Weise schon viel Geld erspart. Die Bauern können diese nachahmen in dem Punkte, daß sie Alles gegen Baar abmachen; nur muß man vorsichtig sein im Geschäft und ehrlich im Handel, so ist keine Gefahr dabei und man braucht nicht einmal besondere Statuten zu machen oder Genossenschaften zu gründen. Jeder Bauernverein soll es sich von vornherein angelegen sein lassen, eine Darlehuskasse und Sparkasse zu gründen, wie ich das früher weitläufig auseinandergesetzt habe. Dadurch wird dem Wucher gesteuert, fleißige Mitglieder vom Verderben und der Gemeinde zu Wohlstand verholfen. Von Weitem sieht die Sache etwas schwierig aus für Jene, welche noch nicht damit bekannt sind. Allein es lernt sich bald und bei gehöriger Vorsicht und verständiger Geschäftsführung hat's keine Gefahr. Zudem bietet diese Darlehnskasse den Vortheil, bei gemeinschaftlichen Einkäufen den Mitgliedern, denen es gerade an Baarem fehlt, Vorschuß zu gewähren. Das ist wieder ein Kapitel, was Leben in die Vereine bringt und Langeweile verscheucht. Vielleicht in jeder Gemeinde findet sich der eine oder andere Mißstand, der Jahre lang schon besteht und dem leicht abzuhelfen wäre. Es fehlt z. B. an gehöriger Entwässerung der Wiesen, ober am Ablauf des Wassers im Dorfe bei Hochwasser, ober an einem guten Feldweg ober sonstwo. So lange Jeder für sich sicht, bleibt Alles beim Alten, bie Leute werben nicht einig. Nimmt sich ber Bauernverein bet Sache an, so lautet's ganz anbers. Der kann bem Einzelnen gegenüber, ja auch ber Orts- unb Staatsbehörbe bie Sache orbentlich vertreten unb in bie Hand nehmen unb übt mehr Gewicht aus. Der Verein ist ber Ort, wo man Jebem, bem bie Sache nicht emleuchten will, bie« selbe grünbtid) klar machen kann; ist einer wiber- haarig unb will bem allgemeinen Wohle fein Opfer bringen, so kann man vielleicht durch einen kleinen silbernen Sporn ben Schimmel zum Laufen bringen. Was Einem zu schwer ist, bewältigen Viele mit Leichtigkeit.
Daß bie lanbwirthschaftlichen Vereine mitunter eine Verbesserung empfohlen haben unb noch empfehlen, bie wirklich etwas werth ist unb Nachahmung verbient, muß anerkannt werden. Nur weiß der einzelne Bauer nicht, wie die Sache an
fangen und woher nehmen, ober es ist für den Einzelnen zu groß ober kostspielig. Da tritt dann der Bauernverein auf, nimmt sich der Sache an und führt sie durch zum gemeinen Nutzen. Es ist gut, wenn die Bauernvereine mit den landwirth« schaftlichen Vereinen des Kreises gut Freund bleiben, wenn sie sich gegenseitig nach Kräften fördern und unterstützen, so lange Keiner den Andern mißbrauchen will.
Manchmal kommt es vor in der Gemeinde, daß Einer abgehaust hat mit ober ohne Verschulden. Nun kommt die Versteigerung. In den meisten Fällen wird der Gläubiger es so einzurichten suchen, daß er das Gut oder Gütchen um ein Lumpengeld an sich bringt und hernach wieder um ein Heidengeld in sogen. Zielern den Bauern aufzuhängen. Mancher Bauer und Hüttner ist schott auf diesen Leim gegangen und durch einen „Zielacker" in der Tasche des Wucherers hängen geblieben, bis er erdrückt wurde. Tritt der Verein auf und kauft ein solches Gut, so nützt er der ganzen Gemeinde und bewahrt die Einzelnen vor Verlusten. Wir haben hier bereits 2 Güter auf diese Weise den Klauen der Güterschlächter entrissen, die namentlich auf die Häuser an der Landstraße fgefüllten.
Gar mancher gute Bauer weiß zur Zeit der Reichs- oder Landtagswahlen nicht, wen erwählen soll. Da wird bald Dieser, bald Jener vor^e- schlagen, der, wie man sagt oder schreibt, ganz besonders die Interessen des Bauernstandes vertreten will. Schließlich wählt er gar nicht oder dem großen Haufen nach. In den Bauern-Vereinen soll man Jedem auseinandersetzen, was dem Bauer nöthig und nützlich ist und daß nicht Jene die Freunde des Bauern sind, die mit hohen politischen Redensarten um sich werfen, sondern Jene,, die wissen, wo der Has' im Kraut sitzt, und also nur solche Männer zu wählen sind, welche die Garantie bieten, daß sie wirklich zu Nutz' und Frommen des Bauernstandes ihren Platz einnehmen im Land- und Reichstag. So gibt's in jeder Gegend und an jedem Orte das Eine oder Andere, worüber in den Vereinen kurz zu reden und zu berathen, bann aber auch gemeinsam unb fruchtbringend» zu arbeiten ist. Balb hat man sein Augenmerk auf ben Viehhanbel, balb auf bie Wiesen, den Wald und die Felder, bald wieder auf die Obstbäume u. s. w. zu richten. Also stets und überall Arbeit.
Das ist die große Bedeutung der Bauern-Ver- cine gegenüber allen anderen lanbwirthschaftlichen Vereinen, baß sie ben echten unb rechten Männern unter ihnen Anleitung und Gelegenheit geben, in allen Stücken zusammenzustehen, nicht nur mit Rath, sondern auch, wo es geschehen kann, mit der That. „Vereinte Kraft macht stark." Lasset uns also nicht länger zögern, Freunde des Bauernstandes, an der Wiedererstarkung dieses so wichtigen Standes nach besten Kräften zu arbeiten. Staat und Kirche werden uns dafür Dank wissen.
Die schweizerische Landesausstellung in Zürich.
Außer verschiedenen Sonderausstellungen in mehreren Cantonen haben bisher drei allgemeine schweizerische Gewerbe-Ausstellungen stattgcfunden: die erste 1843 in St. Gallen, bei der sich allerdings nur 11 Cantone beteiligten; die zweite 1848 in Bern, welche der Zeitverhältnisie halber wenig Beachtung fand, und die dritte 1857, ebenfalls in Bern, die schon bei weitem bedeutender ausfiel, da hier zum ersten Mal alle Cantone der Schweiz mit 2050 Ausstellern vertreten waren. Die Einteilung der gegenwärtigen Ausstellung ist nach folgender Gruppirung erfolgt: 1) die Seidenindustrie, 2) Baumwollenindustrie, 3) Wollenindustrie, 4) Leinenindustrie, 5) Stickerei und Weißwaaren, 6) Bekleidungsgegenstände, 7) Lerer und Sattlerei, 8) Papier nebst Carlonnage- und Buchbinderarbeiten, 9) Strohindustrie, 10) Holzschnitzerei, 11) Möbel und Hausgeräthe, 12) Goldschmiedekunst, 13) Uhrmacherei, 14) Kurzwaaren, 15) Chemische Produkte, 16) Rohprodukte, 17) Keramik und Cementindustrie, 18) Baumaterialien, 19) Hochbau und Einrichtung des Hauses, 20) Ingenieurwesen, 21) Verkehrswesen. 22) Maschinen, 23) Metallindustrie, 24) Waffen, 25) Nahrung- und Genußmittel, 26) Landwirthschaft und Bienenzucht, 27) Forstwesen, 28) Jagd und Fischerei, 29) Gartenbau, 30) Erziehungs- und Bildungswesen, 31) Hygiene und Rettungswesen, 32) Wiflenschaftliche Instrumente, 33) Musikalische Instrumente, 34) Vervielfältigungsverfahren, 35) Photographie, 36) Kartographie 37) Moderne Kunst, 38) Historische Kunst, 39) Gemeinnütziges, 40) Vereinswesen, 41) Hotelwesen, 42) Alpenklub. Der