Deutsches Reich.
Fulda, 19. Mai.
* (Die neueste Nummer der ,Prov.- Corresp.') sagt, der Reichstags-Beschluß auf Verweisung des ganzen Etats an die Budget-Kommission laufe thatsächlich auf den Versuch hinaus, die von der kaiserlichen Botschaft gewünschte Beschleunigung der socialpolitischen Arbeiten des Reichstages zu hemmen. Durch die Reden Bamberger's und seiner Freunde sei dies klar gestellt. Die Begründung der Parlaments-Herrschaft fei nach wie vor das Ziel des fortschrittlichen Liberalismus; der erste Gebrauch dieser Herrschaft solle in Hemmung der Socialreform bestehen. Mindestens bis zur Feststellung darüber, welche Partei eigentlich die zur Uebernahme der Regierung berechtigte Majorität bildet, solle auf dem wichtigsten Gebiete des öffentlichen Lebens lediglich dem freien Spiel der Kräfte Raum gelassen werden. Der Gegensatz zwischen diesem Programm und dem des Kaisers sei so klar, daß die Wahl für Niemanden zweifelhaft sei.
* (In der vorgestrigen Wahlschlacht zu Dortmund) ist der Culturkämpfer Kleine unterlegen. Nachdem der .Rheinisch-Westfälischen
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? Obligatorische Trichinenschau.
In einzelnen deutschen Regierungsbezirken dringen die Medicinal-Räthe mit Entschiedenheit auf die obligatorische Fleischschau; sie wünschen, daß die gröberen Orte mit Zwang angehalten werden, fiir diese Schau besondere Beamte anzustellen, welche alles Schweinefleisch unter die Lupe nehmen, um zu constatiren, ob es trichinenfrei ist. In Folge dessen sind schon jetzt einzelne Städte gezwungen, beim Bau und der Erweiterung ihrer Schlachthallen besondere Räumlichkeiten einzurichten.
Die Sorge der Regierung für die Gesundheit der Staatsbürger ist gewiß lobenswerth, aber es will uns doch bedünken, daß der Eifer zu weit geht und daß die Kosten und Belästigungen mit den zu erwartenden Resultaten nicht im Einklänge stehen. Wenn der Trichinenschauer seine Sache gut machen soll, so bedarf er einer geraumen Zeit, bis er einen Schinken, und noch mehr, bis er ein ganzes Schwein untersucht hat. Es müssen also für eine Stadt von beispielsweise 100,000 Einwohner eine ganze Heerde von Beamten angestellt werden, die entsetzlich viel Geld kosten. Mit dem Transporte zu und von der Beschaustätte geht Zeit verloren, die man ebenfalls in Geld umrcchnen muß. Die Gemeinden und die Metzger werden also stark in Mitleidenschaft gezogen, und schließlich muß der Consument alles bezahlen.
Man könnte und müßte sich in diese Unannehmlichkeiten fügen, wenn die Trichinenschau wirklich alle Erkrankungen verhüte; aber es ist leider constatirt, daß von vereidigten und zu obigem Zwecke besonders angestellten Beamten Fleisch für gesund erklärt wurde, welches sich nachher als trichinenhaltig erwies, und schwere, sogar tödtliche Krankheiten herbeiführte. Die Schau bietet also keine absolute Bürgschaft, und sie wird es noch weniger thun, wenn sich bei der ungeheuren Schaar der zunehmenden Beamten ganz gewiß eine Menge untüchtiger einschleichen werden; aber setzen wir den Fall, sie seien alle vortrefflich und äußerst gewissenhaft, so werden sie höchstens im Stande sein,
das ihnen präsentirte Fleisch zu untersuchen. Es kommt aber in Kisten, Kasten, Säcken und Paketen eine Menge Fleisch von außen an, welches dem Beamten auch bei der rigorosisten Wachsamkeit nicht vorgelegt werden wird, weil ein großer Theil desselben sofort von der Post oder der Eisenbahn an die privaten Besteller abgeliefert wird.
Es müßten also auch noch Aussetzer für Fleischläden und Privatpersonen angestellt werden, um darüber zu wachen, daß kein Fleisch verkauft und in den Topf gesteckt wird, welches nicht den Trichinenzettel trägt.
Geben mir aber auch noch sogar die Möglichkeit zu, daß alles Fleisch, welches in eine Stadt eingebracht wird, dem Trichinenbeschauer unter die Augen gebracht werde, so bleiben doch die Dörfer, Weiler und zahllosen Bauernhöfe, auf denen vorzugsweise Schweinefleisch gegessen wird, außerhalb der Controlle.
Ein großer Theil unserer Nation befindet sich überdies zu Zeiten auf Reisen, und muß an Orten, wo man keine Trichinenschan hat, seine Mahlzeiten nehmen; dort kann ihn das treffen, was er zu Hause vermeiden soll. Eine absolute Sicherheit würde nur dann bestehen, wenn die Trichinenschau in der ganzen civilisirten Welt kenntnißreich und gewissenhaft ausgeführt würde.
Aber warum soll die Trichine allein den Vorzug haben, einen so großen und kostspieligen Apparat in Bewegung zu setzen? Waruin hat man nicht schon längst bei jedem Schierling, bei jede Belladonna, bei Fingerhut und Tollkirsche einen Gens- darmen gestellt? Durch die Fortschritte in den Naturwissenschaften sind uns eine solche Menge Gifte erschlossen worden, daß wir uns überall von demselben umgeben fühlen. Folgerichtig müßten auch das Wurst- und Käsegist, die kupfernen Kessel und noch hundert andere Dinge unter Controls gestellt werden.
Wir kommen zu dem Schluffe, daß die obligatorische Trichinenschau nicht allein sehr kostspielig, sondern auch absolut undurchführbar ist. Man kommt billiger fort und richtet ebenso viel aus,
wenn man den Essern recht oft den Rath ertheilt, nur gut durchkochtes oder durch bratenes, aber niemals rohes Schweinefleisch zu genießen. Wer auf diesen Rath nicht hört, hat sich die Folgen selber beizumeffen. Er kommt durch eigene Schuld in demselben Fall, wie ein Kind, welches trotz aller Warnung mit dem Feuer spielt und sich verbrennt. Wir sind sogar der Meinung, daß die obligatorische Trichinenschau geradezu gefährlich ist, weil das consumirende Publikum den Genuß des rohen Schweinefleisches dann gefahrlos findet. — Uebrigenö geht es mit dem Volke wie mit Kindern; je mehr man es gängelt und bevormundet, desto unselbstständiger wird es und desto länger dauert es, bis es aus eigener Initiative sich vor Schaden hüten lernt.
10
Torquato Tasso.
Ein Dichterleben.
Hon Wilhelm tzerchrubach.
(Fortsetzung.)
Noch manches vernünftige Wort fügte er hinzu, aber Tasso fühlte sich durch den Ruf des Cardinals in hohem Maaße geehrt, und es wollte ihn bedünken, daß der Glanz des Cardinalshutes auch ihn überstrahlen würde. Es war ja von jeher Mode gewesen, daß große Dichter an Fürstenhöfen wohnten und sich möglichst nahe am Throne aufhielten; warum sollte er eine Ausnahme machen, warum es sich nicht gefallen lassen, daß er der Welt als eine hervorragende Größe gezeigt wurde? Blieb er in Padua, so mußte er sich seinen Ruf und Ruhm mühsam erkämpfen, ging er mit dem Cardinal, so war er in einem Schlage gemacht.
Noch ein anderer Grund bestimmte ihn, dem Nufe des Cardinals zu folgen: Herzog Alfons von Ferrara, ein Bruder des Cardinals, stand eben un Begriffe, seine Vermählung mit Barbara von Österreich, einer Tochter Ferdinands I., feierlich zu Hetzen, und sein neuer Herr hatte ihm mitgetheilt, er ihn zur Hochzeit begleiten werde. Die Ge- Mnheit, an einen Hof zu kommen, wo man die Achter so hoch verehrte, kam vielleicht nicht wie- Oet! deshalb wollte er sie mit beiden Händen er- ^bifen. Im Stillen hoffte er, vom Herzoge be» n,er‘t zu werden und seine Talente zur Geltung
zu bringen. Und wahrlich, zu jener Zeit hätte er kaum einen geeigneteren Ort und beffere Ver- hältniffe finden können. Sa schlug er denn in die dargebotene Hand des Cardinals und begab sich mit demselben im October 1565 nach Ferrara.
Die Residenz von damals war voller Licht und Glanz, denn nicht allein ganz Italien, sondern auch die meisten europäischen Staaten waren hier vertreten. Es gehörte so zu sagen zum guten Ton, wenigstens einige Tage am Hofe von Ferrara zu verleben, und so kam es, daß Reichthum, Schönheit und hohe Stellung sich hier den Rang abzulaufen suchten. Wer die ehemalige Residenz heute in Augenschein nimmt, mag sich wundern, daß in den stillen Straßen und an den weiten Plätzen so herrliche Paläste stehen, denn die Stadt ist öde geworden und in den prachtvollen Schlössern sind keine Einwohner mehr, aber damals wuchs kein Gras zwischen den Pflastersteinen; alle Straßen und Häuser wimmelten von Menschen, und die Paläste hatten kaum Raum genug, um alle die Gäste zu beherbergen, die aus der weitesten Ferne herbeiströmten, um sich an der Sonne des Herzoglichen Thrones zu erwärmen.
IV.
Der Cardinal trat mit einem großen Gefolge die Reise nach Ferrara an und wurde von seinem Bruder Alfonso mit all' den Auszeichnungen empfangen, die ihm als Bruder und Kirchenfürst zu- standen. Es kamen vornehme und reiche Herren
mit ihm, welche durch die Pracht ihrer Kleider und die schnellfüßigen Rosse viele Augen bestachen, aber die Blicke der meisten Bürger- und Hofleute richteten sich auf Tasso, den berühmten Dichter, von dessen Ruhm bereits ganz Italien erfüllt war.
Drei schöne Frauen hatten seiner Ankunft mit einer fieberhaften'Ungeduld entgegengesehen, nämlich des Herzogs Schwestern Eleonore und Lucrezia, und Anna von Guise. Eleonore war 1534, Lucrezia 1535 geboren; sie waren also zehn und neun Jahre älter, als der einundzwanzigjährige Dichter, doch hatte sich bis jetzt noch kein passender Bewerber für ihre Hand gefunden. Beide waren der Poesie und den schönen Künsten hold, und sobald sich die Nachricht verbreitete, daß Tasso am Hofe erscheinen werde, nahmen sie sich vor, die Beschützerinnen seiner Muße zu sein. Vielleicht war tLfer löbliche Vorsatz nicht ganz ohne Eigennutz, vielleicht dachten sie daran, daß seine wohlklingenden Verse sich nicht auf das Epos beschränken, sondern auch ihre Personen besiegen würden. Die Hochgestellten waren damals nicht wenig lüstern nach einer solchen Auszeichnung; Kaiser und Könige hielten ihre Hospoeten, und selbst die kleinen Dynasten schätzten sich glücklich, wenn sie einen Dichter dauernd an sich fesseln konnten. Je weniger eigenes Verdienst ein solcher Dynast hatte, desto sehnsüchtiger verlangte er nach einem Poeten, der seinen Namen verewigte. Solche kleinlichen Motive mochten in Ferrara nicht vorliegen, aber die Herr-