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Donnerstag, den 17. Mai

1883

Fuidm W8 Jeitung.

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<0, Der Listelub. i.

W-Her der N««e?

Der Listclub nennt sich nach dem großen Nati- onal-Oekonomen und glühenden Vaterlandsfreunde Friedrich List, welcher am 6. August 1789 in der freien Stadt Reutlingen als Sohn eines we­nig bemittelten Weißgerbermeisters geboren wurde. Auf Schulen, und noch mehr durch Selbststudium erwarb er sich ein reiches Wisien und trat in seinem 23. Jahre als Beamter beim Oberamte in Tübingen ein, wo er durch hervorragende Leist­ungen bald die Aufmerksamkeit der Minister Schlayer und von Wangenheim auf sich zog und dadurch höhere Stufen erstieg. Als Pro­fessor der Staatswiflenschaft zu Tübingen begann er Volk und Regierung aus der bis dahin herr­schenden Lethargie aufzurütteln und bessere, freiere Zustände anzubahnen, besonders wollten ihm die vielen Schlagbäume und Grenzpfähle innerhalb des deutschen Vaterlandes nicht gefallen, und seine erste volkswirthschaftliche Thätigkeit bestand in der Vorbereitung zur Gründung des Zollvereins. Das aber war der damaligen Anschauung, nach welcher jeder Staat für alle anderen geschloffene Thüren haben mußte, zuwider, und er wurde des­halb aus dem Staatsdienste entlassen.

Er grämte sich darum nicht, sondern faßte den festen Vorsatz, fein verkrüppeltes und verarmtes 'Vaterland durch die materielle Einheit zur poli­tischen zu führen. Sinn ging er an die Riesen­arbeit, Deutschland's Schlagbäume zu fällen und das ganze Vaterland zu einem einzigen Handels­gebiete mit dem nothwendigen Schutze nach Außen zu machen. Für seine Sache wurde er Reisepre­diger, Schriftsteller, Agitator. Er forderte Post­einheit, Erfindungspatente, Gewerbegesetze, setzte ffch mit Regierungen und Fürsten in Verbindung und arbeitete eine Menge von Denkschriften aus. Er brachte es fertig, daß im Jahre 1820 zu Darmstadt ein Handels - Congreß zusammen kam, welcher von den bedeutendsten deutschen Regie- rungen beschickt wurde; der Erfinder dieses Ge-

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Torquato Tasfo.

Ein Dichterleben.

K,« Wilhelm tzercheilhich.

(Fortsetzung.)

Was Taffo vorausgesehen hatte, ging in Erfüllung. Man riß sich um sein Buch, erhob sein Talent bis in den Himmel und pries ihn glücklich wegen der göttlichen Gabe der Dichtkunst, aber seine Ein­künfte vermehrten sich nicht, sie blieben nach wie vor so geringe, daß sie kaum hinreichten, ihm das Leben zu fristen, und doch mußte er auch für den Sohn sorgen, der in Padua mit säuern Mienen die Rechtswissenschaften studierte.

Er sollte indcffen an Torquato bald eine große greube erleben. Der Jüngling, welcher schon als -"md sehr ernst gewesen war, floh die Vergnü- gungen der Jugend und lebte einzig und allein den Wiffenschaften. Wenn er sich einmal eine @r« wing gönnte, so war es ein Spaziergang auf die bewaldeten Höhen oder an den Blumenufern des Flusses; aber auch auf diesen Gängen war er *wt müßig, sondern beschäftigte sich unaufhörlich seinem Epos „Rinaldo," welches eigentlich "ui dazu dienen sollte, dem Vater die Ueberzeugung dnzubringen, daß er wirklich Anlage zur Poesie Me. Am frühen Morgen und am späten Abende arbeitete er so angestrengt an seinem Werke, daß eine Gesundheit darunter litt und seine Gesichts- lorbe deutlich von den vielen Nachtwachen sprach.

dankens aber war nicht dabei, denn seine Neue­rungen, die jetzt längst alle in's Leben getreten sind, machten ihn anrüchig. In der württember- gischen Kammer stellte er Anträge zur Hebung des tiefgesunkenen Gewerbes und des Handels. Da er schonungslos die Gebrechen des Württem­berger Staatsdienstes aufdeckte, so wurde er aus der Kammer gestoßen und zu zehnmonatlicher Festungshaft verurtheilt. Er entfloh, reiste drei Jahre in benachbarten Ländern umher und ging auch nach Paris und London; aber wo er sich auch befinden mochte, er arbeitete immer an seinen großen Plänen. Sehnsucht nach der Heimath be­wog ihn, ein Gnadengesuch an seine Regierung zu richten. Vertrauensvoll kehrte er heim, ehe er Be­scheid hatte; aber der Mann, welcher für Deutsch­land schon so Großes gethan hatte, wurde ergrif­fen, auf den Asperg gesetzt und nur unter der Bedingung der Auswanderung freigelaffen. — Durch Lafayette veranlaßt, wanderte er nach Amerika aus, und die Seinigen begleiteten ihn. In Amerika wurde er mit offenen Armen empfangen. Sein Ansehen stieg von Tag zu Tag; man zog ihn in den wichtigsten volkswirthfchaftlichen Fragen zu Rathe, und er wurde in diesen Dingen die lei­tende und entscheidende Person.

Das Glück war ihm im neuen Vaterlande hold; er entdeckte ein reichhaltiges Steinkohlen-Bergwerk, wodurch er zu Vermögen gelangte. Zum Trans­porte der Kohlen mußte er zwischen seinen Minen und dem Schuikill-Kanal eine Bahn bauen,. und nun kam ihm mitten in der Wildniß der blauen Berge der Gedanke eines deutschen Eisenbahnsystems, denn Alles, was er unternahm, sollte schließlich doch seinem deutschen Vaterlande zu Gute kom­men. Er war der erste von Allen, welcher den Segen eines großen Verkehrs in all' seinen Rich- ungen erkannte und bereit war, denselben herbei- zuführen. Nm Deutschland glücklich zu machen, verließ er seinen Wohlstand und ging, nachdem er )en Bau einer Eisenbahn von Havre nach Straß- >urg und das belgische Eisenbahnsystem angeregt hatte, nach Hamburg und von dort noch einmal ^ch Amerika zurück, ließ sich aber im Jahre 1832

Endlich, mit seinem siebenzehnten Jahre, war der Rinaldo fertig. Ta er sich selbst kein entscheidendes Urtheil zugestand, so zeigte er das Werk seinen Freun­den, und diese waren im höchsten Grade über feine Leistung erstaunt. Da faßte er Muth, fertigte eine saubere Abschrift und schickte sie dem Vater mit der dringenden Bitte, nun endlich zu erlauben, daß er sich ganz der Poesie widme.

Als Bernardo die Abschrift des Rinaldo erhielt, schwelgte er eben mit Genugthuung in der Freude, die ihm für fein kurz vorher veröffentlichtes Werk zu Theil wurde, aber er nagte auch an dem Ver- druffe, daß ihm trotz der allgemeinen Anerkennung, der Brodkorb noch immer in derselben Höhe hing. Er hatte große Lust, das Werk seines Sohnes un­gelesen den Flammen zu übergeben und ihm zu schreiben, daß er alle Anstrengung auf dem brod- losen Gebiete der Poesie aufgeben solle. Von Allem entblößt, lebte er damals zu Ravenna und der Mißmuth machte ihn fast ungerecht. Den Tag über war er mit dem Gefühle schwerer Nahrungs­sorgen umhergeschlendert; als er am Abend in feine Stube zurückkehrte, zwang ihn doch die Neu­gierde, einen Blick in den Rinaldo zu thun. Schon bei den ersten Zeilen spannte sich feine Aufmerk­samkeit, und als er die erste Seite bis zu Ende gelesen hatte, rief er aus: „Wahrlich der Knabe ist von dem göttlichen Feuer der Dichtkunst durch­lodert! Hätte er Geld, um sorgenlos leben zu können, so würde ich der erste fein, welcher ihm

dauernd in Deutschland nieder, wo er für die Er­richtung eines deutschen Eisenbahn-Transportwesen in der großartigsten Weise unablässig thätig war. Wie er der Vater des Zollvereins gewesen, so sollte er auch der Urheber des deutschen Eisenbahnnetzes werden, und er zeichnete es auf einer Karte vor, wie es in seinen Grundzügen heute vor uns liegt. Kein Spott, keine Hindernisse hielten ihn zurück, und bald sah er die Anfänge des von ihm geplan­ten Netzes entstehen; in allen Staaten, wo man Hand an die Ausführung legte, war er thätig; aber man lohnte ihm mit dem schnödesten Undanke und erstattete ihm nicht einmal die von ihm auf­gewendeten Kosten.

Im Auslande erkannte man seine Verdienste bester als in Deutschland. Ueberall, wohin er kam, ehrten ihn Fürsten, Minister und andere hohe Persönlich­keiten. Seine schriftstellerische Thätigkeit war eine enorme; er schrieb Werke, die noch heute die Be­wunderung der Leser erregen und war der erste, welcher die Wistenschaft der Volkswirthschaftslehre auf den praktischen Boden stellte. Thiers gehörte zu seinen größten Verehrern; er wollte ihn bestim­men, in den französischen Staatsdienst zu treten; aber aus Liebe zu Deutschland schlug er trotz aller Verkennung und Übeln Behandlung dieses Aner­bieten aus.

Als sich das Eisenbahnnetz ausspannte, dachte er wieder an eine neue Wohlthat; er forderte Schutz gegen fremde Maaren, damit die Productivkraft des deutschen Volkes aus ihren Fesseln gelöst werde, und der Wohlstand sich über alle Schichten der Gesellschaft verbreite; er stellte dem freihänd­lerischen Satze: „Was ohne Schutz nicht be­stehen kann, soll untergehen," einen anderen entgegen: „Erhaltung des Bestehen­den, Beschützung der Wurzeln und des Stammes der Nationalindustrie muß unverbrüchlicher Grundsatz sein."

Unermüdlich wirkend, auch da, wo man ihm die größten Hinderniffe in den Weg legte, gab er seit dem Jahre 1843 fein Zollvereinsblatt heraus, in welchem er die manigfaltigsten volkswirthschaft- lichen Gegenstände anregte und in einer leicht riethe, auf den Höhen des Parnaß feine Wohnung aufzuschlagen; aber was nutzt es, talentvoll zu sein und Hunger zu leiden?"

Er hatte sich indessen nicht enthalten können, weiter zu lesen, und ruhte nicht, bis er bei der letzten Zeile angekommen war. Still und nach­denklich saß er vor den Blüthen des Rinaldo uud wiederholte sich wohl hundertmal: „Der Knabe hat einen großen Geist und eine Gewalt über die Sprache, wie keiner vor ihm! Was soll ich thun, was ihm rathen?" Seine Freude, fein Stolz, einen solchen Sohn zu haben, nahmen mit jeder Se- cunde zu; fein Antlitz röthete sich vor Erregung und fein Herz zitterte vor Wonne.

So faß er, bis die Morgensoine in feine Kammer schien, dann nahm er ein Blatt Papier und schrieb an feinen Sohn: „Mein väterliches Herz bebt vor Lust, weil es in Dir einen wirklichen Sohn von Gottes Gnaden erkennt. In einem Alter von 17 Jahren hast Du in Deinem Gedichte wirklich Er- staunenswerthes geleistet, und ich hätte wohl Ur­sache, eifersüchtig auf Dich zu fein, weil ich vor­aussehe, daß Du mich bald überflügeln wirst, wenn es nicht schon jetzt geschehen ist; aber ich liebe Dich zu sehr, um eine so kleinliche Empfindung auf­kommen zu lassen. Ich danke Gott von ganzem Herzen, daß er ein so hervorragendes Talent in Deinen Geist gelegt, aber ich ängstige mich bei dem Gedanken, daß Du die göttliche Dichtkunst als Lebensberuf treiben willst. Hätten wir keine