109, Mittwoch, den 16. Mai 1883,
Fuldgtr I® Jeitung.
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□ Berufswahl.
Sehr alt ist die Klage, daß über eine der wichtigsten Lebens-Angelegenheiten, die Wahl des Berufs, der „Zufall" entscheidet. Es fehlt fast allenthalben an entsprechender Aufklärung über die verschiedenen Berufsarten, ja, in den meisten Fällen nehmen sich Eltern und Söhne nicht einmal die Mühe, umherzublicken unter den für einen reiferen, die durchschnittliche Begabung und Bildung besitzenden Knaben wählbaren Fächern. Hier dürfte eine der Hauptstellen sein, wo der Grund für das unser Zeitalter beherrschende Mißbehagen — abgesehen von dem zu politischen und socialen Parteizwecken künstlich hervorgerufenen — zu suchen ist. In den höheren Berufskreisen finden sich sehr häufig Menschen, die ihr ergriffenes Fach verwünschen, ungeeignet daftir sind oder es zu sein glauben, darum der Gesellschaft und sich selbst schlecht dienen und das Proletariat von Gelehrten, Künstlern, Handelsjüngern, Amtsaspiranten rc. vermehren. Um zu einer Stellung zu gelangen, hat ihre Familie vielleicht unverhältnißmäßige, nach allen Seiten schwer drückende Opfer gebracht. Und nun der Erfolg nach langem, bangem Warten? — Sehr oft winziger Anfang, langsames Aufrücken, Mangel an amtlicher Selbstständigkeit, Kümmernisse. Wäre das so aufgewandte Kapital von etwa 9000 Mark erspart und dem in einem Ge- roerbe ausgelernten Sohne von 25 Jahren gegeben oder nur geliehen worden, so wäre wahrscheinlich sämmtliche Betheiligte bester dabei gefahren, denn — wie es um den „aus der höheren Bildung gezogenen sittlichen Gewinn" in gar vielen Fällen steht, soll hier nicht erörtert werden. In der Regel sieht es der deutsche Vater, sehr unähnlich dem englischen rc., als Ehrensache an, dem Sohne die größtmögliche wissenschaftliche Ausbildung zu geben und versäumt darüber, .ben Willen desselben richtig zu erziehen, seinen Körper zu kräftigen u. dgl. m. So führt namentlich das akademische Studium Viele, die nicht zu den seltenen erlesenen Geistern gehören und deshalb doch nur höhere „lateinische" Handwerker werden, in ' 7
Torquato Tasso.
Ein Dichterl eben.
Pi» Wilhelm Aerchentich.
(Fortsetzung.)
Mit gepreßtem Herzen kam er eines Abends nach Hause, wo er seinen Sohn eifrig mit Studien beschäftigt fand. „Torquato," sagte er mit zitternder Stimme, „seit Deine Mutter uns verlassen hat, verfolgt uns das Unglück. Ich hatte geglaubt, mir in Venedig eine neue Heimstätte zu gründen, aber ich habe noch nichts erreicht, sondern nur Schulden auf Schulden gehäuft. Es scheint, daß ich unstät und flüchtig durch die Welt wandern soll, wie Ahasverus. Hier ist unseres Bleibens nicht mehr, wir müssen fort."
„Und wohin, lieber Vater?" fragte Torquato, den es unangenehm berührte, daß er schon wieder seine Studien unterbrechen sollte.
„Du wirst nach Padua gehen, um die Rechte Zu studieren," entgegnete Bernardo; „es ist dafiir gesorgt, daß Du dort nicht verhungerst. Ich aber werde wandern, bis ich ein Unterkommen finde."
„Ich soll mich von Dir trennen?" fragte der Knabe mit lebhaftem Tone. „Nein, Vater, laß uns zusammen bleiben, wie es auch immer gehen mag!"
„Unmöglich, Torquato; unsere Wege müssen sich trennen, ich befehle Dir, daß Du keinen Widerspruch erhebst."
die bittersten Täuschungen. Diesen Uebelständen, insbesondere weiterem Zudrang zu den höheren Berufsarten, will ein soeben bei Wiegandt und Grieben in Berlin erschienenes Buch entgegenarbeiten: „Der Pfadweiser. Rath für Eltern, Vormünder, Heranwachsende Schüler in Hinsicht auf Berufswahl" von W. Arm knecht, Director der höheren Schulen zu Varel. Es befaßt sich nicht mit hochtönenden Redensarten über Rangstufe, sittlichen Gehalt, staatliche Bedeutung, innere Befriedigung, Gefahren durch Charakterschwäche rc., sondern fordert eindringlich zu ernster Prüfung auf und erleichtert diese durch eine Reihe nüchterner, aber praktisch verwerthbarer Angaben über Fragen wie z. B.: Mit welchem Einkommen beginnt die Laufbahn? Stehen verschiedene Zweige zur Wahl? Erwachse« Schwierigkeiten aus Re- ligions- oder Abstammungsgründen oder körperlichen Gebrechen? Welche Schulstufe, wie viel Zeit, welche Geldmittel erfordert die Fachausbildung? Gibt es Unterstützungen, können durch Privatfleiß knappe Mittel ergänzt werden? Welche Prüfungen sind zu bestehen, wo und mit welchen Ergebnissen und Kosten? Soll man sich zum Fachlehrer bestimmen? Wie steht der freiwillige Militärdienst dazu? (Dieser wichtige Punkt wird überall, in's Auge gefaßt und außerdem in einem besonderen Capitel beleuchtet.) Ist bei Wahlfreiheit Anstellung (Staat, Gemeinde) oder Privatdienst vorzuziehen? Ist der Doctorgrad wünschenswerth? Wie kann im Nothfalle „umgesattelt" werden? Sind Nebenämter gestattet? Kautionen? Wie stehen zur Zeit die Aussichten für den Anfänger? Angefügt sind endlich Nachweise der Hochschul- Stipendien.
Wer über Alles das unterrichtet ist, wird zrvar noch Manches auf dem Herzen, und mit der Wahl die Qual haben, doch aber sich verständiger entscheiden können, als wenn er in landläufiger Weise Blindekuh spielte.
„So viele ehrenhafte, hochachtbare Gewerbe gibt es, die man wählen könnte, ohne dem so oft Geist und Herz ausdorrenden, Vermögen und schwachen Charakter nicht selten gefährdenden Kaufmannsbe-
Torquato schwieg, aber nach einer Weile erhob er den Kopf wieder und sprach: „Vater, Du sagst, ich solle die Rechte studieren, aber meine Neigung drängt mich einem anderen Berufe zu."
„Welchem, mein Sohn?"
„Ich habe von Dir das lodernde Feuer der Poeste ererbt, darum flehe ich Dich an, daß ich mich als Dichter ausbilde."
„Damit Du ewig arm bleibst," entgegnete Bernardo. „Schau', mein Sohn, die Welt hat viel Rühmenswerthes von meinen Talenten gesagt und meine Dichtungen sind rasch Eigenthum des Volkes geworden, aber sind meine Verse im Stande gewesen, mir ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen? Bin ich nicht immer so arm geblieben, wie an dem Tage, wo mich der Fürst Ferrante von Salerno seines Dienstes entließ? Die Dichtkunst ist eine göttliche Flamme, welche Denjenigen, der sie übt, für eine Weile über die Miseren des Lebens erheben tarnt, aber sie gibt kein Brod. Ich selbst steige zuweilen nur in ihre goldnen Schachte hinab, um meine Leiden zu vergessen, und ich finde in meinem Amadigi stets Trost und Erheiterung, aber wenn ich nicht im Stande bin, das Werk dem Druck zu übergeben, dann werde ich.von Entbehrungen gebrochen sein; und wer weiß, ob es mir so viel einbringt, daß ich mir eine anständige Garderobe verschaffen kann? Schlage Dir also die Dichtkunst aus dem Sinne und halte Dich an der Rechtswissenschaft. Sie
rufe anheimzufallen. Da sind die Instrumentenmacher jeder Art, Kunstgießer und andere Metall- Industriellen (Fachschulen Iserlohn, Remscheid), die Kupferstecher, Maler (in Dekoration, Email, Glas, Majolika, Porzellan), Modelleure, Schwertfeger, Seidenwirker, Steinbildhauer, Keramiker (Grenzhausen), Zink- und Zinngießer, Marmorschleifer, Büchsenmacher, Buchbinder, Glasätzer, Goldschmiede, Medailleure, Graveure, Tapezierer, Kunstschlosser und -Tischler, Holzbildner (Magde- burg), Bronzeure, Präcisions-Mechaniker, Kartographen, Kunstweber (Eimbeck, Grünberg, Cottbus, Crefeld, Spremberg) u. s. w., Gewerbe, in deren meisten Intelligenz noch recht viel zu thun finden würde, wollte man Höhen wieder erreichen, die Deutschland vor 3 Jahrhunderten beherrschte . . . Findet Jemand in höheren Berufsarten seine Rechnung nicht, dann leiste er sich selbst und der Mitwelt einen Dienst, breche mit bedenklichen Vor« urtheilen, nehme kurze Zeit das Gerede der Leute auf sich, ziehe den Dünkel aus, trete in die uralten Bahnen des schlichten Handwerks, überzeugt, daß auch ohne Hochschul-Studium ideale Zwecke zu verwirklichen sind . . . ."
Wie sich schon aus dem Vorstehenden ergibt, werden in diesem Pfadweiser lockende und abmahnende Aeußerlichkeiten unbefangen, ohne Umhüllungen, gründlich und doch bündig durchgesprochen. Konnte auch dieser erste, unzweifelhaft sehr mühevolle Versuch unmöglich in allen Einzelheiten vollkommen ausfallen, so begründet er doch ein sehr anerkennenswerthes Verdienst und läßt auf weitere, immer mehr verbesserte Auflagen hoffen.
Deutsches Reich.
Fulda, 16. Mai.
* (Ueber die kirchenpolitische Situation) spricht sich der Moniteur de Rome' in seiner neuesten Nummer in folgender Weise aus: Berlin, 12. Mai. In den politischen Cirkeln kommentirt man lebhaft das Stillschweigen, mit welchem die letzte Note der preußischen Regierung Über die Revision der Maigesetze hinweggegangen ernährt ihren Mann und läßt die Sorgen vor der Thüre. Bleibt Dir bann noch Muße, bann magst Du Dich ein Stündchen mit der göttlichen Dichtkunst beschäftigen, aber mache um Gotteswillen keinen Beruf daraus!"
Torquato schwieg, obschon er die Einwürfe seines Vaters nicht für richtig hielt. Hatte er auch entbehren müssen, so waren ihm die Sorgen des Lebens doch unbekannt geblieben, und er meinte, daß der Dichter über die kleinlichen Miseren des Lebens hinaus sei und fortwährend im Paradiese lebe.
III.
Vater und Sohn hatten schwere Zeiten durchzumachen. Während Torquato seine Studien zu Padua fortsetzte, litt Bernardo die größten Entbehrungen. Was er noch an Schmuck und kleiner Habe besaß, das mußte zu Geld gemacht werden, damit die Studien des Sohnes keine Unterbrechung erlitten. Er selbst hatte in dieser Zeit kaum trockenes Brod, aber dennoch arbeitete er mit eisernem Fleiße an seinem Hauptwerke L’ amadigi. Endlich war es vollendet, und Bernardo wendete mit zärtlichen Blicken und einem unaussprechlich seligen Gefühle die Blätter desselben um; zum letztenmale wollte er sich überzeugen, ob der Inhalt und der Wohlklang her Sprache in einem angenehmen Zusammenk.änge ständen. Obschon sein Character bescheiden und seine Selbstkritik sehr scharf waren, so nickte er doch mit dem Kopfe