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M 108.

Dienstag, den 15. Mai

1883.

titung

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△ Parlamentarische Rückblicke aus Oesterreich.

Nach einer viermonatlichen Wintersession hat sich nun­mehr der österreichische Reichsrath bis auf den Herbst ver- ragt und die Volksvertreter kehren müde und abgearbeitet von den parlamentarischen Strapazen nach Hause zurück. Es war eine heiße Session, reich an aufregenden Debatten, scharfen Ausfällen, aber sie war auch fruchtbar im Schaffen von einer Reihe wichtiger Gesetze und Institutionen. Zwei Vorlagen sind es vor allem, die gleich Marksteinen aus der Fülle der Beschlüsse des Hauses hervorragen; die Gewerbenovelle und die Schulnovelle. Diese beiden hochbedeutsamen Früchte langer parlamentarischer Berathungen und heftiger Debatten verknüpfen sich mit dem abgelaufenen Sessionsabschnitte und machen denselben für Oesterreich zu einem der hervorragendsten in all' den Jahren des Constitutionalismus. Wir haben die Bedeu- tung der Gewerbenovelle an dieser Stelleschonwieder­holt und eingehend gewürdigt: sie ist ein entschiedener Fortschritt zum Bessern und erfüllt langgehegte berechtigte Wünsche des Handwerkerstandes. Dieser hat ausnahmslos mit Freuden die im Gesetze angebahnte Gewerbereform be­grüßt und wird sich der Regierung wie der Parlaments­mehrheit gegenüber für das bekundete Wohlwollen auch stets dankbar erweisen. Die Schulnovelle aber hat eine Reihe eclatanter Mängel des bisherigen Schulgesetzes be­seitigt und an der Stelle der bisherigen Unklarheit und des administrativen Beliebens feste gesetzliche Normen ge­schaffen. Auch diese »unmehr Gesetz gewordene Vorlage bedeutet einen entschiedenen Fortschritt und wird wenn sich der künstliche von den liberalen Gegnern derselben erzeugte Phrasennebel verflogen, auch in den Kreisen Anklang fin­den, die aus Parteidoetrinarismus bisher den sichtlichen Vortheilen der Novelle gegenüber die Augen verschlossen haben. Beide Gesetze, die Gewerbenovelle wie die Schul­novelle, sind von der linken Seite des österreichischen Reichsrathes heftig befehdet wordeit und nar,amtlich gegen die letztere richtete sich ganz besonders der Ansturm der deuffch-liberalen Partei. Welche Brandreden hörte man nicht in dem provisorischen Parlamentsgebäude vor dem Schottenthore, das wohl zum letzten Male den cisleitani- schen Reichsrath in sich beherbergt hat! Welche Anklagen und Vorwürfe wurden nicht erhoben und welchen Bombast von Phrasen hat man hiebei nicht zum Besten gegeben! Die deutsch-liberale Partei hat in ihrer Bekämpfung der Schulnovelle das denkbar Aeußerste geleistet und sie hat selbst wiederholt in ihrer Opposition die Grenze des par­lamentarisch Zulässigen überschritten. Doch ihr Bemühen blieb umsonst. So wenig ihre Opposition die so noth- roenbige Reform der Gewerbegesetzgebung verhindern und die auf dieselbe gesetzten Hoffnungen des Gewerbestandes verkümmern konnte, ebensowenig vermochte sie die Schul­novelle zu Hintertreiben. Heute ist dieselbe Gesetz.

Der Monarch hat die Novelle unmittelbar nach der

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Torquato Tasso.

Ein Dichterleben.

Ko« Wilhelm tzerchenhich.

(Fortsetzung.)

Porzia sah, was mit ihm vorgegangen war, reichte ihm die weiße, magere Hand und sprach: „Bernardo, wer sich unmäßigem Schmerze über­läßt, beweist, daß er mit seinen Anschauungen weder fest in der Religion wurzelt, noch einen männlichen Character hat. Der Weg, den ich zu gehen im Begriffe bin, muß einmal von allen Lebendigen gegangen werden, aber er ist gar kein so schwerer und er führt zu einem lohnenden Ziele. Mißgönne es mir doch nicht, daß ich dorthin gehe, wo der Geist sich frei entwickelt und in der An­schauung Gottes zu einer Kraft reift, die er auf Erden nie erlangen kann. Gib' mir die Hand darauf, daß Du Deinen Schmerz mäßigst, um desto bester im Stande zu sein, Dich unfern Kin­dern zu widmen."

Er gab sich Mühe, seine Thränen zurückzu­drängen, aber es wollte ihm doch nur unvollkom­men gelingen.

. Fast war eine Woche vergangen, als der zwölf­jährige Torquato von Pesaro ankam. Porzia hatte mit Schmerzen nach ihm verlangt, denn sie fühlte, daß ihre Todesstunde sich mit schnellem Schritte nahte. Noch einmal leuchteten ihre Augen

Schlußberathung des Abgeordnetenhauses sanctionirt und damit gezeigt, daß er mit der Tendenz derselben voll­ständig einverstanden ist. Der deutsch-liberalen Opposition, welche eine neue lärmende Agitation in Scene setzen und Ad­ressen an die Krone um Nichtsanctionirung der Schulnovelle zu­sammentrommeln wollte, wurde durch die rasche Sanctio- nirung ein Strich durch die Rechnung gemacht und damit allen weiteren „factiösen" Umtrieben ein Ende bereitet. Nach den Angriffen, die die Linke wegen der Novelle gegen die Ministerbank richtete, wird man nicht fehlgehen, in der raschen Sanction des neuen Schulgesetzes einen neuen Beweis desbesonderenVertrauens fürdasgegen- würtigen Eabinet und dessen echt österreichisches, alle Nationen mit gleicher Objectivität bedenkendes Programm zu erblicken.

Noch auf eine — und wie es uns dünkt — sehr er­freuliche Thatsache aus der verflossenen Reichsrathssession drängt es uns hinzuweisen, wir meinen die unerschütterliche Solidarität und Einheit innerhalb der Rechten des Hauses, die gerade in der letzten Zeit eine wahre Feuer­probe bestanden hat. Welche Versuche wurden nicht ge­macht, Zwietracht in die Reihen der Parlamentsmehrheit zu bringen, sie zu zerbröckeln und zu zerspalten, eine Fration gegen die andere einzunehmen! Aber die Mehrheit ließ sich nicht erschüttern, die vier Fractionen, aus denen sich die Rechte zusammensetzt, standen fest und treu zusammen und sie ließen auch nicht ein einziges Mal die Meinung aufkom- men, daß ihre Solidarität durchbrochen werden könnte. Die Schulnovelle war eine schwere Probe für die Einigkeit der Rechten, aber sie ward glänzend bestanden und ver­bürgt damit auch für die Zukunft die besten Adspecten. Die Böhmen, Polen und die übrigen Nationalen des Reichstages erwiesen sich als treue, zuverlässige Bundes­genossen der conservatioen Deutschen und sie ließen sich durch nichts zu einer Separation verlocken. Man vergesse nicht, daß die Schulnovelle in erster Linie der Bevölkerung der deutschen Alpenländer zu Gute kommt und den Wün­schen-der- confervatrven Richtung entspricht, wogegen die Nationalen Böhmens, Galiziens u. s. w. nur ein sekun­däres Interesse besitzen. Es ist daher das entschiedene Eintreten der Nationalen für die Schulnovelle, wodurch diese ja allein nur zu Stande gebracht wurde, um so höher anzuschlagen und haben die conservatioen Deutschen Oesterreichs alle Ursache, ihren Alliirten slavischer Zunge dankbar zu sein. Wir registriren dies auch um so bereit­williger, damit manche schiefe Auffassung, die namentlich im Auslande selbst in katholischen und conservatioen Kreisen gegen die Vertreter der Nichtdeutschen im Wiener Parlamente besteht, berichtigt werde und man mit mehr Gerechtigkeit denselben künftig begegnen möge.

Der Reichsrath hat sich also bis zum Herbste vertagt; an welchem Tage er wieder zusammentritt, ist noch nicht bestimmt. Aber so viel scheint uns nach den Abschieds­worten des allverehrten Präsidenten Dr. S m o l k a festzu­stehen, daß eine vorzeitige Auflösung des Reichsrathes auf, als sie den Knaben sah, der sich an Geist und Körper so rasch entwickelt hatte.

„Mein Sohn," sprach sie mit zitternder Stimme, „ich gehe nun zu meinem Schöpfer, wo ich für Dein Wohlergehen beten werde. Es ist nöthig, denn bei allen Zierden Deines Geistes bist Du nicht frei von Fehlern, die Dich unglücklich machen können. Du neigst zuin Ernste und zur Schwer- muth, aber Du hast auch heftige Leidenschaften. Bekämpfe sie mit aller Macht, damit sie nicht über Deine Vernunft siegen, denn nur derjenige wird wahrhaft glücklich, der sich zu meistern versteht. Gehorche stets Deinem Vater, liebe Deine Schwester und halte Deine Mutter im Andenken. Bilde Deine Anlagen fleißig aus und wende Dich einem Berufe zu, in dem Du die Mittel findest, die alten Tage Deines Vaters zu versüßen."

Weiter konnte sie nicht sprechen. Nachdem sie Cornelia und Torquato geküßt hatte, wollte sie sich erheben, aber mit einem Seufzer sank sie wie­der zurück, und int nächsten Augenblicke war die Seele entflohen, um zu ihrem Schöpfer aufzu­schweben.

Weinend umstand die kleine Familie die Leiche der Geliebten, und die Nachbarn kamen, um bei derselben zu beten.

Drei Tage später wurde der mit Blumen und Kränzen geschmückte Sarg auf den Schultern der Einwohner von Sorrent zum Friedhöfe getragen. Als Bernarho vom Grabe zurückkam, kehrte er

nicht bevorsteht und derselbe in seiner gegenwärtigen Zu­sammensetzung den Rest seiner Mandatsdauer vollenden wird. Dagegen werden die Kammern bei ihrem Wieder­zusammentritte ein neues Heim beziehen und in den herr­lichen Räumen des neuen Parlamentspalastes in der Ringstraße tagen. Möge in den neuen Hallen des Par­lamentes auch ein neuer Geist in dasselbe einziehen; ein Geist des einträchtigen ernsten Schaffens, des lauteren Patriotismus und der wahren Volkesliebe. Möge dagegen der unlautere Geist der Zwietracht, des Parteifanatismus und der Zanksucht verbannt bleiben und alle Parteien des Hauses sich einigen in dem Bestreben, für des Reiches Wohl und Bestes im friedlichen Wettkampfe der Geister zu wirken und ein schönes Beispiel einträchtiger Gesinnung allen Völkern unseres geliebten Oesterreichs zu geben.

Deutsches Reich.

Fulda, 15. Mai.

Wir erleben heute einen eigenthümlichen, einen traurigen Erinnerungstag, den zehnten Jahrestag der Publication der unseli­gen Maigesetze, welche die katholische Kirche in Preußen zu fesseln bestimmt waren. Am 15. Mai 1873 erlangten die vom 11., 12. und 13. Mai batirten organischen Maigesetze Gesetzeskraft. Zehn Jahre sind seit jenen Unglückstagen ver- floffen, die Gesetze bestehen noch heute in allen wesentlichen organischen Bestimmungen. Und doch hat sich seit dem 15. Mai 1873 so Manches ver­ändert in den Verhältnissen und Anschauungen, ivelche zur Zeit grundlegend waren für das Ge­lingen der kulturkämpferischen Bestrebungen. Die Stellung der Parteien zu den kirchenpolitischen Fragen hat sich wesentlich verändert und verscho­ben, und wenn heute die Regierung vor das Par­lament träte, um sich die Befugnisse von 1873 beilegen zu lassen, so würde sie zweifellos unterliegen. Das jüngste Votum einer ^-Majorität des preuß­ischen Abgeordnetenhauses hat die vor einem Jahr­zehnt erlassenen Gesetze grundsätzlich verurtheilt. Dennoch scheint es der Regierung mit ihren so oft gegebenen Versicherungen, endlich der Roth der Katholiken gründlich abzuhel­fen, nicht voller Ernst zu sein. Die Regierung ist zur Zeit das einzige Hernrnniß des kirchenpoli­tischen Friedens, sie kann sich nicht mehr hinter mit schwankendem Schritte bei einem Freunde ein und sprach: „Ich kann nicht länger in Sorrent bleiben, denn jeder Stein gemahnt mich an den unermeßlichen Schatz, den ich hier verlor. Ich werde mit Torquato nach Venedig gehen; er soll dort seine Studien fortsetzen, und ich hoffe durch meinen Fleiß so viel zu erwerben, daß ich für ihn sorgen kann. Dich aber wollte ich ersuch, n, Cor­nelia bei Dir aufzunehmen, bis sich meine Ver­hältnisse gebessert haben."

„Gehe mit Gott," antwortete der Freund; „ich werde ihr ein Vater fein."

Vater und Sohn kehrten noch einmal in das Sterbehaus zurück, dann wanderten sie von bannen, unb richteten ihre Wanderstäbe mit betrübtem Her­zen gegen bie Lagunenstadt.

Bei aller Vonrefflichkeit bes Herzens und bes Geistes war Bernardo doch kein praktischer Mann, und er wußte feine Fähigkeiten nicht lohnend zu verwenden. So kam es, daß in Venedig seine Sorgen noch wuchsen, statt abzunehmen. Wohl hätte er viel Geld erwerben können, aber bann mußte er den graben Weg verlassen unb im Dienste von Menschen stehen, welche eher ben Namen von Schurken unb Beutelschneidern, als den von ehr­lichen Männern verdienten; aber solche Arbeit, wenn sie auch mit Geld aufgewogen wurde, ver­schmähte er, und wie gesagt, er war unpraktisch, um es in richtiger Würdigung seiner Lebenslage Andern gleich zu thun. In seiner kleinen, beschei-