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Beiblatt zu Nr. 107 der Fuldaer Zeitung/

Ueber das Bedürfnitz eines Lehrerpensionsgesetzes

bringt das ,Berl. Tagbl.' folgenden Artikel, wel­cher unfern ganzen Beifall findet:

„Unter dem gejammten preußischen Beamtenthurn gibt es keinen einzigen Stand, der in Bezug auf fein Pensionswesen so Übel daran wäre, als unser Elementar-Lehrerstand. Allen Staatsdienern ist für die Zeit ihrer Invalidität, resp. für ihre alten Tage im Wege des Gesetzes ein entsprechendes Penstqns- Gehalt gewährleistet; die Volksschullehrer allein, sobald sie iu den Ruhestand treten, sehen sich Ver­hältnissen gegenüber, die in der That unglaublich erscheinen und eine Nothlage darstellen, welche ge­radezu als unerhört bezeichnet werden muß. Es ist wirklich kaum zu verstehen, wie solche Zustände im preußischen Staate fortdauernd aufrecht erhal­ten werden können und doch will man sich noch immer nicht entschließen, denselben ein Ende zu machen.

Seit einem ganzen Menschenalter wird an einer anderweitigen Regulirung des Lehrer-Pensions- wesens gearbeitet, und von allen Seiten ist die Nothwendigkeit einer solchen wiederholt anerkannt worden, nicht blos von der Volksvertretung, son­dern ebenso auch von der Staatsregierung. Und dennoch wird den Lehrern das nicht zu Theil, worauf sie doch dieselben Ansprüche, wie alle übri­gen Beamten haben. Ja, es scheint fast, als sollte das schon vielfach verheißene Lehrer-Pensionsgesetz auch in der nächsten Zukunft noch nicht zu Stande kommen. Wenigstens legt die neuerliche Stellung­nahme der Regierung in dieser ganzen Angelegen­heit eine solche Besorgniß nahe. Um so mehr thut es aber auch noch, die betreffenden Mißstände vor aller Welt möglichst klar zu legen und die öffent­liche Meinung lebendiger als bisher für ihre Ab­stellung zu intereffiren. Eben deshalb halten wir uns auch verpflichtet, die Nothlage der Veteranen des Lehrerstandes immer auf's Neue und so lange jur Sprache zu bringen, bis ihnen das geworden sein wird, was sie von Gottes und Rechts wegen zu fordern haben.

Freilich, die Staatsregierung will von einer solchen Nothlage unserer Emeriten nichts wiffen. Ja, sie hat neulich bei Berathung des Antrages Knörcke auf Erhöhung der Ruhegehalts-Zuschüsse für emeritirte Lehrer sogar erklärt, daß sie ein Bedürfniß dazu nicht anerkennen könne. Und doch liegt das ganze Elend unserer Emeriten so offen und handgreiflich zu Tage, daß man wirklich nicht weiß, was man sagen ober denken soll, wenn die Regierung daffelbe in dieser Weise bestreitet. ^Zunächst ist es schon eine höchst bezeichnende Thatsache, daß die preußischen Volksschullehrer in Bezug auf das Pensionswesen eigentlich nur noch mit ihren Collegen in Mecklenburg auf eine Stufe zu stellen sind. In fast allen anderen deutschen Staaten hat mau die betreffenden Ver­hältnisse geordnet, meistentheils gesetzlich: in Preußen ist eine entsprechende Regelung bis auf den heu- iigen Tag noch nicht erfolgt. Dazu kommt, daß bei uns der Volksschulehrerstand der einzige ist, welcher bestimmte gesetzliche Pensionsansprüche, wie alle anderen Beamten nicht hat.

Während die Emeriten in anderen deutschen Staaten nach 40- und 50jähriger Dienstzeit auf 8p, 90, ja mehrfach sogar auf 100 Prozent ihres bisherigen Gehaltes einen gesetzlichen Anspruch haben, können sie es bei uns bis zu ihrem Tode gesetzlich nicht höher als auf 33*/g Procent bringen, ün Utbrigen aber hängen sie ganz und gar von oer Gnade oder Ungnade der Behörden ab. Wer­den doch die sogenannten Ruhegehaltszuschüste lediglich als Unterstützungen dargereicht, die jeder- M widerrufen und zurückgezogen werden können. Dabei haben die alten Lehrer noch die Demüthi- gung auf sich zu nehmen, daß sie um ihr täglich *°b — was alle anderen Pensionäre nach Gesetz und Recht ohne Weiteres fordern dürfen zum Kosten Theil erst bitten und betteln müssen. Und roie kümmerlich ist und bleibt es auch bann noch!

Sonnabend, den 12. Mai 1883.

Bekommen boch von den gegenwärtig mehr als 3500 Emeriten noch 60 Procent unter 600 Mk. jährlich, währenb schon ber Minister v. Puttkamer ausbrücklich erklärt hat, baß 600 Mk. baS Rieb- rigste sein müßte, was jeher Emerit zu erhalten hätte.

Ein ganz besonderer Mißstand liegt ferner noch in der Art und Weise, wie bei der Pensionirung der Lehrer verfahren wird. Beantragt nämlich ein Lehrer dieselbe, so werden seitens der Behörden Untersuchungen angestellt, ob er etwa Privatver­mögen, ob er wohlhabende Kinder, Verwandte oder Angehörige hat, und danach wird dann die Höhe der Pension resp. der Ruhegehaltszuschüffe bemessen.

Wo in aller Welt wird nun aber wohl bei ir­gend einer anderen Beamtenkategorie danach ge­fragt, und wo rechnet man bei der Pensionirung auf die Beihülfe der Kinder und Angehörigen? Ein Minister und ein General bekommt, wie jeder andere Beamte, feine Pension voll und ganz, wenn er sonst auch über Millionen verfügte, die Lehrer sollen sich das, was nothwenedig zum Lebensunter­halt gehört, eventuell noch von den Ihrigen aus Gnade und Barmherzigkeit darreichen lasten! Upd hat sich gar ein Lehrer von feinem bescheidenem Gehalt im Laufe der Jahre ein paar hundert Thaler erspart, so wird er in seinen alten Tagen als Emeritus dafür gleichsam bestraft, ober boch zurückgesetzt dadurch, daß er an Ruhegehaltszu­schüssen wenig ober nichts bekommt, während Der­jenige, welcher sich nichts abgedarbt hat, solche van ber Regierung empfängt.

Ja, bie Behörden gehen noch weiter. Sie er­forschen sogar, ob der alte Mann etwa aus einer freiwilligen Hilfskaste, wie sie von Lehrervereinen zur Unterstützung der nothleidenden Emeriten mehr­fach gebildet sind, etwas erhält, um auch danach ihre Zuschüsse einzurichten und der Staatskaffe so gleichsam das zu gute zu bringen, was die Lehrer für ihre alten Kollegen etwa opfern. Bedarf es aber noch eines weiteren Beweises für bie wirklich mehr als beklagenswerthe Nothlage unser Emeri­ten, so ergibt sich derselbe ohne Weiteres aus fol­genden Erwägungen: Wenn auf der einen Seite doch Niemand behaupten wird, daß unseren Staats­beamten eine über das Bedürfniß hinausgehende Pension gewährt wird, sondern eben gerade so viel, als verhältnißmäßig zum Lebensunterhalt ge­hört; und wenn nun thatsächlich bie niebrigften Beamten mehr bekommen, als ein großer Theil unserer Volksschullehrer, dann ist bas boch ein Beweis dafür, daß diese eben nicht genug erhalten. Und wenn ferner unsere Emeriten, bei etwaiger Anwendung des Staatspensionsgesetzes auf sie, zu­sammen die Summe von 660,000 Mk. jährlich mehr bekommen würden, als sie gegenwärtig haben, so ist auch das ein Beweis, daß sie jetzt zu wenig empfangen, und daß deßhalb mehr als bisher für sie geschehen muß.

Sie haben auch ein volles Recht mehr zu ver­langen, schon auf Grund des Artikels 23 unserer Verfassung! Dieser sagt ja ausdrücklich, die öf­fentlichen Lehrer haben, wie die Pflichten, so auch die Rechte der Staatsdiener. Haben sie aber diese, bann haben sie biefelben Rechte auch in Be­zug auf eine entsprechende Pension und müssen also bezüglich derselben gerade so gestellt werden, wie die anderen Staatsdiener.

Das ist eine einfache Forderung der Gerechtig­keit, die wir für unsere Lehrer und mit ihnen er­heben und fortgesetzt erheben werden, bis sie erfüllt sein wird. Die jetzigen Zustände aus dem Gebiete des Lehrerpensionswesens sind doch so ungerechte, ja so unhaltbare und unerhörte, daß man auch seitens ber Staatsregierung sich ber so bringenb nothwenbigen Reform berjelben nicht länger mehr entziehen sollte. Der alte Harkort sprach einmal das mahnende Wort aus: „Der Staat trage end­lich seine Schuld an die Volksschule ab." Wir wiederholen dasselbe heute, indem wir nur hinzu­fügen : er thue das auch dadurch, daß er endlich bie Nothlage ber Emeriten voll und ganz beseitige."

<Q> Das Kunstgewerbemuseum zu Düffeldorf.

Düsselborf, 9. Mai.

Heute Mittag um 12 Uhr wurde das Kunst­gewerbemuseum feierlich eröffnet. Das Curato- rium des Kunstgewerbe-Vereins für Rheinland und Westphalen hatte Einladungen an die Spitzen der Civil- und Militärbehörden, an die Stadtverord­neten, an einzelne Gewerbetreibende und Hand­werksmeister, sowie an die Vertreter der Preffe ergehen lasten. Die Geladenen fanden sich zahl­reich in dem neuen Kunstgewerbe-Schulgebäude ein; auch ber Fürst von Wied war bern Rufe in bürgerlicher Kleidung gefolgt unb ließ sich unter der Schaar ber minder Hochgestellten nieder.

Der feierliche Akt ging in dem mit Blumen und Lorbeerbäumen geschmückten Zeichensaale vor sich. Herr Commerzienrath Lueg eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in welcher er im Allgemeinen der bevorstehenden Umgestaltung im Kunsthandwerk gedachte; Herr Frauberger, . der Director des Museums, legte die zu erringen­den Fortschritte im Einzelnen dar. Man hörte aus jedem von ihm gesprochenen Worte, daß er auf dem Felde des Kunstgewerbes ganz zu Hause ist. Nachdem Herr Commerzienrath Lueg ein Hoch auf den Kaiser ausgebracht hatte, erklärte er das Museum für eröffnet unb führte bie Ver­sammlung durch die einzelnen Gemächer.

Man durfte nicht erwarten, schon am ersten Tage viel zu finden; desto größer war die lieber» rafdjung, als sich in den Zimmern ein wahrer Schatz von mittelalterlichen Gegenständen in Holz, Elfenbein, Metall, Porzellan und Steingut zeigte, die theils zu Zier unb Schmuck, theils zum häus­lichen Gebrauche gebient hatten. Die Zeit war zu kurz, um ber großen Zahl von Dingen die verdiente Aufmerksamkeit zu schenken. Man muß häufig hingehen, um das Einzelne zu würdigen.

Die Handwerker finden hier eine Menge Vor­bilder, bie sie mit zeitgemäßen Veränderungen in allen Zweigen ihres Berufes verwenden können. Die Perle des Museums ist die große japanesische Sammlung, welche Herr Bönning er aus Duis­burg dem Museum in großherzigster Weise zum Geschenk machte. Sein verstorbener Bruder hat ein Menschenalter daran gesammelt und sehr be­deutende Ausgaben dafür gemacht. In dieser Sammluiig ist fast alles vertreten, was dem japa- nesischen Leben fein eigenthümliches Gepräge gibt. Die genaue Besichtigung dieses großartigen Ge­schenkes nimmt nicht Stunden, sondern Tage in Anspruch, unb ich bin der festen Ueberzeugung, daß sie die ganze Umgegend zum Besuche herbei­locken wird.

Die Kunstgewerbeschule unb das Kunftgewerbe- Museum befinden sich noch in demselben Gebäude, aber wenn das Beispiel des Herrn Bönninger Nachahmung sindet, was wir hoffen unb wünschen bürfen, bann wird man bald zur Errichtung eines eigenen Museumsgebäudes übergehen müssen.

Die Kunstgewerbeschule, bie ebenfalls ein Mu­seum für ihre ihre speziellen Zwecke haben soll, ist bereits eröffnet unb wirb fleißig besucht. So rei­chen sich beibe Institute helfenb bie Hände, und es ist nicht zu bezweifeln, daß unsere Stadt, wo alle Bedingungen zum glücklichen Gedeihen solcher Anstalten vorhanden sind, zum Centralpunkte für einen Kreis werben wirb, beffen Peripherie weit über bas in Betracht gezogene Gebiet hinausgehen wirb.

Die Einwirkung ber Kunst hat von jeher in Düsselborf einen guten Geschmack gezeitigt, der sich nun in praktischer Beziehung erfreulich ausbilben unb weithin übertragen wirb. Schon bie vor 3 Jahren hier abgehaltene Kunstgewerbe-Aus­stellung hat für bas Knnsthanbwerk bie besten Fruchte getragen, inbem viele Wohlhabende ihre Zimmereinrichtungen nach den damals ausgestellten Mustern anfertigen ließen. Künftig wird auch ber Kleinbürger in ber Sage sein, fein Heim mit ge­schmackvoll geformten Hausmobilien auszustatten, ohne beshalb tiefer in ben Beutel fasten zu müffen.