1883
Mittwoch, den 9. Mai
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O Was jetzt?
Der am 7. Mai mit einer Majorität von sieben Stimmen im Reichstag gefaßte Beschluß, wonach entgegen den sonstigen parlamentarischen Gewohnheiten der gesammte Etat pro 1884 — 85 einer Budget-Commission überwiesen worden ist, kann unter Umständen zu einem Act von eminenter politischer Bedeutung werden. Wir sagen „unter Umständen". Der Antrag ging von den Abgg. Richter und Rickert aus, und, wenn man sich die letzten Reden Richters seit dem Erlaß der kaiserlichen Botschaft vergegenwärtigt, so kann darüber kein Zweifel sein/ was dieser Antrag bezweckte. Die Linksliberalen hatten den im ersten Eifer ausgesprochenen Plan, die kaiserliche Botschaft mit einer Adresse zu beantworten, fallen gelassen. Darauf tauchte die Idee auf, den nächstjährigen Etat einfach und ohne Weiteres abzulehnen. Auf diesem Standpunkt ist, wie die Debatten gezeigt haben, nur der Abg. Payer und die Volkspartei (die Socialdemokraten sind nicht zu Wort gekommen) stehen geblieben. Statt dessen wählten die Herren Richter und Rickert die Form, den ganzen Etatentwurf der Comniission zu überweisen, eine Form, welche den offen ausgesprochenen Jntensionen der Antragsteller gemäß mit einer Ablehnung ziemlich gleichbedeutend ist. — Wenn die Regierung den Etat für das nächste Jahr jetzt schon vorlegte, so halte sie dabei die ausgesprochene Absicht, ihn in der laufenden Session ganz durchzuberathen und zum Abschluß zu bringen. Der von dem Abg. Dr. Windthorst gemachte Vorschlag, einzelne Theile des Etats, wie auch sonst üblich, durch eine Commission vorberathen zu laffen, läuft dem Plane der Regierung nicht entgegen, wohl aber der nunmehr angenommene Antrag Richter-Rickert. Eine erschöpfende commiffarische Berathung des ganzen Etats schließt so ziemlich die Möglichkeit ans, das Etatsgesetz in laufender Session noch fertig zu stellen. Die Reichsboten werden auch wohl kaum Lust verspüren, bis vielleicht zum Hochsommer in beschlußfähiger Anzahl den Reichstag zu frequen- liren. Und wenn die Beschlußfähigkeit fehlt, dann
Torquato Tasso.
Ein Dichterleben.
Ifen Wilhelm tzerchrndach.
(Fortsetzung.)
„Vertrauen wir auf Gott," sprach Bernardo; „er nährt die Sperlinge auf den Dächern und die die Opuntien auf den nackten Felsen, er wird auch uns nicht verlaffen. Glücklicher Weise sind die Kinder noch zu jung, um den jähen Wechsel M empfinden; zudem sind sie gut geartet und werden sich leicht fügen. Vielleicht liegt in ihnen die Quelle unseres künftigen Glückes, denn Torquato hat einen regen Geist und Cornelia ein goldenes Herz. Nun aber muß ich Urlaub von Dir nehmen, denn es ist meine Pflicht, alle Dokumente, Acten und Briefe in die Hände des Für- uen zurückzugeben."
Während er sich in feine Schreibstube begab, um die Papiere m sammeln und zu verpacken, mm über Porzia eine noch größere Trauer, und chre Thränen strömten über die Wangen der Klei- nen, die sie auf den Schooß genommen hatte.
„Was ist Dir, Mutter?" fragte Torquato, in« oem er ihr mit den kleinen Händchen die Thränen ^kgtrocknete. Auch Cornelia wollte wissen, warum ue weine, aber wie konnte die betrübte Mutter 6eit Kindern klar machen, was ihnen bevorstand? $ »Sichst Du," sagte Bernardo, der eben mit dem Sparten der Papiere fertig geworden war, „ein
ist es ja, wie Herr Richter bereits schon einmal gezeigt hat, ein Leichtes, den Reichstag lahm zu legen.
Die einzige friedliche Auskunft wäre jetzt unseres Erachtens die, daß sich in der zu constitu- ircnden Budget-Commission eine Majorität fände, wclche das Gros des Etats in schnellstem Tempo durchberiethe, sich nur bei den zweifelhaften, fchwie- rigen Posten länger aufhielte und so die Tendenz des Antrages Richter-Rickert faktisch wieder aufhöbe.
Der Beschluß ist ordnungsmäßig gefaßt und läßt sich nicht ändern. Wenn die vorbezeichneten schlimmen Conseqnenzen desselben wirklich eintreten, so ist der Conflikt unvermeidlich. Durch die feierliche Form der kaiserlichen Botschaft hat zwar nicht die Reichsregierung, aber wohl deren vornehmste äußere Vertretung, Kaiser und Reichs- -kanzler, sich für die Erfüllung der der Person des Kaisers zugeschriebenen Wünsche so stark engagirt, daß ein Verzicht auf diese Wünsche das Ansehen von Kaiser und Reichskanzler empfindlich schädigen würde.
Daß der Herr Reichskanzler bei Abfassung der Botschaft an die Eventualität des Antrags Richter- Rickert gedacht hat, ist kaum zu bezweifeln, obgleich er seine Berechnungen wohl einigermaßen gestört haben mag; der Reichskanzler wird daher auch wiffen, wie er sich demgegenüber zu verhalten hat. Die Linksliberalen haben ja in der letzten Zeit schon oft der Vermuthung Ausdruck gegeben, der Kanzler wolle und suche einen Conflikt, um sich eine gefügigere Majorität zu schaffen. Man hat die kaiserliche Botschaft, den in her Ermahnung gleichzeitig enthaltenen Tadel gegenüber dem Reichstag, sowie auch das bekannte feierliche Schreiben, wodurch der Reichskanzler gegen eine Bevormundung der Militärverwaltung Verwahrung einlegt, als Anzeichen nahender Conflictsluft bezeichnet. Es wäre aber denn doch ein seltsames Beginnen, solche Mittel zu solchem Zweck anzuwenden. Wir glauben dem Reichskanzler mehr Ehrfurcht vor der Person des Kaisers zu- trauen zu sollen, als daß wir etwas Derartiges annehmen könnten.
Als dem ehrwürdigen Greis auf dem Deutschen
Schmetterling genügt, sie wieder froh zu machen. Nehmen wir ein gutes Beispiel an ihnen! Nun lebe wohl, ich darf nicht länger säumen."
Bald saß Taffo zu Pferde und ritt durch Sorrent hinab. Die Kunde von dem Unglücke des Fürsten war schon zu den Einwohnern gedrungen, und sie begriffen recht gut, daß nun auch ein Wechsel in den Verhältnissen Tasso's, den sie alle recht herzlich liebten, eintreten werde. Mit mitleidigen Blicken schauten sie ihm nach, und von manchen Lippen wurden fromme Wünsche für ihn laut.
Porzia, welche auf der Terrasse zurückgeblieben war, während die Kinder im Garten umhersprangen, überließ sich anfangs ihrem Schmerz, dann aber schüttelte sie denselben gewaltsam von sich ab und legte sich die Frage vor, was zu thun fei, um aus dem Schiffbruche noch einige Trümmer zu retten.
Nachdem sie lange hin- und hergeplant hatte, kam sie zu dem Entschlüsse, Haus und Garten zu vermiethen und sich für ihre Familie nur eine bescheidene Wohnung vorzubehalten. Sie kamen dadurch aus der kostspieligen Unterhaltung heraus und gewannen überdies einen kleinen Pachtzins, von dem sie zwar nicht leben konnten, der aber doch die Existenzfrage etwas weniger schrecklich machte. Bernardo hatte sich als Dichter einen Namen gemacht, und sie Home, daß er auch auf diesem Felde eine bescheidene Erndte halten werde.
Kaiserthrone die jüngste Botschaft vorgelegt wurde, hat er ohne Zweifel nur an das Wohl der arbeitenden Bevölkerung und der ihretwegen baldigst zu erlaffenden socialen Gesetze gedacht, für deren Princip ja auch im Reichstage eine große Majorität, vor allem Centrum und Conservative Zusammenhalten. Ihm haben event. constitutionelle Schwierigkeiten fern gelegen; sie zu vermeiden und die unerquickliche fortgesetzte Hereinziehung des Kaisers in die Debatten zu verhüten, hätte unseres Erachtens dem Reichskanzler ein Leichtes sein müssen. Um jeder üblen Auslegung auszuweichen, brauchte er nur die Botschaft von der gefammten Reichsregierung, vom Kaiser und Bundesrathe ausgehen zu laffen. Wenn es sich wirklich nur um die socialen Vorlagen handelt, bann hätte der Bundesrath gewiß einstimmig diese Botschaft unterstützt. Es wären dann alle die unangenehmen Auseinanderfetzungen über die Gleichberechtigung der deutschen Fürsten und den bundesstaatlichen Charakter des Reiches erspart geblieben.
Daß bei den Debatten von den Vertretern der Bundesstaaten Niemand das Wort ergriffen hat gegen die ohne ihr Zuthun zu Stande gekommene Botschaft, kann bei der allgemein bestehenden Ehrfurcht vor der Person des Kaisers nicht Wunder nehmen. Es verdient aber auch hervorgehoben zu werden, daß, entgegen der sonstigen Sitte, diesmal nur preußische Bundesbevollmächtigte für die Regierung aufgetreten sind. Diejenigen, welche glauben, daß der Abg. Payer im Namen der Volkspartei auch manchen höheren bundesstaatlichen Kreisen aus der Seele gesprochen hat, mochten daher wohl nicht ganz Unrecht haben.
Die verfloßenen Debatten haben wenigstens das G Ute gehabt, daß sie den bundesstaatlichen Charakter des Reiches in der öffentlichen Meinung vor Verdunkelung geschützt haben. Und wenn auch ein preußischer Minister sagen zu dürfen glaubt, er schätze die öffentliche Meinung gering, so geht doch aus der öffentlichen Meinung immer noch der eine Faktor der Reichsgesetzgebung, der Reichstag hervor. Sollte es daher, was wir noch nicht erwarten, zu einer Auflösung des ^Reichstages kommen, dann) wird
Plötzlich stutzte sie und sprach zu sich selbst: „Wenn aber auch Haus und Garten mit unter die Beschlagnahme fielen, wie dann? — Doch nein, nein, das kann der Kaiser nicht; des Lebens äußerste Nothdurft muß er uns laffen. Was können wir dafür, daß er mit dem Fürsten unzufrieden ist! Ist es nicht mehr als zuviel, daß er uns ohne irgend einen Grund das übrige nimmt?"
Sie war schließlich fest überzeugt, daß manjie aus diesem Eigenthume nicht mehr vertreiben werde.
Nach und nach kam wieder Gottvertrauen in ihr Herz, und nun ging sie auch sogleich an die Ausführung des Nothwendigen. Sie wollte es besorgen, ehe ihr Gatte zurückkam, denn sie glaubte, ihm dieses unangenehme Geschäft ersparen zu müffen.
Mit erleichtertem Herzen begab sie sich in den Garten und winkle dem Gärtner, der eben damit beschäftigt war, die reifen Drangen von den prächtigen Bäumen zu nehmen.
„Sie haben oft den Wunsch geäußert, einen Garten in Methe zu nehmen," sagte sie.
„Allerdings," gnädige Frau; „ich habe diesen Wunsch noch heute, und ich besitze auch die Mittel, um gut zurechtzukommen, aber in Sorrent ist nichts zu haben."
„Jetzt ist die Gelegenheit da," gab sie zur Antwort, „denn die Verhältnisse zwingen uns —"
„Ich habe schon davon gehört," fiel ihr der Gärtner in's Wort, „aber ich hätte nicht den Muth gehabt, an diese Pachtung zu denken. Wollten