Beiblatt zu Nr. 101 -er,Fuldaer Zeitung/
Sonnabend, den 5. Mai 1883.
& Zur Anwesenheit der madagassischen Gesandtschaft in Berlin.
Kurze Beleuchtung der Verhältnisse auf Madagaskar.
Seit Kurzem weilt in Berlin eine madagassische Gesandtschaft. Der geneigte Leser wird über diese Thatsache bereits unterrichtet sein, jedoch glauben wir nicht, daß Alle eine für das Verständniß dieses Ereigniffes ausreichende Vorstellung von dem Zwecke haben, welcher diese kaffeebraunen Würdenträger von der großen afrikanischen Insel am Kanal von Mozambik nach der Hauptstadt des deutschen Reiches geführt hat. Die Gesandtschaft hat schon vor längerer Zeit das Heimathland verlassen; sie hat bereits Washington, London und Paris besucht, mit den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika einen Handelsvertrag abgeschloffen und mit England erfolgversprechende Verhandlungen zu demselben Zwecke gepflogen. Der Besuch in Paris war der kürzeste und jedenfalls auch der unangenehmste, denn Differenzen mit Frankreich haben die Madagassen gerade nach Europa geführt, und ihre schnelle Abreise von Paris beweist, daß sie dort ihren Zweck nicht haben erreichen können. Nun suchen sie, gestützt auf die etwas naive diplomatische Berechnung, daß Deutschland Frankreich nicht sonderlich geneigt sei und deshalb alle gegen Frankreich gerichteten Bestrebungen unterstützen werde, in Berlin einen Rückhalt für ihre Frankreich feindlichen Bestrebungen. Sie glauben dies am ersten durch die Begründung fester Handelsbeziehungen zu Deutschland erreichen zu können und sollen nach den über ihre Aktion in die Oeffentlichkeit gedrungenen Nachrichten dem Fürsten Bismarck sehr vortheilhafte Anerbietungen in dieser Richtung gemacht haben.
Bevor wir versuchen, den Grund und das Ziel der Differenzen Madagaskars mit der französischen Republik einigermaßen klarzustellen, schicken wir eine kurze Skizze über die Insel, ihre Bewohner, ihre Religionseinrichtungen und ihre Beziehungen zu den Colonialmächten voraus.
Das Königreich Madagaskar ist die größte afrikanische Insel, an Flächenraum größer als Deutschland, denn sie ist 591,964 Okm. groß (Deutschland 540,496). Die Bevölkerungszahl beträgt ca. 3,500,000; unter diesen Bewohnern nehmen die auf dem inneren Hochplateau und nach der Westküste hin wohnenden Hamas den vornehmsten Rang ein, sie sind die Herrschenden, ihre Hauptstadt ist Tananariva. Im Westen und Norden wohnen die Sakalavos, im Osten die Be- thimisarakas. Die Regierung ist eine despotischfeudale, an der Spitze derselben steht jetzt die Königin Ranavola Majonda II. Seit dem Jahre 1868, wo die Königin und fast alle Großen des Landes zunr Christenthum, und zwar zur anglikanischen Kirche übertraten, hat das Land großartige Fortschritte gemacht. Das Christenthum ist Staatsreligion, die früher erlaubte Vielweiberei ist jetzt gesetzlich verboten. Das Land hat ein Gesetzbuch, Gerichte, ein stehendes Heer, ja sogar den Schulzwang; eine Art Parlament oder vielmehr Staatsrath steht der Königin zur Seite. In deniselben hat allerdings der Prinzgemahl als Premierniinister den Ersitz und die entscheidende Stimme. Endlich gibt es sogar in madagassischer Sprache erscheinende Zeitungen, wie die zugleich in englischer und französischer Uebersetzung herausgegebene .Madagash Times'. Man sieht daraus, wie man Uch in Madagaskar Mühe gibt, allmählich zu einer höheren Culturstufe zu gelangen. Die „gebildete" Klasse der Bevölkerung trägt europäische Kleidung, die Uebrigen bekleiden sich mit einem togaähnlichen über die Schultern geworfenen Gewand.
Was endlich die Naturprodukte betrifft, so Ul das Land sehr fruchtbar und reich. Der Kaffee und Zucker, sowie insbesondere auch die Nutz- und Schmuckhölzer von Madagaskar halten den ^-rgleich mit denen der ganzen Welt aus. Ein Hauptproduct und beliebtes Nahrungsmittel auf
der Insel ist Reis, der auch in großer Menge ausgeführt wird.
An wichtigen historischen Daten aus neuerer Zeit sind folgende anzuführen: Der Howahäupt- ling Radova (f 1828), welcher sich durch Liebe zur europäischen Kultur auszeichnete, schaffte im Jahre 1817 den Sklavenhandel ab und nahm zuerst englische Missionäre auf. Ihm folgte seine grausame, den Europäern abgeneigte Gemahlin Ranavola, dann König Radama II., welcher im Jahre 1863 wegen seiner den Europäern gemachten Zugeständnisse ermordet wurde, hierauf die Königin Rasoherina. Diese schloß am 27. Juni 1865 einen Handelsvertrag mit England. Nach ihrem Tode im Jahre 1868 kam ihre Base, die heutige Königin Ranavola Majonda II. an die Regierung.
Gleich nach Antritt ihres Regimentes trat die Königin, wie wir bereits oben ermähnten, mit dem größten Theile der edlen Geschlechter des Landes zum Christenthum über.
Was nun die Beziehungen der madagassischen Regierung zuFrankreich anbelangt, so ist dieselbe mit kurzen Worten zu charakterisiren: Die Franzosen erheben schon seit dem Jahre 1692 Anspruch auf Madagaskar; sie haben bereits im 16. Jahrhundert Faktoreien und Niederlassungen an der Ostküste der Insel gegründet, sind zeitweise von dort vertrieben worden, aber immer wieder zurückgekehrt. Frankreich besitzt auch 2 Inseln in der Nähe: Sainte-Marie an der Ostküste (174 lHkm. mit 6600 Einw.) und Rossi Bö an der Nordwestküste (136 Okm. mit 9500 Einw.). Letztere Insel ist erst im Jahre 1841 von den Franzosen besetzt worden. Vor einiger Zeit versuchten die Franzosen sich aiidj an der Nordwestküste Madagaskar's anzusiedeln. Die Madagassen scheinen aber für die Franzosen wenig Sympathie zu haben, sie fühlen wahrscheinlich instinktiv, wie die Franzosen ihren Einfluß systematisch zu vermehren suchen und innerlich an den alten Ansprüchen auf den Besitz der Insel festhalten. Auch mag das naheliegende Beispiel der erst kürzlich von Frankreich erzwungenen Schutzherrlichkeit über Tunis den Argwohn der Madagassen nicht ganz mit Unrecht verstärkt haben. Genug, die herrschenden Howas drohen der zwischen den Wünschen ihrer Unterthanen und der Furcht vor den Franzosen schwankenden Königin mit einer Revolution, falls sie den Franzosen gestatten würde, sich an der Nordwestküste niederzulassen. Sie halten in der Nähe der Hauptstadt Tananariva eine bedeutende Streitmacht bereit, um nöthigenfalls über die Franzosen im Nordwesten herzufallen. Dabei würden natürlich auch die übrigen Europäer gefährdet sein, weshalb England vorsichtshalber das Kriegsschiff „Dryad" an der Küste kreuzen läßt, um im Nothfall den englischen Einwohnern Hülfe zu bringen. England,hat trotzdem mit der madagassischen Regierung gewisse Vereinbarungen getroffen, welche Frankreich nicht gelten lassen will.
Man sieht also, es handelt sich in Madagaskar um die Abwehr des bedrohlich zunehmenden französischen Einflusses, und um Frankreich aus dem Sattel zu heben, sucht die Regierung außer den Vereinigten Staaten und England auch Deutschland durch das Anerbieten eines günstigen Handelsvertrages für Madagaskar und den Bestand der heutigen Verhältnisse zu interessiren. Wie bereits erwähnt, hatte England schon früher einen Handelsvertrag mit Madagaskar, der neugeplante Vertrag soll entsprechend den fortgeschrittenen Produktions- und Verkehrs-Verhältnissen eine andere Grundlage erhalten. Außer Frankreich und England hat auch Italien Handelsbeziehungen, wenn auch geringe, zu der Insel, und ist dort auch ein italienischer Konsul angestellt. Von Deutschland hat bisher nur das Haus O'Swald in Hamburg auf Madagaskar eine großartige Niederlassung. Der Chef des Hauses hat auch der Gesandtschaft bis Berlin das Geleite gegeben. Letztere gedenkt noch einige Wochen in der deutsche,» Hauptstadt zu bleiben, um außer Bismarck auch den Kaiser von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Die Herren sollen
trotz ihres afrikanischen Typus ganz civilisirte Manieren haben. Im Interesse des deutschen Aus« und Einfuhrhandels wäre das Zustandekommen eines vortheilhaften Handelsvertrages mit Madagaskar gewiß sehr wünschenswerth. Zum Schluß glauben wir noch den Namen des Chefs der Gesandtschaft dem geneigten Leser verrathen zu müssen, derselbe führt den biederen Namen
„Ravoninahitziniarivo".
tzm Spaiirrgiing durch Englands Grafschaften Amt und Ulddlcser.
Bon Wilhelm Herchenbach.
V.
A«ssi»r nach Misi-W. Mangel an Mirthshauser».
Es war eigentlich meine Absicht, nur das historische Barnet, wo der letzte und entscheidende Kampf zwischen Aork und Lancaster stattfand, zu besuchen, und ich nahm mir den ganzen Tag zur Hand, denn Hendon mit seinen zahlreichen, stets säubern und anheimelnden Villen hatte ich nach allen Richtungen des weitausgedehnten Ortes gesehen, und ich brauchte keine Zeit mehr darauf zu verwenden. Auf der Straße stand ein Policeman, den kurzen Stock im Lederfutteral. Ich fragte ihn nach dem Wege, und er war so freundlich, eine Strecke Weges mit mir zu gehen, damit ich den kürzesten einschlage. Wir kamen an Athe old church, die älteste und ehemals katholische Kirche von Hendon. Der viereckige oben abgestumpfte Bruchsteinthurm war an einer Seite bis zur äußersten Höhe mit Epheu bewachsen, wie man dieses in England so oft bei alten Kirchen findet, lieber dem Epheu ragte das Lamm Gottes in die Lust. Der ganze Gottesacker war mit eigenthümlich gestalteten Grabmonumenten bedeckt, worauf sich auch alte Namen befanden. Die Rücksicht auf den freundlichen Policeman aber erlaubte nicht, daß ich lange dabei verweilte.
Er öffnete ein Thörchen und zeigte mir einen Weg, dem ich bis Mill-Hill folgen könne; der Weg war schmal, aber mit feinem Kies bestreut, links von einer Hecke, rechts von einem sechszehn Fuß hohen Bretterzäune eingefaßt. Dieser Zaun schloß die Gärten der Villen ab, aber er war so fest zusammengefügt, daß sich nirgends eine Ritze zum Durchschauen bot, alles kernigtes Holz ohne Aeste. Auch in diesen Bretterzäunen offenbart sich der Spruch': My hous is my castle. (Mein Haus ist mein Schloß.) Der Engländer will in seinem Hause ganz allein Herr sein; deßhalb schließt er sich von der Außenwelt ab und macht den Abschluß möglichst derb. Lang^ hatte ich zwischen der Bretterwand und der Hecke durchzumandern, aber ich fand eine schön gezimmerte und überdachte Ruhebank, woich rasten konnte.
Wo die Villen aufhörten, begannen die Wiesen, in denen jeder sein Eigenthum mit Hecken einge- friedigt hatte, wie es in Westphalen häufig der Fall ist, nur daß hier die Flächen eine bedeutende Ausdehnung hatten.
An der Grenze einer Wiese war jedesmal der Weg von einem Thore gekreuzt. Das eine Ende desselben lief in ein starkes Pfahldreieck aus, in dem sich das Thor soweit hin und herbewegen ließ, daß man es vorschieben, in das Dreieck treten und dann es wieder rückwärts schieben und hindurch gehen konnte. Diese praktische Art von Verschluß bietet dem Menschen kein Hinderniß, wohl aber dem weidenden Vieh, welches nicht hinaus kann, weil es das Thor stets zudrückt und wegen seiner Körpergröße nicht in das Dreieck treten kann.
Die Grafschaft Middlesex betreibt wenig Ackerbau; sie besteht fast ganz aus hügligen Wiesen, welche in der angedeuteten Weise durch Hecken und Thore von einanver getrennt sind. Das Gras aber ist von einer vorzüglichen Güte; bei den Häusern steht der erste Schnitt in großen Barmen. Die langen Halme liegen so dicht aufeinander, als wenn sie mit einer Maschine zusammengepreßt wären. Braucht man davon, so schneidet der