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Sonnabend, den 5. Mai
1883
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Deutsches Reich.
Fulda, 5. Mai.
* Der viel besprochene Artikel des Moniteur de Rome' vom 27. April lautet in wörtlicher Uebersetzung, wie folgt:
Die Debatten des preußischen Landtags.
Die gestrigen Debatten im preußischen Landtag bezeichnen einen der großen parlamentarischen Tage, welche eine ganze Situation aufhellen und ein Urtheil über die Stimmung einer ganzen Versammlung, sowie, wir dürfen es sagen, eines Volkes ermöglichen. Das, worum es sich handelt, ist, wie man weiß, die ewige Frage des Kulturkampfes, die Freiheit der Kirche, für welche Herr Windt- horst durch seine wohlbekannten religiösen Anträge über die Spendung der Sakramente und des Messelesens ein wesentliches Element forderte.
Das Centrum und die Kirche haben einen moralischen Erfolg von eminenter Bedeutung zu verzeichnen. Die Kammer hat zwar die Anträge des Herrn Windthorst, welche nur die Stimmen der Katholiken und der Fortschrittler für sich hatten, verworfen, aber gegen den Willen der Regierung haben die Konservativen im Verein mit dem Centrum und der Partei Richter, also mit der großen Majorität des Landtages, die Revision der Maigesetze verlangt, nicht die zweideutige und zwitterhafte Revision, welche theils bei der Herstellung der diskretionären Gewalten, theils bei dem Wegräumen des äußeren Apparats des Kulturkampfes ihre Zeit verliert, aber jene organische tatsächliche und wahre Revision der Gesetzgebung vom Jahre 1873, welche der heilige Stuhl fortgesetzt als ein Recht und einen Akt der Gerechtigkeit verlangt hat.
Die gestrige Abstimmung ist ein bedeutsames Ereigniß. Die Konservativen, welche Herr von Bismarck bisher unter Pev»rmundun-7 und unvr seiner öerffchait -a-balten saj haben endlich den Muth gehabt, feierlich de:f Kulturkampf zu verwerfen und aus der Rothwendigkeit zu bestehen^ eine ungerechte und verhaßte Gesetzgebung aufzuheben. Es ist also kein Zweifel mehr möglich: Dasjenige, was wir zu behaupten nicht aufgehört haben, bestätigt sich auf's Neue mit unwiderleglicher Evidenz. Alle Welt verlangt die organische Revision der Maigesetze: Der Landtag, das Centrum, der hl. Stuhl und die öffentliche Meinung. Man fragt sich, wer dem noch sich widersetzen und dem Gewissen und den Wünschen des Volkes, der Kirche und, wir können es sagen, des ganzen politischen Europas, welches seit Langem die Maigesetze als eine unzulässige Einmischung in das innere Leben des Katholicismus verurtheilt hat, Widerstand leisten könnte. Das ist die moralische Bedeutung der gestrigen Abstimmung, welche die Regierung zu verhindern gewünscht hat. Wenn die Verfolgung nicht aufhört, wenn die Verhandlungen noch nicht beendigt sind, wenn die mo
ralische Unordnung in Preußen zu wachsen fortfährt, so ist es nicht der heilige Stuhl, der dafür die Verantwortung vor der Geschichte trägt. Das, was Leo XIII. verlangt, verlangen das Volk und die Kammern ihrerseits..
Die Erklärungen Herrn v. Goßler's sind wohlwollend der Form nach, ungenügend und verlegen dem Wesen nach gewesen. Er hat uns in Kenntniß gesetzt, daß die Regierung dem Kaiser eine Note vorgelegt habe als Antwort auf diejenige des Kardinals Jacobini, eine Note, die als Grundlage für ein neues Gesetzprojekt dienen soll. Was ist der Inhalt dieser Note? Das »Deutsche Tageblatt" behauptet, in der Lage zu sein, uns darüber Auskunft geben zu können. Obwohl seine Informationen den Charakter der Genauigkeit zu tragen scheinen, so fällt es uns schwer, denselben Glauben zu schenken. Wenn man dem gouvernemen- talen Organe (?) glauben wollte, so erklärt sich die Regierung bereit, gewisse Strafbestimmungen aufzuheben, falls der heilige Stuhl die Anzeigepflicht zugesteht.
Wir wünschten zu bezweifeln, daß das Ministerium einen solchen Vorschlag machen könnte, nach den so klaren Briefen und den so lichtvollen Noten des Kardinals Jakobini.
Wenn wir in der That die Erklärungen Herrn von Goßler's. und die Informationen des ,Tageblattes" zusammenstellen, so kommen wir zu folgendem Resultat:
Anstatt den Forderungen der Noten des Kardinals Jakobini nachzukommen, ist die Regierung bereit, einige Strafbestimmungen zu opfern, d. h. einen Theil der äußeren Ausrüstung des Kulturkampfes im Austausch gegen die Anzeigepflicht, die den Centralpunkt der Gesetzgebung des Jahres 1873 bildet. Offenbar ist das Verhältniß kein gleiches. Die Regierung würde damit in der That gar keine Konzession machen. Von dem Augenblicke, wo die Anzeigepflicht zugestanden wird, fallen die Strafbestimmungen von selbst hinweg. Die Wiederherstellung des geringsten modus vivendi macht die weitere Wirksamkeit derjenigen strengen Maß^eln unmöglich, welche die Re- ur --. ^»2. *1VI.
'eigentlichen Gesetze errichtet hat. Die Gesetzgebung von 1873 würde unberührt bieiben, und wir wären an demselben Punkte wie am Anmng des Kampfes. Wir fragen: ist es denkbar, daß die Regierung einen derartigen Vorschlag dem heiligen Stuhl machen könnte? Sind die Jnsormationen des .Deutschen Tageblattes" nicht verfrüht ?
Wenn sie zutreffend wären, würden wir es für das Ministerium bedauern, das sich in eine falsche Lage den Kammern und der Kirche gegenüber bringen würde.
In Summa, die Debatten der Kammer haben die religiöse Frage einen neuen Schritt thun lassen. Die Konservativen haben nicht den moralischen Muth gehabt, den Antrag Windthorst anzunehmen; ernster und wichtiger ist es aber, daß sie im Verein mit den Katholiken und den Fortschrittlern den Wunsch geäußert haben, die Regierung die organische Revision der Maigesetze in die Hand nehmen zu
sehen. Diese Abstimmung gibt den Beschwerden und der Stellung der Kirche und des heiligen Stuhles Recht. Wenn die Regierung ihr System der Zweideutigkeit, der Verwirrung und des Temporisireus fortsetzt, so können die Katholiken Deutschlands geduldig die Stunde Gottes und der Geschichte erwarten, stark durch die Gerechtigkeit ihrer Sache, durch die Gesetzlichkeit ihrer Wünsche und durch die moralische Unterstützung der Kammern und der Völker.
* Potsdam, 3. Mai. (Das Leichenbe- gängniß des Abg. Dr. Schulze-Delitzsch) fand heute Mittag 1 Uhr vom Trauerhause unter überaus zahlreicher Betheiligung statt. Die Leiche war im Gartensaal inmitten hochstämmigen Topfgewächsen aufgebahrt. Wegen des beschränkten Raumes der Wohnung konnte nur eine verhältniß- mäßig geringe Anzahl von Leidtragenden zuge- lassen werden. Vom Reichstag waren der Präsident und der zweite Vicepräsident anwesend. Außerdem die Fraktionen der Fortschrittspartei und der Secessionisten fast vollzählig; die übrigen Fraktionen halten sämmtlich Deputationen entsandt, auch der Landtag war zahlreich vertreten. Als Vertreter der Stadt Potsdam waren Oberbürgermeister, Bürgermeister und eine Deputation der Stadtverordneten, sämmtlich in Amtstracht, anwesend. Die Genossenschaften hatten fast vollzählig Deputationen entsandt. Die Zahl der von nah und fern gespendeten Kränze war eine so große, daß dieselben nicht in der Wohnung Platz fanden und im Garten auf langen Tafeln ausgestellt waren. Pünktlich, um 1 Uhr begann die eigent- einmal soll scheiden", der von dem Chor der Friedenskirche vorgetragen wurde. Daran schloß sich die Rede des Divisions-Predigers Rogge, der, anknüpfend an das heutige Himmelfahrlsfest, dem Todten einen warmen Nachruf widmete, welchem der Spruch zu Grunde gelegt war: Wenn unser Leben köstlich gewesen, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen. Wiederholter Chorgesang schloß die Feier im Hause. Inzwischen hatte der Zug, der sich in den angrenzenden Straßen geordnet, vor dem Hause Stellung genommen und nahm seinen Weg durch die ganze Ausdehnung der Stadt zwischen einem die Straßen erfüllenden dicht ge.
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Der verhängnitzvolle Hatz Novelle von Emilie Heinrichs.
(Schluß.)
Wenden wir zum Schluß den Blick von dem düstern Drama ab und hin zu heitern Bildern des Glückes.
Als Otto den Kerker der Geliebten selber öff- uete, um ihr das Himmelslicht der Freiheit zu bringen, als sie es endlich glauben mußte, daß es kein Traum, sondern Wahrheit, beseligende Wirk- Weit war, was der geliebte Mann ihr verkündete, da tönte leise, angstvoll von ihren Lippen die Frage: Ist meine Mutter verurtheilt?
.Nein, sie ist unschuldig an der bösen That, wie ich es immer geglaubt habe, rief Otto freudig, Wtm geliebtes Herz, daß wir Beide ihr Erlösung, Freiheit bringen!
Arm in Arm folgten sie dem neuen Schließer, welcher den Kerker der schwergeprüften Mutter L Anete, und so traten die Beiden vor die Er- Wschreckte hin, die mit einem entsetzlichen Aufschrei liurückwich in den finstersteir Winkel.
■ Mutter, meine Mutter, rief Nanni zu ihr eilend j S. . sie mit beiden Armen umschlingend, unsere ' schuld ist erkannt, wir sind frei!
W. Frei, sagst Du, flüsterte die unglückliche Frau, I- m .HE uns nicht mehr für Mörderinnen?
Nein, Mutter! — O, komm mit uns, auch K - mllst wieder froh und glücklich werden.
Wer ist jener Mann dort? Was will er hier? fragte die Mutter, einen scheuen Blick auf Otto werfend.
Kennst Du ihn nicht—mehr, Mutter? flüsterte Nanni mit bebender Stimme, Otto ist's, der zurückgekehrt, nicht geruht, bis er unsere Unschuld an's Licht g b.acht, unfem Kerker geöffnet hat.
Von ihm also, von ihm! stöhnte Frau Eberhard. beide Hände vor's Antlitz schlagend. O Gott, Du strafst mich hart!
Nein, Mutter, sprach ^Otto mit sanfter, tiefbewegter Stimme, Gottes Gnade, nicht seine Strafe hat sich darin geoffenbart. o, daß Ihr Herz dieses doch erkennen und den Haß begraben möchte, der so viel Glück vernichtet! — Ich segne diese Stunde, wo ich durch Gottes Bestand die Unschuldigen erlösen darf aus Kerkersnacht, — während der Mörder —
Er ist entdeckt? fuhr F7äu Eberhard empor.
Ja, der Apotheker Wagner hat feine Schuld bereits bekannt.
Er hat's gethan! bebte'es von ihren Lippen, o, wie groß ist meine Schuld!
Ihre Schuld ist getilgt, reichen Sie dem Sohne die Hand, liebe Mutter, lassen Sie sich als Zeichen der Versöhnung und jener Liebe, die über Alles triumphirt, von mir aus diesem unheimlichen Raume führen, hinaus in die Freiheit, zu einem neuen, sonnigen Glück.
Die arme Frau blickte ihn verwirrt an und schüttelte dann ungläubig den Kopf.
Der Vater und Rest blicken auf uns herab, setzte Nanni mit thränenerstickter Stimme hinzu, o, Mutter, soll dieser verhängnißvolle Haß auch droben unsere Seelen trennen?
Nein, nein, meine Kinder, das soll, das darf es nicht, rief die Mutter tiefaufathmend, Gott ist mein Zeuge, wie tief ich es bereut, wie furchtbar ich in diesem Raume gelitten habe. Durfte ich, die Schuldige, denn noch an Glück und Freude glauben? \
Da umschlangen die Kinder sie voll Liebe und führten sie hinaus in den^Lenz, in ein neues sonniges Dasein.
Auf Resi's Grabe begann es fröhlicher zu grünen und eine Lerche schmetterte Hoch oben das ewige Lied der Liebe, der Auferstehung aus winterlicher Nacht.
Otto und Nanni wurden in aller Stille getraut, zum Aerger der ganzen Stadt, welche sich auf diese Trauung so recht gefreut hatte.
Bevor das junge Paar mit der Mutter die Heimath auf immer verließ, fragte der Anwalt, welcher feine Neugierde nicht zu zügeln vermochte, den glücklichen Otto unter vier Augen, warum Nanni denn eigentlich jenes seltsame Schweigen während der Haft sich auferlegt habe, da die Mutter doch völlig schuldlos an dem Verbrechen gewesen?
Weil ein unglückliches Wort der Mutter an jenem Abend ihr den Glauben an die Schuld der-