M 98.
Dienstag, den 1. Mai
1883
Fuldaer Sil Zeitung.
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* Russisches.
Das Czarenreich rüstet sich zu einer großartigen Festfeier. Am 27. Mai soll zu Moskau die feierliche Krönung Alexanders 111. vollzogen werden. Die Gründe, weßhalb dieser fest- liche Akt Jahre lang verschoben worden ist, find allgemein bekannt; sie geben auch der ganzen Krönungsfeier ihren seltsamen, fast unheimlichen Charakter. Die großartigsten Sicherheitsmaßregeln werden getroffen, um den Nihilismus zu hindern, mit mitleidsloser Hand auch jetzt wieder blutige Rache zu üben an dem Czarenge- schlecht, an Alexander III. und seiner Familie. Es ist im Grunde genommen ein tollkühner Gedanke, unter den gegenwärtigen Verhältnissen mitten in dem Herde der internationalen Mordverschwörung eine Feier zu veranstalten, welche nicht nur die Großen Rußlands, sondern auch fürstliche Personen nnd hochgestellte Abgesandte aus allen europäischen Staaten um den Czaren versammelt. Ob es dem russischen Polizeiregi- ment gelingen wird, mit militärischer Bedeckung, mit Geheimpolizei, mit Eisen- und Mauerpanzern die schleichenden Schrecken nihilistischer Verrätherei fernzuhalten, ist mehr als fraglich. Zwar scheint der Nihilismus zur Zeit in Rußland zu schlummern oder vielmehr durch die Knute mit Gewalt niedergehalten zu fein. Ob aber diese zeitweilige Ruhe nicht das Resultat einer feinen Berechnung der Verschwörer ist, welche ihre Verfolger in eine gewiße Sicherheit einwiege« wollen? Und bei den. Mitteln, welche ^heutzu*4g» W Fürsten«, unb Menschenhaß gebraucht, um zu seinem Ziele zu gelangen, läßt sich eine absolute Sicherheit nicht einmal für einen Tag, nicht einmal für den Umkreis eines kleinen Stadtviertels garantiren. Die Anarchie hat in der jüngsten Zeit an allen Ecken Europas Beweise ihrer Leistungsfähigkeit geliefert. Doch diese Explosionsattentate waren nur kleine Versuche, sie waren gleichsam das Wetterleuchten, welches dem Gewitter vorangeht. Die Internationale hat es auf einen großen Coup abgesehen, an dessen Ausführung sie durch die große Vorsicht und
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Ein verhärrgnitzvoller Hatz.
Novelle von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.)
13. .
Todtenstille ruhte auf der Stadt, Alles lag im Schlummer, nur das Geräusch des herabrieselnden Regens unterbrach diese Stille. Von den verschiedenen Thürmen schlug es Mitternacht unö dann ertönte der monotone Ruf des Wächters.
Ans der Ferne erklang der schrille Pfiff der Locomotive und das Geräusch der Räder, hin und wieder das Rollen eines Wagens.
Hinter dem Garten des Gefängnisses hielt bereits seit einer geraumen Weile ein dicht verschlossener Reisewagen mit zwei rnnthigen Pferden bespannt, welche der riesige Kutscher mit fester, sicherer Hand im Zaume hielt.
In einem Winkel des öden Platzes kauerte ein Rann, dessen funkelnde Augen die Dunkelheit zu durchdringen schienen, — es war der Vetter des Apothekers; hinter demselben standen in lautloser Stille zwei Männer, Otto und der Anwalt, während ringsumher in allen Ecken und Winkeln verborgene Polizeibeamte, von denen ebenfalls einige Mr den Gefängnisse postirt waren, des Augenblicks harrten, wo die Gartenpforte in der hohen Um» sangsmauer sich öffnen würde.
Endlich, — die Pferde begannen schon unge-
Aufmerksamkeit der Regierung bisher gehindert worden ist. Aber Heuchelei, Hinterlist und Verrätherei bahnt sich oft genug den Weg bis zu den Gemächern der Großen, sie bringt überall durch, denn die Kunst, in den Herzen zu lesen, versteht Niemand. Damm helfen alle Vorsichtsmaßregeln auf die Tauer nichts.
Die Aussichten für den Verlauf der Krönungsfeierlichkeiten in Moskau sind demnach keineswegs rosige. Und wenn auch das Fest ohne Unfall vor sich gehen sollte, — die Lage des zu krönenden Herrscherpaares, seiner Umgebung und der Fest- genossen ist keine beneidenswerthe. Statt mit Freude und inneren Jubel wird der dritte Alexander mit Angst und Sorge die Krone auf sein Haupt nehmen. Das „Volk" wird den Thron umstehen, wird jubeln und Beifall rufen, aber das bestellte, bezahlte Volk, die Kosaken und Geheimpolizisten. Das eigentliche Volk muß vorsichtig fern gehalten werden, damit keine Bombe platzt und kein Schuß den Thron erreicht.
Wenn wir nun fragen, ob denn Alexander III. nichts gethan hat, um sich die Sympathien des Volkes wieder zu erwerben, die seine Vorfahren zum Theil durch ihre eigene Schuld verloren haben, so ist die Antwort nicht gerade leicht.
Nach dein schrecklichen Kaisermorde, der ihn auf den Thron seiner Väter brachte, stand Alexander III. vor der Alternative, ob er durch Strenge oder durch theilweise Nachgiebigkeit die unruhige Masse zähmen sollte. Das Volk verlangte Con- cessionen, es rief nach einer Verfassung, nach Ab- schassmtzz ma-n arjitytc sich
damals sogar, Alexander dem II. habe vor seinem gräßlichen Ende bereits der Entwurf zu einer Art neuen Verfassung vorgelegen. Alexander III. zog die Strenge der Nachgiebigkeit vor; in seinem Manifest vom Mai 1881 hielt er das Prineip der selbstherrlichen Gewalt aufrecht und machte dadurch die Hoffnungen Vieler zu Schanden.
Ohne den Bestrebungen der Nihilisten gegenüber auch nur die geringste Schwäche zu zeigen, hätte wenigstens der erste Schritt zu einer Constitution gethan werden können, und zwar durch Einsetzung duldig zu werden — wurde der Schlüssel umgedreht, die Pforte geöffnet, während im selben Moment ein Lichtschein aus dem Wagen die unheimliche Scene erhellte und auch die Thür desselben sich öffnete. Zwei Männer zeigten sich mit einer Art Bahre, auf welcher ein verhüllter Gegenstand lag.
Schnell, schnell in den Wagen, hörte man flüstern, doch im selben Moment fühlten sich jene beiden Männer ergriffen und zu Boden geworfen.
Ein gellender Pfiff ertönte, von allen Seiten tauchte die Polizei auf, um sich des Kutschers sowie der Pferde zu bemächtigen. Das war nun freilich nicht so leicht wie man glaubte. Wüthend schlug der Kutscher mit der Peitsche um sich und dann auf die Pferde, welche sich wild bäumten und nun wie rasend davonstürmten.
Nur einen kurzen Moment war es Otto vergönnt, an den Wagenschlag zu treten, nur einen einzigen Blick hatte er auf die stolze Gestalt werfen können, die vom Lichte der kleinen Blendlaterne, rvelche die Zofe starr und regungslos in der Hand hielt, hell beleuchtet, ihn tödtlich erschreckt angeblickt, — bann waren bie Pferbe davongerast, Alles nieber- werfend, was sich ihnen in den Weg gestellt.
Otto hatte die Fürstin Romilli erkannt, er ath- mete auf, wie von einem Alp befreit und beugte sich dann zu der regungslosen Gestalt, welche schwach athmend auf der Bahre lag, noch von dem verhüllenden Tuche bedeckt.
einer Volksvertretung, die natürlich noch nicht sogleich den fortgeschrittenen Grundsätzen des ganzen modernen Constitutionalismus hatte zu entsprechen brauchen. Rußland benöthigt aber unter allen Umständen eines Organes, durch welches vor Allem die Wünsche und Anliegen des Volkes und die Fehler und Mißgriffe der Verwaltung in geeigneter Weise in die öffentliche Diskussion gezogen werden. Heute ist der Czar und seine Regierung auf die Berichte und die Kenntniß angewiesen, welche ihnen von zum Theil sehr unzuverläsigen, ja vielfach bestechlichen Beamten zugehen, die Presse ist geknebelt und darf nur das schreiben, was der Regierung angenehm ist, sogar der telegraphische Nachrichtendienst nach dem Auslande unterliegt einer chikanösen Censur, die alles der Regrerung Unangenehme unterdrückt. Solche Zustände sind unhaltbar, und der dritte Alexander hätte unserer Ansicht «ach die heilige Pflicht gehabt, hier Remedur eintreten zu lassen. Daß die despotische Strenge, daß die Knute und die Polizeiwillkühr nicht im Stande ist, das Volk zu bändigen, hat die Vergangenheit bewiesen. Stelle man das Verbrechen und bie Ausschreitung ber Leibenschaft, auch in ber Presse unter bas gemeine Recht unb unter strenge Strafe, halte man ein wachsames Auge auf alle verbächtigen Subjecte, ja gebe man vorläufig in ber Hinsicht ber Polizei die größten Befugnisse, aber bau eben lasse man auch Gerechtigkeit walten, entziehe Niemanden seinem ordentlichen Richter, höre auf die Volksstimme, wenn sie ein gerechtes Verlangen
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Corruption'der Beamten.
Auf diesem Wege wird das Volk allmählich zur Erkenn tu iß kommen, daß ihm bessere Zeiten erblühen können, wenn es nur selbst mithilft, den Staat vor dem Ruin zu retten. Der überwiegende Theil des russischen Volkes hat bisher absolut kein Interesse an dem Staatsleben, ihn leitet nur die Furcht vor der Knutenwillkür in jeglicher Gestalt, oder der Haß gegen das ganze Beamtenthum oder aber der persönliche Vortheil der aus der Augen- bienerei erwächst.
Tragt bie Bahre in's Gefängniß zurück, befahl ein höherer Polizeibeamter, aber vorsichtig!
Der Befehl würbe sogleich.ausgeführt, das Licht einiger mitgebrachter Laternen erleuchtete das Dunkel der Nacht. Als Otto die Bahre begleiten wollte, fühlte er sich am Rock zurückgehalten.
Sie haben Recht gehabt, flüsterte der Vetter des Apothekers, jetzt soll der Schurke an's Messer.
Darf ich das Gefängniß betreten ? fragte Otto den Polizei-Commissar.
Nein, mein Herr! haben Sie indeß keine Sorge, die Gefangene kommt sogleich in weibliche Obhut.
Nun bann, vorwärts! sprach ber Anwalt leise, nehmen wir unfern Mann mit uns.
Während die Polizei ihre beiden gefesselten Gefangenen ebenfalls durch den Garten transportirte, schritten die beiden Männer rasch der Wohnung des Anwalts zu, wo letzterer ohne Umstände ein Verhör mit dem Vagabunden beginnen wollte.
Stopp, sagte dieser, sich zu Otto wendend, so war's nicht gemeint, die Herren denken, mich in eine Falle zu locken.
Nein, versetzte Otto, hier ist das Geld, Sie können wählen, in Papier, Gold oder Silber.
Silber liebe ich am meisten, wenn's nicht so schwer wäre, mag's drum Papier sein.
Otto schob ein Päckchen Banknoten vor ihn hin, welche der. Vagabund mit funkelnden Augen überflog.
Alles richtig, nun noch die Ueberfahrt nach Amerika, das Geld möchte ich in Silber haben.