Beiblatt zu Nr. 96 der,Uuldaer Zeitung/
Sonnabend, den 28. April 1883.
(!) Dis Mjährigr Jubiläum btt St. tzliludtlhtubicht iu Marburg.
Am 1. Mar d. I. werden 600 Jahre verfloffen sein, seit die hiesige St. Elisabethenkirche, dieses edelste Denkrnal mittelalterlicher deutscher Baukunst, kirchlich eingeweiht und dadurch dem regelmäßigen Gottesdienste übergeben wurde. Der Grundstein zu derselben wurde am Vorabende des Festes Mariä Himmelfahrt, den 14. August 1235 von dem Landgrafen Konrad, Schwager der hl. Elisabeth gelegt; an der Fertigstellung der Grundmauern wurde bis zum Jahre 1255 gearbeitet, der eigentliche Bau der Kirche mit Ausschluß der Thürme wurde bis zum Jahre 1283 vollendet, so daß am 1. Mai jenes Jahres die feierliche Einweihung dieses herrlichen Domes erfolgen konnte. Der Ausbau der Thürme, sowie die innere Vollendung der Kirche dehnte sich bis ins 14. Jahrhundert aus.
Das prächtige Gotteshaus erfüllt den Beschauer schon seiner einfachen, aber majestätischen äußeren Bauart wegen mit größter Bewunderung und lenkt das gefühlvolle menschliche Herz himmelwärts. Rein und makellos wie eine Jungfrau steht der Bau vor uns noch so unversehrt, trotzdem schon 600 Jahre an ihm vorübergegangen sind. Die Zierrathen des gothischen Styis, die man z. B. in so hohem Maße am Kölner Dome findet, fehlen hier vollständig; nur über dem westlichen Haupteingange der Kirche, zwischen den zwei ganz gleichen 303 Fuß hohen Thürmen befinden sich zwei schöne Spitzbogen übereinander; in dem unteren, gerade über dem Haupteingange befindlichen steht die hl. Jungfrau Maria mit dein Christuskinde in Stein ausgehauen; zu ihren Füßen liegen symbolisch die Sünden und Laster besiegt; rechts von ihr entsprießt ein Weinstock mit Trauben und links ein Rosenstock voll Rosen. Diese Arbeit ist ganz in Stein, höchst kunstvoll und der Wirklichkeit entsprechend ausgeführt. Der zweite Spitzbogen enthält ein großes schönes buntes Fenster, das wieder aus drei einzelnen spitzbogigen Fenstern besteht. Hierüber befindet sich zwischen den zwei Thürinen und als Abschluß des Schiffes der Kirche nach der Westseite ein aus Stein meisterhaft gearbeiteter Giebel, in dem sich jetzt die Uhr, sowie in Lebensgröße aus Stein gehauen die Statuen Christus mit den beiden ersten Aposteln Petrus und Paulus befinden. An dieser westlichen Fa^ade der Kirche, der Hauptfront derselben, ist der einzige äußere Schmuck angebracht worden, derselbe steht aber in vollster Harmonie mit dem gesammten übrigen einfachen und doch majestätischem Baue.
Wenn schon der äußere Bau des herrlichen Domes in seiner Gesammtheit einen tief ergreifenden Eindruck auf den Beschauer ausübt, so thut dies in noch viel höherem Maße das Innere der Kirche. Tritt man durch den Haupteingang in dieselbe ein, so sieht man 2 prächtige Säulenreihen, welche das Innere der Kirche in 3 gleich hohe Schiffe theilen, in das Hauptschiff und die 2 Seitenschiffe. These Säulen, nicht sehr dick, ragen schlank in die Höhe, um das herrliche gothische Gewölbe zu tragen. Vor uns sehen wir den breiten Lettner, welcher die 3 Schiffe der Kirche vor dem Hauptchore und den 2 Seitenchören (dem nördlichen und südlichen) trennt. Neben Darstellungen aus dem Leben unseres Heilandes sind noch zahlreiche Heiligenfiguren in demselben ausgestellt. Der Lettner ist in seiner gesammten Ausführung ein schönes christliches Kunstwerk. Gerade mitten über demselben befindet sich gleichsam freischwebend im Raume der Kirche ein großes Crucisix mit dem gekreuzigten Heiland und zu beiden Seiten die heilige Jungfrau und der Apostel Johannes. Hinter dem Lettner erblickt man die bunten Chorfenster, von welchen die ältesten noch erhaltenen die besten sind. Auf denselben ünd biblische Geschichten, sowie Ereigniffe aus dem Leben der hl. Elisabeth dargestellt. Aus den beiden Seitenschiffen führt je eine Thür durch den Lettner m die beiden Seitenchöre, von welchen aus man m den Hauptchor gelangt. Hier steht der Haupt- mtar, ein Kunstwerk, ganz aus Stein gearbeitet. Rechts von dem Hallptaltar befindet sich in der
Wand noch das Sakramentshäuschen, um das herum verschiedene Lobsprüche auf das allerheiligste Sakrament in lateinischer Sprache geschrieben stehen; links von dem Hauptaltar (südlich) steht der aus Holz kunstvoll geschnitzte Bischofssitz, über welchen ein Bild der heil. Elisabeth mit dem Modell der Kirche in der Hand aus Holz gearbeitet aufgestellt ist. In diesem Hauptchore stehen noch die alten Chorstühle, in welchen ehemals die deutschen Herren während des Gottesdienstes Platz nahmen. Im üblichen Seitenchore befinden sich die Grabdenkmäler von hessischen Fürsten aus Stein; im nördlichen Seitenchore ist die Grabstätte der heiligen Elisabeth. Es ist dieses eine länglich viereckige Halle, über dem Boden der Kirche erbaut, in der seit dem Jahre 1249 hinter einem eisernen Gitter der kunstvolle Sarg mit den Gebeinen der heil. Elisabeth stand. Roch heute sieht man die Stufen vor diesem Monument von den Knieen der frommen Pilger ausgehöhlt. In diesen 2 Seitenchören befinden sich noch 4 Nebenaltäre mit alten werthvollen Holzschnitzereien, welche Begebenheiten aus dem Leben der hl. Elisabeth und anderer Heiligen darstellen. Diese Altäre sind mit Thüren versehen, auf deren Innenseite ebenfalls kunstvolle Bilder aus dem Leben der hl. Elisabeth angebracht sind. Das Innere der Kirche, welches durch eine lieber» schwemmung im Jahre 1847 sehr gelitten hatte, ist durch den verdienstvollen Professor Lange in den 50er Jahren geschmackvoll, dem erhabenen Baue entsprechend, restaurirt worden.
Dieses ist in kurzen Umrissen die herrliche Kirche der hl. Elisabeth, deren 600jähriges Einweihefest am 1. Mai dieses Jahres begangen werden soll. Jedermann wird finden, daß diese Kirche in ihrer ganzen Anlage, und auch noch nach ihrem heutigen Zustande ganz katholisch ist, wiewohl sie heutigen Tags dem evangelischen Gottesdienste dient. Die Kirche war katholisch bis zur gewaltsamen Einführung der Reformation in Hessen durch den Landgrafen Philipp; der erste evangelische Gottesdienst fand auf Anordnung dieses Landgrafen in derselben statt am Sonntage „Exaudi“ des Jahres 1539 (am 6. Sonntage nach Ostern), an welchem Tage auch derselbe Landgraf die Reliquien der hl. Elisabeth, seiner Ahnfrau, aus ihrem Sarge nahm und sie dem Statthalter von Collmatsch übergab, der sie in einen gemeinen Futtersack steckte und durch einen Diener auf das hiesige Schloß bringen ließ. Man nimmt zwar an, daß die Gebeine später wieder in der Kirche beigesetzt worden sind, sicher erwiesen ist es aber nicht. Mit der Einführung der Reforination in Hessen wurde der katholische Gottesdienst für ganz Hessen, also auch für Marburg, untersagt. Dieser Zustand hielt in Marburg an bis zum Jahre 1787, in welchem „das römisch-katholische Religions-Exercitium" hier- selbst wieder gestattet wurde, so daß in Folge dessen am 14. December 1788 zum ersten Male wieder seit 1539 katholischer Gottesdienst meinem zur Kapelle hergerichteten Zimmer des Hospitals abgehalten wurde. Der katholische Geistliche hatte aber damals noch keinerlei pfarramtliche Rechte; alle diese Angelegenheiten, Trauungen, Taufen u. s. w. gehörten vor das lutherische Conststorium Hierselbst. Unter der französischen Fremdherrschaft wurde dann dem katholischen Pfarrer das Recht beigelegt, alle pfarramtlichen Handlungen bei der hiesigen katholischen Gemeinde selbst vorzunehmen; auch wurden der hiesigen katholischen Gemeinde zur Abhaltung ihres Gottesdienstes die 3 Chöre der St. Elisabethenkirche im Jahre 1811 überwiesen, so daß die Lutheraner die 3 Schiffe und die Katholiken die 3 Chöre der Kirche besaßen. Die hessische Regierung suchte aber später diese Doppeltheilung der Kirche wieder rückgängig zu machen, und so kam es, daß den Katholiken im Jahre 1828 die ehemalige Kugelherrnkirche, in welcher jetzt noch der katholische Gottesdienst abgehalten wird, überwiesen wurde, wofür auch die 3 Chöre der St. Elisabethenkirche der hiesigen lutherischen Gemeinde überlassen werden mußten.
Unter diesen Verhältnissen naht der 600jährige Tag der Einweihung dieses herrlichen deutschen, in allen seinen Formen ganz katholischen Gottes
hauses heran. Es ist den Katholiken nicht möglich, diese 600jährige Jubelfeier zu Ehren der hl. Elisabeth in ihrem herrlichen Gotteshause auf eine ihr würdige Weise zu feiern. Keine Bischöfe, keine Prälaten, keine Geistlichen werden wie vordem an dec ehrwürdigen heiligen Stätte das hl. Meßopfer feiern, die weiten Hallen werden nicht wiedertönen von dem frommen Bittgesänge: Sancta Elisabeth, ora pro nobis, Niemand wird ihr heiliges Tugendleben, ihre christliche Barmherzigkeit gegen die Armen und Nothleidenden, die fie gerade hier nur aus Liebe zu Gott gepflegt, und wodurch sie die Krone der Heiligen sich erworben hat, gebührend schildern und würdigen. Als ehedem Marburg noch katholisch war, war der 1. Mai jährlich ein Hauptfesttag, und noch bis auf den heutigen Tag wird diese Erinnerung hier wach gehalten dadurch, daß am letzten April mit der größten Glocke der Kirche in der Mittagsstunde geläutet wird. Um nun diesen Tag im laufenden Jahre außergewöhnlich zu feiern, sind von der lutherischen Geistlichkeit, von der Stadt und von Privaten besondere Festlichkeiten in Aussicht genommen worden.
Am 1. Mai wird darnach ein besonderer Festgottesdienst in der Kirche abgehalten werden, die Umgebung der Kirche wird festlich geschmückt werden, die Bewohner Marburgs sind gebeten, den Tag als Festtag zu begehen und die Straßen und Häuser zu schmücken. Die Kirche selbst soll am Abende des 1. Mai mit elektrischem Lichte beleuchtet werden. Als Andenken an diese 600jährige Jubelfeier wird ein sehr werthvolles Altarkreuz für den Hochaltar der Kirche angeschafft, dessen hohe Kosten durch namhafte Beiträge Seitens des königl. Consistoriums und der Stadt, sowie durch freiwillige Gaben gedeckt werden sollen. Nicht wenig wird zur Verherrlichung dieses Tages und zugleich zur Verherrlichung unserer lieben hl. Elisabeth die Aufführung des v. Liszt'schen Oratoriums „Legende der hl. Elisabeth" beitragen, welche Hierselbst am Nachmittage des Festtages von 5 Uhr an in der geräumigen lutherischen Kirche stattfinden wird. Der hochw. Herr Abb« v. Liszt wird dieser Aufführung persönlich beiwohnen und dadurch wesentlich zur Verherrlichung des Festes beitragen.
Siu SpUMguug durch Sugluubs Graf- lchusttu Ktut uub Mbits».*'
Von Wilhelm Herchenbach.
IV.
Deutsches Keufiouat in Hendon. Das Narrenhaus. Saluatisu-Army (die Keilsarmer).
Im Pensionate von St. Joseph's Convent zu Hendon, welches von deutschen Nonnen geleitet wird, und wo die Mädchen eine tüchtige Erziehung und eine ausgezeichnete Bildung erhalten, wohnte ich dem deutschen, französischen und englischen Unterrichte bei. Da ich hin und wieder selbst fragte und einen ganz andern Ton anschlug, als die Schwestern, auch mit der Materie nicht auf dem gerade betretenen Gebiete blieb, so war eine Paradeleistung, wie sie nicht allein in England, sondern auch in Deutschland den Fremden vorgeführt werden, nicht möglich. Ich überzeugte mich, daß hier in Wahrheit etwas Tüchtiges gelernt wurde und nehme deshalb keinen Anstand, deutschen Mädchen diese englische Schule zu empfehlen. --
Gegenüber von St. Joseph's Convent, auf Ra- vensfield, lag ein großer Park, dessen prachtvolle Bäume eben das junge Laub aus den Knospen entließen. Am Thore lag das kleine Pförtnerhaus. Nur an dem Rauche des Schornsteines konnte ich sehen, daß es bewohnt war, denn in der Zeit, die ich in Hendon weilte, habe ich ein lebendes Wesen nicht bemerkt. Der Bewohner saß wie eine Schnecke in seinem Hause und machte sich weder aus dem Vogelgesange, noch aus den enthüllten Blättern und den duftenden Blumen etwas.
Weit im Parke lagen unter den Bäumen große
*) Nachdruck verboten.