Sonnabend, den 28. April
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O Urtheile der presse über die kirchenpolitische Debatte.
Die Meinungen der Blätter der verschiedenen Parteirichtungen über die kirchenpolitische Debatte vom letzten Mittwoch sind sehr getheilt. Die nationalliberale Presse macht mit der freiconserva- tiven gemeinschaftliche Sache in dem Ausdruck lebhaftester Unzufriedenheit mit dem, wenn auch nur theoretischen Siege, den das Princip der kirch- sichen Freiheit durch die mit 2/g-Majorität erfolgte Annahme der conservativen Resolution errungen hat. Sogar die ,Köln. Ztg.', welche in den letzten Wochen lauter als irgend Jemand Friedenslieder sang, schlägt wieder einen recht streitbaren Ton an. Aus allen diesen Zornausbrüche» leuchtet nur der geheime Aerger darüber hervor, daß nun die „Kirchlichen", Conservative und Centrum, der liberalen Beihilfe entrathen können und allein für ihre Ansichten eine höchst -espektüblc Mehrheit aufzubringen im Stande sind. Das Blättchen fängt an sich zu wenden. Die großen Majoritäten, mit denen die Maigesetze vor 10 Jahren in die Welt gesetzt wurden, sind in dem seit den letzten Jahren allmählich sich vollziehenden Umschwung wie Schnee an der Sonne zerschmolzen, und heute findet sich im preußischen Abgeordnetenhause eine ^/g-Majorität von 209 Stimmen, welche gegen nur 154 Stimmen eine Resolution beschließt,' die eine „organische" Revision der Maigesetze durchgeführt zu sehen
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Ein verhängnitzvoller Hatz. Novelle von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.) 12.
Otto schlug draußen den ihm so wohlbekannten Weg nach der Apotheke ein. Als er in eine andere Straße einbog, sah er Wagner im hellen Gaslicht rasch dahinschreiten; es kostete dem jungen, gewandten Manne nicht viel, ihn einzuholen, doch hielt er sich mit kluger Berechnung eine hinreichende Strecke zurück, um nicht von ihm erkannt zu werden.
Dort war das Eberhard'sche Haus. Unwillkürlich hielt Otto den Fuß an, als die Macht der Erinnerung urplötzlich auf ihn einstürmte. Düster, mit geschloffenen Läden, wie ein Leichenhaus lag es da, inmitten des freundlichen Gartens, wo trotz des finsteren Bannes der Lenz seinen Einzug hielt.
Wo war der Apotheker geblieben? Otto spähte umher, vielleicht war derselbe schon in sein Haus eingetreten, das nur durch die beiden Gärten, welche aneinander stießen, von dem Eberhard'« schen Hause getrennt war. Doch nein, da tauchte Wagner's Gestalt wieder auf neben ihm eine andere, beide traten durch eine Pforte in des Apothekers Garten.
Wie von einer inneren Eingebung getrieben, eilte Otto geräuschlos vorwärts und schwang sich mit turnerischer Gewandtheit über die Gartenpforte,
wünscht, also das ganze leitende Princip des unseligen Kulturkampfes offen verurtheilt. Dieser Umschwung in der Situation mag den Liberalen bitter sein, aber ändern läßt er sich nicht.
Auch die seltsamen Versuche, die Sache fo darzustellen, als ob die Conservativen bereis Reue über ihr Votum empfänden, als ob sie auf Grund einer vermeintlich authentischen Information des Reichskanzlers gegen den Willen der Regierung gestimmt hätten, erweisen sich als gänzlich verfehlt. Obwohl bestimmt behauptet wird, der Reichskanzler sei von dem conservativen Vorgehen keineswegs erbaut, hält die Parteipreffe der Deutschconservativen stramm und unentwegt an dem einmal eingeschlagenen Wege fest. So sagt die .Kreuzzeitung':
„Bei der gestrigen Abstimmung hat sich — und das ist es, was die Liberalen besonders verdrießt — herausgestellt, in welchen Reihen selbst für den Fall des Scheiterns der diplomatischen Verhandlungen, die Majorität für eine organische Revision der Maigesetze zu finden ist, und wo diese Revision einzusetzen hat. Und daß es den Deutsch-Conservativen Ernst ist damit, das hat die gestrige Verhandlung und das Abstimmungs-Verhält- niß gezeigt. Diesem Resultat gegenüber werden alle noch so weisen Bemerkungen über vermeintlichen Mangel an „politischem Verständniß" und über die „hochkirchliche Gruppe" u. s. w. ohne Eindruck bleiben. Ueberdies finden wir in dem Resultate zugleich eine Bestätigung dessen, was wir im März d. I. unter Berücksichtigung der gesummten Situation schrieben: „Es muß endlich im Interesse des deutschen und preußischen Volkes ein Ende gemacht werden mit einem Zustande, unter dem unsere gesummte innere Entwickelung stagnirt, die dringendsten Ausgaben auf socialem und wirthschaftlichem Gebiet vergebens ihrer Lösung harren."
Auch der .Reichsbote' erklärt, es sei die all er höchste Zeil, dem Streite ein Ende zu machen; falls bis nächsten Herbst nicht bestimmte Resultate durch die Unterhandlungen mit dem Vatican erzielt seien, müsse die conservative Partei mit selbstständigen Vorschlägen für ein Reuregultrung des Verhältnisses von Staat und Kirche vorgehen. Die Motive, welche der .Reichsbote' für feine Eile anführt, sind recht intereffant. Das conservative Blatt meint:
„Es ist allerhöchste Zeit, daß der Streit nicht mehr länger verschleppt werde. Wer den großen Einfluß der welche zum Hause seines Pflegevaters führte. Niemand hatte das Gebühren des kecken Eindringlings gesehen, die Straße war öde und wie aus- gestorben. Rasch durchschritt er den Garten, der tausend schmerzliche und frohe Erinnerungen in ihm weckte, die er in diesem Augenblick mit starker Willenskraft niederkämpfen mußte. Die Wege waren mit Gras bewachsen, welches seinen Schritt unhörbar machte. Des Nachbars Garten war ihm ebenso genau bekannt, wie dieser, in welchem er als Kind mit Nanni gespielt, mit ihr, die nun eines fürchterlichen Verbrechens angeklagt, im Ge- fängniß saß, eines Verbrechens, welches, davon war er überzeugt, Niemand anders begangen hatte, als jener Mann, der seine mörderische Faust nach der armen Dulderin ausstreckte.
Das Herz des jungen Mannes, von der furchtbarsten Aufregung erfüllt, schlug zum Zerspringen. Nun stand er an der dichten Dornenhecke, welche die beiden Gärten trennte, doch vermochte sein scharfer Blick, welcher die Dunkelheit zu durchdringen suchte, nicht das Geringste zu entdecken. Plötzlich besann er sich und schritt weiter längs der Hecke, bis seine tastende Hand eine Bretterwand fühlte. Dieselbe gehörte zu einem Gartenhäuschen des Apothekers und diente hier als Grenze, auch wohl ftüher als Spähwinkel desselben in den Nachbargarten.
Ein leises Husten und Räuspern verrieth dem jungen Manne, daß die Gesuchten sich in der
Kirche auf das sittliche und sociale Leben des Volkes kennt, der weih zu ermeffen, was es besagen will, wenn in der katholischen Kirche Preußens ca. 2000 Pfarrstellen unbesetzt sind. Die religiöse und sittliche Verwahrlosung trifft unser ganzes Volks- und Staatsleben. Ueberdies ist die Befürchtung nur zu begründet, baj$ bei längerer Fortdauer des Culturkampfes die konservativ gerichteten Mitglieder des Centrums von dein „Berg" erdrückt werden, daß das katholische Volk seinem Aerger und Mihmuth in radikalen deinokratischen Wahlen Ausdruck gibt, und dann die linksliberalen Parteien mit dem Centrum eine große Mehrheit im Parlamente bilden. Diese Gefahr ist positiv vorhanden."
Die Organe unserer Partei sind ebenso wie die Abgeordneten des Centrums von dem Resultate der Verhandlurg durchweg befriedigt. Die ,Germania' hält die Annahme der konservativen Resolution für eine Errungenschaft. Sie führt aus, das Abgeordnetenhaus überbiete damit die Regierung an Friedensliebe und habe endlich das erlösende Wort für die organische Revision gesprochen. Intereffant und bemerkenswerth ist auch die gestrige Aus- laffung der.Kölnischen Volkszeitung',welche bekanntlich in letzter Zeit in kirchenpolitischen Dingen dem Pessimismus gehuldigt hatte. Das Hauptorgan der rheinischen Katholiken schreibt sehr packend und treffend:
„Wer den Verlaus der gestrigen Berathung des Antrages Windthorst aus Freigebung des Messelesens und der Sakramentespendung vollständig würdigen will, muß sich an die unerquicklichen Vorgänge erinnern, welche die Berathung des gleichen Antrages im Jahre 1881 begleiteten. Auch damals hatte die Kulturpaukerei schon abgewirthschastet, war Reue und Ekel längst in konservativen und liberalen Herzen eingekehrt, und trotzdem fand dmnals Herr v. Bennigsen noch den Mtith zu einer gif- rigen Hetzrede, Herr v. Püttkamer antwortete mit einem schroffen Rein,'und die Konservativen brachten eine Tagesordnung ein, welche von einer Fortsetzung der diskretionären Bollmachtswirthschast das Heil der Zukunft erwartete. Ganz anders gestern. Der Culturkampf saß förmlich auf derAnklagebank, und kein Mensch ließ es sich beifallen, den armen Sünder zu vertheidigen. Herr v.Bennigsen schwieg und überließ es seinem Fraktionsgenoffen v. Epnern, sein Rednertalent in der Verlesung einiger Sätze zu äußern, welche der konservative Abg. Holz und der damalige Kultusminister vor ein paar Jahren gesprochen haben." _____________________
That hierher begeben hatten, in der natürlichen Voraussetzung, hier ganz sicher und unbelauscht zu sein.
Noch einmal muß ich ss wiederholen, Franz, begann der Apotheker mit unterdrückter Stimme, daß Du es versuchst, mich zu schröpfen. Geh' hin und zeige mich an, ich gebe Dir volle Freiheit dazu. Das Gericht wird sich besinnen, auf die Aussage eines Vagabunden hin mich zu verhaften. Ich habe mehr gethan für Dich, als ich vor mir selber verantworten kann.
Oho, Vetter, was Du mir gabst, erpreßte nur die Furcht, lachte der Andere mit heiserer Stimme.
Ich gab es Dir, weil Du mein Vetter bist, versetzte Wagner zornig, und weil Du mir Schande machst, deshalb gab ich Dir soviel,um nach Amerika zu kommen und dort ein besseres Leben zu beginnen. — Anstatt dessen bleibst Du in Hamburg, verprassest das Geld und kehrst als Vagabund mit leeren Taschen in die Heirnath zurück, wähnend, mich aus's Neue mit Deinen albernen Märchen zu erschrecken. Nein, mein Junge, da hast Du Dich denn doch gründlich verrechnet.
Wirklich? höhnte der Andere, hm, es könnte doch sein, daß Du ein falsches Facit gezogen, Vetter! Ich habe Beweise in Händen, welche Dir ohne Gnade den Hals brechen müssen.
Beweise? rief Wagner weniger zuversichtlich, da wäre ich denn doch begierig. — (Forts, folgt.)