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Donnerstag, den 26. April
1883
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Ein verhängnisvoller Hatz.
Novelle von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.)
Wer bewohnt denn das Zimmer nebenan? fragte er, sich gewaltsam fassend.
Eine Dame, welche vor zwei Stunden mit der Bahn eingetroffen.
Allein, ohne Dienerschaft?
In Begleitung einer Kammerjungfer und eines Dieners.
Sie nennt sich?
Frau Reinhard.
Es ist gut, ich habe noch zu thun, Sie können später, wenn ich ausgegangen, meinen Koffer packen.
Der Hausknecht ging. — Otto verriegelte die Dhür und öffnete auf's Neue den Schrank. Die hölzerne Rückwand desselben bildete an dieser Stelle die Zimmerwand und diente zugleich zu tinem gleichen Schrank im Nebenzimmer.
Jetzt vernahm er die Stimme eines Mannes, welche ihm ebenfalls bekannt, wie eine Neminis- seiner Kindheit erschien. Wo hatte er diese Stimme nur gehört?
. Bevor er Zeit fand, darüber nachzugrübeln, lesselten die Worte des Mannes seine ganze, un- ö^heilte Aufmerksamkeit.
So haben Sie also die Flucht der Gefangenen bewerkstelligt, Madame? hörte er den Mann verwundert fragen.
Indirekt durch Gold und Anleitung, allerdings, lautete die unumwundene Antwort der Dame, deren Stimme unfern jungen Künstler vom Scheitel bis zur Sohle erbeben machte. Sie sehen, mein Herr! fuhr sie ruhig fort, wie sehr ich Ihnen vertraue, da uns Beide ein gleiches Jntereffe in dieser Sache leitet. Sie lieben die Gefangene, ich den früheren Geliebten derselben, den ich um jeden Preis in meine Arme zurückführen will. Otto Eberhard wird Alles aufbieten, um die Giftmischerin zu befreien und sie zu seiner Gattin zu machen, er besitzt eben ein deutsches Gewiffen und ist sentimental genug, dieser lächerlichen Chimäre seine ganze Zukunft zu opfern. Sie, mein Herr, sind darüber hinweg, der Tod des eigensinnigen Malers beweist Ihre Energie —
Madame! unterbrach der Mann sie erschreckt, Sie glauben doch nicht —
Bah, lachte die Dame, nur dieses Gericht konnte Sie frei ausgehen laffen, da Sie Ihre Karten sehr schlau gemischt haben, ich muß Ihnen mein Compliment deshalb machen. Sie sehen aus alledem, mein Lieber, wie genau ich mit dieser Geschichte mich vertraut gemacht, wie rasch ich von meinen Agenten bedient worden bin; der goldene Schlüssel öffnet alle Herzen und Thüren, er ist der größte der Zauberer der Welt. — Mein Plan war gut, die Gefangene sollte mit dem bestochenen Wächter entfliehen und damit ihre Schuld bestätigen. Ihr Paß lautete auf Hamburg und von
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* Zur kirchenpolitischen §age.
Die Verhandlungen über den Antrag Windt« horst, welchem allseitig nut so großer Spannung entgegengesehen wurde, sind vorüber. Der Vorschlag des Centrums, das Sakramentespenden und Mesielesen staatlich nicht anerkannter Priester fernerhin nicht inehr unter Strafe zu stellen, ist von der Majorität des Abgeordnetenhauses abgelehnt worden. Daß die Conservativen das Centrum im Stich gelassen haben, läßt sich nur aus ihrer schon so oft beklagten Abhängigkeit gegenüber der Regierung erklären. Während in der conservativen Presse und auch bei den gestrigen Verhandlungen selbst unumwunden eingestanden wurde, daß die Forderung der Katholikeu eine durchaus gerechte und auch dringende sei, hatte man auf conservatioer Seite doch nicht den Muth, entgegen den taktischen Motiven der Regierung für die Beseitigung des einmal erkannten Fehlers und Unrechts einzutreten. In wieweit die Aufhebung der in Frage kommenden, selbst vom Fürsten Bismarck neuerdings als ungerecht anerkannten Strafbestimmungen in den Gang der Verhandlung mit Rom störend eingreifen könnte, vermag unser beschränkter Unterthanen-Verstand nicht einzusehen. Nur wenn, was wir nicht annehmen wollen, mit den kirchenpolitischen Concessionen diplomatische Handels-Politik getrieben werden soll, könnte davon die Rede sein.
Eine andere Frage ist die, ob es, falls die Regierung ernstlich beabsichtigt, baldigst eine gründliche, umfassende und definitive Neuregelung der gesammten kirchenpolitischen Verhältnisse zweckmäßig ist, für eine verschwindend kurze Zwischenzeit einen Zustand einzuführen, welcher allerdings den Gläubigen wieder in vollem Maße die Tröstungen der Religion zugängig machte, dabei aber die kirchliche Ordnung in Frage stellte. Da wir hoffen in Preußen, über kurz oder lang doch wieder zu völlig geregelten kirchlichen Verhältnissen zu gelangen, wäre der durch die Annahme des Windthorst'schen Antrages geschaffene Zustand, der Preußen ge
wissermaßen zu einem Missionslande machte, immerhin noch als ein Uebel anzusehen, welches freilich dein heutigen heillosen Zustande unbedenklich vorzuziehen ist. Da wir nach den bisherigen Erfahrungen und der gradezu unerträg lichen Politik des Aufschiebens und Hinhaltens allen Grund haben, zu bezweifeln ob die Regierung schon so bald mit ihren Versprechungen Ernst machen wird, ist die Ablehnung des Windthorst'schen Antrages immerhin sehr bedauerlich.
Trotzdem hatte die gestrige Verhandlung auch ihre erfreuliche Seite. Der mit großer Majorität angenommene konservative Antrag beweist klar und deutlich, daß die Volksvertretung gerne bereit ist, zu einer organischen Revision der Maigesetze mitzuwirken. Die Sache ist demnach lediglich auf den guten Willen der Regierung gestellt, sie kann sich nicht mehr hinter dem Zweifel verschanzen, ob sie mit ihren Anträgen im Abgeordnetenhause durchdringen werde. Kein kulturkämpferisches Schlachtgeschrei wurde gehört, die Kulturkämpfer hüllten sich in vorsichtiges Schweigen, sie erkennen immer mehr, daß sie mit dem lauten Vortrag ihrer abgestandenen Phrasen und Schlagwörter ihrer eigenen Sache nur noch mehr schaden könnten.
Was nun endlich die Aufklärung des Ministers über die Verhandlungen mit Rom angeht, so ist daraus mit Bestimmtheit zu entnehmen, erstens, daß die Verhandlungen nicht abgebrochen, sondern weitergeführt werden, zweitens, daß bereits eine Antwort auf den letzten Brief bt£> Papstes bereit liegt, welche keine Zurückweisung, sondern positive Vorschläge zur Regelung der Verhältnisse enthält, und zwar auch Vorschläge in der Richtung des Windthorst'schen Antrages, endlich drittens, daß die Verhandlungen einen guten Ausgang erwarten laffen.
Ziehen wir das Facit der gestrigen Berath- ung, so können wir sagen: Unsere Sache hat einen bedeutenden parlamentarischen Fortschritt gemacht. Eine feste und sichere Majorität hat sich unzweideutig für eine organische Re
vision der Maigesetze ausgesprochen, ein Beschluß, dessen Bedeutung schon deshalb nicht unterschätzt werden darf, weil nach all' den verschwommenen, unklaren Redensarten Über die Aenderung der kirchenpolitischen Verhältnissen zum ersten Male von competentester Seite die Forderung der „organischen" Revision als Princip aufgestellt worden ist.
* Die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses über den Antrag windthorst's, betr. die Straffreiheit des Messelesens und Sacramentespendens.
Berlin, 25. April.
In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses, zu welcher sich die Zuhörer auf den Tribünen äußerst zahlreich eingesunden hatten, weil die kirchenpolitischen Anträge des Centrums auf der Tagesordnung stehen, während auch die Bänke des Hauses gut besetzt waren, kam zunächst der vom Abg. Windthorst eingebrachte Gesetzentwurf betr. die Straffreiheit des Sakramentspendens unb des Messelesens, zur Verhandlung. Am Ministertische befindet sich der Cultus- minister v. Goßler mit dem Ministerialdirektor Barkhausen und einigen anderen Commissarien. Später erschien auch der Minister des Innern.
Ehe wir auf die heutige Debatte näher eingehen, theilen wir den Wortlaut des conservativen Antrages mit:
Das Haus der Abgeordneten wolle für den Fall der Ablehnung der Anträge der Abgeordneten Dr. Windthorst und Genoffen beschließen:
Die Erwartung auszusprechen:
Die lkönigkiche Sto?.tsr-g>erung wolle, sobald es die mit der Curie schwebenden Verhandlungen angezeigt erscheinen laffen, dem Landtage der Monarchie einen Gesetzentwurf vorlegen, welcher eine organische Revision der bestehenden kirchenpolitischen Gesetzgebung enthält,
und in Erwägung ziehen, ob nicht inUeberein- stimmung mit den Grundgedanken dieser organischen Revision vorweg Vorsorge zu treffen sei, daß diejenigen Bestimmungen beseitigt werden, in Folge deren Geistliche wegen Spendens der Sakramente und Meffelesens in Strafe gezogen werden.
Außerdem wurde noch eine motivirte Tagesordnung angekündigt von dem Abg. Hänel, Namens der cultur- kämpferischeren Mehrheit der Fortschrittspartei, welche ebensalls die organische Revision der Maigesetze fordert.
dort nach Amerika. Es gelang foweit glücklich, doch hatte ich wiederum das deutsche Gewissen bei meiner Berechnung vergessen, dasselbe machte mir den fatalen Strich und ließ die kleine Heilige in's Gefängniß zurückkehren. Der Telegraph benachrichtigte mich davon, worauf ich einen neuen Plan entwarf und Sie zu meinem Verbündeten erwählte. Sie lieben die Gefangene. —
Allerdings, rief der Mann, doch wüßte ich nicht, wie Ihr Plan verwirklicht werden könnte.
Sie beben vor keinem Mittel zurück, fuhr die Dame rasch fort, um Ihr Ziel zu erreichen, - oder können Sie es ruhig mit ansehen, daß ein Anderer, daß jener Eberhard die Gefangene zu befreien suchte, daß sie ihm freiwillig folgte?
Schon der Gedanke macht wild, — sprach Jener dumpf.
Nun wohl, mein Plan ist fertig, derselbe bietet Ihnen den Besitz der Geliebten, fuhr die Dame fort, selbst für den Fall, daß Sie Über keine großen Geldmittel verfügen könnten. —
Ich habe meine Apotheke bereits unter der Hand verkauft, meine Gelder flüssig gemacht, die ganze Stadt weiß, daß ich um dieser Geschichte willen nicht hier bleiben will.
Unwillkürlich stieß Otto einen Laut der Ueber- raschung aus, jetzt wußte er, wen er vor sich hatte, — den Apotheker Wagner, — wie aber die Fürstin Romilli, denn diese hatte er längst in der Dame erkannt, zu diesem Menschen sich