M 93
Mittwoch, den 25. April
1883
Jfiilitirr Ws Jrilmig.
Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- unv Feiertage ausgenommen. Bierleljädclicher Lbonnemenispceis ohne -vrmgerlohn und Bestellgeld: 1 Ml. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 SM. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.
Inserate: Die »ierspaltige Zeile oder Deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
PriMdkpkslhk der Fuldaer Zeitung'.
Kerli«, 25. April, 12 Ahr 10 Mi«.
Kki der hklltr Vormittag nm 11 Ahr brgannrnt« Kr- rathung des Antrags Mindthorst detrrffrnd dir Straf- lsßgkrit des Mkffklkfrns und >t« Sahrammlrfpra- Lens beantragte« die Eonfernatinen eine Kefa- tntion, welche die Aegiernng jnr Vorlage eines die organische Keoision der Maigesetze beswechenden Gesetzes anffordert, sowie zur Erwägung, ob nicht schon vorweg Aorsorge für Freiheit des Sa Kramentespendens nnd Messe lese ns getroffen werden könnte. Dieser Antrag wird angenommen, die Sentrnmsauträge dagegen abgelehnt werden. Der Cultusmi- «ister v. Goßler bezog sich in seiner Kede anf die Derhandlangen mit Aom nnd erklärte, daß die Antwort anf die letzte Kote des Papstes dem Kaiser vorliege.
Deutsches Reich.
Fulda, 25. April.
* Der ,Franks. Ztg.' wird von Berlin gemeldet: Die Conservativen werden bei der Berathung der Windthorst'schen Anträge eme Resolution einbringen, welche zu der Tendenz derselben ihre Sympathie ausspricht, aus Gründen der Opportunität aber dagegen rtüanw.-.. Ein Thoü der Fortschrittspartei stimmt für die Anträge, die Nationalliberalen dagegen, wahrscheinlich ohne Redner zu entsenden.
* Die .Germania' schreibt: Die Vorbereitungen auf die morgige Verhandlung über den Antrag Windthorst nehmen heute den ersten Rang auf der politischen Tagesordnung ein. Wie es heißt, ist das Staatsministerium mit der Redaction der Erklärung, welche gegenüber dem Anträge abgegeben werden soll, noch nicht fettig geworden. Die Situation bat ihre Scbwieria-
32
Der verhängnitzvolle Hatz.
Novelle von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.)
Nein, sie sagte mir nur, daß man sie mit List aus dem Gesängnisie gelockt habe, wahrscheinlich, um sie zu einer Schuldigen zu stempeln, — daß ihre Ueberlegung indessen bald zurückgekehrt fei und sie daraufhin jenen Entschluß gefaßt habe.
Dahinter steckt mehr, bemerkte der Anwalt nachdenklich, der Gefängnißwärter, welcher demnach von außen her bestochen worden und mit der Gefangenen entflohen ist, wird sich hüten, zurückzu- kehren. Rehmen wir an, der Fluchtplan wäre von dem Apotheker Wagner ausgegangen, was hätte er schließlich für einen Vortheil davon gehabt?
Er konnte fein Hab und Gut verkaufen und anderswo, vielleicht in Amerika, die Befreite Heimchen, rief Otto.
Möglich, sogar sehr wahrscheinlich, nickte der Doctor, eine Leidenschaft in solchen Jahren macht Menschen zu mancher Extravaganz sähig ^och will mir dieses, soweit ich den Apotheker kenne, nicht einleuchten, ja, wäre er Fräulein Eberhard's Zuneigung oder nur ihrer Einwilligung .gewesen, dann wäre mir die Sache wahr- peinlicher, so aber kommt ein Räthjel zu dem andern.
Ich vertraue Ihrem Eifer und Ihrem Scharf- Nnn diese Räthsel zu lösen, Herr Doctor! sprach
feiten. Man denkt natürlich zunächst an einen Rückzug in die Schatten der Verhandlungen mit Nom; aber die neuesten Actenstucke sind noch unbekannt und al io parlamentarisch nicht zu ver- wetthen; die älteren Actenstücke, welche durch den Fortgang der Verhandlungen zum Theil der actu- ellen Bedeutung verlustig gegangen sind, enthalten nichts so Bestimmtes und Durchschlagendes, welcher man dem Nothschrei der Katholiken nach Gewähr ung der nothdürfligsten Seelsorge wirksam entgegensetzen könnte. Und über alledem schwebt nun das Damoklesschwert der Enthüllungen über den Vorschlag des Fürsten Bismarck, die Strafbestimmungen gegen die bezeichneten hl. Handlungen preiszugeben, und über die bezüglichen Berathungen des Staatsministeriums. Man ist besonders gespannt auf das Verhalten der Conservativen, denen von dem nichtbismarckischen Theile der Regierung zugemuthet wird, auch ferner den katholischen Brüdern die Möglichkeit der Befriedigung ihrer dringendsten religiösen Bedürfnisse kaltblütig zu versagen.
* Die .Rordd Allg. Ztg.' schreibt: „In den parlamentarischen Regionen war dieser Tage wieder von einer „Krisis" die Rede, zu welcher bei Gelegenheit des letzlen MinisterratheS differi- renbe Ansichten über die Behandlung der kirchen- politischen Finge Veranlassung gegeben hätten. Die .Post' und die ,Berl. Pol. Nachr.' erklären sich dem gegenüber in der Lage, die bezüglichen Gerüchte zu bcmentiren."
^(EinesMannesRedeistkeinesMan- »■>« Sfjphe, itinti Tnlf jip hören deede.) Die .Hessische Morgenzeitung' knüpft an tue Nachricht, daß der frühere Hofcaplan der verstorbenen Königin Maria von Sachsen, der päpstliche Erzkämmerer Herr Seul zum Domcapitul ar in Trier ernannt worden ist, den nachfolgenden, im Wesentlichen der ,Rat. Ztg.' entnommenen Herzenserguß:
„Diese Nachricht weckt in der ,N. Z.' eine Erinnerung, welche eine Aufklärung über nie betreffende Ernennung s» hr wüiischensmerlh erscheinen läßt. Ende der fnvhiner Jahr-- war ei" fntho«
Otto, und werde f.rbstvernüuottch oas Merulge dazu beitragen, den Mord auszuklären.
An Ihrem guten Willen zweifle ich nicht, Herr Eberhard! lächelte der Anwalt, doch bitte ich Sie, Ihren Eifer etwas zu zügeln, um unsere Sache nicht noch kritischer zu machen. Werden Sie den Erfolg hier abwarten?
Ich habe nur acht Tage Urlaub, man wird mir denselben nicht verlängern. — Doch gleichviel, ich bleibe, — was bedeutet das Geld, was die Gunst der großen gegen ein solches Unglück?
Er drückte dem Anwalt die Hand und ging.
Eine cause c6lebre, murmelte der Doctor, sich vergnügt die Hände reibend, wird mir Geld und Ruhm bringen. Die Braut des berühmten Tragöden, famos!
Acht Tage waren seitdem verflossen, Otto'S Urlaub ging zu Ende und noch hatte sich kein Lichtstrahl gezeigt, um bas Dunket d S räthiel- haften Draina's nur ein wenig zu erhellen. Der junge Mann verzweifelte fast vor Schmerz und Ungeduld.
Seine wiederholten Versuche, imrch Geld, welches er ja im Überfluß besaß, Nannis Kerker- thür zu öffnen, um ihr Trost und Hoffnung zu bringen, scheiterten, da seil ihrer Flucht eine strengere Wachsam!eil und Controle eingesührt worden war.
Er wandte sich nun. ohne den An nalt um Rath zu fragen, persönlich an den Umeriachungs-
lischer Priester Namens Seul in Dresden Beichtvater der damaligen Königin Wittwe Marie von Sachsen. Es verbreitete sich das Gerückt, daß Seul Jesuit sei und da die sächsische Verfassung den Jesuitenorden schon damals aus dem Königreich ausschloß, so wurde dem Beichtvater der Königin Marie der Aufenthalt in Dresden nur auf feine bestimmte, wenn wir nicht irren, dem damaligen Könige von Sachsen persönlich gegebene Ve rsiche« ruug, daß er dem Jesuitenorden nicht angehöre, gestattet. Nach einiger Zeit gerieih Seul in einen literarischen Streit mit dem Dresdener lutherischen Pastor Krenkel; dieser stellte fest, daß Seul doch Jesuit sei. Seul gestand es nun» mehr mit dem Bemerken zu, daßihm von den Oberen die Ableugnung ausdrücklich gestattet worden -ei, und er mußte Sachsen verlassen. Es wäre wünschenswerth, zu erfahren, ob der eben zum Domherrn in Trier, also zu einer einflußreichen geistlichen Stellung in Preußen ernannte „päpstliche „Ehrenkämmerer" identisch mit dem damaligen Beichtvater der Königin Starte von Sachsen ist."
Diese Verunglimpfung eines ehrenwerlhen Priesters bringt die .Hessische Morgenzeitung', nachdem schon die .Germania' die Auslassungen der .Nat.-Ztg.' richtig gestellt hatte. Wir haben uns auch bisher in dem Kasseler Blatt vergeblich nach einer Berichtigung uingesehen. Die .Köln- VolkSztg.' ist in der Lage, eine persönliche Erklärung des Herrn Domcapitulars Seul in dieser Angelegenheit zu veröff ntlicken. Dieselbe lautet:
„Der Artikel der ,Nat.-Ztg ' über meine Wenig- itu lUlru ui whi i.
mir scheint passend zurückgewiesen. Unrichtig ist nur der mir beigelegte Titel „Hauscaplan" statt Hofcaplan. Anläßlich eines die päpstlicke Encyclica gegen protestantische Angriffe vertheidigenden Artikels in dem damals in Leipzig erscheinenden katholischen Blättchen, den man mir zuschrieb, brachte im Winter 1865 Redacteur Siegel in seiner .Constit. Ztg.' einige Hetz- und Schmähartikel gegen mich, die dann von einem mir ganz unbekannten ,.Director Krenkrl" fnr-O' feM nun den fammt u»'N sanders
riajtec, lab ourcy oiejen Schritt stooru nur den V.rbacht auf sich, die Flucht der Gefangenen unterstützt zu haben, so daß der Richter sich sogar bemüßigt fand, ihm die wohlgemeinte Weisung zu- gehen zu lassen, sobald als möglich der Steckt den Rucken zu kehren.
D.>s hätte ich Ihnen im Voraus sagen können, bemerkte der Anwalt, als Otto ihm solches mit« theilte, reisen Sie Morgen, am liebsten an diesem Abend noch fort, um nickt in weitere Fatalitäten verwickelt zu werden, die Ihre Freiheit beschränken und unserer G.fangenen nur f(haben.
Otto, die Wahrheit dieser Worte begreifend, ergab sich seufzend in das Unvermeidliche und versprack, am nächsten Morgen abzureisen, nachdem er die Ueberjeugung gewonnen, Nanni's Schicksal den besten und tüchtigsten Händen anvertraut zu haben.
Noch einmal wollte er, was er bislang, einem geheimen Grauen nacbgebenb versäumt hatte, jenes Haus betreten, wo er Nanni und Rest zuerst erblickte, wo ihre kindlicke Liebe dem verwarsten Knaben zum ersten Stale das selig beglückende Gefühl eines Daheims gegeben, wo aber auch da» Schicksal ihm den Stempel des Unheils aufgeprägt satte.
Er kehrte deshalb in sein Hotel zurück, um einige Vork-hrungen zur Abreise zu treffen, und zu Abend zu speisen. Er öffnete einen Kleiderschrank, um dem anwesenden Hausknecht die nölhige