Beiblatt zu Nr.W der,Huldaer Zeitung/
Sonnabend, den 21. April 1883.
den
Von Pfarrer Grebe in Flieden.
(Schluß aus dem Hauptblatt.) Jeder weiß, daß, wenn viel @db unter
an sie, welcher sie mit der größten Aufmerksamkeit zuhörten.
In dem jetzt folgenden praktischen Theile der Sitzung vernahm ich zu meiner größten Freude, daß der Präses im Begriff steht, auf einem noch freien Platze in dem Viereck ein neues Gesellen- Hans mit würdiger Ausstattung zu erbauen. Das Geld dazu hoffte er von mildthätigen Herzen zu bekommen. Auch aus Deutschland erwartet er Beiträge, und ich kann nur wünschen, daß sie reichlich ausfallen. An die Gesellen wurden Bsitragstäfelchen ausgetheill, und jeder nahm nach siinen Kräften davon. Sie wußten, daß es ihn.n unendliche älrbeit, Sorge und Mühe machen werde, bis die Täfelchen mit Beiträgen gefüllt feien, aber um der guten Sache willen zögerten sie keinen Augenblick.
Später trugen einige der Gesellen selbstständig Erdachtes oder auswendig Gelerntes vor. Alles wurde von Religion und Liebe zu Deutschland getragen.
Die Sitzung durfte nicht zu weit ausgedehnt werden, weil Viele einen sehr weiten Heimweg zu machen hatten und morgen frühzeitig zur Arbeit gehen mußten.
Auch Vater Volk's Zeit war abgelaufen, weil der AbendgotleSdienst begann. Die Glocken läuteten und kleine weißgekleidete Mädchen mit Fahnen und Blumenkörbchen, gerade wie bei uns in Deutschland, zogen schon zur Kirche.
Ich nahm Abschied von dem biedern verdienstvollen Manne, und als ich später bei elektrischer Beleuchtung an den neuen Themseanlagen vorb»i- ging, drängte sich mir unwillkürlich der Vergleich zwischen der Armuth der deutschen Mission und dieser unbeschreiblich kostbaren Palästen auf, aber wie Rom von dem armen Stadtlheile Trastevere aus dem Christenthurne zugeführt wurde, so kann auch die deutsche Mission von Whitechapel au6 die allgewaliige Babel mit dem Katholicismus durchsäuern. Tragen wir, so viel als in unfern Kräften steht, dazu bei.
Leuten vertheilt ist, die Preise hoch sind, desgleichen auch die Löhne, und zwar nicht bloß für körperliche, sondern auch für geistige Arbeit. Der Zinsfuß ist dagegen niedrig, d. h. man erhält Geld gegen geringe Zinszahlung leicht geborgt.
Ist wenig Geld unter den Leuten vertheilt, so sind die Preise niedrig, die Löhne auch und der Zinsfuß ist hoch, d. h. man muß viel «n Zinsen bezahlen, wenn man Geld geborgt bekommen will. Wenn die Geldmenge im Lande immer dieselbe bliebe, so hätte es, abgesehen von dem Zinsfüße, nicht viel zu sagen, wie viel Geld im Umlaufe ist, weil die Löhne sich nach den Preisen mit der Zeit richten, und wenn billige Preise da sind, die Productionskosten sich danach verringern. Vor 300 Jahren verkaufte man z. B. einen Masi- achten um 8 Gulden, ein Knecht erhielt aber an Lohn jährlich nur 6 Gulden, und so glich sich's aus. Freilich unter 10- 20% tonnte man von Privaten fein Geld bekomm»n, und wäre nicht die Kirche dagewesen, welche das Geld ohne Zinsen an die Cre- ditbedüiftigen auslieh, so hätte es für Manchen schlecht ausgesehen.
Die Menge Geld im Lande wechselt aber fortwährend; erstens wächst die Bevölkerung und der Verkehr; zw itens wechselt der Unterschied zwischen Ein- und Ausfuhr, was man „Handelsbilanz" nennt. Wenn ein Land, wie jetzt Deutschland zum Beispiel, mehr Waaren von Außen bezieht, als es nach Außen Deitauft, so geht ein entsprechender Theil des Geldes hinaus. Im um» gekehrien Falle kommt neues Geld herein.
Bei solchen Schwankungen der Geldmenge dauert es immer eine längere Zeit, bis die Löhne sich den Preisen angepaßt haben. Wächst die Geldmenge, so steigen die Preise schneller als die Löhne,
tzm Stunitrgang durch England» Grafschaften Krnt und Middles». ■'
Von Wilhelm Herchenbach.
III.
)m Gkskllkitverkiu der deutschen Misst,n.
London ist noch immer eine der ersten Städte der Welt, und die Zeit wird wohl nicht mehr fern fein, wo sie alle Städte der Erde an Größe übertrifft. Was ihre Ausdehnung angeht, so bildet sie gewisiertnaßen ein Königreich für sich und schwillt nach allen Richtungen hin immer mehr an. Heute find.t man in ihrer Umgebung noch stille Dörfchen mit ländlichen Gebäuden und Gewohnheiten; nach einem Jahre sucht man vergebens nach dem alten Kirchthurme und d-n Cottages mit den hübschen Gärten. Sie sind nickt mehr vorhanden; die große Babel hat sie verschlungen und zu langen Häuserreihen umgeroanb.lt
Das Menschengewühl auf den Straßen wird stets größer, und wäre man nicht von jeher daran gewöhnt, immer rechts zu gehen, so würden be» ständige Verkehrsstockungen zur Regel werden, es wäre aus dem Meufchenknäuel nicht heiauszu- kommen. Auf beiden Trottoirs der Straßen drängen sich die Menschen wie in einem Bienenschwarm, auf der Fahrbahn folgen sich Omnibus, Goto, Wagen aller Art fo dicht aufeinander, daß man kaum einen Bleistift dazwischen schieden kann. Viererlei Eisenbahnen, nämlich aus dem Straßenniveau, in der Tiefe der Erde und über den Häusern liegende, sowie Pferdebahnen und eine Unzahl von kleinen Themfedampfern mühen sich vergeblich ab, den Verkehr zu bewältigen; man ist genöthi^t, stets auf neue Transportmittel zu sinnen.
Das Gewühl machte mir Vergnügen; ich ließ mich von demselben ichieben und bog rechtzeitig in die Straßen ein, welche mich nach Whitechapel und in bic deutsche Mission fuhren mußten. Ta, wo Whitechapel, Union-Street, Hollo-Way und Mul» berry-Street ein kleines unregelmäßiges Vier.ck bilden, liegt, gerade nicht im nobelsten Stadttheile, die deutsche Mission, welcher Vater Volk, ein katholischer Geistlicher aus der Coblenzer Gegend, mit unermüdlicher Ausdauer umsteht.
An der Union-Street ist der Eingang zur Kirche, die noch nicht ganz vollendet ist, an deren Fertigstellung aber Vater V.lk seine ganze Kiast setzt. Rechts führt eine Treppe zum Pfarrhause, wo Volk unausgesetzt am Wohle der zahlreichen, in London ansäßigen katholischen Deutschen arbeitet. Hinter der Missionskirche und dem Pfarrhause liegt ein kleines Klösterchen, wo aus Deutschland vertriebene arme Dienstmägde Christi in Armuth und Entbehrung sich den deutschen Armen widmen. Von den Juden in Whitechapel stets belästigt, verhöhnt und beleidigt, werden sie dennoch niemals müde, die Kinder verarmter oder ueifommener Deutschen um sich zu sammeln, sie von Ungeziefer zu reinigen und im Worte Gottes und in den Profanen Wissenschaften zu unterrichten. Es ist wahrlich bewunderungswürdig, welche herrlichen Resultate sie erzielen und wie viele Verloren- flegangene sie retten. Der Segen, den Vater Volk durch diese Schwestern stiftet, ist so unendlich groß, daß die deutschen Katholiken auf dem Kontinente Die vollste Veranlassung hätten, ihn mit reichen Gaben zu unterstützen. Leider fließen dieselben sehr spärlich. Wäre mir der Raum nicht so wärlich zugcmessen, ich könnte Geschichten erzählen, die tausende von Herzen mit Bewunderung er- Men würden.
Vater Volk führte mich durch die Kirche, die schule und in das Lokal des Gesellen-Vereins. Alles liegt enge zusammen, aber Kloster, Schule unb Gesellenhaus können bas Prädikat „schön" uicht für sich in Anspruch nehmen, es fehlen eben D>e Mittel. Die Gesellen waren schon um 4 Uhr Mammen. Alle ohne Ausnahme sind Deutsche, ^ie meisten haben weite Wege zurückzulegen; ei« Ne 3—4 Stunden und doch finden sie sich regelmäßig jeden Sonntag zu den Versammlungen ein. ^s_Vater Volk's Wunsch hielt ich eine Ansprache
*) Nachdruck verboten.
und es geht also dem Landwirth und überhaupt den Prodiiclioständen gut; verringert sich die Geldmenge, so fallen die Preise schnellerals dieLöhne, und es geht den Productivständen schlecht. Außerdem, bei fallendem Zinsfuß werden allerlei Betriebsverbesserungen leicht unternommen, und Alles geht vorwärts; bei steigendem Zinsfuß fallen nicht bloß dieselben weg, sondern der Betrieb wird immer schlechter und Alles geht zurück.
Wie verhält sich nun der Einfluß der Gold- und Silberwährung auf die Geldmenge?
Gold findet man hauptsächlich nur in Amerika, Afrika und Australien. Im Sand des Rheins und einigen Flüssen Europas gibt es zwar etroas Gold, was man durch häufiges Abwaschen gewinnen kann. In unserer Zeit lohnt sich aber die Arbeit nicht mehr und wir sind in Europa, abgesehen von Rußland, auf das ausländische Gold so ziemlich angewiesen.
Dasselbe kann aber nur dann zu uns kommen, roenn wir nach dorthin mehr Waaren verkaufen, als wir von dort beziehen. Das ist früher der Fall gewesen, und zwar so lange, als diese Wett- tbeile die Erzeugnisse unserer Industrie brauchten und ihr Getreide bei uns nicht billiger verkaufen durften, als wir das unfrige bauen konnten. Jetzt, wo wir mit amerikanischem Getreide überschwemmt sind, die Eizeugniffe unserer Industrie dagegen dort nicht mehr verkaufen können, weil dorr die Industrie sich genug entwickelt hat, ist es soweit getommen, daß wir nicht blos kein Gold von dort beziehen, sondern noch einen guten Theil von dem alten, bas wir von früherher noch hatten, nach dort abgeben müssen.
Aber selbst wenn Letzteres nicht der Fall wäre, so würden wir doch nicht gegen Vera» mutig gestützt fein. Trotz aller Entdeckungen von neuen Goldfeldern reicht die jährlich erzeugte Menge nicht aus, um einerseits dasjenige zu ersetzen, was durch Abnutzung, Schiffbruch u. s. w. verloren geht, und anderseits den durch Zunahme der Bevölkerung verursachten Mehrbedarf zu decken.
Deßw.gen hatte man bis vor etwa 10 Jahren neben dem Golde das Silber als gesetzliches Zahlungsmittel. Das Ssiber kommt in Europa ziemlich häufig vor: in Deutschland befinden sich im Harz, im Erzgebirge und einigen andern Gegenden' Silberbergroeife genug. Letztere können ein die 30 000 Gentner Silber ’piit einem Werthe von 30 Millionen Mark jährlich erzeugen. Mit dem Silber ist Europa von andern Welttheilen ziemlich unabhängig und speciell für Deutschland mit feiner starken Silbererzeugung war die frühere Silberwährung ein wahrer Segen. Die Geldmenge wurde jedes Jahr größer und mit ihr b.r Wohlstand der Productivstände. Das gefiel natürlich den Geldmännern nicht, weil mit dem Wohlstände die Preise in die Höhe gingen, während der Zinsfuß, bei welchem Gapitalien angelegt werden konnten, immer nieberiger wurde. Die Beamten mit ihren hohen Gehältern haben hohe Preise auch nicht gerne — und so ist es den beiden Anfangs der 70er Jahre gelungen, das Silber als gesetz- lichcs Zahlungsmittel abzuschaffen und nur baS Gold als solches beizubehalten. Silber ist seitdem nur mehr „Scheidemünze", b. h. es soll nur zur Befriedigung des kleinen täglichen Verkehrs dienen. Dazu ist aber nur eine kleine Menge nothwendig' Der größte Theil von dem, was im Umlauf war ist daher allmählig vom Verkehr zurückgezogen worden und ruht jetzt in den Kellern der R.ichs« bank und anderer Institute. Von dem jährlich erzeugten Silber darf keines mehr, oder nur ganz wenig, zu Geld geprägt werden. Deutschland ist also auf Gold angewiesen und wir haben gesehen daß bei dem Stande der Em- und Ausfuhr wir jedes Jahr verlieren.
Wenn man also jetzt sagt: „Das Geld wird immer seltener", so ist dies ganz richtig- und ivenii man fragt: „Wo bleibt denn das Geld?" so ist die Antwort leicht: „Es wandert ins Aus- land, speciell nach Amerika, oder steckt in den Bankkellern!" Weil es aber in Deutschland immer weniger Geld gibt, so fallen die Preise und die Löhne und zwar die Preise schneller als die Löhne