Einzelbild herunterladen
 

1883.

Sonnabend, den 21. April

c,W ,guu>uel

Retiung' er)daeint täglich, Svnn- uno Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Äbonnementspreis ohne Bringerlohn^und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., bellelristischm Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Di- «ier!v-lt,q- Beile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

— mit der

ö Die pflicht gegen den Nächsten.

Unsere Gesetzgebung steht durchweg auf heidnisch- römischer Grundlage, und dieses fremde Element tritt am meisten bei dem Mein und Dein zu Tage. Das Eigenthum genießt einen verhältniß- mäßig viel größern Schutz, als die persönliche Sicherheit. Diebstahl wird häufig strenger bestraft als Körperverletzung; Alles spitzt sich auf den Dienst des goldenen Kalbes zu. Wie wenig wir uns auch mit der ewigen Gesetzesmacherei befreunden können, so sind wir doch der Ansicht, daß deutschen Gefüh­len und deutschem Geiste in unseren Gesetzesbüchern zu wenig Rechnung getragen ist.

Wir befinden uns in einem rastlosen Wirbel­tanze; jedes Atom im Menschen muß in Bewegung sein, um des Lebens Nothdurft zu gewinnen. Die Gewerbefreiheit, die Freizügigkeit und manche an­dere Freiheit haben den Kampf um das Dasein auf die Spitze getrieben, und sie kommen nicht den Besitzlosen, sondern den Besitzenden zu gute. Alles ist so aufgebaut, daß da, wo Geld ist, immer mehr Geld kommen muß, und wo keines ist, stets leere Taschen bleiben. Das sind ungesunde Zustände, die allmählich die ganze Menschheit in Reiche und Arme scheiden und zwischen den Geistern eine un­ausfüllbare Kluft aufreißen.

Wir sind die Letzten, welche sich mit den unge­sunden Bestrebungen der Socialdemokraten, der Nihilisten, der Fenier und der schwarzen Hand be- fteunden, aber wir können auch nicht verkennen, daß die Unzufriedenheit unter den Besitzlosen ihren Grund hauptsächlich in der Schwierigkeit der Er­nährung Hal. Ein leerer Bauch gebiert die Re­volution, ein wohlgenährter ist lammfromm.

Schon aus diesem Grunde sollten wir in der Gesetzgebung dafür sorgen, daß es Jedem, der sein Recht zu existiren durch Fleiß und guten Wil­len unterstützt, auch möglich gemacht werde, zu einem behaglicheren Dasein zu gelangen, als es jetzt der Fall ist.

Wenn wir aber auf einer Seite einen Roth­schild, Bleichröder :c. mit vielen Millionen, und auf der andern Seite tausende und abertausende

von Familien sehen, die mit den redlichsten Absich­ten und der thätigsten Selbsthilfe kaum im Stande sind, ihre Blöße zu bedecken und ihren Hunger zu stillen, so drängt sich uns doch die Frage auf, ob es nicht anders sein könnte, ob nicht die Gesetzge­bung so beschaffen sein müßte, daß sich der Wohl­stand auf weitere Kreise vertheile.

Dieses Gefühl ist auch den Regierenden nicht unbekannt geblieben, und das erste Resultat der Ausgleichung bestand in den Armengesetzen, welche jede Gemeinde verflichten, ihre erwerbsunfähigen Mitbürger zu ernähren. Allerdings wäre es hun­dertmal besser gewesen, wenn man die zahlreichen Klöster und wohlthätigen Anstalten, welche für den Nächsten um Gottes willen sorgten, nicht für den Fiskus weggenommen hätte. Er ist ein großer Unterschied, ob man eine Gabe aus innerem An­triebe und Nächstenliebe reicht, oder ob man es nur gezwungener Weise thut, weil das Gesetz es so vorschreibt. An die letztere Gabe ist kein höheres Gefühl, keine Dankbarkeit, kein religiöses Empfinden geknüpft, häufig hängt nur der trotzige Gedanke daran, daß man zu fordern berechtigt ist.

Mit der Ausdehnung der Industrie, bei welcher Millionen von Arbeitern Gefahren für Leib und Leben laufen, hat der Staat die Nothwendigkeit der Haftpflicht eingesehen und den Arbeitgebern die bisher leider viel zu sehr verklausulirte Pflicht auf­gelegt. die in der Arbeit invalid Gewordenen zu unterstützen und in Krankheitfällen einen Theil der Kosten zu übernehmen.

In neuerer Zeit hat die Ueberzeugung Raum gewouneu, ouß diese Hülfe nur eine minimale und nicht weit genug durchgeführt sei. Auf diesem Boden steht auch der Schreiber dieser Zeilen; er ist der Ansicht, daß dem Kranken und Verstüm­melten reichere und gesicherte Hülfe werden muß und daß man dem abgearbeiteten Arbeiter auch für seine alten Tage eine Versorgung schaffen muß.

Am liebsten wäre es uns, wenn solche Zustände aus dem Centrum der Gesetzgebung von selbst zur Periphärie hervorwüchsen, aber bis sich diese Er- kenntniß in allen Kreisen Bahn gebrochen hat, können noch viele Menschenalter vorübergehen, des­

halb begnügen wir uns vor der Hand mit Kran­kenkassen, Unfalls-Versicherungen und Alters-Ver­sorgungen. Wir wollen nicht sagen, daß wir in allen Punkten mit den Bismarck'schen Vorschlägen übereinstimmen; aber wir möchten gerne sehen, daß die dargebotene Hand nicht ganz bei Seite geschoben würde.

Wir wollen ebenfalls betonen, daß wir auch auf diesem Gebiete nicht alles Heil von der Gesetzge­bung erwarten, sondern daß wir es für unumgäng­lich nothwendig halten, der Kirche eine freiere Stellung zu geben. Sie muß in der Lage sein, auf die Besitzlosen ganz besonders einwirken zu können, denn die Religion Hilst auch dem Aermsten leichter über die Leiden des Lebens hinweg und sie ist am geeignetsten, der Gemeinde und dem Staate gute Bürger zu erziehen.

Deutsches Reich.

Fulda, 21. April.

* (Der .Moniteur de Rome') hebt, wie ein Telegramm eines Wiener Blattes meldet, die Divergenz der Erklärungen Mancini's und Tis za's hervor und sagt: „Italiens Beziehungen zu Deutschland und Oesterreich werden, so lange es sich mit dem Papstlhum nicht abgefunden haben wird, stets künstliche und ephemere sein, und das sei ganz natürlich, denn die Centralstaaten wissen wohl, daß Italien eine Macht befehde, deren sie stets in den verschiedensten Lagen bedürfen werden.

* (DieProvinzial-Correspondenz) wid- ’.wt der Botschaft einen Artikel, welcher im Wesent­lichen nur die übliche Paraphrase nebst Paränefe bil­det. Aber einen Satz des Artikels können wir nicht ohne Bemerkung passiren lassen. Das halbamtliche Blatt erlaubt sich zu sagen: „So schien es auch, als ob der Reichstag und die Parteien von der ursprüng­lichen Begeisterung für die durch die allerhöchste Botschaft vom 17. November 1881 proclamirte sociale Reform sich durch Sorgen, Interessen und Rücksichten geringerer Art ablenken lassen könnten." Wir wollen nicht erst untersuchen, ob nicht die Regierung der ursprünglichen Begeisterung mehr

29

Gin verhäirgnitzvoller Hatz.

Novelle von Emilie Heinrichs.

(Fortsetzung.)

Die Herren vom Gericht hielten das junge Mädchen, das sich stets mit dem Heiligenschein der Unschuld umgeben, von vornherein für eine Simulantin, gerade wie's der Holsteiner Timm Thode, der seine ganze Familie erschlug, anfangs gethan, um sich in der ersten Aufregung nicht zu verrathen, — obgleich des Volkes Stimme ganz energisch Partei für die junge Verbecherin ergriffen. Nun wird man wohl von ihrer Schuld überzeugt sein; denn eine unschuldig Gefangene flieht nicht.

Otto war wie gelähmt von dieser Mittheilung und keines klaren Gedankens mehr fähig, — ja, nicht einmal im Stande, Nanni zu vertheidigen, seine ganze Willensklaft schien unter dem furcht­baren Eindruck ihrer Flucht vernichtet zu sein.

Die eifte Nackt, welche er in der Heimath zu­brachte, war entsetzlich; kein Schlaf kam in seine Augen; denn wie ein Scorpion fraß die Reue an semem Herzen. Draußen war's Frühling, die Bäume knospeten, und neugierig lugte das junge Grün aus dem Mutterschooß der Eide hervor.

Den Hut tief in die Stirne gezogen, verließ Otto schon am frühen Morgen das Hotel, um fick als ersten Gruß selber eine schwere Sühne auszuer legen, doppelt schwer in seiner augenblick­lichen Stimmung.

Ec ging nach dem Kirchhof.

Auf Resi's Grabe blühten Schneeglöckchen zwischen Epheu und Immergrün. Otto kniete nieder und barg das bleiche thränenüberströmte Antlitz in das frische Grün der Hoffnung.

O, Resi, Rest, warum verließest Du uns? stöhnte er im tiefsten Seelenschmerz, alles nahmst Du mit Dir hinab, Glück und Frieden, Freude und Seligkeit!

Lange lag der junge Mann auf diesem Grabe, dann erhob er sich langsam, und fei» erster Blick fiel zur Seite auf ein einfaches Kreuz mit der Inschrift: Carl Eberhard! —

Unbeweglich blickte er auf diesen Namen hin, als ob derselbe etwas Entsetzliches für ihn enthalte. Und wohl sah der arme Otto in ihm eine fürch­terliche Anklage des Undanks, die stumm und mahnend in sein gequältes Herz drang. Im Geiste durchlebte er die ganze Zeit der Kindh.it und Jugendjahre, sah den Tobten dort in voller Kraft des MannetzallerS, vom Künstlerruhm getragen, vom heiligsten Eifer beseelt und vom Familienglück umgeben, sich voll Liebe und Erbarmen zu dem verwaisten Knaben neigen, ihn in seine Arme, an sein Vaterherz schließen und in hochherzigster Weise für ihn sorgen.

Und auch sie, die unglücklichste der Mütter, hatte ein Hirz für mich, murmelte er halblaut, und doch war ich schuldlos an ihrem Haß.

Ja, damals, — damals, — fuhr er in erbarm­

ungsloser Selbstanklage fort, rein durfte ich die Hand zum Himmel erheben, — bis das Verhäng« niß mich fort trieb. Nein, nein, schrie er »er« zweiflungSvoll auf, nicht ich vergaß Euch, — mein Herz blieb treu, — warum ließest Du den Sohn, den Du liebtest, ohne Antwort, Vater? — Die Tobten geben keine Antwort mehr! — Ich aber war hochmüthig und trotzig, wie ein König schritt ich über die Vergangenheit hinweg, wähnend, Euch jemals vergessen zu können. — O, Nanni, wie konntest Du mir dieses Herzenleid anthun?

Ein schwerer Seufzer, ber nicht aus seiner Brust kam, ließ ihn erschreckt verstummen. Mit scheuer Angst und stockendem Pulsschlag blickte er zur Seite und sah eine in einen schwarzen Mantel gehüllte, tiefverschleierte Frauengestalt an Resi's Grabe stehen.

Em unerklärlicher Schauer durchrieselte den jungen Mann vom Kopf bis zu den Füßen, un­willkürlich zog er den Hut und wandte sich, um den Heimweg anzutreten. Die Frau hatte seinen Gruß nicht erwidert, doch als er den Blick, wie von einer magischen Gewalt getrieben, noch einmal auf sie heftete, sah er ihr Antlitz regungslos auf sich gerichtet, und es dünkte ihm, als habe sie eine Bewegung, ihn zuruckzuhalten, gewaltsam unterdrückt.

Rasch entschlossen trat er auf sie zu und sagte mit bebender Stimme: Sind Sie verwandt mit den Todlen, welche hier ruhen?