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89. Frcita«, den 20. April 1883.

Fuldw SB Jeitung.

.ituiouet zsetiung* exigieiiu t a u 11 ti> ouiui- anß ,^e*evtuge auy-ien "ttineu ^ierreljityrircher ÄßonaemkNtSpreiö ohne Hrrngerlohn und Bestellgeld: 1 HRf. 50 ^ßfg»# bellekristiichen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Ml. 70 Pfg-, auswärts 1 M. 75 Pfg.

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* „Am Bußtage"

betitelt sich ein Artikel der ,Nordd. Allg Ztg.', den das „freiwillig gouvernementale" Blatt ge­legentlich des am Mittwoch in dem größten Theile der Monaickie gefeierten „Buß- und BettageS" der Betrachtung der unheilvollen sozialistischen Bestrebungen und der Mittel zu ihrer Bekämpf­ung widmet. Darin heißt es dann zunächst: „Seit Jahren sind die zerstörenden Elemente im Völkerleben am Werke, um Staat und Gesellschaft in ihren Grundlagen zu erschüttern, und der an­fängliche Hochmuth, mit welchem die westeuropä­ische Welt, freigebig an weisen Rathschlägen und Anpreisungen der beliebten konstitutionellen Haus­mittel, das Treiben des Nihilismus in Rußland beobachtet hatte, ist nachgerade der Erkenntniß gewichen, daß dieselbe Gefahr, nur unter wechseln­dem Namen und verschiedener Molivirung, unter ihren eigenen Füßen den Boden unterwühlt. Ein dämonischer Zerstörungstrieb beherrscht große Schichten der Bevölkerung aller Staaten; ein Fanatismus der Zerstörung, welcher epidemisch geworden ist und diesen Charakter sowohl in den Zielen des Angriffs, wie in der Methode dessel­ben und in den Angriffsmitteln bewährt. Und die Attentate gegen die öffentliche Ordnung und die höchsten Träger derselben, sowie gegen deren Organe sinden ihre entsetzlich« Ergänzung in der grauenvollen Reihenfolge von Verbrechen, welche, ihren Antrieb aus dem Eigennutz nehmend, duich die Kaltblütigkeit der Berechnung, durch die Gleich­gültigkeit gegen die Zahl der Opfer und die Empfänglichkeit für gegebene Beispiele des ver­brecherischen Raffinements, zugleich mit jenen den Eindruck machen, als ob eine moralische Seuche die Menschheit ergriffen hätte, um ihr Schrecken ohne Ende zu bereiten, bis sie ein Ende mit Schrecken nimmt."

Bei der Erörterung der Mittel zur Bekämpfung dieser Unheil drohenden Bewegung hebt das osfi- ciöse Blatt an erster Stelle tue jüngste kaiser­liche Botschaft und die in ihr empfohlenen

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Der verhängnitzvolle Hatz.

Novelle von Emilie Heinrichs.

(Fonseyung.)

Die Flasche, aus welcher der Verblichene an jenem letzten Abend getrunken, befand sich in den Händen des Gerichts, doch war in dem Rum kein Arsinik oder sonstiges Gift gefunden worden; ein Umstand, welcher dem Apotheker Wagner, aus dessen Händen sie die Flasche sammt Inhalt er halten, natürlich sehr zu Statten kam. Derselbe war ebenfalls auf die Aussage der Flau Eberhard hin verhaftet worden, hatte rndeß noch außerdem den Vortheil für sich, daß er sein Alibi an jenem Abend Nachweisen konnte, da er seit dem vorher­gehenden Tage verreist gewesen und erst am dar­aus folgenden Abend zuruckgekommen war.

Selbstveiständlich wurde der Apotheker sogleich wieder in Freiheit gesetzt, sein Anerbieten jedoch, für Nanni's Entlassung aus dem Gffänzniß eine Caution erlegen zu wollen, abgelehnt.

Die Geschichte erschien selbst dem richterlichen Auge so klar und einfach, daß an eine Veiur- theilung der Frau gar nicht zu zweifeln sein konnte; und doch war vieles so unklar und rälhelhaft, die Kette der Beweisführung an mancher Stelle so lückenhaft, daß der Veriherdigung späterhin Spiel­raum genug blieb, für ihre Clienten zu wirken.

Tas schien auch dem Staatsanwalt, einem sehr gewiegten und äußerst energischen Mann, hmläng-

arbeiterfreundlichen Gesetzvorschläge hervor, indem es u. A. sagt:

„Erst vor wenigen Tagen hat das Wort des Kaisers wiederum zündend die Herzen der Nation berührt. Die kaiserliche Botschaft hat von Neuem auf das Ziel hingewiesen, nach welchemsein erha bener Wille strebt, und die Mittel bezeichnet, durch welche er zur Herstel­lung und Befestigung des socialen Friedens zu gelangen hofft."

Man sollte nun glauben, baß gerade am Buß- und Beilage — die letztere Eigenschaft des Tages scheint das Blatt des Herrn Pindter ganz vergessen zu haben — wenigsten auch un­seres Herrgotts, ohne den alle menschlichen Bemühungen eitel und erfolgslos sind, mit einigen Worten ermähnt würde. Aber nein, die .Nord- deulsche' glaubt das Werk der Wiederherstellung des socialen Friedens ohne Gott und ohne die Hilfe der Religion und ihres Hortes, der Kirche, vollenden zu können. Die denkwürdige „Bot­schaft" des Kaiers, die der Monarch unter dem Eindrücke des gegen ihn versuchten Mordattentates seinem Volke gab, die Botschaft: »Sorgt, datz dem Volke die Religion erhalten blttbc," ist den Ofsiciösen in Vergessenhert ge­raten. Statt bei der Kirche Hilfe zu suchen, und an die religiösen Empfindungen der Menschen zu appelliren, begnügt sich dap Bla-t mit einer Anrufung der verschwommenen humanilären und ethischen Begriffe, welche heute bei vielen „Ge- bilde!en" an bi« Stelle Ser religiösen Überzeugung getreten sind. Die bemerkenswerlhe Stelle lautet wörtlich:

„Aber wenn auch die Gesetzgebung, für welche der Kaiser die Mitwirkung des Reichstags in An­spruch nimmt, Großes en eichen kann, so kann sie es doch immer nur, wenn den gesetzgebenden Ge­walten auck. die Gesellschaft zur Seite steht, nachdem sie sich auf Herz und Nieren geprüft hat, um zu erkennen, welchen Theil der Schuld an der überhand nehmenden Verwüstung sie selber trägt: durch die Genußsucht, welche, um zu ihrer Be­friedigung zu gelangen, auch vor der Wahl der

liches Kopfzerbrechen zu machen, west;arv er ui seinen Gedanken wohl immer und immer wieder auf den Apotheker Wagner zurückkommen mochte, sodaß er denselben heimlich beobachten, ja sogar alle seine Schritte überwachen ließ.

Dlatüdid) war seine Werbung um Nanni'S Hand, sowie Eberhard's Abweisung nach allen Seilen hin zur Sprache und zur Kenntniß des Gerichts ge­kommen. Selbst Nanni's Liebe für ihn Pfleg:- bruder und ihr später freiwilliger Entschluß, den Apotheker zu heiralhen, wurden ebenso mit rück­sichtsloser Offenheit in die Untersuchung hereinge­zogen, wie die Motive des häuslichen Zerwürf­nisses dieser einst so glücklichen Familie, der ver- yängnißvolle Haß der unseligen Frau.

Woher halte die letztere das Gift genommen und auf welche W.ise jegliche Spur desselben ver­tilgt, da doch, wie die Herren wähnten, sicher au- zunehmen war, daß Eberhard den Rum in seinem Thee oder mindest, ns aus einem Glase getrunken haben mußte? Die kaltblütige Uebeilegung, welche in dieser Handlungsweise lag, empöite die Richter gegen die Gefangene, da sie der Betheuerung der­selben, daß ihr Gatte den Rum aus der Flasche getrunken, keinen Glauben schenkten. Und selbst wenn Letzteres der Fall gewesen, mußte sie nicht mit berechnender Schlauheit, mit der Uebeilegung einer herzlosen Gifi mische rin das Corpus delicti auf die Seite geschafft haben?

Während Frau Eberhard händeringend und von

schlimmsten Mittel nicht zurückschreckt; durch die Selbstsucht, die den Krieg Aller gegen Alle in das Gewerbsleben ein geführt hat; durch den Jndifferen- tismuS gegen die Gebote der Ehrbarkeit wie des Rechts; durch die Abneigung gegen Uebernahme von Pflichten, die ihren Lohn nur in der Erfül­lung finden."

Die „Gesellschaft" oder um diesen so oft mißbrauchten staats; hilosophischen Begriff durch einen besseren und kräftigeren zu ersetzen, daS Volk wild nie zur Einsicht seiner Schuld und hauptsächlich zur „Buße" undzum „Beten" kommen, wenn bei Religion und ihren Dienern nicht wieder der freie Weg zum Volke eröffnet wird, und der Staat, statt die Kirche ein,mengen, ihre wunder­bare, im Laufe der Weltgeschichte immer wieder erprobte Kraft durch Wohlwollen und Entgegen­kommen unterstützt und fördert. Genußsucht, Immoralität und Pflichtvergessenheit kann nur dem als ein Fehler und einer Schuld erscheinen, welcher weiß, daß es über das irdische Leben hinaus eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt, daß jede Handlung des Menschen vor dem Richter­stuhl Gottes verantwortet werden muß. Wer davon nicht überzeugt ist, für den sind alle humi- tären Ermahnungen und Lehren nichts als Humbug. Die eonfequente Religionslosigkeit führt noth- roenbig zum Socialismus. und wer den letzteren bdämpfeu will, kann ohne die Religion nichts ausrichten.

Mit solchen farblosen und verschwommenen Herzensergüssen entspricht die .Norddeutsche Allge­meine Zeitung' wahrlich schlecht den oft betonten In­tentionen des Monarchen, und es zeigt sich wieder einmal, daß mau in officiösen Kreisen noch immer nicht zu dem gekommen ist, was gerade jetzt wieder der „G sellschaft" gepredigt wird, zur

— S.Ibfterlcnntnitz —!

Deutsches Reich.

Fulda, 20. April.

* (Zurkirchenpoli tischen Sage) schreibt der conservative.Reirbsbote': „D>epäpstlicheAnwort Verzweiflung uoermamu, fo»t ui.b fort ihre Un‘ schuld betheuene, sprach Nanni kein Wort, obgleich sie in mancher Hinsicht wohl die Behauptungen der Mutter hätte bestätigen können.

In der That war das Seelenleben der Armen wie erstarrt; keines andern Gedankens fähig, als an den Tod des geliebten Vaters, der in der Fülle der Ki aft so urplötzlich von ihrer Seite durch em scheußliches Verbrechen gerissen war, schien sie momentan für alles Uebrige adgestorben zu fein, selbst für ihre schauerliche Umgebung.

Ihr Schweigen sei Schlauheit, meinte der Un­tersuchungsrichter, sie fürchte, sich und die Mutter zu verrathen, wenn sie Antwort gäbe, man kenne dergleichen Simulanten aus der Praxis.

So war die Lage der Dinge, als Ltto in die Heimath zurnckkehrte. Er war über Udin gegan­gen, um dort das viel besprochene Bild zu sehen, und so mächtig davon erschüttert worden, daß er krank und elend, mehrere Tuge hatte das Bett hüten müssen.

Als er sich gewaltsam aufiaffte, um seine Reffe fortzusetzen, hörte er unterwegs von einem Mit­reisenden, daß die Tochter der Giftiieischerin Eber­hard aus dem Gesängniß eniflohen sei.

Stumm, wie in einem fürchterlichen Traum be­sangen, hörte Otto die kalten Auseinandersetzungen des alten Herrn an, der aus dieser Flucht ein un- wiederlegliches Zeugniß ihrer Schuld herleiten wollte.

(Fortsetzung folgt.)