Beiblatt zu Nr. 84 der,Huldacr Zeitung/
Sonnabend, den 14. April 1883.
km Spa;itrg«ng durch Englands Grafschaft» Kent and Middleser.''
Von Wilhelm Herchenbach.
I.
Jebersahrt. H-pfeubau. Alte Schlösser. Aukuuft in Loudon.
Das Wetter war keineswegs einladend zu guter Reise, denn trotz der Ostertage lag der Schnee kniehoch und es fror, daß man den Ofen in steter Gluth halten mußte; dazu kamen jeden Augenblick Nachrichten von Stürmen und Schiffbrüchen, aber es war die eit zige Zeit im Jahre, wo ich mir ein paar freie Wochen schaffen konnte; also fort nach England, wo ich seit einigen Jahren nicht gewesen war. Abends gegen neun Uhr kam ich in Viis- singen an und begab mich sogleich an Bord dec Queen Elisabeth, die an demselben Abende auch noch den von Berlin kommenden Sohn der Königin Victoria, den Herzog von Counauohl aufnehmen sollte. Um durch die hohen Herrschaften nicht um den Schlaf zu kommen, hatte ich mir schon von der Eisenbahn aus telegraphisch ein Bett bestellt und fand denn auch meine Nummer, die ich sogleich mit meinem Handgepäck belegte, reservirt.
Das Sch.ff war mit dem ganzen Luxus der Neuzeit ausgestallet, aber die Abendmahlzeit und das Frühstück hatten ihres Preises wegen einen bittern Nachgeschmack. Man ist üdrigens nicht gezwungen, auf dem Schiffe etwas zu nehmen, wie man auch ganz gut, sowohl auf der Bahn wie auf dem Schiffe mit der II. Classe zurecht- kommen kann. Da ich die Tour über Vlissingen zuin erftenmale machte und die Einrichtung noch nicht kannte, so fiel ich der theuren 1. Classe zum Opfer.
Punkt 10 Uhr erschien der Herzog mit seinem großen Gefolge; er wu.de wie jeder andere Sterbliche behandelt und gab sich auch selber so, was einen recht wohlthuenden Eindruck machte. Das Schiff war bereits in Bewegung; ich suchte deshalb mein Kajüte auf und ließ mich in Schlaf schaukeln, aus dem ich erst am folgenden Morgen, als der Steward die Schelle herumgehen liefe, erwachte.
Rasch zog ich meine Overkleider an, nahm das Frühstück und ging aufs Deck, wo ich bereits Shermfe mit seinen Schiffen vor mir liegen sah. Nach und nach erschienen auch die übrigen Passagiere. Das Aussehen Vieler verrieth, dafe sie während der N'acht dem Neptun grofee Opfer gebracht hatten. Der Canal mit seinen Tück.n lag hinter uns, und bald liefen wir in den Hafen von Queenborough ein. Mit der Verzollung meines Gepäckes hatte ich nichts zu thun, denn ich hatte dasselbe bis London einschreiben lassen; nur mein Handtäschchen wurde nachgesehen und das ging sehr gnädig her.
Queenborough, rechts von der Bahn, ist eine sehr alte Stadt, die in der englischen Geschichte gar häusig genannt wird; übethaupt hat die Grafschaft Kent die meisten alten Schlösser und Evel- sitze, in denen der englische Adel die Wintermonate zudringt. Jeden Augenblick sieht man die Mauern und Thurmspitzen dieser Burgen. Die Städte Bromley, Beckenham, Sydenharn, der Crystalralace, Hennehill und Camberwall sind fast alle von der Bahn aus zu schauen, aber man schenkt ihnen wenig Beachtung, weil es rechts und links neben den Geleisen met zu sehen gibt; besonders ist es der Hopsenbau, welcher unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Bei den Engländern ist alles kernig. Die Hopfenstangen machen keine Ausnahme. Alle haben eiye ansehnliche Dicke, und die Hopfenbauern setzen ihren Stolz darein, die gerad-sten, längsten und astlosesten auszusuchen. Jetzt standen sie noch alle in grofe.n ruilden Haufen, wie sie nach der Ernte hingestellt worden, aber hin und wieder dachten die Hopfenzüchter schon an den Bau, indem sie die großen Haufen in kleinere vertheilten, damit Wind und Sonne hindurch gingen und die winterliche Nässe auftrockneten. Die Nettigkeit, Ne- gelmäßigkeit und Zweckmäßigkeit in diesem Theile
*) Nachdruck verboten.
der Landwirthschaft erfreuten das Auge. D'e Mitreisenden rechneten mir vor, w.lche ungeheuere Summen der Hopfenbau einbrächte und waren alles Lobes von dem Fleiße und der praktischen Richtung der Landleute voll.
Mir fielen all die Ströme von Blut ein, welche in düser Grafschaft geflossen, bis die englische Freiheit festen Fuß gefaßt. Nach einer anderthalbstündigen Fahrt befand ich mich mitten in dem furchtbaren Menschengewühle von London. Auf der Victoria-Station stieg ich aus, liefe mein Gepäck revidiren und begab mich in die grofee Babel, wo alle Nationen der Erde Zusammenflüßen. Mein Absteiaequartier nahm ich am Strand, im Herzen der Weltstadt.
IT.
Auuoultu.
Das erste, was mir in London auffiel, war der Fortschritt im Annoncenwesen, der feit meiner letzten Anwesenheit unverkennbar stattgefunden. Ich so reche um so lieber davon, weil ich glaube, dafe unsere deutschen Geschäftsleute diesem Ankündi- gungszweige noch immer viel zu wenig Gewicht beilegen. Die Engländer find praktische Leute. Sie sagen sich von vornherein: „Du mnfet Dich bei deinen Mitbürgern einführen. Jedermann muß wissen, daß Du da bist und was man bei Dir haben kann."
Um ihren Namen, ihre Firma und ihre Artikel bekannt zu machen, wählen sie den Weg der Annonce im weitgehendsten Sinne. So weit sie für ihren Artikel Verbreitung zu finden glauben, nehmen sie alle Zeitungen, kleine und große, tägliche und wöchentliche, illustrirte und nichtillnstrirte in Anspruch. Wochen- und monatelang liest man an derselben Stelle immer dieselbe Annonce. Sie hat stets irgend etwas Auffallendes in ihrer Form, so daß man sie nicht übersehen kann. Ich will nur ein Beispiel anführen. In den Zeitungen welche mir in die Hände fielen, fand ich überall „Koolman's Mustard", so daß ich mir diesen Senf schon am ersten Morgen als einen vorzüglichen denken mußte. Auf Victoriastation waren die Geleise mit langen Bretterwänden umkleidet. Unter den tausenden und abertausenden von Plakaten waren 20- 30 Bogen nebeneinander aufgeklebt, und auf jedem stand „Koolman's Mustaid". Dann kam eine Unterbrechung von andern Annoncen, etwa hundert Schritte weit, aber alsbald folgte wieder „Koolman's Mustard". Die Sache fing an, mich zu intereffiren, und ich sah auch nach der Verkaufsstelle.
Mit der oberirdischen Bahn fuhr ich ein gutes Stück durch London, dann auch mit der unterirdischen. Ueberall verfolgte mich Koolman's Mostert. Hoch, niedrig, im Freien und in geschlossenen Räumen, an Häusern, auf Bretterwänden, an Pfählen und selbst auf Treppenstufen leuchtete mir Koolman's Mostert entgegen. Ich fand ihn in London, in Hampsstedt, in Windsor, am Crystalpalace, zu Hendar, zu Mill-Hill, auf Dampfschiffen, in Wagen, an den Firsten und an dm Fußsockeln von Häusern, selbst an Bäumen.
Ich ging durch die Straßen von London; überall wurden mir Zettel in die Hand gedrückt. Es waren Annoncen aller Art, Koolman's Mustaid war überall dabei. Am Tage wanderten Leute vor mir her, die auf Brust und Rücken Schilder mit „Koolman's Mustard" trugen; am Abend waren diese Schilder transparent. Dem Koolman's Mustard war nicht zu entlaufen; ich war sogar versucht, auf meinen Rücken zu tasten, ob da nicht auch Koolman's Musteud zu lesen sei. Koolman's Mustard stand auch auf vielen Fenstern von Gewürzläden, und ich fiyib ihn auf oem Lande sogar an einsamen Wegweisern. Der Name verfolgte mich wie ein Gespenst, so daß ich ihn sogar im Traume vor mir sah. Hätte ich für den Artikel Bedarf gehabt, ich würde mir Koolman's Mustard gekauft haben.
So aber geschieht es mit allen Verkaufsgegenständen und wird so lange fortgesetzt, bis sich der Artikel fest eingebürgert hat und eine gelegentliche Nachhülfe genügt. Selbst die Bauern, welche eine Wiese oder ein Stück Land verkaufen wollen, be
gnügen sich nicht mit der bloßen Anzeige in den Zeitungen, sondern richten auf den Grundstücken hohe dauerhaft gearbeitete Tafeln auf, die sehr deutlich mit Oelfarbe ankündigen, was sie wollen. Die Summen, welche für Annoncen ausgegeben werden, gehen ins Unglaubliche, aber die Engländer versichern, daß sie bei beharrlicher Fortsetzung stets wirksam find und die Kosten hundertfach decken.
Bei uns ist man zu furchtsam, ein paar Mark auszugeben, deshalb hat man von den kleinen, spärlichen Annoncen auch keinen Erfolg. Nur frisch dem englischen Beispiele gefolgt, je nachdem es die Oertlichkeit erfordert, so wird die Wirkung nicht ausbleiben. Bei uns annonciren die Juden am meisten; wir können von ihnen lernen. Die Christen halten das viele Annonciren für marktschreierisch. Gut, nennen wir es so, aber vergessen wir nicht, daß es das einzige Mittel ist, feine Waare dem Publikum bekannt zu machen. Unehrlich ist es nicht, und markischreien dürfen wir schon etwas mehr. Man muß nicht glauben, daß nur dem Verkäufer mit der Annonce ein Dienst geschieht; nein, auch dem Käufer, denn es muß ihm daran liegen, feicht erfahren zu können, wo man eine gute Waare kauft. Denkt alle an Koolman's Mustard.
Vermischtes.
A Aus bem Eisenacher Oberland. Durch den hochseligen Bischof Christoph Florentius Kött von Fulda wurde vor ungefähr 10 Jahren das zu Vacha gelegene Dr. Kind'sche Wohnhaus an« gekauft, und bient baefelbe, nachdem die inneren Räume eine zweckentsprechende Einrichtung erfahren, seitdem den gottesdienstlichen Versammlungen der in Vacha und Umgegend wohnenden Katholiken. Daß hierdurch einem langst gefüllten Bedürfnisse abgeholfen, und der hochherzige Käufer sich dadurch ein ehrendes Denkmal gestiftet hat, bedarf wohl kaum erwähnt zu werden. Dagegen dürfte es aber von allgemeinem Interesse sein, über die Vergangenheit dieses nunmehrigen Gotteshauses etwas Näheres zu erfahren. Das Gebäude, welches massiv gebaut, ist sehr alt und hat ursprünglich dadurch, daß es eine Münzstätte war, auch schon dem öffentlichen allgemeinen Interesse gedient. Die eigenthümliche innere Einrichtung, welche trotz manchen ausgeführten Veränderungen doch immer noch sichtbar ist, sowie die feste, massive Bauart, lassen schon auf seine ursprüngliche Bestimmung als ein Gebäude, in welchem Münzen geprägt wurden, schließen. Im Volksmunde hat sich daher auch noch bis auf den heutigen Tag, die Bezeichnung „Vachaer Währung" erhalten, welches die Benennung für den zu dieser Zeit maßgebenden Münzfuß war. Das fragliche Haus kam, nachdem die Münzprägung aufgehört, in Privatbesitz, und wurde bann in bemfelben — es liegt nämlich nach Westen an einem Arme ber Oechse — längere Zit Lohgerberei betrieben. Die Sage geht, baß ber nachherige Besitzer noch eine Menge werthvolle Münzen in bem Stauer roerf beS Hauses vorgefunden habe. Später kam es bann in ben Besitz des aus Bermbach bei Geisa gebürtigen Dr. med. Jacob Kinb, von welchem es, wie bereits voistehenb angebeutet, ber hochselige Bischof ankaufte, unb nach dessen Tobe dasselbe Eigenthum ber Diöcese Fulda wurde. So hat es denn nach mancherlei Wandlungen der Z.it und der Verhältnisse die Bestimmung erhalten, zur Ehre des Höchsten zu dienen und ist zugleich ein beredtes Zeugnitz für die Wahrheit, daß auch in ber j tzi- gin, wohl anders geworbenen Zeit, der fromme Sinn immer noch eble Früchte treibt.
*** «Der Reise-Altar des Kaisers von Oesterreich.) Auf allen größeren Reisen des Kaisers von Oesterreich, bei welchen ein Hofburg- Caplan in ber Suite bes Monarchen sich befinbet, wirb auch ber Reise-Altar bes Kaisers mitgenommen. Der Altar hat seine Geschichte. Er stammt, wie das ,Fremben - Natt' berichtet, aus ben Zeiten Kaiser Rudolfs II. Bei demselben betete Ferdinand 11.; er begleitete in den Türkenkriegen Kaiser