Beiblatt zu Nr. 78 der,Uuldaer Zeitung/
Sonnabend, den 7. April 1883.
ä Das Recht, zu existiren,
bringt Jeder mit auf die Welt; aber es gehört zu den größten Thorheiten, dieses Recht so auszulegen, als gebühre Jedem von den Gütern der Erde der so vielste Theil, als Menschen vorhanden sind. Das hieße in der Praxis nichts Anderes, als ein beständiges Theilen, weil der Menschen einestheils immer mehr werden und weil sie vermöge ihres größern oder geringem Fleißes ungleich erwerben und also auch aus diesem Grunde immer von Neuem theilen müßten.
Der Schöpfer hat dem Menschen körperliche und geistige Kräfte gegeben, damit er sich seinen An- theil an der Schöpfung durch den Gebrauch derselben erringe. Vor allen Dingen gehört also zur Erhaltung der Existenz die eigene Mitwirkung. Wo diese fehlt, hört, streng genommen, das Recht zu existiren auf.
Erne große Anzahl von Besitzlosen lasten sich aber von ihren gewissenlosen Führern einreden, die Welt müsse auf den Kopf gestellt, und alle Taschen dürften zu ihren Gunsten geplündert werden. Rein, so weit geht das Recht, zu existiren, schon einfach deswegen nicht, weil dadurch andere Existenzen unmöglrch gemacht würden. In der Neuzeit fehlt es sogar nicht an Menschen, welche alles Bestehende zerstören wollen. Was könnte es denn nützen, wenn heute alle Kirchen, Klöster, Fabriken und Häuser in den Flammen des Petroleums aufgingen ? Würde dadurch die Welt auch nur um eines Haares Breite gebessert?
Wie man das Gebühren der Socialdemokraten, Fenier und Nihilisten auch beurrheilen mag, zuletzt sind ihre Thaten doch nur Racheacte gegen die Bessersituirten. Wollen sie an ihre Stelle treten, so müssen sie wieder aufbauen, was sie eingeäschert haben. Jede Dynamitpatrone, die ne in das Ergenthum irgend eines Menschen schleudern, vermindert das National - Vermögen, und wenn sie ihre Zerstörungspläne consequent fortsetzen, bleiben ihnen zuletzt nur Trümmer zu theilen, mit denen sie nichts beginnen können. Sie würden nach der Zerstörung aller Werthe noch viel ärmer fein, als jetzt, und um wieder emporzukommen, müßten sie ganz genau dasselbe thun, was die jetzigen Besitzer vor ihnen gethan.
Aus der Berechtigung, zu existiren, folgt aber für die ganze menschliche Gesellschaft und an ihrer Spitze für den Staat die Pflicht, solche Einrichtungen zu treffen, daß Jeder, welcher seine Kräfte ganz einsetzt, auch leben kann. Die Gesetze müssen für den Armen ebenso günstig fein, wie für den Reichen.
Gewiß haben die Gesetzgeber dieses auch gewollt, aber man darf kühn behaupten, daß sie die Macht des Geldes zu wenig in Anschlag brachten und nichts thaten, um diesen allmächtigen Factor wehr in den Hintergrund zu drängen. Wo das Kapital nicht einer gewissen Beschränkung unterliegt, da wird es selbst über die besten geistigen Kräfte bald den Sieg davontragen und dominiren.
Die größte Summe der Zufriedenheit ist in denjenigen Staaten zu finden, wo die Glücksgüter nicht in wenigen, sondern in vielen Händen liegen, also es vermöge der Landesgesetze Jedem ermöglicht wird, sich ein auskömmliches Einkommen zu erwerben; mit anderen Worten, wo die Macht des Kapitals nicht im Stande ist, rechts und links alles aufzusaugen.
Dieses war bei den alten Germanen, die nur communales Gut kannten, der Fall. Auch die Spartaner fanden das Anwachsen des Geldes in wenigen Händen gefährlich; die Römer aber gaben dem persönlichen Erwerbe schrankenlose Freiheit. Seitdem der persönliche Besitz durch das römische Gesttz auch bei uns nach allen Richtungen bevorzugt wurde, machte sich bei den Emen die Roth geltend, während bei Andern ein angemessener Reichthnm seinen Einzug hielt.
Zu den germanischen Zuständen können wir nicht wehr zurück, folglich bleibt uns nichts anderes "orig, als durch das Gesetz das Proletariat zu Mildern.
Es ist noch unendlich viel auf diesem Gebiete
zu thun, ehe die mißlichsten Zustände beseitigt sind. Eine unzählbare Menge von Menschen gehört zu den Parias, zu den Ausgestoßeneil von Besitz und Verdienst. Auch für sie muß der Tisch gedeckt werden, und dieses kann nur durch Reformen in der Gesetzgebung geschehen, nicht aber mit Pulver, Dynamit und Petroleum. Wären die Menschen noch, wie im Mittelalter, vom Geiste des Christen- thums erfüllt, daun wäre es leichter, ihnen zu helfen, ja es wäre damals so weit gekommen, denn die Kirche sorgte für alle, die nicht selbst erwerben konnten; sie durchschimmerte mit ihrem Geiste alle Institutionen und blieb auch nicht ohne Einfluß auf die Gesetze, so daß dieselben von einem Hauche christlicher Barmherzigkeit durchweht wurden.
Heute besitzt sie nicht mehr die materiellen Güter, um zu helfen, und nicht mehr den Einfluß, um die bürgerliche Ordnung nach ihren Principien zu gestalten; dennoch behalten ihre einzelnen Jünger die Pflicht, ihr Werk fortzusetzen und sowohl in der Presse, als in den Kammern dahin zu wirken, daß eine ausgleichende christliche Gerechtigkeit in allen Ständen und an allen Orten des großen deutschen Reiches wieder Wurzel schlägt.
h Englischer und deutscher Gemeinsinn.
„Wie erklärt sich die Entwickelung und noch immer steigende Lebenskraft in dem unermeßlichen Getriebe der englischen Wohlthätigkeitsanstalten, wie erklärt es sich, daß mit der Ausdehnung und Vertiefung des Elends auch die Opfer und Anstrengungen zur Abhilfe, zur Rettung in einem Grade gestiegen sind, dem wir unsere aufrichtige Bewunderung nicht versagen werden? Denn, bei aller Hochachtung vor dem, was in Deutschland geschieht: mit den engHschen Liebeswerken verglichen, ist das doch nur unbedeutend. Liegt es nur in dem durchschnittlich großen Rkichthum des Landes? . . . Ich meine, es liegt wesentlich in dem großen Aufwande sittlicher und in» teile ctuellerKräfte im Dien sie der Wohl- thätigkeit. Der Kern des gebildeten Mittelstandes bis hinauf zur hohen Aristokratie bethei- ligt sich durch persönliche Mitarbeit an diesem Dienste. Vor Allem aber ist es die praktische Werkthätigkeit der Frauen, namentlich derer, die man in die engere Categorie der Ladies setzt, deren arbeitstüchtiges, thatkräftiges, opferwilliges Eingreifen in diese Welt von Entsetzen und Gräueln mich mit Bewunderung und mit Regungen nationalen Neides erfüllt. . . . Wie sorgsam spürend und beobachtend ist man doch all' den verschiedenen Bedürfnissen, all' der unendlichen Noth nachgegangen! Bekämpfen will der Engländer diesen Feind, weil er nicht anders weiß und fühlt, als daß er selbst es thun muß, daß weder Polizei noch Staatsgewalt, noch Kirche allein es vermögen." — So äußerte sich L. v. Ompteda (Pr. Jahrb. 1882. Sept.) bei Beschreibung der Londoner „Charities", nachdem er, gestützt auf den Guide, 1881/82 von 400 Druckseiten, einen Blick geworfen hatte auf die riesenhaften Geld- fammlungen und die nicht minder große Summe von Arbeit, welche dafür aufgewandt wird — Ar- j beit im vollen Sinne des Wortes, daß muß Jeder bezeugen, der die Tbätigkeit aller besseren, den Vereinszielen auch innerlich zugethanenen Mitglie- I der näher beobachtet hat, so viel auch Leute, die selbst nie solche Dinge angreifen, absprechen, es als „Vereinständelei aus Langerweile", , Eitelkeit", „Modesache", „Heuchelei" rc. bespötteln mögen.
Nicht blöd Mitdthätigkeitszwecke im engeren Sinne sind es aber, die man drüben mit so schöner Opferwilligkeit und staunenswerther Ausdauer verfolgt, auch jeder anderen Art von edelsinnigen Zielen werden Thätigkeit und Geldspenden in freigebigster Weise gewidmet.
Wahr i|t es ja, England ist sehr viel reicher als Deutschland, nicht blos an materiellem Besitz, auch — eben weil dieser über die Mittelklassen so weit ausgebreitet ist und so vielen ihrer Mitglieder eine unabhängige Vermögenslage sichert — reicher an Zeit und Kraft für menschenfreundliches I
I Wirken. Daß das Jnselvolk aber diesen Besitz im Dienste des Gemeinwesens zu freigebig verwendet, hoben andere Nationen offen und freudig anzuer- | kennen und als Sporn für eigene Thätigkeit zu verwerthen. Gute Gelegenheit dafür bietet sich in betn Ende März zu Cassel begründeten „D. Verein gegen Mißbrauch geistiger Getränke," der in den nächsten Wochen seine Eintragungslisten in Umlauf setzen wird.
Wie Pieper-Moyland in Nw. mittheilt, zeichneten für einen einzigen neuen Londoner Mäßigkeitsveretn bie erben 224 Geber 84,600, jeder durchschnittlich 378 M., darunter in runden Zahlen zwei Spenden von über 10,000, 37 zu je 100 Mark. Eine unbemittelte Lehrerin war Mitglied von 12 solchen Gesellschaften. Deutschland hat seit 40 Jahren auf dem Vereinswege kaum mehr als nichts für diese Sache unternommen und leider feit 14 Jahren Vieles gethan und unterlassen, das zur Begünstigung der Trunksucht beitragen mußte. Bei dem Stande der öffentlichen Meinung in Deutschland bezüglich des Spirituosengenuffes kann und wird der neue Verein nur „gegen Mißbrauch" ju Felde ziehen, keine Enthaltsamkeit, noch weniger ein Gelübde verlangen, überhaupt die Angelegenheit, gestützt auf die bisherigen in- und ausländisch, n Erfahrungen, in einer den deutschen Verhältnissen entsprechenden Weise anzugreifen bemüht sein. — Daß gründliche Sachkenner an gute Erfolge feiner Thätigkeit glauben, mag u. A. daraus entnommen werben, baß ihm von mehreren Lebensversicherungsbanken schon namhafte Gelbbeiträge zugingen, von anberen deren verheißen wurden.
Die Erdflöhe und deren Vertilgung.
Lom landwirthschaftlichen Wanderlehrer Conrad Fuchs in Neustadt (Rgbj. Cassel).
Die Gartenpflanzen haben unzählige Feinde an verschiedenen Thieren und an den Unkräutern. Gegen die Unkräuter, welche die Kulturpflanzen theils beengen und ihnen Nahrung entziehen, theils auf ihnen leben, hat man Schutzmittel; aber gegen die den Kulturpflanzen schädlichen Thiere gibt es nur ungenügende Sicherheit, und die Verwüstung, welche dieselben anrichtcn, ist daher zuweilen groß. Hierher gehören ganz besonders die Erdflöhe.
Diese kleinen Springer gehören zu den lästigsten Plagen der Gartenkultur, und es hat schon manchen Gartenbesitzer zur Verzweifluug gebracht, wenn diese gefräßigen Thiere die jungen Aussaaten der Kohlgewächse und sonstige Aussaaten zerstörten.
Die Mittel zum Schutze gegen die Erdflöhe können nur vorbeugender oder abwehrender Statur fein, das Ungeziefer selbst nicht tobten, weil die den Thieren schädlichen Substanzen gleichzeitig auch die Pflanzen verderben.
Bevor wir diefim Gegenstände etwas näher treten, sei noch bemerkt, daß wir über ein Universalmittel zur Vertilgung der Erdflöhe nicht verfügen, baß aber eine kluge, alle Verhältnisse be» rücksichtigenbe Bekämpfung dieses Ungeziefers bei der nöthigen Ausdauer doch wesentlich zur Verminderung des Uebels beitragen kann.
Weil die Samenbeete am meisten zu leiden haben, mag ihrer zuerst gedacht sein. Der Ort ihrer Anlage ist rücksichtlich der Erdflöhe keineswegs gleichgiltig. Bedenkt man nämlich, daß die Erdflöhe, im Boden überwinternd, am zahlreichsten da sind, wo sie zuletzt noch Nahrung fanden und wo sie während des Winters durch den verschiedenen Pflanzenabraum, die liegengebliebenen Pflanzenabfälle (Blätter) u. bgl., gute Deckung erhalten, wo beispielsweise die Kohlstrünke eingeschlagen sind, so ist die Wahl der Samenbeete in der Nähe solcher Plätze bie unglücklichste, weil das Ungeziefer, welches alsbald nach seinem Erscheinen den Tisch gedeckt findet, hier wohl gedeiht und eine günstige Brutstätte hat, von welcher aus es sich weiter und weiter verbreitet. Die Samenbeete sind also anzulegen an Stellen, welche möglichst entfernt vom Erdflohherde des vorigen Jahres liegen und den Winter über rein von Pflanzenabfällen und sonstigen Pflanzendecken waren.