1883
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Politische Urberficht.
Deutsches Reich.
Fulda, 6. April.
* (Folgende infame Hetz er ei) findet sich in einem Leitartikel der Metzer Zeitung':
Gott behüte das Deutsche Reich vor einer Einverleibung der deutsch-österreichischen Provinzen. Deutschland ist wahrlich stark genug, auch ohne Oesterreich jeder europäischen Coalition die Spitze zu bieten, aber es hat einen Gegner, den Fürst Bismarck mehr zu fürchten Ursache hat als die Schachzüge der europäischen Diplomatie. Dieser Feind ist die „Römische Hierarchie". Man scheint die Flüche des Papstes Pius IX. vergessen zu haben, welche er gegen die Freimaurerei und den Protestantismus schleuderte, man scheint vergessen zu haben, daß das letzte Concil den ursprünglichen Zweck hatte, den vornehmsten protestantischen Königsthron, den preußischen, mit unsichtbaren Keulen in Trümmer zu schlagen, und daß der Verlauf dieses Concils nur dadurch ein anderer wurde, daß der Herrscher des katholischen Frankreichs durch eben dieses protestantische Königshaus mit allen seinen auf Beihülfe für das Papstthum abzielenden Plänen in den Staub getreten wurde. Man scheint zu vergessen, daß die römische Hierarchie mit Griechen, Juden und Mohammedanern sich verträgt, sie wenigstens nicht allzu sehr ver- solgt; in dem Protestantismus jedoch, obwohl er ihr nur sehr wenig zu Leid thut, erblickt sie den mit Feuer und Schwert zu vernichtenden Feind. Als den hervorragendsten Repräsentanten dieses großen geistigen Gegners verfolgt sie das deutschen Kaiserhaus, dessen immer zunehmende Macht nur in so lange sehr schwer gebrochen werden könnte, als die Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands eine überwiegend protestantische ist. Ganz anders ■ MwwirW sich die Sachen gestalten, für den Fall die 16 Millionen östkrreichischer Katholilen an Deutschland kielen. Von jenem Tage an würden die Tage des Bestandes oeg bisher protestantischen preußischen Königthums und der mit ihm geknüpften Kaiserwürde gezählt fein. Der Kampf der Kirche gegen das protestantische Königshaus würde vom preußischen Landtage in den deutschen Reichstag verlegt werden, und von dort aus wäre es von dem Tage an, wo die eiserne Hand des Fürsten Bismarck fehlen wird, ein leichtes Spiel, die Elemente tödtlicher Zersetzung bis in das alsdann überwiegend katholische Heer zu tragen. Ein Jahrzehnt genügt alsdann, um das Zerstörungswerk zu vollenden, und ein neuer Mjähriger Krieg würde vom Standpunkte der römischen Hierarchie noch lange nicht genügen, um die Stätten des Protestantismus, dieses verhaßten, beredten Zeugen gegen Rom, vom Erdboden zu vertilgen. Oesterreich mag daher ruhig sein. Das protestantische Deutschland krümmt ihm kein Haar.
Und dann schreien die Hetzer Zeter, wenn die deutschen Katholiken sich gegen das Geschwätz vom „protestantischen Kaiserthum" u. s. w. wehren! Solche Ergüsse in einem officiösen Blatte sind vorzüglich geeignet, die Bevölkerung die „Friedensstimmung" der Negierungskreise klar zu machen und ganz besonders die Bewohner des katholischen Reichslandes für das Reich zu gewinnen.
* (Unter der Uebei:schrift „Zeitbetrachtung") bringt'die neueste ,Prov.-Corr.' einen sehr interessanten Artikel, welcher die jüngsten, schreckenerregenden Anzeichen der Verwilderung betrachtet und ausführt, daß nicht die intellecluelle Bil- düng, sondern die moralische Erziehung das Hauptgegengewicht bilde und daß also Haus und Schule im Verein mit der Staatsgewalt mehr als bisher sich um dieselbe bemühen müßten. Man ist in der That überrascht, im zehnten Jahre des Cul- turkampfes in dem halbamtlichen Organ folgende Sätze zu finden:
Daß Haus und Schule von ihrem früheren Einfluß auf das Heranwachsende Geschlecht in demselben Maße verloren haben, in welchem die christliche Lebensanschauung von einer materialistischen, ausschließlich oder wesentlich auf weltliche Interessen gerichteten Auffassung der Dinge verdrängt worden ist, kann für die unbefangene geschichtliche Betrachtung nicht zweifelhaft sein. Für diesen Rückgang der christlichen Volksgesinnung werden vor Allem diejenigen verantwortlich zu machen sein, welche der. Religion jeden Einfluß auf das Gemeinschaftsleben entziehen und dieselbe ausschließlich zur Privatangelegenheit der Einzelnen machen wollen. Daß eine Macht, die aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden soll, schließlich auch für die privaten Existenzen nicht mehr ii. Beträchk liegt gei ad ■ so in der I.atnr der Dinge, wie daß zunehmende Gleichgiltigkeil gegen die Formen des religiösen Lebens sich zur Gleichgiltigkeit gegen die Religion selbst erweitert. Wo die durch die Religion vermittelnde göttliche Autorilätt zurücktrit, büßen aber auch die auf diese gegründeten menschlichen Autoritäten von ihrem Einflüsse ein. Auf eine Kräftigung des für eine gedeihliche Thätigkeit des Familien- und Schullebens unentbehrlichen Zusammenhanges mit den kirchlichen religiösen Mächten hinzuwirken, wird darum die stete Sorge der Regierungen bleiben müssen.
Daraus folgt, daß der Cutlurkampf beendigt werden muß. Aber die ,Prov.-Corr/ sucht sich bei dieser Schlußfolgerung folgendermaßen vorbeizudrücken:
Zum vollen Erfolge dieser Bemühungen wird indessen erforderlich sein, daß die Kirche sich auf das ihr eigen« thümliche Gebiet beschränkt. Der Ausschließung und Zu- rückdrängung Kirchlich religiöser Einflüsse auf das Volksleben hat nichts so direkten Vorschub geleistet, wie die Be- sorgniß, diese Einflüsse zu politischen Zwecken ausgeb eutet zu sehen, welche mit der moralischen Gesundung des Volkes nichts zu schaffen haben. Für eine gedeihliche Wirksamkeit Derjenigen, welche das religiöse Leben in Haus und Familie kräftigen und der Autoritäre losigkeit — dieser Hauptursache der heutigen moralischen Verwilderung — steuern wollen, wird es darum Vorbedingung sein, daß sie der Besorgniß vor Uebergriffen in das politische Gebiet den Boden entziehen, und daß sie dem inneren Widerspruch ein Ende machen, der darin besteht, daß Namens der einen Autorität die andere herabgesetzt und gefährvet wird.
Wir wüßten nicht, wo und wie die Kirche sich in politische Angelegenheiten eingemischt hätte — selbst nicht auf diplomatische Einladungen hin. Oder will die.Provinzial-Correspondenz' uns glauben machen, daß Vorbildung und Anstellung von Geistlichen, Sakramentspendung, Religions-Unterricht rc. politische und nicht kirchliche Dinge feien? Dann ist aber nicht verständlich, wie sie vorher beklagen kann, daß man der Religion und Kirche den Einfluß auf das Gemeinschaftsleben absprechen wolle.
* (Aussichten der Holzzollvorlage.) Die .Magdeburger Zeitung' stellt eine Berechnung der Aussichten der Holzzollerhöhung an, sie sagt: „Die Entscheidung des Reichstages über die Holzzölle ist, wenn man sich die Parteiverhältniffe näher betrachtet, durchaus zweifelhaft. Die fest- stehende schutzzöllnerische Mehrheit von früher ist verschwunden. Diese _Dhalsache ist unleugbar. Aber damit ist Glicht gesagt, daß nicht für einzelne schutzzöllnerische Maßnahmen sich eine Mehrheit bilden laffe. Bei der Holzzollvor age scheint — unter der Voraussetzung, daß alle Parteien verhältniß- mäßig gleich stark im Hause vertreten sind — die Entscheidung von den Polen abzuhängen. Die drei liberalen Fraktionen mit Ausnahme von höchstens acht schutzzöllnerischen Nationalliberalen werden gegen die Erhöhung der Zölle stimmen. Ebenso die Volkspartei und die Socialdemokraten. Hiezu kommen vermuthlich noch etwa ein Dutzend
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Der verhängnitzvolle Hatz.
Novelle von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.)
Na, das gesteh' ich, daraus werde ein Anderer klug, rief er achselzuckend, haben Sie nicht selber oft genug mir gegenüber dergleichen Aeußerungen über ihren Mann gemacht? — Sprachen Sie nicht sogar von einer Scheidung?
Frau Eberhard seufzte schmerzlich, sie konnte ihn nicht Lügen strafen und fühlte die furchtbare Strafe, welche in diesen Worten für sie lag.
Na, lassen wir's gut sein, Frau Nachbarin! fuhr Wagner einlenkend fort, es sollte mich freuen, wenn Ihre Lage sich wieder durch eigene Kraft besserte. — Ich will mich Ihnen nicht aufdrängen als Schwiegersohn, Gott bewahre; werde Ihnen und Ihrer, Tochter aber stets ein aufrichtiger Freund bleiben. Vielleicht ändert sich die Ansicht Ihres Mannes, bis dahin können wir's ja an« lehen, ein paar Jährchen früher oder später schadet uicht, auch ich kann wie Jakob 7 Jahre um meine Rahel freien.
Ja, ja, Herr Wagner! versetzte Frau Eberhard kasch und wie erleichtert aufathmend, haben Sie nur Geduld, es kann ja noch Alles gut werden. Wenn Nanni einmal mündig ist, wird auch der Vater sich fügen muffen.
Der Apotheker nickte lächelnd und empfahl sich. In der Einsamkeit seines Wohnzimmer aber ballte
er drohend die Hand und murrte in sich hinein, bis er nach und nach ruhiger wurde und in ein tiefes Nachdenken versank.
An demselben Abend fragte Frau Eberhard den Gatten, ob er nicht ein wenig Rum in seinem Thee liebe? —
Ec blickte sie überrascht an.
Du willst mich in Versuchung führen, liebe Adelheid! lächelte er dann. Wenn Du allenfalls die Verantwortung dafür übernehmen willst, könnten wir's am Ende wagen, der Thee würde mir freilich besser munden.
Schweigend bereitete sie ihm das Getränk; der Pfeil des Apothekers schien eine andere Wirkung bei ihr hervorgebracht haben, als die beabsichtigte. Ihr Verstand sagte ihr, daß das auffällig bleiche Aussehen ihres Gatten von dem plötzlichen Wechsel seiner Lebensweise herrühren müsse und ein allmähliger Uebergang dringend geboten wäre. Zischelte das Wort des Versuchers: er entschädigt sich im Atelier! — auch höhnisch dazwischen, so achtete sie doch nicht darauf, sondern that, was ihr die augenblickliche Pflicht zu gebieten schien.
Eberhard war durch die ungewohnte, zarte Aufmerksamkeit seiner Frau auf das angenehmste berührt und vergalt ihr dieselbe mit der heitersten und anregendsten Unterhaltung, die ihm, wenn er in der Stimmung mar, so außerordentlich zu Gebote stand.
Es war ein Abend wie aus der früheren, glück
lichen Zeit, und Mutter und Tochrer gt|tar.oeii es sich im Stillen, einmal wieder nach so langer trüber Zeit von Herzen froh gewesen zu sein.
Diese behaglichen Abende wiederholten sich jetzt zum stillen Glück der kleinen Familie, besonders, als der Tag herannahte, an welchem Eberhard sein Atelier wieder gänzlich und für immer in seinem Hause aufichlageu wollte.
Sollte doch dieser Tag nach der Mutter Ansicht erst ganz das einstige Glück des häuslichen Herdes wiederherstellen und und ein Zeichen völliger Versöhnung, gleichsam die Taube mit dem Oel- zweig sein.
Frau Eberhard hatte jenes Atelier, das sie stets als eine Kluft zwischen sich und dem Gatten betrachtet, niemals betreten, obwohl in der letzten Zeit zuweilen der Wunsch in ihr rege geworden war, dorthin zu gehen, um die neueste Schöpfung ihres Mannes, von welcher er ihr noch gar nichts mitgetheilt, sich anzusehen. Doch hielt sie bislang stets eine innere Scheu davon zurück, eine Scheu, die sie sich nicht zu erklären wußte, und nur mit ihrem Stolze zu begründen vermochte.
Es war der letzte Tag vor der Umsiedelung des Ateliers, und befriedigt im Innern, daß sie der Versuchung, dasselbe zu betreten, so tapfer widerstanden, saß Frau Eberhard in ihrer Wohnstube, mit einer Arbeit beschäftigt, sinnend in Gedanken die letzten Wochen an sich vorüber ziehen lassend. Sie war ganz allein, da Nanni bei dem.