Beiblatt zu Nr. 75 der,Fuldaer Zeitung/
Arbeitslosen und Kranken litten keinen Mangel. Der fromme Sinn unserer Vorfahren, der alles auf Gott, dem Urquell alles Guten, bezog, fühlte sich in erster Linie verpflichtet, für diese Enterbten an den Gütern der Erde reichlich zu sorgen. Zahllos sind die Armenanstalten, die Spitäler, Waisenhäuser, milden Stiftungen und Vermächtnisie, welche dem WohlthätigkeitSsinn und der alles durchdringenden Gottesfurcht jener Zeit entstammen, und von denen viele sich trotz blutiger Kriege, staatlicher Annexion und veränderter Weltanschauung noch bis auf unsere Tage erhalten haben.
Jener Zeit verdanken wir die erhabensten Kunstwerke auf allen Gebieten des Schaffens, besonders aber die herrlichen Dome und zahlreichen Gotteshäuser, deren Ausstattung und Bau noch heute von allen Kunstverständigen bewundert werben.
Der Geist und die Bildung gingen keineswegs leer aus. Die Universitäten, an denen volle Lehrfreiheit herrschte, wurden von tausenden und aber tausenden von Studenten nicht allein aus Deutschland, sondern auch aus entfernten Ländern besucht und die Wiffenschaft schöpft noch heute mit vollen Eimern aus den Brunnen des Geistes, die damals gegraben wurden.
Auch gab es zahlreiche niedrige Schulen, aber die Erbauungs- und Unterhaltungskosten fielen selten dem Siaate und niemals der Gemeinde zu. Die Kosten der Schule und der Armenoersorgung, welche jetzt die Gemeinden fast erdrücken, lagen auf freiwilligen Schultern. Die zahlreichen Genosien- schaften und die Privatwohlthätigkeit sorgten dafür, daß kein Mangel an Ausbildungsstätten entstand.
Deutschland war damals ein blühender Garten; sein Wohlstand war sprüchwörtlich und wurde von allen Nationen beneidet; sein Ernst und seine Tugenden wirkten weit über seine Grenzen hinaus. Was Deutschland damals that, das wurde von andern Na- tirrren uachgeahmL; es war tonangebend in com- merciellen, gewerblichen und geistigen Dingen. —
Woher nun die maßlose Schmähung jener Zeit? Man kann sich dem Gedanken nicht verschließen, daß den Freidenkern der spätern Zeit die innige Religiösität ein Dorn im Auge war und daß sie deshalb mit sehenden Augen blind wurden. In der That gingen seit der Glaubensspaltung Wohlstand, Handel, Gewerbe und Kunst rückwärts, und erst in den jüngsten Decenien bricht sich die lieber« zeugung Bahn, daß Vieles, was man in die Ruin- pelkammer verwiesen, wieder heroorgeholt werden muß. Möge diese Ueberzeugung wachsen!
Wir wiffen sehr wohl, daß veränderte Zeiten auch Aenderungen im bürgerlichen Leben bedingen, aber man sollte bei allem Wechsel nicht über das Nothwendige hinausgehen und besonders nicht an den Principien rütteln, welche als ewige Gesetze über den Menschen mit hinausgehen.
^chutzmaßregeln zu Gunsten des Bauernstandes
Ausnahmsweise können wir einen Leitartikel der ,Nordd. Allg. Ztg.' zu stimmend wiederaeben. Das officiöse Blatt plaidirt für besondere Schutzmaßregeln zu Gunsten des Bauernstandes gegen wucherische Geldniänner in folgender Ausführung.
Unter den von uns mehrfach erwähnten Berichten über „Bäuerliche Zustände in Deutschland" (veröffentlicht von dem Verein für Socialpolitik) befindet sich eine Arbeit des Professors Dr. Heinrich Ranke über „die Verhältnisse von drei Bauerngemeinden in der Umgebung Münchens". Derselbe urtheilt, daß die Verschuldung der bäuerlichen Wirthschaflen in den letzten 50 Jahren beträchtlich zugenommen hat. Bei der Untersuchung über die Ursache», dieser Verschuldung nennt der Verfaffer folgende: die Eintragung hoher Erb- portionen, die neuerdings allgemein gewordene Sitte der Verzinsung des letztern, während sie früher unverzinslich waren, die Eintragung hoher Kaufschillingsreste. Die Hauptgefahr für den Bauernstand findet der Verfaffer aber in den wucherischen Manipulationen gereifter Spekulanten, I
welche sich die Geschäftsunerfahrenheit des Bauern zu Nutze machen. Diese wucherischen Speculationen bestehen „erstens in Güterzertrümmerung, Güterschlächterei, wobei es hauptsächlich auf Veräußerung des Waldes abgeseh.n ist, welcher bisher die festeste Stütze der Wirlhschaft bildete; zweitens in Fi- nanzmanipulalionen, wobei anstatt des Wechsels, der in hiesiger Gegend unter Bauern noch wenig in Gebrauch ist, die Darleihung von Hypotheken- Capttalien mit kurzem Zahlungstermin, auf Grund vollstreckbarer Urkunde, die Hauptrolle spielt. Der Schuldner gelangt hierdurch meist rasch in die Hand seines Gläubigers." Wer die sämmtlrchen Gutachten des Vereins für Social-Politik durchliest, wird in jedem einzelnen derselben eine solche Stelle finden, die von dem zersetzenden Einfluß wucherischer Geldspeculation auf die bäuerliche Wirlhschaft handelt. Die Form wird verschiedenartig gewählt, das Resultat kommt immer auf dasselbe: auf Zerstörung der Existenz, auf Vertreibung von Haus und Hof, hinaus. So wird im Eisenacher Oberlande Crcdit gewährt durch Lieferung von Schnitt- und anderen Waaren, natürlich gegen hohe Zinsen und Zihlung einer entsprechenden Provision. Die Schuldner solcher Gläubiger sind alsdann in der Regel genöthigt, alle ihre Geschäfte durch und unter Vermittelung ihres Gläubigers zu machen, welcher so lange durch Creditiren, insbesondere von Vieh und Waaren aller Art, hilfreich zur Hano geht, als er annehmen zu können glaubt, daß die Immobilien seines Schuldners noch einige Zeit Sicherheit gewähren. Die Zwangsversteigerung der Immobilien ist natürlich das Ende solcher Geschäftsverbindungen. Im Regierungsbezirk Safte! schildert der Oekonomie-Eommissar v. Baum Vach diese Verhältnisse folgendermaßen: „Daß diese Wucherer die Mittel zu ihren einträglichen Ge- schäflen den Sparcaften entnehmen, ist durchaus keine Seltenheit. Regelmäßig wird ein doppeltes Geschäft gemacht, indem der Borger gleichzeitig Kaufmann-, Mehl- und Vieh-Händler ist, also seine Geldmittel nur in Form von häqfig schlechten und theuern Waaren anbielet und gewährt. Ist die Schuld zu einer die Sicherheit der Forderung zweifelhaft machenden Höhe angewachsen, dann wird Befriedigung zunächst in dem beweglichen Vermögen des Schuldners gesucht, zum dürftigen Weiterbetrieb der Wirlhschaft aber erneuter Vorschuß, am liebsten in Form von geborgtem Vieh, gewährt. Der Gläubiger kennt auf's genaueste alle Hilfsquellen seines Opfers und weiß aus demselben herauSzupressen, was überall heraus will. Sieht er die Erfolglosigkeit weiterer Versuche ein, dann wird die Immission in das Grundvermögen für den Rest der Forderung erwirkt und schließlich zu geeigneter Zeit der Zwangsverkauf eingeleitet. Auf diesem Wege gehen mehr Bauern- wirthschaflen ihrem Untergang entgegen als durch Wechselschulden, welche doch verhältnitzmäßig selten sind. Ist nun eine geldknavpe Zeil, wie die gegenwärtige, der eigentlichen Gütersch ächterei ungünstig, dann wird die Zahl der Subhastalionen und auch der sogenannten freiwilligen Verkäufe momentan zwar geringer. Sine solche Ruhe bedeutet aber noch keine Besserung, sondern nur eine Station auf dem unvermeidlichen Wege zur Vernichtung des Bauernstandes." Wir sehen, daß die Form der Zerstörung wechselt, daß aber die Leute, die sie verursachen, immer dieselben sind. Den Bauer bringt nicht der Bauer um, sondern der Händler, ober sagen wir lieber der Geldmann. Natürlich wollen wir nichts gegen ein legitimes Handelsgeschäft gesagt haben; aber wir glauben, daß der etwas paradox klingende Ausspruch des Amerikaners Carey: „Je mehr Zwischenhändler ein Land braucht, desto weniger allgemeine Wohlhabenheit wird in demselben herrschen", eine außerordentlich deutliche Illustration durch die geschilderten Zustände erhält. Wir haben Auswüchse des Handels jetzt schon von ver- schiedeneneu Seiten kennen gelernt, die alle etwas „Giftbaumartiges" haben: auf der Börse, in seiner oppositionellen Stellung gegenüber den für unsere Gesammtproduction nothwendigen Schutzzöllen, und schließlich in seiner verderblichen Wirkung auf den
ö Das vielgeschmähte Mittelalter.
Gelehrte und Nichtgelehrte haben mit einem großen Aufwande von Beredsamkeit über das Mittelalter verächtlich den Stab gebrochen und es mit einer fast beispiellosen Geringschätzung in die Rumpelkammer der Vergangenheit geworfen. Der Liberalismus und der Fortschritt, welche weniger prüften als dreist urtheilten, nennen es ein rohes, lichtloses, stockfinsteres und gänzlich unaufgeklärtes Zeitalter. Wir glauben, daß wir, unfern Ahnen gegenüber, eine gewisse Verpflichtung haben, nach der Wahrheit dieser Anschuldigung zu forschen. Schauen wir uns an der Hand der Geschichte die als am finstersten bezeichneten Jahrhunderte, nämlich das 13., 14. und 15. an, so finden wir in jener Periode allerdings Vieles ganz anders, als heute, aber wir kommen zu einem wesentlich anders gestalteten Resultate, als die oben erwähnten Kritiker.
Zunächst finden roir in allen Verhältnissen eine heilsame Stetigkeit und eine wohl gegliederte Ordnung, welche sowohl der Zügellosigkeit der Sitten, als dem Ueberivuchern der Concurrenz in den bürgerlichen Geschäften die nothwendigsten Schranken zog. Der Zertrümmerung der Existenzen war durch die gesetzliche Regelung aller Erwerbsgenossenschaften vorgebeugt; strenge Zucht und weise Ordnung waren die Grundzüge aller Einrichtungen; sie bedingten eine Stabilität, die ein tiefes Einleben in jeden Zweig des Könnens und Wissens leichter ermöglichten, als jetzt. Für alle Wege des Lebens waren die Geleise gezogen, auf denen auch mittelmäßige Kräfte an's Ziel gelangten. Das Drängen, Stoßen, Ueberstürzen, Umwerfen, das rastlose Ueberholen auf den Ernährungspfaden war noch nicht in der Mode.
Bei dieser Einrichtung konnte sich der Mensch seinem Berufe mit einer gewissen Muße hingeben Uiid sich ganz in denselben binetnlebeu, ohne beständig gegen das Ueberrumpeln auf der Lauer liegen und nach hundert verschiedenen Richtungen abschweifen zu müssen. Er blieb ganz in seinem Lebenselemente und behielt trotz des rüstigsten Schaffens immer noch Zeit, sich des Lebens in anständiger Weise zu freuen. Die Ordnung und die strenge Zucht aber trugen keineswegs einen griesgrämigen Charakter, aber sie ließen auch auf dem Gebiete der Freude ein wüstes Schlemmen nicht zur Regel werden, sondern alle Vergnügungen wurden mehr oder minder von den Flügeln des Geistes getragen.
Das Edle fand stets den meisten Anklang; das Volk liebte und übte die Poesie und die Musik. Noch heute schöpfen wir aus den unversieglichen Brunnen der damaligen Volkspoesie, welche in den Werkstätten der Handwerker, hinter der Schusterpfrieme, dem Webstuhle und der Nadel entstanden und die sich eben fo willig der Kritik der Gesangs^ genossen zu unterwerfen hatte, wie das Gesellen- und das Meisterstück. Das Leben war kein finsteres, sondern durchweg ein freudiges, aber es watete nicht im Schmutze des Uebergenusses, sondern hielt sich stets in den Bahnen des Anstandes. Es konnte auch nicht anders, denn alle Gefühle und Gewohnheiten gipfelten in der Religion.
Das rastlose, durch gesetzliche Ordnung bedingte Schaffen verbreitete in ganz Deutschland über alle Schichten der Gesellschaft einen allgemeinen Wohl- stand; das Land war reich, alle seine Truhen mit selbst erworbenen Schätzen gefüllt. Die Freude am Handwerke wurde durch die innige Verbindung mit der Kunst erhöht; die beiden Geschwisterkinder entsproßten derselben Wurzel und thaien sich in tausenden von schönen Ereigniffen kund, so daß mich die gewöhnlichsten Gegenstände des häuslichen Gebrauches eine mustergültige Form erhielten und
Fortentwickelung des guten Geschmackes be- ftänbig beitrugen. Das Leben gestaltete sich in «wer Periode der deutschen Geschichte so reich und mannigfaltig, so styl- und blüthenvoll, als in bem so sehr verschrieenen Mittelalter.
Arme gab es natürlich auch damals, aber die <oge der arbeitenden Klaffe war ungleich behag- lcher, als jetzt; ihre Ernährung reichlich und keinen Schwankungen unterworfen. Selbst die Schwachen,
Mittwoch den 4. April 1883.