JV1 74. Dienstag, den 3. April 1883.
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Politische Ueberstcht.
Deutsches Reich.
Fulda, 3. April.
* (Parlamentarisches.) Auf der Tagesordnung der auf heute anberaumten Sitzung des Reichstags steht 1. erste und event. zweite Berathung der Beschlüsse des Bundesrathes, betreffend die Aufnahme von Kunstwollfabriken, Anlagen zur Herstellung von Celluloid und Dögras- fabriken in das Verzeichniß derjenigen gewerblichen Anlagen, welche nach Bestimmung des § 16 der Gewerbeordnung einer besonderen Genehmigung bedürfen, 2. erste und event. Berathung der Uebereinkunft wegen gegenseitiger Zulassung der an der Grenze wohnhaften Medicinalpersonen zur Ausübung der Praxis zwischen dem Deutschen Reiche und beziehungsweise Oesterreich-Ungarn vom 30. September 1882, Belgien vom 7. Februar 1873, und den Niederlanden vom 11. December 1873. 3. Erste und event. zweite Berathung eines Gesetzes, betreffend die Abänderung des Zolltarifs (Holzzölle.)
* Der Neichsanzeiger publicirt die Gesetze über Aufhebung der beiden untersten Klassensteuerstufen und über Feststellung des Staatshaushaltsetats, sowie das Anleihegesetz.
* Tie .Germania' schreibt:
„Heute steht im Vordergründe der überraschende ; Ausfall einer pommerschen Reichstagsersatzwahl, welcher auf der ganzen liberalen Linie hellen Jubel erregt. Im 1. Wahlkreise des Regierungsbezirkes Stralsund (Stralsund - Rügen - Franzburg), der bisher immer conservativ gewählt hat, mußte eine Neuwahl stattfinden, weil der bisherige Vertreter, Graf Behr-Negendanck, zum Oerpräsidenten ernannt war. Graf Behr candidirte abermals, und Niemand hätte die Wette gewagt, daß er durchfallen könne. Es scheint sogar, daß die fortschrittliche Centralleitung es zunächst mehr auf eine Musterung, als auf eine Eroberung abge
sehen batte, denn ihre Parteigänger stellten weder einen Angehörigen des Kreises noch einen Mann mit verführerischem Namen, sondern einen Berliner, einen homo novus in der Politik, einen einfachen Kaufmann Samm auf, den die conservativen Aufrufe als „unbekannten Samenhändler" charak- terisirten. Und nun brachte das Wolffffche Bureau am Sonntag die sensationelle Kunde, daß der Fortschrittler Samm als gewählt anzusehen, also der Oberpräsident in seinem alten Wahlkreise durchgefallen ist. Nach einer am Sonnabend, den 31. März, Abends in Stralsund aufgegebenen Depesche waren bis dahin für Samm 8400, für den Grafen Behr 7982 Stimmen gezählt. Es standen noch 10 Bezirke aus, welche die Entscheidung bringen sollten, die nur für den BerlinerStadtverordneten ausgefallen ist. Wenn man bedenkt, daß der Wahlkreis seit 1867 st e t s conservativ gewählt hat und dieFortschritt- ler 1878 unter 24,686 Wahlberechtigten nur 690 und 1881 erst 1500 Stimmen zählten, die Conservativen aber mehr als 8000, so steht man vor einem Räthsel, besonders da die Ernennung des bisherigen Vertreters Grafen Behr zum Oberpräsidenten von Pommern doch auch als ein nicht zu unterschätzendes Moment zu Gunsten der Conservativen in's Gewicht fällt. Die Erklärung für den überraschenden Ausfall der Wahl ist aber nicht allzuschwer, wenn wan weiß, daß der Fortschritt, obgleich bis jetzt immer unterlegen, doch im Wahlkreise einen festen und bedeutenden Stamm hatte (1874 brachte er 5346 St. gegen 7223 freicon- fervairve uw »8?7 5818 grgcn 7f>sq Vlf) und alle Mittel der Agitation, Versammlungen, Flugblätter und Besuche von Parteiführern und Rednern, in Bewegung setzte, während die Conservativen sich in falsche Sicherheit wiegten. Mögen sie aus dieser Wahl eine Lehre für die Zukunft ziehen, und möge auch uns dieselbe eine Mahnung zu ernster, planmäßiger, lang vorbereiteter und energischer Agitation sein."
Frankreich.
* Paris, 2. April. (Die legitimistisch- monarchistische Partei) befindet stck in großer
Aufregung, seit einem Theile ihrer Anhänger das Warten zu lange geworden ist. Wenn dieser Graf Chambord noch immer als König erschien, so scheuten sie sich doch nicht, ihm das Beiwort „faineant“ beizulegen; neuerdings aber kündigen diese leiden- sckaftlicheren, moderneren Elemente dem ,Nop' vollständig den Gehorsam auf und erklären, über ihn zur Tagesordnung übergehen zu wollen. 53 „mon- archistisch-constitutionelle Zeitungen der Provinz", die unter gemeinsamer Leitung stehen, haben gestern ein gemeinsames Programm unter der Ueberschrift: „Die Regentschaft des Herzogs von Aumale" aufgestellt, das folgendermaßen lautet:
Das einzige Hinderniß unserer Befreiung von der Republik ist der Herr Graf von Chambord. Seit dem Besuche des Grafen von Paris in Frohsdorf betrachtet sich der Graf Chambord als die allein mögliche Lösung und wartet den Tag ab, wo das ausgesogene Frankreich kommen wird, um bedingungslos seine Hülfe anzuflehen und sich ihm zu Füßen zu werfen. Graf Chambord ist aber im Jrrthum; es gibt mehrere Lösungen, auch außerhalb seiner Person. Diese Zeitung wurde gegründet, um eine solche Lösung zu verfolgen, die nach unserer Ansicht dem Temperament, den liberalen und conservativen Bedürfnissen und Bestrebungen des französischen Volkes angemessener ist. Wir wollen mit Hülfe des allgemeinen Stimmrechts die Regierung der Republik, die uns schädigt und schwächt, durch die constitutionelle Monarchie ersetzen, die liberale und parlamentarische Monarchie, welche uns kräftigen und den uns unter den Völkern gebührenden Rang wiedergeben wird. Wir wollen einstweilen, indem wir die Monarchie erwarten, die lebenslängliche Regentschaft des Herzogs von Aumale. Der Herzog von Aumale, Regent des Königreichs 5is zum Tode des Grafen Chambord und dann der Graf on Paris, König der Franzosen; ous ist unser Ziel. Wir bxechen daher auf immer jegliche Verbindung mit der legi-
« Wd rot- werden mit allen Mitteln, aus
allen Kräften bei den Wayr«» ja« k;„ - e ngebendc" - A provinzialen Körperschaften diejenigen Candioaren unterstützen, die unser Programm annehmen und sich unserer Lösung anschließen.
* (Die Petroleuse Louise Michel) ist nach dem Gefängniß von St. Lazare gebracht worden, wo sie bereits vor einiger Zeit eine Strafe verbüßte. Rochefort, welcher mitGenugthuung constatirt, daß alle Gefangenen sie zu sehen wünschten und selbst die Schwestern über diese atheistische „Vorsehung" geiiührt waren, hält nach wie vor ihre Freisprechnna für möglich, da sie zur
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Ein verharrgnitzvoller Hatz.
Novelle von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.)
5.
Einige Tage waren bereits von der Frist, welche Nanni dem Freier gesetzt, verstrichen, und noch immer hatte sie nicht den Muth finden können, dem Vater davon zu sagen. Mit Grauen begrüßte dies unglückliche Mädchen den ai brechenden mit Thränen umfing sie der Schlaf, denn ! ®tuni)e verkürzte die Frist, welche sie sich selber vor ihrem Todesurtheil bestimmt.
Der Apotheker Wagner rieb sich vor Vergnügen dle Hände, der ersehnte Brief aus Wien war angekommen, nicht durch die Post, sondern durch einen ’r^u^en Maler, welcher ihm die bestimmtesten Nachrichten über den verschollenen Otto mitzutheilen erwachte, da er die Bekanntschaft desselben in iunchen und Wien gemacht hatte.
Auf Antrieb des Apothekers stattete der Maler o bo? Kollegen Eberhard einen Besuch ab, an- g^Uch, um Grüße von Otto zu überbringen.
Kernen Brief? fragte Eberhard befremdet. ~r m M^sehr beschäftigt, entschuldigte der Fremde. Zn der That — das muß wohl so sein, lachte ■ ba cr Jahr und Tag, ja cÄ "ich noch nie etwas von sich hat hören lassen, zollte schon einige Male direkt nach Nom . lven, da ich meinen Pflegesohn für krank oder
gar lovt halten mußte, unterließ es jevoch aus guten Gründen. — So hat er sich alfo endlich doch noch unser erinnert? Und woher datirt dieser Gruß des jungen Herrn?
Aus Wien. —
Hm, so ist er dort beschäftigt? — Ich wähnte ihn in Rom oder Florenz.
Ach, Sie wissen also nichts von seinen ferneren Schicksalen? — rief der Fremde lebhaft, halten ihn am Ende gar noch für einen Maler?
Eberhard blickte ihn erstaunt an, und auch Nanni, welche emsig nähte, schaute überrascht und bleich vor innerer Aufregung von ihrer Arbeit auf.
Ich verstehe keine Silbe davon, rief der Vater unruhig, warum sollte ich meinen Pflegesohn für etwas Anderes halten, als für das, was er ist?
Weil er bereits seit Jahr und Tag seine Kunst an den Nagel gehängt und sich der Bühne zugewandt hat. Er gastirt augenblicklich unter fremdem Namen am Wiener Hofburgtheater mit ungeheuerem Erfolg und erntet Lorbeeren und Gold.
Also doch, sagte Eberhard, welcher todtenbleich geworden war, nach einer Pause, nun, was kümmerte mich, und im Grunde, setzte er mit einem unterdrückten Seufzer hinzu, kann er wohl nichts dafür, es liegt ihm im Blut.
Er warf einen schmerzlichen Blick auf Nanni, welche heftig zitterte und das Antlitz tiefer auf ihre Arbeit herabgebeugt hatte.
Seine Triumphe überraschen mich indessen durch
aus nrchl, fuhr Eoei Yard rajch fort. Otto ist einer jener bevorzugten Menschen, die in Allem, was sie ergreifen, groß werden können, wenn sie nur ernstlich wollen.
So ist er wohl schon verheirathet? fragte die Mutter, welche bislang geschwiegen, in sichtlicher Freude.
Noch nicht, doch sprach man in Wien von seiner bevorstehenden Vermählung mit einer reichen, italienischen Fürstin.
Nanni zuckte, schmerzlich getroffen, zusammen.
Ah, da haben wir^s, rief die Mutter, verächtlich lachend, kein Wunder, daß der große Bühnenprinz seine Wohlthäter so gänzlich vergessen konnte.
Still, Frau! gebot Eberhard finster.
Freilich, der Undank ist eine häßliche Schlange, fuhr jene unbeirrt fort, und hier doppelt verächtlich, wo es sich um einen Menschen handelt, der uns Alles verdankt, den wir vor dem Waisenhause bewahrt und der zum Lohne dafür Tod und Verderben über unsere Schwelle getragen.
Schweig, sage ich, schrie Eberhard, sich zornig erhebend, wenn ich ob seiner letzten Handlungen auch nicht sein Fürsprecher sein will und fanu,, so soll doch keine Verleumdung sein Haupt treffen, fein Schimpf auf ihn gehäuft werden. Ich warne Dich, Frau!
Nanni erhob sich rasch und blickte den Vater flehend an, sie war bleich wie eine Sterbende, und seufzend fuhr der unglückliche Mann mit der