Montag, den 2. April
Fuldaer 8|l Jätung.
1883.
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Line parlamentarische Gründung.
kUebermorgen beginnen die Sitzungen des Reichstags wieder; mit dem gewohnten, unfruchtbaren Zank und Hader der Parteien, seufzt mancher Patriot. Wir können jedoch den Freunden ruhiger, höflicher und sachlicher Verhandlungen die freudige Nachricht mittheilen, daß in maßgebenden Kreisen von Reichs- und Landtagsabgeordneten ein Verein sich gebildet hat, deffen Bestrebungen dahin gehen, gehässige, persönliche Ausfälle in den parlamentarischen Verhandlungen nach Möglichkeit zu vermeiden und den politischen Gegner nicht mit grundsätzlicher Mißachtung behandeln zu lassen. Im Stillen angeregt und weiter verbreitet, fand die Sache lebhaften Anklang. Mitglieder aus allen Fraktionen nahmen an der ersten Generalversammlung heute theil. Den Vorsitz führte Herr Eugen Richter, der sich um das Zustandekommen des Vereins große Verdienste erworben hat und von den Herren v. Minnigerode, v. Schorlemer-Alst, v. Ludwig u. s. w. warm unterstützt wurde. In geistreicher, zündender, die eigene Person durchaus nicht schonender Rede hob der Vorsitzende den edlen Zweck des Vereins hervor, wies in schlagender Weise auf das einreihende Unwesen persönlicher, gehässiger Streitigkeiten und die dadurch her- vorgerusenen Schäden, unnütze Zeitvergeudung und Vergiftung unserer gesellschaftlichen Zustände hin. Der Sache werde damit niemals gedient, in der Hitze des Wortgefechtes die Grenze des Anstandes oft überschritten und dem Volke von seinen erwählten Vertretern ein böses Beispiel gegeben, während doch gerade das Gegentheil der Fall sein sollte. Man gelange allmälig dahin, in dem politischen Gegner entweder einen Dummkopf oder einen Taugenichts zu erblicken. Die schrankenlose Redefreiheit führe zu ähnlichen Zuständen, wie in einzelnen andern Ländern, wo die Erbitterung der Parlamentarier gar in Faustkämpfe ausgeartet sei. Die Achtung vor der Volksvertretung schwinde aber damit gänzlich hin. Der nächste «;sner war Herr Hofprediger Stöcker, der hauptsächlich das Una)i’f,,‘rt)e in dem Parteigezänk hervorhob und auf ■ dk unendliche heQ Stifters unterer Re
ligion hinwies, deflen Grundjap gewesen. Schlägt dich einer auf die rechte Wange, so biete ihm auch die linke dar. Reichlicher Beifall lohnte die echt religiöse, menschenfreundliche Darlegung des frommen Mannes. Große Erwartung malt« sich auf den Zügen, als nun Herr v. Schorlemer-Alst sich erhob. In kurzen, kräftigen Worten, die wie Schwadronshiebe auf die Versammlung niedersausten, erinnerte er daran, wie sein unvergeßlicher Freund, der selige Mallinckrodt, einst gemahnt habe, nicht sowohl wie Cavalleristen, sondern wie Cavaliere sollten die Herren gegeneinander auftreten. Herr v. Ludwig sprach sodann einige, mit beifälliger Heiterkeit aufgenommene Worte über den Blaßstab der gegenseitigen Achtung, der nur in Werken, aber nicht in theoretischen Mei-
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Ein verhängnitzvoller Hatz.
Novelle von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.)
Der Apotheker schwieg eine Weile, seine Eigenliebe war ein wenig stark verletzt worden, doch trug die Leidenschaft den Sieg davon.
Es wäre mir allerdings erfreulicher, versetzte er langsam, wenn Sie etwas Neigung für mich empfänden, Fräulein Nanni! Doch hoffe ich in der Ehe darauf, daß sie mir stets eine pflichtgetreue Gattin sein werden. —
Ich danke Ihnen für diese gute Meinung, Herr Wagner! erwiderte Nanni mit einem schwachen Lächeln, diese wird niemals getäuscht werden.
So darf ich Sie als meine Braut betrachten, geliebte Nanni? fragte der Apotheker, sich zu ihr beugend, um sie zu umarinen.
Heftig zusammenbebend schob sie ihren Stuhl zurück.
Noch nicht, noch nicht, stieß sie angstvoll herber, geben Sie mir acht Tage Bedenkzeit, — ich 'uuß mrinen Vater und auch mich selber mit dem Gedanken vertraut machen.
Wozu diese Frist? fragte Herr Wagner un- witzig, ich liebe rasche Entschlüße, doch es sei, Uttl Ihres starrköpfigen Vaters willen, Nanni!
Reden Sie nicht so von meinem Vater, Herr Wagner! — ich kann das nicht anhören. Sein Starrsinn, wie sie es nennen, wurzelt in der
nungen gesucht werden dürfe. Erst wenn die gesammte Volksvertretung, statt wie zähnefletschende Affen gegeneinander loszufahren, ein leuchtendes Beispiel tadellosen Benehmens, feiner Sitten und echter Sittlichkeit gebe, mache sie sich würdig, aus dem baufälligen Stalle, der jetzt ihre gebührende Wohnung sei, in die Paläste überzusiedeln, die man ihr errichten wolle. Herr A. Reichensperger bat die Versammlung, nicht lediglich ihrer eigenen Interessen eingedenk zu sein, sondern auch ihr Verhältniß zu der nichtparlamentarischen Welt in's Auge zu fassen; wobei er namentlich die Pflicht hervorhob, mit Anklagen gegen solche Beamten und Privatpersonen, denen zu ihrer Ver- theidigung keine öffentliche Rednerbühne zur Verfügung stehe, nur nach reiflichster Erwägung hervorzutreten. Hiermit sollten die allgemeinen Bemerkungen geschlossen werden; aber der vielfach erschallende Ruf „Herr v. Kardorff!" bewog diesen Vorkämpfer der Schutzzöllner und Freicon- servativen, den man vor Beginn der Verhandlungen in vertraulicher Unterredung mit den Herren Sonnemann und Bamberger bemerkt hatte, noch zu einer kurzen und ebenso geistreichen wie der Gelegenheit angemessenen Rede. Anknüpfend an ein bekanntes Sprichwort erklärte er, daß er allerdings grundsätzlich für das Silber eingenommen sei, was man eigentlich von allen Parlamentariern erwarten müßte, besonders von solchen, die wie Herr Lasker durch so vieles gediegenes Reden das Parlament erfreuten. Lieber aber würde er sich für alle Zeiten im Parlament zum einfachen Golde des Schweigens verpflichten, also zu seinen erklärtesten Gegnern übertreten. als ein einziges Wort dem Gehege seiner Zähne entschlüpfen zu lassen, das der emfindsamste Fort- schrittsmann oder Freihändler im mindesten als Kränkung auffaffen könnte. Dr. Bamberger, zu Thränen gerührt durch diese Zuvorkommenheit, erwiderte hierauf, einem von solch m Gerechtigkeitsgefühl erfüllten Manne feindlich gegenüberzustehen, Müsse ihn unendlich schmerzen, und er sei daher entschl-ststn, für die Beibehaltung unserer Thaler ein- und üü' dem Eobdenr'ub auszutreten. Nun- .nehr ainc. Versammlung zur Berathung eines schon verbreitete' Entwurfes von Vereinssatzungen über. Der Grundgedanke und Schwerpunkt der „Urbanitas" (so soll nach einem Fingerzeig, welchen man dem zu Rathe gezogenen sprachkundigen Staatssecretär Dr. Stephan verdankt, der Verein getauft werden) besteht in der ehrenwörtlichen Verpflichtung eines jeden Mitgliedes, sich nach Möglichkeit aller persönlichen Aussälle zu enthalten und die gegenseitige Achtung niemals außer Augen zu laffeu. Verstöße hiergegen sollen aus Antrag des Beleidigten, der keineswegs Reichs- oder Landtags-Abgeordneter zu fein braucht, öffentlich streng gerügt werden. In den Vorstand wurden gewählt: Eugen Richter (Vorsitzender), v. Mi n- nigerode (Stellvertreter), Majunke (Schriftführer), Cremer (Stellvertreter), Virchow (der, um an dem wichtigen Ereignisse theilzunehmen, eigens aus Rom her-
Liebe zu seinem Kinde, und ohne seine Einwilligung kann ich doch niemals die Ihrige werden.
Sie haben Recht, meine Theure! erwiderte der Apotheker schmeichelnd, Ihr Wille soll mir stets ein Gebot sein.
Er küßte ihre Hand und empfahl sich.
Draußen in der Küche harrte Frau Eberhard mit Unruhe und Ungeduld.
Nun? fragte sie hastig, als Wagner zu ihr trat. Er lächelte siegreich.
Acht Tage Frist, dann darf ich Sie Mama nennen, flüsterte er.
Sie hat nicht abgelehnt?
Bewahre, - es soll nur der Papa mürbe gemacht werden, dann kann ich Aufgebot und Trauung bestellen.
Die Mutter machte ein triumphlrendes Gesicht; dieses glückliche Resultat war ihr Werk.
Ich werde diese acht Tage noch klug und planmäßig benutzen, fuhr der Apotheker leise fort, die Hoffnung auf den großen Künstler muß gründ- ausgerottet werden. Vor acht Tagen schrieb "ich an einen Bekannten in Wien, welcher in Rom Verbindungen har, es kann mir nicht fehlen, von dort Material genug zu erhalten, um den Abgott von seiner Säule zu stürzen. Ihr Töchterchen ist übrigens sehr naiv, setzte er mit einem häßlichen Lachen hinzu, die Bekenntnisse einer schönen Seele sind einem zukünftigen Gatten mitunter recht unangenehm —
beigeeili war), v. Schorlemer-Alst, Löwe (Berlin) v. Ludwig, Stöcker, v. Kleist-Retzow, Strosser. Reichstags-Abgeordneter Graf Wilhelm v. Bismarck theilte die unbedingte Billigung des Fürsten Reichskanzlers mit, der in seiner derben Weise meinte, daß parlamentarische Versammlungen nicht nach dem Fischmarkte duften sollten und ein gewiffer „Comment" überall nothwendig sei. Man ernannte sofort den Fürsten zum Ehrenmitgliede des Vereins. An die geschäftlichen Verhandlungen schloß sich eine heitere Stiftungsfeier mit Trinksprüchen und Gesang. Auf Vorschlag Windthorsts, der sich seiner Gewohnheit gemäß bisher schweigend verhalten hatte, aber seine herzliche Billigung der angebahnten Besserung der parlamentarischen Sitten doch durch ein kurzes Wort kundgeben wollte, wurde eine regelmäßig« Wiederholung der geselligen Zusammenkünfte verabredet. Den Gipfelpunkt der Fröhlichkeit bildete das Brüderschast- trinken von verschiedenen politischen Gegnern, di« bisher sich heftig bekämpft, nach der volksthümlichen Redensart „wie Katz' und Hund" zueinander gestanden hatten. In später Stunde brach man auf. Als man beim Cafs National vorbeikam, schlug ein Mitglied der Ur- banitas einen Schlummer - Grog vor. Allgemeine jubelnde Zustimmung, unter welcher die schwach widerstrebenden Abgeordneten Stöcker und Majunke, von den freudig erregten Genossen umringt, in die hellerleuchteten Räume hineingefchoben wurden. Ihren Berichterstatter berührte es seltsam, als Herr v. Minnigerode mit warmem Händedruck vom neuen Duzfreund Eugen Abschied nahm und ein schneidiger rheinischer Culturkämpfer seinem Hauplgegner herzlich: „Gute Nacht, lieber Paul!" zurief. Es wird gestattet sein die Hoffnung zu hegen, daß der weitere Verlauf dem guten Anfänge entspricht.
So schreibt man unter dem 1. April der .Köln. Ztg.' aus Berlin. Daß es sich um einen Aprilscherz handelt, wird der geneigte Leser nicht erst von uns zu erfahren brauchen.
Politische Neberficht.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. April.
U*'Anläßlich der am 20. Januar d. I. erfolgten Einweihung des neuen Gebäudes der F r e i m a u r e r- Loge „Ropal' York zur Freundschaft" waren auffällige Mittheilungen über den Inhalt der von unserem Kronprinzen bei dieser Feier gehaltenen Reden durch einen.^Theil der Presse ge-
Wie, Herr Wagner? unlerbiach Frau Eberhard ihn bestürzt, von welchen Bekenntnissen meiner Tochter reden Sie?
Nun dieselben sind so schlimm nicht, meine Liebe, -- aber wenn die Braut einem so unver- holen' ihre Abneigung, resp. ihre Liebe zu einem andern in's Gesicht wirft, da kann man doch nicht besonders erfreut sein. Nun, laffen wir das, in der Ehe werde ich meine Rechte schon zu wahren wißen, da soll mir so leicht keiner in mein Gehege kommen.
Er nickte der Frau vertraulich zu und verlieh das Haus.
Letztere starrte ihm einige Minuten unbeweglich nach; ein quälendes Gefühl, als überliefere sie ihr Kind einem schrecklichen Geschick, durchzuckte ihre Brust. Gewaltsam schüttelte sie dasselbe von sich ab und begab sich in's Wohnzimmer, wo sie Nanni im stillen Hinbrüten fand.
Du bist mein gutes Kind, sprach die Mutter, ihren Arm um die Unglückliche legend mit ungewöhnlicher Milde, Gott wird Dich segnen für das Opfer, welches Du Deinen Eltern bringen willst, und mit feiner Hülfe wird auch der Friede und das Glück unter dieses Dach zurückkehren.
O Mutter, — könnte ich bei Rest schlafen, flüsterte Nanni in ausbrechender Verzweiflung, woher soll ich die Kraft zu diesem Opfer nehmen?
Aus Deiner kindlichen Pflicht, erwiderte die Mutter mit Nachdruck, glaube mir. was jetzt so