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Sonnabend, den 24. März

1883

Fuldm W8 Intung.

«tzuldaer lt«ituna' «rsLeint rsalich, Sonn- und Feienage au«genvmmen. BiertrljLhrlicher RbonnementSprriS ohne Bringrrl,hn und Bcstellzeld: 1 8RL 50 Pfg-, — «it den * '5ulba“ äeUUn8 * ” 9 iBuftrirten Sonntagsblättern .Im Familienkreis.' in Fulda 1 M. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserat«: Di« »ierspaltig« Z«il« oder deren »kaum 15 Psg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.: bri^Wiederholungen entsprechender Rabatt._____________________,

Zweites Blatt.

? Der deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke.

Keine Culturnation hat mehr Grund vor dem Branntwein auf der Hut zu sein, wie die deutsche, weil bei ihr viele guten und schlimmen Eigen« thümlichkeiten und Lebensgewohnheiten Zusammen­treffen, um sowohl den Reiz des Genusses wie seine Gefahren zu steigern. Die intensive geistige Arbeit, die vielfachen Ansprüche des Berufs, der heftige Wettkampf im Erwerbsleben, die übermäßige Wohlfeilheit des Branntwein», die fort und fort reißend steigende Zahl der Schank« und Verkaufs« stätten, der gewohnheitsmäßige anhaltende Wirths« Hausbesuch und andere wirthschaftliche, sociale, politische, militärische, geographische Dinge tragen vereinigt dazu bei, daß im Herzen de« deutschen Volke« Bacchu« einen bevorzugten Platz einnimmt.

Keine andere Nation hat so viele, so schöne, so begeisterte Lieder, in denen Dichtung und Melodie wetteifernd die Freuden de» Becher« und Zechers preisen, keine bekanntlich auch für den Rausch so zahllose Bezeichnungen, welche dazu fast alle ein behaglich lächelndes Gesicht machen, ohne den leisesten Tadel durchschimmern zu lassen. Ganz ähnlich verhalten sich die Sprüchwörter und ge­flügelten Worte, von denen ein'« sogar meint:

X Briefe aus der Hölle.*)

Von HanS Hahnenfeder.

IV.

Duselmann an Gallenberger.

Eigentlich schreibe ich Dir nur Antwort, um mir für alle Zukunft Deine Briefe zu verbitten. Da ich aber nun doch einmal schreibe, so mögen noch ein paar Worte mehr einfließen. Gestern war Sonntag, und die Fabrik stand zur lieber» raschung aller Arbeiter still; es war ein Ereigniß, welches seit dem Beginn de» Culturkampfes nicht mehr vorgekommen. Ein zersprungene« Rad führte die Sonntagsheiligung herbei.

„Nun könnt ihr zur Kirche gehen", sagte der Fabrikant. Den Weg zur Kirche hatten wir längst vergeßen, aber zur Schnapskneipe wußten wir ihn, und dort fanden wir uns zusammen. Es ging sehr lustig her; als ich aber ein paar Dutzend Glas hinter der Binde und den Rest von meinem Wochen« lohn im Magen hatte, da warf ein fremder Mensch, welcher Alkohol genannt wurde, mit allerlei bissi­gen Redensarten um sich, so daß Streit entstand. Anfangs warf man sich nur mit Gläsern, prügelte den Wirth und seine Frau, schlug Tische und Stühle entzwei und fluchte, daß die Fensterscheiben sprangen; nachher aber ging es etwas hitziger her, r« wurde mit Meffern gestochen und mit dem Ofen­deckel geschlagen. Ich bekam auch einen Hieb mit. Al» ich mir das nicht gefallen lassen wollte, son­dern mich wehrte, da bekam ich mindestens so viel Stiche, als ein Hase beim Spicken. Wildert aber gerieth in eine wahre Teufelswuth, biß mir die Nase ab und warf sie zum Fenster hinaus, so daß ich sie nicht einmal in Spiritus setzen kann.

Al» ich hinfiel, trugen sie mich nach Hause und legten mir Schwamm auf den Nasenstummel und die vielen Wunden. Da lag ich nun und kam meiner Nase wegen in'S Denken. Es mar bereits Nacht, und ich konnte vor Schmerze» nicht schlafen. Auf einmal kam ein flammender Schein durch das

*) Nachdruck verboten.

„Wer niemals einen Rausch gehabt, ber, ist kein braver Mann". Alle» deutet darauf, daß unsere Nation ein Uebermaß des Genußes gern duldet. Auch unsere Volksbühne, da» Puppenspiel, da» Kasperletheater gönnen dem Rausche durchweg breitesten Raum. Neuerdings ist die deutsche Trunkliebe sogar bei rachgierigen Franzosen ein beliebter Ankergrund ihrer Hoffnungen geworden: „Schließlich werden sich diese Deutschen doch durch ihre Trunksucht ruiniren". Endlich sei daran erinnert, daß die Selbstmord« und Jrrsinnstatistsk für Deutschland erschreckend hohe Ziffern nachweist und ein starker Antheil daran dem Alkoholmiß- brauch zukommt!

Es haben früher meist nur Aerzte, Geistliche, Kriminalisten, Polizeimänner und Jrrenhausbeamte die Sache sehr ernst genommen. Erst in neuester Zeit ist die ganze Angelegenheit öfter in den wei­testen Kreisen literarisch und publicistisch erörtert worden und im October v. I. ist eine Anzahl Volkssreunde zusammengetreten, um einen großen, über alles deutsche Land verzweigten Verein gegen den Alkoholisrnus in’« Leben zu rufen, der sich selbst und die öffentliche Meinung über die Lage der Dinge unb die im Auslande angewandten Abhilfemittel gründlich ausklären will, um danach zu untersuchen, welche derselben auch diesseits Erfolg versprechen. Das Comitö jener Frankfur­ter Versammlung hat soeben einen von 143 Männern unterzeichneten „Aufruf an da» Schlüsselloch und hinter demselben her ein Männ­chen, so dünn wie eine Federspule. Kaum aber war er auf den Boden gesprungen, so wuchs er, und ich erkannte Alkohol in ihm.

„Duselmann", sprach er zu mir, „was willst Du ohne Nase noch in der Welt? Jäger hat uns gelehrt, daß die Seele in der Nase sitzt; Du haft also weder Nase noch Seele. Ein vorübergehen­der Fleischerhund hat beide gefreßen. Aus der Hundeseele ist ein Seelenhund geworden. Du thust am besten und erhängst Dich. Hier ist ein Strick!"

Schon griff ich nach dem Stricke; da schwebte eine Lichtgestalt in das Gemach; sie war ein hohes Engelsgebilde, hatte rosig schimmernde Flügel, lichtstrahlende Augen und ein Antlitz wie Milch nnd Blut. Der Engel drohte dem Alkohol mit feinem golbleudjtenben Finger. Der zitterte wie Espenlaub, schrumpfte ganz klein zusammen unb kroch mit Geheul wieder zum Schlüßelloche hinaus.

Mir graute vor dem lichten, hehren Wesen, und doch fühlte ich mich von demselben angezogen, denn es hatte das Antlitz meiner Mutter. Aus ihrem Gewände nahm sie eine Rolle und breitete dieselbe vor meinem Lager aus. Auf derselben sah ich die Bilder meiner Jugend und meines Alters. Para­diesesschön begannen sie; ich saß auf dem Schooße meiner Mutter, spielte mit ihren Locken und um­faßte ihren Hals mit meinen kleinen Aermchen; sie küßte mich und drückte mich an ihr Herz. Dann kam ein anberes Bilb: Ich faß zu ihren Füßen, lauschte ihren Worten unb Lehren unb fühlte mich unaussprechlich glücklich.

Wieberum ein anderes Bild: Ich hatte das Gymnasium meiner Vaterstadt hinter mir und rüstete mich mit golbenen Plänen zur Fahrt auf die Hochschule zu Bonn. Die Trennung von der Mutter fiel mir schwer. Wir weinten Beide heiße Thränen. Sie schluchzte: „Bleibe fromm und gut!" Ich versprach es mit einem Drucke der Hand; dann zog ich den Strom hinauf, die schön­sten Vorsätze schwebten als geflügelte Himmelskin­der vor mir her.

Abermals ein anderes Bild: Ich studierte in

deutsche Volk" veröffentlicht, unb eine ton« ftituirenbe Versammlung nach Cassel (Stadtpark) auf Donnerstag, den 25. März, Nachmittag» 5 Uhr, einberufen. Aus ber stattlichen Liste der Unterzeichner geht hervor, daß sich hier bit ver- schiebensten politischen, kirchlichen unb volkswirth- schastlichen Richtungen und alle Berufskreise der deutschen Nation die Hände reichen wollen, um physische unb sittliche Gefahren von unfern Volk abzuwenden. Erst die Verhandlungen und Ar« beiten be» neuen Vereins werden ergeben, welche Stellung et zu den betreffenden Einzelsragen ein­zunehmen hat. Jedenfalls glaubt er, von dem Verlangen eines Enthaltsamkeitsgelüb- de» abfehen zu sollen, unb richtet seine Agi­tation gegen ben „Mißbrauch geistiger Getränke."

Parlamentarische Entscheidungsschlachten sind zwar nicht eher zu erhoffen, als bi» umfassende», unanfechtbares statistisches Material erarbeitet ist; bennoch läßt sich wohl annehmen, baß vorerst schon bie bloße Existenz einer über alles beutsche Land sich erstreckenben Gesellschaft nicht ganz ohne Ein­fluß auf die Gesetze und Verwaltungsmaßregeln sowie auf die Anschauungen unb Sitten ber Nation bleiben werde.

Es liegt ganz besonders mit in der Hand der Preße, durch eine vielseitige Besprechung ber gan­zen Angelegenheit dem neuen Verein materielle und geistige Kräfte aus allen Gauen Deutschlands zu gewinnen.

der Kneipe, nicht im Hörsaale, lachte über die Philister unb badete mich in Wein und Bier. An der Kirche ging ich weit vorüber, und meine Freunde sorgten dafür, daß ich die Lehren der Religion als Ammenmärchen betrachtete. In dem folgende» Bilde kehrte ich schuldbeladen heim, ich konnte ben ernsten Blick ber Mutter nicht mehr ertragen; da» böse Gewißen trieb mich in's Wirthshaus.

Dis Blätter ber Rolle begannen jetzt spukhaft zu rascheln unb zu rauschen, unb bas folgenbe Bild zeigte mir meine Trauung mit einem trügerischen Weibe. Ich schwur ihr Treue auf ben golbenen Ring, aber ich liebte nur ihr Geld. Lauter raschelten die Blätter: da stand es in glühenden Bildern, ich hatte durch unmäßigen Trunk das Vermögen meiner Fra» verthan und das Herz meiner Mutter gebrochen. Mein Weib lag gram- gebeugt an ber Schwindsucht. Ich konnte ihren Blick nicht ertragen, sondern trank mich im Wirths- hause um den Verstand. Ich war auch betrunken, als sie starb. Ihr letztes Wort war: „Kehre der Kinder wegen um!"

Aber ich kehrte nicht um, sondern ließ sie ver­kümmern. Eines nach dem andern folgte der Mut­ter, und nun war ich allein in gräßlicher Einsam­keit. Um nicht zu verhungern, ging ich in die Fabrik und huldigte dem Branntwein. Der letzte Hauch von Scham und Ehrgefühl ging dahin; ich sank auf die Stufe des Thieres hinab. O, weich' ein schreckliches Gemälde! —

Die himmlische Gestalt barg die Rolle wieder in ihrem Gewände. Ihre lichtstrahlenden Augen brannten mir wie Feuer in die Seele. Fast ver­zweifelnd streckte ich die Arme aus und rief: „Mutter, Mutter, ist noch Rettung möglich?"

Die Lichtgestalt war verschwunden, aber aus weiter Ferne hallte ihre Stimme zu mir herüber: „Sie ist möglich I Meide ben Trunk!"

Auf meinem einsamen Lager habe ich ben Schwur gethan, bem Genius meiner Kindheit zu folgen; deshalb sage ich Dir und allen Freunden ab für Zeit und Zukunft. Schwer ist der Kampf, aber ich werde siegen. Die Hand der Mutter führt mich durch alle Fähmiße. Duselmann.