ß(4 Freitag, den 16. März 1883.
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Die Bauern-Vereine, ihre Organisation und eventuelle Gemeinsamkeit.
Referat des l?rn. Dr. Frhrn. v. Lchorl emer-Alst gehalten in der XIV. Haupt-Versammlung des Longresses Deutscher Landwirthe zu Berlin am
8. Februar (883.
Meine Herren! Ich werde mir nicht zur Aufgabe stellen. Ihnen hier ein Bild zu entwerfen, wie ein Bauern- Verein gebildet wird, sondern die Frage darauf beschränken, welche Stellung meines Erachtens die Baucrn-Vereine in den zeitigen Verhältnissen einzunehmen hatten und haben, und in wie weit schon jetzt eine gemeinsame Thätigkeit möglich oder unmöglich ist; ich werde endlich für diejenigen Dinge, die dem Grundbesitz gemeinsam sind, an Wünschen, Klagen und Schmerzen einen gemeinsamen Punkt zum Austrag zu finden suchen.
Als vor zwanzig Jahren die ersten Bauern-Vereine in's Leben traten, fanden sie überall nur Gegner; Gegner in den grundbesitzenden Kreisen, auch Gegner, und zwar die nicht am wenigsten abgeneigten, in den Kreisen der Staats- Regierung. Sogar das Wort „Bauern" und „Bauern- Vereine" bereitete in vielen Kreisen eine Gegnerschaft. Man wünschte damals alle möglichen anderen Arten von Bezeichnungen, z. B. „Grundbesitzer-Vereine"» „Oekonomen- Vereine", und hielt diese für mehr zulässig. „Bauer" wollte damals keiner sein, und es ist kein geringes Verdienst, daß die Bauern-Vereine das ehrliche deutsche Wort „Bauer" wieder zu Ehren gebracht haben (Bravo!); denn ich meine, vom Fürste» bis zum letzten Tagelöhner ziert uns nichts mehr als der Name „Bauer", und wenn wir als redliche Bauern für das Wohl des Vaterlandes Mitarbeiten, so tragen w-r diesen Namen mit Ehren: (Bravo!) Die Vereine, die damals zuerst sich gebildet, haben auch alle möglichen Arten von Verfolgungen ausgestanden; wir sind aber in Westfalen z. B. der Ansicht, daß, was eine ordentliche Eiche werden soll, feste Wurzel schlagen muß, und daß ein junger Pflänzling nimmer diese feste Wurzeln und Aeste bekommt, wenn er nicht unter Stürmen ausgewachsen ist. Und ich möchte jedem Vereine wünschen, daß er etwas stürmische Zeit zu erleben habe; das macht verständig und stark! (Sehr richtig!)
Heute liegt ja die Sache anders; heute sind die Bauern- Vereine von Allerhöchster Stelle durch Anerkennung geehrt. Heute nehmen sie mehr und mehr an Verbreitung zu, und da ist es gerade der Augenblick, sowohl einestheils auf das Wohlthätige derselben, als auch anderntheils auf die Gefahren hinzuweisen, die mit einer zu schnellen oder unrichtigen Entwickelung der Bauern-Vereine sich verbinden können. Die ganze Entwickelung der Bauern-Vereine und der jetzige Aufschwung derselben ist die natürliche Re- action des Grundbesitzes, vor allem des bäuerlichen, gegen die Uebermacht des Capitals. Ich sage nicht gegen das „Capital", sondern gegen die „Uebermacht des Capitals", die in der Gesetzgebung wie auch sonst überall so schädlich für den Grundbesitz sich erweist. (Sehr richtig!) Nun hat noch gestern ein Redner der liberalen und Freihandelspartei gesagt: „Nun, die Bauern werden bald ihre Führer verlassen, namentlich in der Frage über die Schutzzölle und alles, was diese Frage betrifft!" Ich glaube, daß dieser Herr niemals einen ordentlichen Bauer gesehen hat. (Heiterkeit. Bravo!) Aber mich hat gefreut zu hören, wie man auf jener Seite noch immer so naiv sein kann, und gar nicht begriffen hat, was diese Frage bedeutet. Sie bedeutet die Emancipation des Bauernstandes von der Herrschaft des Capitals und des Wuchers und von allem, was damit zusammenhängt. Es ist erfreulich, sage ich, daß die Herren das noch nicht begriffen haben; denn da werden wir ziemlich leichtes Spiel mit ihnen haben. (Heiterkeit.)
Die Bauern-Vereine sind nicht entstanden, um irgend welche Gegensätze zu den landwirthschaftlichen Vereinen zu bilden. Ich habe allezeit anerkannt, daß wir den landwirth- schastlichen Vereinen zu großem Dank verpflichtet sind. Man muß nur unterscheiden zwischen den verschiedenen Gebieten, welche die landwirthschaftlichen Vereine zu bearbeiten haben; ferner deren ganze Bildung, Entstehung und die Kreise, aus denen sie ihre Mitglieder heranziehen und diesie darauf Hinweisen, die Technik des landwirthschaftlichen Betriebes zu fördern und weiter zu entwickeln. Die Bauern-Vereine haben dagegen die Aufgabe, die Interessen des Grundbesitzes nach allen Richtungen wahrzunehmen. Landwirthschastliche und Bauern- Vereine stehen in keinem Gegensatz, sondern sollen nur zum gemeinsamen Handeln sich die Hand reichen; denn
beide haben doch das Ziel, die Interessen des Grundbesitzes nach der einen oder nach der andern Seite zu fördern. (Bravo!)
Ich stelle in den Vordergrund, daß es gerade Sache der Bauern-Vereine ist, den Gedanken eines bessern Erbrechtes in jeder Beziehung zu fördern, und daß namentlich in den Bauern-Vereinen klar gemocht wird: was bedeutet diese Frage für uns? Durch die lange Herrschaft des Liberalismus, auch auf diesem Gebiete, sind vollständig irrthümliche Ansichten darüber auch in diese Kreise gedrungen, und man muß ihnen klar machen, daß bei dem Bestreben, den Grundbesitz zu erhalten, die jetzt geltenden Bestimmungen über das Erbrecht nicht bestehen bleiben können. Es ist nicht zu verkennen, daß die Vorschläge des Brandenburgischen Provinzial-Landtages und des Herrenhauses den realen Bedürfnissen des Grundbesitzerstandes am besten entsprechen. Ob aber die Sache jetzt schon so durchgesührt werden kann, will ich damit noch nicht sagen; denn es hängt dies ja wesentlich von den gesetzgebenden Factoren ab. Die Erhaltung des ländlichen Besitzes aber ist die wesentlichste Aufgabe der Bauern-Vereine.
Demnächst wird eine weitere Frage sein, wie dem Grundbesitz der nöthige Credit zu verschaffen ist? Ich halte die alten Landschaften für die besten Credit-Jnstitute (Sehr wahr!), welche überhaupt für den Grundbesitz geschaffen sind, und ich möchte nur, daß diese Institute für den Kleinbesitzer besser ausgebildet und erweitert würden; dann würde ich gar keine Bedenken tragen, daß die Regierung diesen Instituten im Interesse der Kleinbauern dieselbe Unterstützung gewähre, wie sie z. B. der Industrie zu Theil wurde.
Eine Hauptaufgabe der Bauern-Vereine ist ferner die Vermittelung des gegenseitigen Darlehens. Es finden sich, Gott sei Dank, int Kreise der Grundbesitzer immer noch Viele, die bereit sind, statt ihr Geld in eine Sparkaffe zu legen, ihren Standesgenossen damit zu Hülfe zu to.nnvn, durch Herleilp-ng -uäßige Zinsen. ■ In Westfalen werden einfach Diejenigen, welche Geld auszuleihen haben, und Diejenigen, welche dessen bedürfen, durch den Bauern-Verein in Verbindung gebracht; der Umsatz beträgt 3 —400,000 Mark zu einem Zinsfuß von vier pCt. Endlich bedarf es dann noch der Credit-Jnstitute für solche, deren Credit fast erschöpft ist, und da empfehle ich sehr die Einrichtung von Raiffeisen'schen Darlehnskaffen, bei denen jede Art von Schwindel oder Dividenden-Ge- winnung ausgeschloffen ist. Ein weiteres Gebiet ist die Feuer- und Hagel-Versicherung. Haben sie sich da den Provinzial-Jnstituten angeschlossen — oder sonst wo immer — so ist die Aufgabe, den Leuten klar zu machen, welche Verbindlichkeit sie gegenüber einer Feuerversicherungs- Gesellschaft und diese ihnen gegenüber eingegangen; denn es gibt gewiß so manchen selbst größer» Grundbesitzer, der seine Versicherung abgeschloffen hat, ohne seine Police ordentlich durchgelesen zu haben. Deshalb ist cs nothwen- dig, daß für die kleinen Besitzer gelesen und studirt wird, und das besorgt der Verein. Auch in Bezug auf die Hagelversicherung wird sich viel thun lassen. In Westfalen hat man mit der Norddeutschen Hagelversicherungs-Gesellschaft ganz gute Erfolge gehabt.
Für nothwendig und zweckmäßig halte ich dann auch Einigungs-Aemter zur Vermeidung von Processen unter den Mitgliedern in der Art, daß, ehe dieselben vor das Gericht treten, sie erst dem Vereine resp. seinem Schiedsgericht die Sache vorlegen, welches mit Zuziehung von Juristen gebildet ist, um so leichter den Frieden zu stiften und den Leuten die Kosten des Gerichtes zu ersparen. Es empfiehlt sich auch, daß den Leuten guter und sicherer Rechtsbeistand geleistet wird; denn ein großer Uebelstand sind die Winkel-Advokaten. (Sehr rich ig!) Die Leute werden von Letzteren zu Processen getrieben und bezahlen ihnen in ihrer Unwissenheit mehr, als wenn sie einen guten Advokaten genommen hätten.
Ein ferneres fruchtbares Gebiet ist die Sorge für eine gute und richtige Bildung. Man hat in unserer Zeit fast Bedenken, das Wort „Bildung" in den Mund zu zu nehmen; denn wir haben so viele falsche Bildung, daß man sich scheut, von „gebildeten" Leuten zu sprechen — nicht vor Gebildeten! (Heiterkeit.) Da ist es wirklich noth, daß gesorgt wird, den Söhnen und Töchtern des Bauernstandes eine gute und richtige Bildung zu vermitteln, und das ist wieder die Sache der Bauern-Vereine, z. B. durch Einrichtung von Winterschulen. Bei den Töchtern wird in dieser Richtung meist noch mehr gefehlt, als bei den Söhnen. Die Institute, die man hat, mögen sie nun Pensionate oder Töchterschulen heißen, sind meist nicht die richtigen Anstalten für die Bauerntöchter; denn für diese ist e§ nicht durchaus nothwendig, daß sie Klavier spiele». Tanzen und eine Schleppe tragen gelernt haben, sondern daß sie das Vieh besorgen, Butter machen, Kochen und was dazu gehört, kurz, den Haushalt lernen. (Sehr richtig.)
Da, wo die Bauern-Vereine sich organisch entwickelt und den Verhältnissen angepaßt haben, da wird auch die
nachhaltigste Leistung nie fehlen. Deßhalb ist es nothwendig, die Bauern Vereine an die einzelnen Landestheile, die Provinzen oder auch nur einen Theil der Provinz anzuschließen, damit sie den bestehenden realen Verhältnissen sich a passen. Es wäre ein Fehler, wenn man gleich für zwei Provinzen oder noch mehr einen Verein bilden wollte. Selbst zwischen Westfalen und der Rheinprovinz, oder Preußen, Posen und Pommern, und zwischen Süddeutschland und Norddeutschland bestehen so unterschiedene Verhältnisse, daß, wenn man diese Verhältnisse unberücksichtigt lassen wollte, man nie er» eichen würde, was nothwendig ist. Wenn aber die Bauern-Vereine den kleinern Bezirken sich anschließen, dann wird sich ein reiches Leben in denselben entwickeln können. (Sehr richtig!)
Es gibt auch gemeinsame Interessen, die bei der zeitigen Lage des Grundbesitzes sich leider mehr in gemeinsamer Klage äußern als in gemeinsamer Freude. Aber es kommt auf zweierlei an: erstens, diese Interessen zu erkennen, und zweitens dem Bauer und vor allem den Regierungen klar zu machen, was das gemeinsame Interesse des Grundbesitzes ist. Auf diese Weise wird dann die breite Grundlage gewonnen, auf der es sich gut und gesund aufbaut; auf diese Weise schafft man sich eine gute Armee und dann werden sich auch die Generäle finden. (Sehr richtig!) Ferner ist nöthig, daß alles, was in solchem Verein störend und trennend wirken kann, aus demselben fortbleibe. Dazu rechne ich in erster Linie, daß alle politischen und religiösen Streitfragen ausgeschlossen sind. (Sehr wahr!)
Das führt mich nun auf die sogenannten „Freien Bauerntage". Ich anerkenne, daß die ehrenwerthen Männer, die der Sache sich angenommen haben, gewiß ein großes Verdienst sich erworben, daß sie gewiß die besten Absichten haben; aber ich kann nicht umhin, die Befürchtung auszusprechen, daß eine solche Bewegung nicht nachhaltig ist, und daß ferner der kleine bäuerliche Grundbesitzer derselben fern bleibt. Nun aber ist es gerade der kleine Grundbesitz, dfr besonders der Hülfe bedarf.. Ferner fürchte ich,' daß bei diesen „'Freien Bauerntägen' die Politik die Hauptrolle spielen wird. Wenn das Programm eines solchen „Freien Bauerntages" sagt: „es soll alles erörtert werden, was den Grundbesitz bedrückt," dann darf man sich nicht wundern, wenn, wie es der Fall war, ein Bauer sagt: „Ja, uns bedrückt jetzt auch der Cullurkampf!" und ein anderer z. B. aus Hannover: „Ja, wir zahlen jetzt mehr Steuern als unter der früheren Regierung" :c. Da haben sie dort einen kirchlichen und hier einen welfischen Zankapfel; damit die Gefahr. Es ist zu befürchten, daß dann die Gegensätze auf einander platzen, statt daß alle Theile gemeinsam und harmonisch wirken. Ein solcher „Freier Bauerntag" kommt zusammen, faßt eine Resolution und geht auseinander.. Wer steht hinter der Refolution? Die Versammlung vom so und so vielten, die aber nie wieder in gleicher Weise zusammentritt. Und da ist es ja auch wieder erklärlich, daß man vorzugsweise an das Reich und an den Staat sich wendet. Das ist ja das bequemste Aushülfsmittel. Run meine ich auch, daß Reich und Staat noch sehr viel beffern müssen, was durch die Gesetzgebung gesündigt worden ist; aber es ist auch noch sehr viel Selb st hülfe möglich. Ich verlange, daß die Bauern-Vereine ine Mitglieder auffordern: „Sucht euch vor allem auch selbst zu helfen, und auf allen Gebieten, wo ihr's nur immer thun könnt!" (Sehr richtig!)
Der alte General Montecucculi war ein berühmter Feldherr und gar kein dummer Mann. Er beantwortete die Frage: „Was ist nothwendig zum Kriege?" einfach damit, daß er sagte: „Dreierlei: 1. Geld! 2. Geld! und 3. Geld!" Nun, der Grundbesitz hat auch einen schwere» Kampf zu bestehen, und ohne Geld werden wir es nicht machen rönnen, zumal wir gegen die Macht des Geldes Krieg führen müssen! (Heiterkeit.) Ich sage das wirklich nicht, um die Bewegung dieser freien Bauerntage damit zu tadeln; ich will nur warnen, aus warmem Herzen für die Sache! Wenn diese Bauerntage dazu benutzt würden, Bauern-Vereine zu bilden und zu organisiren, so würden sie ausgezeichnet wirken; nur auf Die je Werse wird dauernd etwas für den Bauernstand geleistet werde». (Bravo)!
Es ist neuerdings die Frage aufgeworfen worden: „Ist es nicht angezeigt, die bestehenden und sich bildende» Bauern-Vereine durch eine Centralstelle mit einander in Verbindung zu bringen?" Das ist eine sehr ernste Frage. Ich erkenne an, daß es gemeinsame Interessen für den Grundbesitz gibt, die gemeinsam verfolgt werden müssen; daß es ober vor allem nothwendig ist; diese wirklich gemeinsamen Jntereffen erst klar zu stellen, nach allen Seiten. Wollte man die jetzt schon bestehenden Vereine cen- tralisiren, das wäre zu früh. Man soll nie Vereine „machen", sondern man muß sie wachsen und sich organisch entwickeln lassen. Macht man sie, so wird die Sache ein Mechanismus, der nichts taugt; läßt man sie sich ruhig entwickeln, so sind sie ein Organismus, der sich zu blühendem Leben entfaltet. Wir haben dazu weite Gegenden in Deutschland, wo die Bauernbewegung noch