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jfä 60. Donnerstag, den 15. März 1883.

Di« .Fuloaer Zeitung" erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — nut den illustrirten Sonntagsblättern ,Jm Familienkreise' in Fulda 1 Mt. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Psg.

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Politische Ueberficht.

Deutsches Reich.

Fulda, 15. März.

* (Zunah me desVerbrecherthums.) In vergangener Woche theilte der bekannte Abgeord­nete und Strafanstalts-Director Strosser in einem zu Berlin in einer christlich-socialen Versamm­lung gehaltenen Vortrage die nachfolgenden Ziffern und Daten mit: Die Bevölkerung hat von 1871 bis 18 77 nur um 4 Procent in Deutschland zugenommen. Die Ste gerung der Ver­brechen bewegt sich in demselben Zeitraum in Procentsätzen von 77 — 375 Procent. So ist eines der schwersten Verbrechen, der wissentliche Meineid, von 594 Fällen (1871) auf 1048 (1877) gestiegen. Die Zahl der Sittlichkeits- Vergehen ist von 501 auf 19 75 (beinahe das 4fache) gewachsen. Mord, Todtschlag, Kin­desmord und schwere Körperverletzungen haben sich verdoppelt; der schwere Diebstahl hat sich nur von 1915 Fällen (1871) auf 2641 Fälle (im Jahre 1877) gesteigert. Er zeigt die geringste Zunahme, ein Beweis, daß nicht die materielle Roth das Sinken der Sitten verursacht hat. Am meisten haben die Verbrechen im Amte zugenommen; von 143 auf 680 (375 Procent), so daß das Beamtenthum, dieser Stolz des Vaterlandes, diese Säule des preußischen Staates, jetzt ebenfalls zu zerbröckeln scheint. Die S e l b st m o r d e zeigen ebenfalls eine starke Zunahme. Six nehmen in Leulschlano in veschamenoerWeife üoeryanv. Wah­rend in dem armen und gedrückten Irland nur 17 Selbstmorde auf die Million Einwoh­ner kommen, stellt sich diese Verhältnißziffer in Rheinland und Westfalen auf 65 resp. 70, in Ost und Westpreußen und in Bayern auf 100, in Oesterreich auf 130, in Hannover auf 140, in Mähren und Böhmen auf 150 resp. 180, in Brandenburg auf 200, in den Thüringer Landen auf 245 und im Königreich Sachsen auf 408. In ähnlicher Weise hat die Vagabondage zugenommen. Man schätzt die Summe der alljährlich an die etwa 200,000 deutschen Vagabunden gewährten Almosen auf 120 Millionen Mark. Diese Zahlen weitläufig commentiren, hieße ihre Wirkung ab­schwächen. Sie predigen lauter als alle Worte die Rothwendigkeit einer Rückkehr des Volkes zur Re- ligiösität und kirchlichen Zucht.

• (In Bezug auf die in letzter Zeit viel besprochenen Nothstände im Eifel- gebiet) erfahren die ,Berl. Polst. Nachr/, daß Maßregeln im Zuge sind, welche die Beseitigung des chronischen NothstandeS bezwecken. Es werden hierüber zwischen den beteiligten Ministern Son» ferenzen stattfinden, sobald die Referate über die localen Erhebungen, welche die Regierung der Rheinprovinz augenblicklich veranstalten läßt, hier vorliegen werden. .

* fZum Thema „deutscher Verein ) schreibt die ,Franks. Ztg.: O alte Reichsfreund- Herrlichkeit, wie schnell bist Du entschwunden! möchte man singen, wenn man den Bericht über die letzte Generalversammlung des deut­schen Vereins der Rheinlande liest. (Die­selbe fand am Montag in Köln statt.) Wirklich, es war eine Generalversammlung — denn sechs­zehn Generale bildeten ihren Bestand und der Oberste mußte constatiren, daß die Mannschaft, die einst 20,000 betrug, sich bis auf einen kleinen Rest verlaufen habe. Die Regierungssonne lacht dem Verein nicht mehr, die Gegner ignoriren ihn, die Freunde haben sich dem Pessimismus in die Arme geworfen und — die Sasse, die dereinst sogar einen Konitzer prächtig ausstatten konnte, ist

leer. Der Vorstand war unter sothanen traurigen Umständen der Ansicht, es sei besser, zu sterben, als kümmerlich und unbeachtet zu »egitiren. Aber der Geschmack der Mehrheit der Sechszehn ent­schied sich für das letztere und der Verein wird demnach „latent fortexistiren". Worüber die ultra- montane .Köln. Volksztg.' sich herzlich freut, „denn" — meint sie — „eine so schöne Gründung muß, nachdem sie so vollkommen unschädlich geworden ist, „doch noch einige Jahre als harmloses Ge­spenst umgehen". Neugierig sind wir darauf, ob Herr v. Sy bei an der Ehrenpräsidentschaft einer „latenten Existenz" Gefallen finden wird. Wenn nicht, so braucht der Verein sich übrigens keine Sorge zu machen, denn wozu wäre Herr v. Eynern da?

Berlin, 14. März.

* (Zur Demission des Ministers von Stosch) schreibt die .Germania': Man kann aus der ,Nordd. Allg. Ztg.' wohl die Wahrheit er­sehen, wenn man das Blatt nur richtig zu inter» pretiren weiß. Falls die .Nordd.' den Nachweis antritt, daß von gewisser Seite keine Minister „ge­stürzt" würden, so kann man hundert gegen eins wetten, daß ein „Sturz" im Gange ist und bald der unangenehme Saut, den ein fallender Körper verursacht, uns im Ohre klingen wird. Daß ein Brief des Reichskanzlers den Fall des Herrn von Kameke veranlaßt habe, ist dementirt worden; nun aber heißt es wieder, daß doch ein solcher „stürzen­der" Brief vorhanden sei, und zwar habe derselbe p. - /?-* , t X . X.

längst ein intimer Feind beS Fürsten Bismarck und zugleich der gesetzliche „Stellvertreter" des Reichskanzlers in feinem Ressort ist. Die ,Nat.- Ztg.' erklärt es für „wahrscheinlich, daß der letzte Anstoß zu der Demission des Herrn v. Stosch in einem vom Reichskanzler herrührenden Schrift­stück zu finden ist, in welchem Fürst Bismarck über Schwierigkeiten Beschwerde führt, die seiner inneren und äußeren Politik von Seiten des Chefs der Admiralität bereitet worden feien." Das Blatt fügt hinzu, daß die Demission für Herrn von Stosch ein Ehrenpunkt geworden sei, was allerdings die Ausgleichung ausschließen würde. Die ,Nordd.' begnügt sich damit, die Journal­meldungen über die Demission mitzutheilen. Da­gegen versichert das ,Berl. Tagebl.', die Demis­sion sei bereits angenommen, und der Comman- deur des Nordsee-Geschwaders Bartsch werde als Nachfolger genannt. (Vgl. Neueste Nachrichten.

Belgien.

• Brüssel, 9. März. (Das freie Schul­wesen Belgiens.) In Belgien besteht laut der Verfassung volle Unterrichtsfreiheit für ele­mentar», Mittel- und hohe Schulen. Die Abän­derung der Verfassung ist bei der jetzigen Stärke der Parteien nicht möglich, so sehr auch den Libe­ralen die Vernichtung der Unterrichtsfreiheit am Herzen liegt. Sie hofften, die Schüler den katho­lischen freien Schulen zu entziehen, indem sie die officiellen Schulen auf den Staatsetat über­nahmen und den Katholiken, welche schon ihre Schulen zu unterhalten haben, auch die Unterhal­tung der officiellen Schulen aufhalsten. Gleich­zeitig wurde der ganze officielle Unterricht reli­gionslos gemacht. Die officielle Schule sollte den Katholicismus, wie Unterrichtsminister Van- humbeeck verkündet, „in's Grab stürzen". Die Katholiken kannten das infernale Ziel und diese Kenntniß gab ihnen den bewunderungswürdigen O pfermuth, dessen Resultat die Gründung von katholischen Schulen in jeder Gemeinde neben den officiellen war. Man sagte ihnen schmähliches | Fjasco voraus, aber ihr Sieg steht jetzt fest und

Fiasco hat der Staat mit seinen officiellen Schu­len gemacht.

Alljährlich veröffentlicht Malou, der Führer der katholischen Conservativen, eine Schulstati- ftik, die dem Logencabinet seine Niederlage ad oculos demonstrirt. Die Statistik wird von den einzelnen katholischen Provinzial-Comitv's für freie Schulen am 15. Decernber jeden Jahres mit der skrupulösesten Sorgfalt aufgenommen und sodann von dem Cornitö zu Brabant zusammengeftellt. Heute hat Excellenz Malou seinen sämmtlichen Collegen in der Kammer, die liberalen nicht aus­genommen, die Statistik überreicht.

Es haben darnach in den letzten 2 Jahren die Schüler der freien Elementarschulen um 24,101, die der Bewahrschulen um 17,956, zusammen um 42,057 Schüler zugenommen. Der Gesammt- besuch aller dieser katholischen Schulen ist von 580,380 auf 622,437 gestiegen. Beziffert man die Kosten für einen freien Schüler auf 10 Francs, fo bringen die Katholiken des kleinen Bel­giens also jährlich mehr als sechs Millionen für den Unterhalt ihrer Schulen auf.

Am 31. Dec. 1879 zählte Belgien 5,536,654 Einwohner. Auf 100 Einwohner zählt man in der Regel 15 Schulkinder. Zu der genannten Zeit gab es also in Belgien ungefähr 830,498 Schulkinder. Davon besuchten also 622,437 Kinder die freien katholischen Schulen und nur 208,061 waren eine Beute der officiel­len Schulen. Diese Ziffern bedürfen keines Com- leuchten, wenn es nicht von Parteileidenschaft gänz­lich verblendet wäre.

England.

* (Donau-Conferenz.) Ueber die von der Donauconferenz in Betreff der Ueberwach- ungscommission gefaßten Beschlüsse geht aus Lon­don die Meldung ein, daß die genannte Commis- fion alljährlich zwei Sessionen abhalten wird, jedoch so, daß dieselben der Zeit nach mcht nut den Sessionen der europäischen Donaucornmisslon zusammenfallen. Die Vollmachten der gemischte Commission gelten für dieselbe Zeit, für welche die Vollmachten der europäischen Donaucommissron in Kraft sind. Als Sitz der Ueberwachungscom- mission wurde Giurgevo beibehalten. Es wurde besondere Aufmerksamkeit darauf verwendet, den Connex zwischen der europäischen Donaucommission und der UeberwachungScommission recht lebendig zu gestalten. Die europäische Commission wird in der Lage fein, durch ihren Delegirten m der gemischten Commission jeder Zeit alle wunschenS- werthen Ausschlüsse über die Vorgänge und Beschlüsse der UeberwachungScommission zu erlangen, und sie wird das Recht haben, durch ihren Delegirten ihre Stimme für alle Maßnahmen geltend zu machen, welche die Freiheit der Schifffahrt zu förbern geeignet sind.

Italien.

• (In der italienischen Deputirten- kammer) wird schon feit einigen Tagen hm- und herdebattirt Über die Weigerung ManciNi S, an der englischen Expedition theilzunehmen. Aus den Depeschen, die zum größten Theile nur für ben Papierkorb gut sind, erhellt, daß die nützlichen Finanzen und die schlechte Militärverwaltung Ita­liens eine Betheiligung an der Expedition mcht gestatteten. Mancini spielte wie immer den Selbst­gefälligen und hatte für eine ganze Cohorte von Vertheidigern feiner Politik im Voraus Sorge ge­tragen. Interessant wurde b;e gestrige Debatte erst burch die Steuerungen des Deputieren Samm. . Dieser glaubte auch, man habe wohl daran geihan,