Jß. 58
Dienstag, den 13. März
1883
Fulimr W Jalung.
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* Das moderne Heerwesen. ii.
Die gefammten inbirecten Reichssteuern bringen nur etwa ein Drittel desjenigen ein, was das Heer verbraucht. Wenn also Fürst Bismarck eine Verminderung der sämmtlichen stehenden Heere um etwa 30 Procent erwirken könnte, so würde er auf sämmtliche inbirecte Steuern und auch auf das Tabaksmonopol verzichten können und doch noch Geld genug in der Staatscafse behalten, um feine socialen Resormpläne durchzusühren und die „Enterbten der Gesellschaft" wieder in ihre vollen Rechte einzusetzen.
Diejenigen mögen wohl nicht Unrecht haben, welche fürchten, daß der Fürst Reichskanzler eher nach ganz entgegengesetzter Richtung hin vorzugehen gedenkt, daß er im Schilde führt, aus den Erträgen der inbirecten Steuern und des Tabaksmonopols vorerst einige Millionen an das Armee- Budget abzuführen.
Eingefleischte Militärfreunde schütteln vielleicht zu den obigen Ausführungen betreffend die Re« duzirung der Friedenspräsenzstärke bedenklich den Kopf; jedoch mit Unrecht I Wollte der eine oder andere Staate diese Idee plötzlich mit einem Male zur Durchführung bringen, so würde sich daraus vielleicht eine schwere Schädigung der staatlichen Sicherheit ergeben. Aber wenn auf dem Wege internationaler Uebereinkunft die maßgebenden Staaten sich darüber verständigten und zu der Einsicht gebracht würden, daß bei einer verhält- nißmäßigen Reduzirung der stehenden Heere aller in Betracht kommenden Staaten von einer Verschiebung der Machtverhältnisse gar nicht die Rede fein kann, so klingt die Idee gar nicht mehr so absurd. Auch fragen wir: Hat denn England, hat Amerika eine solche Heereseinrichtung, wie Deutschland, Frankreich, Oesterreich, Rußland u. f. w.? Ferner: Haben die letztgenannten Länder immer in dem kriegsbereitem Zustande gelebt, wie heute? Weshalb sollte ein europäischer Fiedens- Ausschuß nicht auch für die europäischen Kulturstaaten das thun können, was er schon seit Langem für die Türkei, für Serbien und Mon-
X Briefe aus der Hölle.*) (4
Von Hans Hahnenfeder.
III.
Hans Hahnenfeder an die Redaktion.
Es wird Sie zweifelsohne ein wenig gruseln, einen Brief von mir zu bekommen, aber Sie gehören ja mit zu der Sippe, welche von den Pforten der Hölle nicht überwunden werden, also kann Ihnen meine Epistel nicht viel Schaden bringen, mir aber bleibt die Freude, Ihnen zu zeigen, welche gewaltigen Fortschritte wir im Bösen machen, und bas bereitet mir fast so viel Spaß, als wenn es mir gelungen wäre, ben Säuglingen bie Flaschen heimlich mit Branntwein zu füllen.
„Durch unb burch oerborben!" murmeln Sie zwischen ben Zähnen. Nun ja, bafür bin ich höllischer Leitartikelschreiber; übrigens heißt es „ver- berbt", unb ich wünsche, baß ich auch Ihnen bas Präbicat anhängen könnte, aber auf ben Branntwein beißen Sie leibet nicht an. Nun zur Sache!
Gestern, als ich gerabe im Begriffe staub, ber Berliner Judenpresse ein Töpfchen Christenhaß erzeugender Höllengalle zu schicken, trat Caligula in neuen Schnürstiefelchen vor mich und sagte in einem ganz malitiöd wegwerfendem Tone: „lieber* eifer, nichts als Uebereifer! Wozu das? Sie haben mehr Galle, als sie verbrauchen können. Ein
*) Nachdruck verboten.
tenegro u. s. w. getljan hat? Wenn diese unbändigen Gesellen zum Schwert greifen und ihr vermeintliches Recht vertheidigen und sichern wollen, so redet man im fultioirten Europa vom nothwen- digen Schutz der Sicherheit und der Kultur, von Zügelung der Barbarei und Verhinderung des Blutvergießens. Sind denn die Kriege in fultitioirten Ländern gesitteter und unblutiger, als die in weniger fultiüirten ? — Wenn die tonangebenden Gewalten guten Willen hätten, ließe sich alles erreichen.
Was England angeht, so versteht es sich ja von selbst, daß seine Abgeschlossenheit und Trennung von dem europäischen Continent ihm eine ausnehmend günstige militärische Sage verleiht. Aber weßhalb sollen denn die Herren Diplomaten, die über Post- und Telegraphenangelegenheiten, über Zölle, sogar über die Reblaus gegenseitige Abmachungen treffen, nicht auch über den schlimmsten Feind, nicht bloß des Eigenthums, sondern auch des Lebens, den „menschenmordenden" Krieg, Vereinbarungen treffen können, bie in erster Linie bie Herabminderung ber Zahl ber Friebenstruppen unb in zweiter Linie bie Beilegung von Differenzen einzelner Staaten burch ein internationales Schiebsgericht allmählich herbeiführen konnten?
Wir widerholen nochmals, baß im Augenblicke eine solche Maßregel bebenklich, ja sogar gefährlich wäre, insbefonbere ba gerabe jetzt die rottje blutige Internationale in ganz Europa, von der grünen Insel bis nach Andalusien, von der Seine bis zur Wolga und zur Tiber, ihren drohenden Arm erhebt. Aber es ist hohe Zeit, daß man diese Frage, wenn auch ihre Lösung der Zukunft angehört, jetzt schon fest in's Auge faßt, unb sich nicht einbilbet, ber heutige Zustanb sei ein ordnungs- unb regelmäßiger.
Man vergesse nie, daß das Volk nicht bloß des Krieges wegen existirt. Die beständige Aufsaugung der Volkskraft in physischer wie in materieller Beziehung macht einen demerkenswerthen Aufschwung im Volkswohlstand gradezu unmöglich. Unsere Parole lautet darum: Auf alle Fälle und
richtiger Preßjude hat den Teufel gar nicht nöttjig. Wie Vitriol frißt er sich schon von selber durch Es gibt jetzt Besseres zu thun; Alkohol kommt von' seiner Provisionsreise zurück."
Es mußte wirklich etwas Außerordentliches los sein, denn die Schneider, welche auch in der Hölle am neugierigsten und beweglichsten sind, warfen die Bügeleisen, mit denen sie den Vielfreffern die Bäuche platt bügelten, hin und sprangen meckernd davon. Im nächsten Augenblicke saßen die Wagnerianer bei ihren Jüngstentagposaunen, bei ihren glühenden Stahltrommeln und schrillen Picoli. Die Weltzertrümmerungs-Ouvertüre begann, und alle Kamine sprühten Vergnügungsfunken und Entzückungsdämpfe über das tosende Orchester. Die Eruptionen der feuerspeienden Musikberge hinderten mich am Sehen und Hören, und so wurde ich den Herrn Alkohol erst ansichtig, als er bereits seines Einzug durch die klirrenden Pforten gehalten hatte und sich tief vor dem inzwischen herbeigekommenen Höllenmajestäten 'verneigte.
Die Musik brach mitten im Satze mit einem Tone ab, als wenn ein Stück Vatermördernessel durchgerissen würde.
„Nun?" fragte Obersatanas, sobald Ruhe eintrat.
„Bester Erfolg!" erwiderte Alkohol. „Es ist mir gelungen, den echten Münsterländer zu stürzen und bett guten alten Norbhäuser mit unserer liberalen Schwefelsäure-Brühe hochgradig zu durchtränken."
zuallernächst größtmögliche Sparsamkeit in den Ausgaben für das Militär!
Die ästhetische Seite der Frage haben wir ja bereits angedeutet. Es darf doch keineswegs als ein Vorzug unseres aufgeklärten Jahrhunderts gelten, daß es in manchen Staaten gewissermaßen zu ben sieben Wunben gehört, wenn sie einmal mehr als ein Jahrzehnt hindurch sich einer vollständigen Waffenruhe erfreuen. Unb welcher Art finb bie heutigen Kriege? Leiber finb es meist nur bie Früchte einer Staatskunst, welche halb mit biefem, halb mit jenem Staate intriguiert unb Ränke schmiebet, ber bie Befriebigung bes Ehrgeizes einiger Wenigen mehr am Herzen liegt, als das Leben und die Gesundheit vieler Tausende ihrer Mitbürger, welche bei der heute so weit fortgeschrittenen Kunst der Massenmörderei selbst in dem kleinsten Feldzuge „für das Vaterland sterben" müssen. Wenn ein fremder Nachbar unsere Grenzen bedroht, so werden wir die ersten fein, welche die Männer an die Pflicht erinnern, ihr Leben dem Wohle des Landes zum Opfer zu bringen, jedoch leiten wir diese Pflicht nicht bloß aus dem tobten Buchstaben bes Wehrpflichtgesetzes, fonbern mehr aus inneren Motiven unb Erwägungen her.
Aber solche Fälle, wo ohne vorhergegangene gegenseitige biplomatische Rankünen unb Jntriguen ein Volk das andere in schnöder Weise zum Kampf heraussordert, sind selten. Es liegt auch in ber Natur ber Sache, baß gerabe bie sortwährenbe Kriegcbe.itfchast der Staaten, also bie hohe Friedenspräsenzstärke ber Heere, für bie Diplomaten einen gewissen Impuls bilbet, nicht nur ben Grunbsatz: „Aug um Auge, Zahn um Zahn," in ber politischen Praxis zur Anwenbung zu bringen, fonbern auch aus reinster Nation a leitet» leit mancher leicht zu vermeibenben Verwickelung nicht aus bem Wege zu gehen ober sie gar zu suchen. Man hat sich zu sehr baran gewöhnt, bas Halten großer Heere als kitte Art Sport zu betrachten, unb kommt, nun von selbst bazu, baß man in biefem Sport auch bisweilen eine große Schaustellung der einzelnen Leistungen her- beizuführen sucht. Wenn alle Heere auf ein nich
Er zog, wie Don Juan, eine Rolle aus seiner Rocktasche, auf bie feine Opfer verzeichnet waren. „Ich habe erst bei ben Stolzianern bas Steno- graphireu lernen müssen", sagte er, „benn es würbe bes Schreibens zu viel. Hier finb ihrer 999,000 verzeichnet, welche ich burch unser Destil- lirprobuct aus anftänbigen, gebilbeten unb wohlhabenden Männern zu Bettlern gemacht habe. Es sind eine nicht unerhebliche Anzahl von ©tubenten unb ehemaligen Professoren darunter, welche jetzt vom Schwindel leben, in Neubauten und Korn« barmen schlafen; einer hat sein Nachtquartier sogar im Todtenwagen aufgeschlagen. Die Bildung hat sie frei gemacht. x
Wenn es die Männer nur allein wären, dann brauchte ich nicht stolz zu sein, denn sie hatten von vorn herein die Anlage, einmal vom Teufel geholt zu werden, und es bedurfte nur einer geringen Beschleunigung ; aber die Weiber und die unzäh- ligen Kinder, denen jetzt der Wind durch den leeren Magen pfeift, sie kommen auf meine alleinigen Bemühungen. Sie hätten uns großen Abbruch thun können, aber durch die Lotterwirthfchaft ihrer Ernährer sind sie um das Glück und die Tugend gekommen; sie fluchen jetzt ebenso kräftig, wie ihr Alter, und ein großer Theil derselben sitzt bereits in Gefängnissen und sogenannten Besferungs-An- ftalten. Kläglicher Weise sind ba oben bie Galgen abgeschafft, es würde sonst kein Baum übrig bleiben, auf bem eine Elfter nisten könnte. Orbentlich