Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Beiblatt ;u Nr. 56 der,Fuldaer Zeitung/

Die zweite Periode der Sodalpolitif des Lentrums. Das Jahr 1866 bezeichnet eine Wendung auch in der innern Politik Preußens, welche dann natürlich auch in der inneren Politik des Nord­deutschen Bundes resp. des Deutschen Reichs zum Ausdruck kam. Aus Gründen, die zu erörtern nicht mehr nöthig sind, stützte sich die neue innere Politik vorzugsweise auf den sogenannten „ge­mäßigten" Liberalismus, welcher sich nach geringen theoretischen, praktischen und socialen Unterschieden in die zwei Fractionen der Ratio- nalliberalen resp. der Freiconservativen (Deutsche Reichspartei) theilte. Die letztere, mehr eine Fraction Bismarck sans phrase, war die eigentliche gouvernementale Partei; die erstere, allerdings ebenfalls vorzugsweise auf den Namen Bismarck gewählt, machte Compromisse nöthig Diese wurden hauptsächlich auf der Basis ge­schloffen, daß den Liberalen allmählich in immer steigendem Masse die Wirth schäft s- und So- cialpolitik und bald auch die Kirchen- und Schulpolitik überantwortet wurde, während sie ihrerseits Opfer brachten in finanziellen und rein politischen Fragen.

In den Jahren 1866 bis 1870, als die voll­ständige Wendung in der Wirthschafts- und So- cialpolitik sich schon Bahn brach, und zuletzt iin Gneist'schen Klosterbericht und dessen Behandlung im Abgeordnetenhause auch schon das erste Wet­terleuchten auf kirchenpolitischein Gebiete sich an­kündigte, bestand leider nicht die Fraction des Centrums. Eine kleine Anzahl Mitglieder der­selben, darunter Peter Reichensperger, Her- mann v. Mallinckrodt und Windthorst waren in den Volksvertretungen Preußens und des Norddeutschen Bundes anwesend, aber es

X Briefe aus der Hölle.*)

Von Hans Hahnenfeder.

II.

Gallenberger an Duselmann.

Lieber Duselmann! Das Briefschreiben ist eigent­lich meine Sache nicht, aber seitdem die neue Or- tographie im deutschen Reiche ausgekommen ist, kann ich's schon wagen, denn was der Eine als Fehler schilt, daß sieht der Andere als richtig und berechtigt an. An die Stelle der Gründe sind Dinteersparniffe getreten. Das genügt auch für mich. Ein Profeffor, der hier als Dolmetscher angestellt und wegen seines altdeutschen Wörter­buches in die Hölle gekommen ist, nannte meine ortographischen Bedenklichkeiten Klimbim und mich selbst einen dummen Teufel. „Was von hier kommt", sagte er, „das gewinnt da oben sehr bald das Bürgerrecht; schreibe also nur immer zu."

Nun zur Sache! Vor 25 Jahren schloffen wir beiden hinter dem Commersfaffe einen Vertrag, daß der Zuerststerbende dem andern erscheinen und ihm sagen sollte, ob er sich im Hinimel, im Feg­feuer oder in der Hölle befände. Seitdem haben wir uns nur ab und zu beim Glase getroffen. Gestern Nacht, nachdem ich stufenweise vom reichen Manne zum armen Schlucker, und von diesem zum verachteten Lumpen herabgesunken war, bin ich im freien Felde hinter einer Hecke erfroren. Auf dem nächsten Kirchthurme schlug es gerade Mitternacht. Die Glockenschläge gemahnten mich an meine Jugend und an meine Mutter. Ich sah ihr Bild in den Wolken und faltete unwill­kürlich die Hände, um zu beten, aber vorher wollte ich den letzten Schluck aus meiner Pulle thun. Beim Trinken fühlte ich, daß ich ein großes Loch in den Magen bekam. Es war zu viel Schwefel­säure in dem Branntwein.

Ta kam eine Gestalt des Weges, die in der Dunkelheit leuchtete. „Ich bin Alkohol", sagte er, und ehe ich mich ihm noch als Gallenberger vor­stellen konnte, drehte er mir mit seinen eisernen Fäusten den Hals Kerum und setzte mir den Kopf in den Nacken. „Nun fort zur Hölle", sprach er.

*) Nachdruck verboten.

Sonnabend den 10. März 1883.

fehlte die compacte Masse, um auch durch die Wucht der Stimmen zu wirken. Wäre das nicht de? Fall gewesen, so wäre der vollständige Sieg des Manchesterthuins vielleicht verhindert, sicher bedeutend erschwert worden. Aber auch so traten unsere Vertreter für das Richtige ein. Die Ab­schaffung der Wuchergesetze und das Miquel- Lasker'sche Nothgewerbegesetz z. B. fanden insbesondere vom Abgeordneten Peter Reichens­perger energische Gegnerschaft. Leider vergeb­lich. Und nachdem in dem Nothgewerbegesetz schon das manchesterliche Princip vollständig gesiegt hatte, war die definitive Durchführung desselben — in der Gewerbeordnung von 1869 — nicht mehr aufzuhalten. Die Centrumsabgeordneten sind un­schuldig daran; sie haben die Sachen müssen gehen lassen, aber haben nicht dafür gestimmt.

Als endlich im Jahre 1870 wieder eine Frac- tion des Centrums im preußischen Abgeordneten­hause und gleich darauf auch im Reichstage des auf den glorreichen Schlachtfeldern Frankreichs .er- standenen neuen Deutschen Reichs gegründet wurde, war der Sieg des Manchesterthums auf allen Ge­bieten entschieden, und nur hier und da, wir nennen das Haftpflichtgesetz und das Hilfskassen­gesetz, ergab sich Gelegenheit zu erfreulicherer Ar­beit. Beim Haftpflichtgesetz z. B. trat insbesondere das Centrumsmitglied Bergrath Ulrich in sach­kundigster Weise dafür ein, auch bei den Unfällen in Bergwerken und Fabriken in derselben Weise, wie dies bei den Eisenbahnen geschah, den Beweis der Unschuld den Unternehmern aufzulegen, statt vom Arbeiter den oft so erschwerten und oft gar nicht möglichen Beweis der Schuld des Unternehmers zu fordern. Wäre dieser Gedanke, der in verschiedenen Versionen auch von anderen Seiten vertreten wurde, und den auch die Regie­rung für richtig, aber noch nicht für opportun er­klärte, durchgedrungen, das Haftpflichtgesetz

„Ich muß erst zu Duselmann," sagte ich; „ich habe es ihm vor 25 Jahren versprochen." Es durchrieselte mich ein wonniges Vergnügen, und ich sleute mich darauf, wie ich plötzlich die Gardinen Deines Bettes auseinanderreißen und Dir mit dem verkehrt stehenden Kopfe und dem Loche im Magen erscheinen wollte, aber Alkohol riß mich an den verschlissenen Rockärmeln empor und sagte mit einem sehr hämischen Tone: „Wort halten? Lächerlich! Das ist schon auf Erden längst aus der Mode! in der Hölle hat es überhaupt niemals Geltung gehabt. Fort!"

„So laß mich wenigstens die Flasche mitnehmen; sie i|t noch halb gefüllt." „Liegen lassen!" brüllte er. „Morgen soll sie ein Maurer finden! Für Verdammte ist das Zeug, welches jetzt in den Brennereien gesotten wird, zu schlecht. „Wir werden uns in der Hölle französischen Champagner an­schaffen."

Ehe ich mich über diese Zurücksetzung des Men­schengeschlechts und die falsche Wirthschaftspo- litik ordentlich ärgern konnte, that sich die Erde auf. Mit einem letzten Blicke sah ich meinen Körper noch hinter der Hecke liegen, aber das Loch hatte ich noch immer in meinem Seelen­magen, und es kam mir vor, als wenn es immer größer würde. Alkohol nahm den Vortritt, packte mich bei den Füßen und fuhr mit mir hinab. Zuerst ging es durch einen Berg von Kies und Sand, dann durch ein Kohlenlager, in welchem die Gerippe von MammuthS, Mastadons und rie­sigen Eidechsen eingebettet lagen. Sie glotzten mich mit den tobten Augen an und schienen wegen der Störung ihrer Ruhe ungehalten zu sein.

Jetzt öffneten sich vor meinen Augen Gold- und Silberadern, Lager von Diamanten und andern Edelsteinen. Alkohol lachte so wild und höhnisch, daß ich bis unter die Haarwurzel meiner Seele e'rzitterte. „Damit fangen wir Könige, Bankiers, schniucke Damen und lederfarbige Geizhälse" sagte er.

Immer tiefer ging es durch klingendes Felsen- gcklüft. Dort trafen wir auf den Teufel, welcher den Plan zuni Kölner Dom gezeichnet hat. Er schien frohen Muthes; in seiner Höhle herum tanzend schrie er: „Mehr als 600 Jahre brauchten

hätte sich ganz janderS bewährt, als es jetzt ge­schehen, und es wäre wirklich ein Mittel des socialen Frredens geworden, statt daß es jetzt durch die vielen ärgerlichen und so oft fruchtlosen Proceffe sogar — wie seit einigen Jahren allgemein, auch von der Regierung anerkannt wird — vielfach die Claffengegensätze und die sociale Erbitterung noch verschärft hat und Jahre lang ein HauptagitationS- mittel der Socialdemokratie war.

Wenn in den Jahren des manchesterlichen Rau­sches, vor Allem in den ersten Jahren der Mil­liardenzeit, die ,Germ.' auf unsolide Gründ­ungen und gefährliche und unsittliche Geschäfts- usancen hinwieS, dann war es — wir galten da­mals ja für „Reichsfeinde", dagegen alle „Grün­der^ als „Reichsfreunde"' — eine der gewöhn­lichen gegen uns gebrauchten Phrasen, mir „miß- gönnten dem deutschen Volke die Freude auch an seinem wirthschaftlichen Aufschwung" u. dgl. Als wir — in der größeren Tagespresse zuerst — die Reformbedürftigkeit des Haft- Pflichtgesetzes betonten und eingehend bewiesen, erhielten wir von Liberalen und Officiösen einen ähnlichen „Rüffel"; das Haftpflichtgesetz, hieß es, „habe sich bewährt" und wir wollten nur den so­cialen Unfrieden nähren. Als wir fort und fort mäßige Schutzzölle als das Richtige für Deutschland forderten und allmählich auch auf immer schreiendere Mißstände in gewissen Pro- ductionszweigen Hinweisen konnten, mußten wir als „wirthschaftliche Reactionäre" und mit ähnlichen schönen Bezeichnungen Spießruthen laufen. Als wir zuerst den speciell auch in Berlin sich aus­breitenden Nothstand eingehend schilderten und die Aufmerksamkeit der Gesellschaft und des Staa­tes darauf richteten, fertigte uns die ,Post' mit einer kurzen Bemerkung ab, und die.National- Zeitung' bestritt unsere Darstellung wiederholt als unbegründet, gab aber — was wir gerne aus- sie, bis er fertig war, aber wie habe ich sie in der langen Zeit gekitzelt, die Bischöfe gegen die Bürger und die Bürger gegen die Bischöfe aufge- hetzt. Dem Melchers habe ich ein Hexenkreuz auf die Schwelle gelegt. Vielleicht gelingt es ihm, durch Hilfe des Papstes und des Kaisers, über den Zauber wegzuschreiten, aber ich finde schon eine neue Geißel, mit der ich ihm den Rucken blutig schlage. Feind ist Feind, Krunünstab und Mythra stehen mir bis an den Hals!"

Bald waren wir an dem lärmenden Jauch vorüber und kamen vor das Höllenthor. Es war fest verschlossen, denn unten hatte sich das Gerücht verbreitet, ein Gorilla wolle sich unter dem Vor­geben, er sei ein Mensch, in die Gesellschaft der Verdammten einschleichen.

„Dazu sind uns die Herren Professoren doch noch nicht klug genug", sagte der Thürsteher.

„Mach Platz, Tacitus", tief Alkohol.

Tacitus wandte sich um, schaute auf das Loch in meinem Magen nnd schüttelte den Kopf. „Das soll ein Germane sein?" murmelte er, „der ein Nachkomme des Arminius? Muß aber doch seit meiner Zeit viel Raupenzeug und sonstiges Unge­ziefer über diese Prachtmenschen gekommen sein. So verloddert und verkommen sehen ja nicht ein­mal die Italiener und Spanier aus. Ich erinnere mich, daß ich meine Germania auf ei e SchwemS- haut schrieb. Das war ein Mißgriff! Die alten Germanen mochten auch ihr gutes Horn trinken, aber der Meth riß ihnen doch kein Loch in den Magen, und wenn sie wieder nüchtern wurden und sich von der Bärenhaut erhoben, dann wirkten sie mit gewohnter Kraft; dieser Neugermane aber steht noch ein gutes Stück unter dem Auerochsen und dem wilden Elch."

Ich hatte mich etwas verschämt hinter Alkohol versteckt, zeigte mit dem Finger aus ihn und gab dem gestrengen Herrn Tacitus zu verstehen, daß er an dem Niedergange der deutschen Mannhaftig­keit die Hauptschuld trage.

„Aufgemacht, du römischer Sittenpolizei-Jnspec- tor", rief Alkohol sehr ungeduldig, und das Thor flog mit klirrendem Tone weit auseinander.

# (Fortsetzung folgt.)