1883.
Sonnabend, den 10. März
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* „Das §ehrerx>ensionsgesetz."
Wir behandelten vor einigen Tagen in einem Leitartikel „diePensionirung derElemen- tarlehrer in Preußen". Ein in emembekannten „regierungsfreundlichen" Blatt abgedruckter Leiter über dieselbe Materie zwingt uns, das Thema nochmals kurz zu berühren. Der betreffende Artikel beweist eine so hochgradige Unkenntniß bezüglich des Hergangs der betreffenden Debatte im Abgeordnetenhause, daß es im Jntereffe der Wahrheit und Ehrlichkeit geboten ist, wenigstens die gröblichsten Unrichtigkeiten klar zu stellen. Der Artikel sucht geradezu die Meinung zu erwecken, als ob nur die Fortschrittspartei für die Elementarlehrer eingetreten sei und „die Regierung und die anderen Parteien als für die materiellen Interessen des Lehrerstandes minder besorgt dargestellt habe." Ueber- haupl wird die Sache so gedeutet, als ob die Fortschrittspartei isolirt dagestanden und die große Majorität die Ansicht der Regierung g et heilt habe. Diese Darstellung ist geradezu aus der Lust gegriffen und erfunden. Wir sind bereit, aus dem stenographischen Bericht den Nachweis zu führen:
1) Daß nicht bloß die Fortschrittspartei, sondern auch vom Centrum Dr. Windthorst und von den Liberalen Bennigsen und Rickert sich sehr darüber beklagt haben, daß die Regierung trotz der dreimaligen Resolution des Abgeordnetenhauses ein Lehrerpensionsgesetz noch nich* vorgelegt habe. x
2) daß die sämmtlichen gerannten Redner die momentanen Emeritengehälter für entschieden zu gering und geradezu für zum Lebensunterhalt unzureichend erklärt haben, daß überhaupt die Verzögerung der Vorlage eines Pensionsgesetzes von allen Parteien mit Ausnahme der Conservativen, scharf getadelt worden ist,
3) daß das Haus zwar „mit großer Majorität für den Vorschlag der Regierung eingetreten ist," daß es jedoch gleichzeitig die Resolution Bennigsen angenommen hat, welche zum vierten Male die Regierung auffordert,
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Die Zwillingsbrüder.
Von Erich Wasserström.
(Fortsetzung.)
Dicht neben dem verhängnißvollen Blatte lag ein Schreiben mit einem großen Siegel, mechanisch instinktmäßig griff ihre zitternde Hand nach diesem, um es zu entfalten und zu lesen.
Da brach sich die Erstarrung in einem unarticu- lirten Schrei und halb bewußtlos sank sie auf einen Sessel.
Doch nicht lange währte dieser Zustand; wie von einer Feder emporgeschnellt, erhob sie sich, nahm das Schreiben des Gerichts, worin von ihrem gefangenen Sohne die Rede war und verschloß den Schreibtisch, deffen Schlüffel sie ebenfalls mit sich nahm. Dann packte sie einige noth- wendige Kleidungsstücke in einen Reisesack, überzahlte ihre Caffe und schrieb einen Brief an den Gatten, in welchem sie ihm von ihrem Entschluffe, den unglücklichen Philipp zu sehen und wo möglich zu befreien, in Kenntniß setzte, worauf sie den Schlüssel vom Schreibtisch in den Brief legte, letzteren sorgfältig versiegelte, die nöthigen Instructionen für das Gesinde hinterließ und einem der Knechte befahl, sie nach der nächsten Eisenbahnstation zu fahren.
Mit einer bewunderungswürdigen Ruhe, Umsicht und raschen Entschloffenheit setzte die sonst so schwache Frau dies Alles in's Werk, und schon nach einer
baldmöglichst ein Gesetz über die Peu- sionirung der Lehrer vorzulegen. —
Was nun die angeblichen Schwierigkeiten betrifft, die der Vorlage eines Pensionsgesetzes im Weqe stehen sollen, so haben wir dieselben bereits genügsam erörtert. Wir waren aber loyal und delikat genug, einen hier sehr in's Gewicht fallenden Punkt nur andeutungsweise hervorzuheben. Da man aber von gewisser Seite bemüht zu fein scheint, die öffentliche Meinung grab e- zu irrezuleiten, so erlaube man uns über den Einwand, daß die Mittel zur Durchführung des Pensionsgesetzes zur Zeit noch nicht vorhanden seien, ein offenes Wort zu reden. Vor kaum zwei Wochen trat die Reichs- regierung mit dem Antrag um Erhöhung der Militärpensionen vor den Reichstag und forderte dafürzwei und eine halbe Million Mk. Im vorigen Jahre erklärte Cultusminister von Goßler bei Besprechung derselben Materie, daß vorderhand 325,000 Mark zur Deckung des Bedürsniffes ausreichen würden. Diese 325,000 Mark sind für die emeritirten Elementarleh- rer nicht zub eschaffen, weil die Einnahmequellen im Reiche noch nicht genugsam in Fluß gerathen sind; für die pensionirten Militärs soll aber gerade das Reich das beinahe achtfache des obigen Betrages flüssig machen. Eine solche Logik geht uns, offen gestanden, über den Horizont. Wir bemerken nochmals, daß wir nur gezwungen auf die Sache wiederholt, und zwar vielleicht etwas deutlicher, zurückgekommen sind. Wir verabscheuen jeden Schein von Hetzerei. Wer aber dem Volke Sand in die Augen streuen will, der wundere sich nicht, wenn wir dem Volke die Augen gründlich öffnen.
Politische Peberficht.
Deutsches Reich.
Fulda, 10. März.
Die in der Dienstagsnummer an dieser Stelle mitgetheilte. uns von Berlin zugegangene Nachricht über ben Inhalt des letzten kaiserlichen Stunde, bevor ihre Untergebenen sich nur vom Erstaunen zu erholen vermochten, befand si: sich bereits unterwegs auf der Reise zu ihrem Kinde. Die Mutterliebe wandelte sie zu einer Heldin und stärkte ihren Muth, ihre geistige und körperliche Kraft.
Mittlerweile hatte Herr Kohrsen rasch seine Geschäfte besorgt, da ihn die innere Unruhe und Angst zu einer ihm sonst ganz fremden Hast drängte. Auf dem Wege nach dem Bahnhof stutzte er plötzlich beim Anblick eines Pferdes, das vor einen Lastwagen gespannt in der Straße hielt.
Er trat darauf zu, streichelte und klopfte es und nannte seinen Namen. Das Pferd wieherte, spitzte die Ohren, schnoberte an ihm herum und gab deutlich seine Freude zu erkennen.
Der Gutsbesitzer zweifelte keinen Augenblick daran, daß er bas so spurlos verschwundene Pferd seines Sohnes vor sich habe. Er fragte den Fuhrmann, der soeben aus einem Hause trat, wie er zu diesem Pferde gekommen. Der Mann wurde verlegen, dann grob und peitschte schließlich auf das Pferd los, um den unbequemen Frager los zu werden.
Herr Kohrsen war indeffen nicht der Mann, sich einschüchtern zu taffen. Rasch entschlossen rief er einen Polizeibeamten herbei, nannte seinen Namen und erklärte, daß dieses Pserd fein Eigenthum und ihm gestohlen sei.
Der Fuhrmann schimpfte und erregte einen
Schreibens wird nun auch 'von einem römischen Correspondenten ber ,® ermania' bestätigt. Neu ist die Meldung der .Germania' daß ber Kaiser im Verlaufe des Briefes darauf Hinweise, daß er ein co nftitutioneller Monarch sei und in der vorliegenden Angelegenheit seine Regierung der Zustimmung des Parlaments bedürfe. Die letztere Bemerkung hat an sich gar nichts Auffälliges, da ja bekanntlich die Jakobinische Note sehr klar über die Zustimmung der gesetzgebenden Körperschaften sich ausgesprochen hat. Es wird jetzt roo'il nicht mehr daran zu zweifeln fein, daß die Negierung bemnächst mit einer kirchenpolitischen Vorlage vor den Landtag treten wird. Ob diese sich als eine Anknüpfung an die Forderung der Jakobini'- schen Note ober aber als ein von ben Verhandlungen mit Rom ganz unabhängiger Schritt bar» stellen wird, läßt sich erst aus ihrem genauem Inhalt feststellen.
Wie der .Franks. Ztg.' aus Berlin telegraphirt wird, soll die wichtigste Bestimmung der Vorlage die Wiederbesetzung der geistlichen Stellen ermöglichen, und zwar sollen wegen Regelung der An- zeigepflicht, „wie verlautet", Bestimmungen nach Analogie der württembergischen Anzeigepflicht in das Gesetz aufgenommen werden.
Berlin, 9. März.
* (Uebereinfommen zwischen beuMain» uferftaaten.) Jrn Abgeordnetenhause erwartet man für die nächsten Tage^bie Vorlage, in Wilcher seitens der königlichen Regierung Kenntniß von dem Uebereinfommen gegeben wird, welches zwischen den Mainuferstaaten Preußen, Heffen, Baden und Bayern abgeschloffen worden ist und in welchem diejenigen Veränderungen aufgeführt sind, denen bei erneuter Prüfung das ursprüngliche Projekt hat unterworfen werden müssen, um für die großen Nheindampfer, welche jetzt auf dem Rheinstrome üblich find, den Zugang nach Frankfurt zu ermöglichen. Bei dieser erneuten Prüfung sind auch die bei' dem letzten Hochwasser gemachten Erfahrungen in Betracht gezogen. Die Abänderungen, welche das ursprüngliche Projekt
Straßenauflauf, in Folge dessen das Fuhrwerk nach der Polizei geschafft und er selber verhaftet wurde.
Auf des Gutsbesitzers Bitte ließ der Polizei- commiffar ben Verhafteten sogleich vor sich kommen, um ihn wegen des Pferbes zu inquiriren. Er gestanb, basselbe von einem berüchtigten und schon häufig bestraften Menschen für eine geringe Summe erhandelt zu haben.
Das Pferd wurde dem Eigenthümer gegen Deponirung des Werthes bis zur Erledigung der Sache übergeben, und bann auf jenen Menschen gefahnbet, ben Kohrsen, ohne sich genaue Rechenschaft geben zu können warum, mit bem Tobten in Verbinbung brachte.
Einstweilen reifte er wieder nach Hanse, wo ihn der Brief seiner Frau wie ein Donnerschlag traf und um alle Fassung brachte. Ohne sich lange zu besinnen, ließ er sogleich wieder anfpanren, um ihr nachzureisen, sie womöglich noch einzuholen und von der unglücklichen Idee abzubringen. Was er so recht eigentlich wollte, wußte er selber nicht, da er augenblicklich keines folgerechten Gedankens fähig war.
6.
Die letzte Frist war veronnen, die Stunde erschienen, wo Robert Kohrsen vom Leben Abschied nehmen sollte. Wie hatte der Unglückliche die Minuten gezählt und an jede derselben ben rettenden Gedanken geknüpft, seinen Kerker geöffnet, sich ber Freiheit roiebergegeben zu sehen!