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Mittwoch, den 7. März
1883
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O Die penftomrung der Llementarlehrer in Preußen.
Am 5. März hat das Abgeordnetenhaus zum vierten Male eine Resolution angenommen, welche die Regierung auffordert, baldmöglichst ein Gesetz über die Pensionirung der Lehrer vorzulegen. Ein solcher Beschluß wurde nämlich bereits gefaßt am 15 Februar 1879 und sodann wiederholt im Januar 1880 und im März 1883. Diese Daten reden laut genug dafür, daß es nun endlich für die Regierung an der Zeit wäre, diese dringends Frage zur Erledigung zu bringen. Die Hauptschuld an der eigenthümlichen Art, eine so wichtige Frage von Jahr zu Jahr aufzuschieben und nicht nur die Lehrer selbst, sondern auch die Volksvertretung mit bloßen Versprechungen hinzuhalten, liegt an der ganzen unstäten, systemlosen oder vielmehr im System stets wechselnden inneren Politik, der wir uns seit langes Zeit zu „erfreuen" haben. Der häufige Personenwechsel in den mit dieser Frage befaßten Ministerien ist natürlich auch in Betracht zu ziehen, er ist aber nur eine nothwendige Consequenz des politischen Experinientirens, dem sich der leitende Staatsmann mit Vorliebe hingibt.
Als im Jahre 1879 die Pensionsfrage zuerst kräftig angeregt wurde, hatte die Regierung den ganz triftigen Einwand, daß die Regelung dieser Verhältnisse einer gründlichen Erwägung und vorhergehender Ermittelungen bedürfe. Dr/i Jahre hätten zu diesen Vorarbeiten doch immerhin genügen können, und so hätte man denn im vorigen Jahre wenigstens einen ernstlichen Anfang zur Regelung dieses Rothstandes erwarten, dürfen. Aber damals gefiel es der Regierung, die ganze Pensionsfrage mit der Schuldotationsfrage und diese aufs Engste mit der Reichssteuerreform zu verknüpfen; in dem bekannten Verwendungsgesetz, welches über Summen verfügen sollte, die noch gar nicht vorhanden waren, wurde als eine der Hauptverwendungen die Entlastung der Communen von den Schulabgaben in's Auge gesaßt. Auch heute noch hält die Regierung an dem Grundsatz fest, daß die Pensionsfrage nur
Die Zwillingsbrüder. g
Von Erich Wafserström.
(Fortsetzung.)
„Sparen Sie Ihre Märchen", sprach der Oberst, welcher dem Gericht präsidirte, „Ihre Schuld ist erwiesen wie Ihre Persönlichkeit. Allerdings trugen Sie früher einen Vollbart, wie dieses Abbild und die Zeugen constatiren — doch ist es erklärlich ,sdaß Sie sich desselben bisauf denkleinen Schnurrbart entledigten. Im Uebrigen können Sie nicht leugnen, daß Sie zu diesem Bilde geseffen haben."
„Die Aehnlichkeit ist allerdings groß genug", versetzte Robert, „doch ist damit nichts erwiesen und Sie würden einen Mord auf sich laden, meine Herren, wenn Sie mich daraufhin verur- theilen könnten. Erlauben Sie mir, an meinen Vater, den Gutsbesitzer Kohrsen in R. zu schreiben und Sie werden sich schnell genug von Ihrem Jrtthum hinsichtlich meiner Person überzeugen".
,Gut", sprach der Oberst nach kurzem Nachdenken, „wir werden Ihre Bitte insofern erfüllen, als wir selber an diesen Gutsbesitzer Kohrsen, dem Sie die Ehre anthun, ihn für Ihren Vater auszugcben, schreiben; wenn etwas daran ist, mag er kommen und die Jndentität Ihrer zweifelhaften Persönlichkeit mit seinem Sohne beweisen. Bis dahin muffen wir an Ihre Schuld glauben oder des Doppelgängers Habhast werden".
Robert wurde in das Gefängniß zurückgeführt und vorn Gerichte wirklich, wie der Oberst gesagt, ein
ein Glied in der Kette der allgemeinen Schuldotationsfrage sei, daß letztere aber nicht eher gelöst werden könnte, bis die Reichseinnahmen durch eine weitere Ausbildung des Systems der indirecten Steuern den Einzelstaaten ausreichende Verwendungssummen zuweisen könnten.
Wenn man die verhältnißmäßig geringe Summe von 325,000 Mark in Betracht zieht, welche Cultus- minister G o ß l e r im vorigen Jahre als zunächst ausreichend zur Deckung des Bedürfnisses bezeichnete, und damit die Millionen vergleicht, welche der Kriegsverwaltung fast alljährlich im Handumdrehen bewilligt werden, sowie die ungemeffenen Summen für Neubauten in allen Ressorts, so kann man sich wirklich eines Gefühles des Bedauerns nicht entschlagen, daß die armen, im schweren Dienste ergrauten und invalid gewordenen Elementarlehrer sich in so geringem Maße der thätigen Fürsorge der Gesetzgebung zu erfreuen haben. Es heißt zwar; ein Lehrer-Pensionsgesetz läge fertig im Cultusministerium vor, auch hat Herr v. Goß ler selbst erklärt, daß er mit seinem Anträge, das Pensionsgesetz alsbald in Angriff zu nehmen, in der Gesammtregierung nicht durchgedrungen sei. Darnach scheint an den Cultusminister die Schuld der Verzögerung nicht zu liegen. Der Finanzminister ist diesmal das Hemmniß. Herr Scholz hatte gewiß Recht, wenn er in der Montags-Debatte ausführte, daß ein Kassenverwalter, möge er nun einer großen oder kleinen Verwaltung vorstehen, nicht allen Wünschen gerecht werden könnte.' Jedoch ijF Der voll bei Volksvertretung seit 4 Jahren in 4 Resolutionen an den Tag gelegte Wunsch nach Aufbesserung der Lehrerpensionen keinenfalls unter die Rubrik der übertriebenen Ansprüche zu setzen. Wir haben in Preußen noch immer 60 o/g Lehrer, die weit weniger als 600 Mark Pension erhalten, während doch Herr v. Puttkamer seiner Zeit 600 Mk. als die Minimalsumme der Pension bezeichnete. Bei den Zuschüffen wird vorerst erforscht, ob der pensionirte Lehrer Vermögen oder wohlhabende Verwandte hat. Ein solcher Zustand, wie er bei keinem andern Beamten obwaltet, muß möglichst bald beseitigt werden. Während die Lehrer nach
Schreiben an seinen Vater gesandt, der beim Lesen desselben in einen bemitleidenswerthen Zustand gerieth.
Er zweifelte natürlich keinen Augenblick daran, daß der Verhaftete sein unseliger Sohu Philipp sei und wurde halb wahnsinnig bei dem Gedanken, daß der Entsetzliche sich jetzt für Robert ausgab, den Namen seines redlichen Bruders, sowie seines Vaters graues Haupt auf eine Weise entehrte, für welche es keine Gnade geben konnte.
So also hoffte er jetzt die Freiheit sich zu erschleichen, indem er sich für den Bruder ausgab, um, auf das väterliche Herz bauend, die irdische Gerechtigkeit zu betrügen.
„Nein, nein, möge er büßen für seinen Frevel, der blutbesteckte Mörder!" so tönte es in seinem Inneren, eine andere Stimme aber flüsterte dazwischen: „Er ist Dein Sohn, vielleicht bessert er sich. Du darfst ihm die rettende Hand nicht weigern".
Es war ein grauenhafter Zwiespalt, in welchen der unglückliche Mann gerathen war; von beiden Seiten zerrte ihn die Pflicht und drohte, ihm den Verstand zu rauben.
„Der Wahnsinn wäre ein Glück für mich", seufzte er, „tobt oder wahnsinnig — eine andere Zukunft gibt's nicht für mich. — Aber kann ich den Unseligen wirklich durch eine solche Lüge retten? Ist Robert nicht tobt? — Unb würbe man nicht hier in der Heirnath strenge Nachforschung halten? — Was dann?"
Er verließ das Haus und ging in's Freie
30-, 40jähriger Dienstzeit meist noch nicht 600 M. bekommen, erhalten die niedrigsten Beamten, Bn- reaubiener 900—1200 Mk. Pension. Das ist doch wohl ein Beweis bafür, baß ein Bebürfuiß vorliegt.
Wenn ber Finanzminister bagegen einwenbet, baß noch Hunderte von Beamten mit erheblich weniger als 600 Mark Pension anskommen müßten, so stellen wir benn doch die Elementarlehrer in ihrer Qualität höher, als diejenigen Beamten- gruppen, die Herr Scholz dabei im Auge gehabt zu haben scheint.
Die nothwendige Folge des heutigen Zustandes ist die, daß alte, abständige Lehrer ihre letzte Kraft zusammenraffen und weiter unterrichten, natürlich zum Nachtheile der Schule und indirekt des Staates. Solche Unzuträglichkeiten würden aufhören, sobald der Lehrer weiß, daß der Staat ihm bei feinem Abschied genügend? Pension ziiweist, oder zu der ihm Seitens der Commune zukommenden geringen Pension einen für einen bescheidenen Lebensunterhalt ausreichenden Zuschuß gewährt.
Hoffentlich wird die mit großer Majorität angenommene Resolution von der Regierung nicht einfach zu den übrigen drei bei Seite gelegt, sondern recht ernstlich in Erwägung gezogen werden. Es muß auf die Lehrer einen unangenehmen Eindruck machen, wenn die Reichsregierung mit einer hohen Forderung für Aufbefferung der Offizierpensionen vor den Reichstag tritt, und fast gleichzeitig im preußischen Landtag erklärt wird, für die Ele- ment^rlrhrer-Pensisnen Hobe man kein Gesd. Die . große Majorität, welche den Wunsch nach einer baldigen Besserung dieses Zustandes in der Resolution niedergelegt hat, nahm in der Hoffnung auf Erfüllung desselben der Regierung zu Liebe von der anfänglich beabsichtigten Erhöhung des betreffenden Dispositionsfonds um cg. 100,000 Mark Abstand und bewilligte diese letztere Summe nach dem Vorschläge der Regierung zu Renumerationen für die Kreisschulinspektoren. Möchten die Abgeordneten und in allererster Linie auch die Lehrer selbst sich in ihren Hoffnungen auf baldige Verbesserung der Pensionsverhältnisse nicht getäuscht ! sehen!
wohin, war ihm gleich. Zweck- und ziellos um» herwandernd stand er plötzlich mitten zwischen Gräbern. Dort drüben war das Grab, das sein bestes Kind umschloß, wie er wähnte. Langsam schritt er darauf zu und blickte düster auf den frifdjen Hügel.
„Was würdest Du thnn, mein Sohn?" fragte er dumpf, „Du, dessen Namen er mit seinen blutigen Händen entweiht."
Aus dem Grabe kam keine Antwort. Und der bejammernswürdige Vater schaute hinauf zu dem glänzenden Himmel, der sonnig auf ihn herablachte, um dort die Antwort auf feine Frage zu suchen.
„Die Sonne selbst hat Flecken", fuhr er leise fort, „aber sie leuchtet doch, ein Bild des guten, wenn auch unvollkommenen Menschen. — An ihm aber ist kein Licht zu entdecken, nur schwarze Nacht. — Er hat unsere Liebe mit Undank vergolten und weder Ehrfurcht noch Scheu vor diesem grauen Haupte, das er mit blutiger Schande bedeckt. — Nein, Robert, nein", setzte er mit fester und lauter Stimme hinzu, „auch Du hättest nicht lügen können — und rein soll mein Gewissen bleiben, wie mein Name, den jener Bube entehren will. Mag die irdische Gerechtigkeit ihn nach Verdienst strafen, jener Mörder kann mein Sohn nicht sein — ich bin kinderlos."
Er war jetzt ruhig und entschlossen und kehrte festen Schrittes heim, um sogleich den Brief des Gerichts zu beantworten. (Fortsetzung folgt.)