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1883

Freitag, den 2. März

Fechtsaal seine liebsten Collegien. Wenn er in der Studententracht nach Hause kam, dann waren die Zwillingsbrüder leicht zu unterscheiden, wenn auch nur hauptsächlich in der Kleidung und dem Haar, das Philipp sich lang hatte wachsen lassen. Er verglich sich selber am liebsten mit Karl Moor, dein er in Allem, außer der innewohnenden edlen Gesinnung, nachzueifern strebte, sowie den redlichen Bruder mit dem abscheulichen Franz, ein Vergleich, der eine heftige Scene zwischen ihm und dem er­zürnten Vater herbeiführte.

Es währte auch nicht lange, so hatte „der tolle Student", wie man ihn in der ganzen Umgegend nannte, auch seine Amalie gefunden. Die bild­schöne Tochter eines pensionirten Beamten war der Gegenstand seiner leidenschaftlichen Liebe gewor­den und es hatte wirklich den Anschein, als be­günstige Amalie Bornemann die Werbung, da ihr der romantische Anstrich von Philipp's Aeußerem vielleicht bester gefallen mochte als das schlichte Wesen des Bruders, der sie aufrichtig liebte und von den beiderseitigen Eltern auch bereits insge­heim für sie bestimmt war.

Nichts konnte deshalb den Letzteren ungelegener kommen, als Philipp's Dazwischenkunft, welche ihre soliden Pläne vollständig zu vereiteln drohte. Nobert's Liebe konnte dem Scharfblick des Bru­ders nicht entgehen, es kitzelte seine Eigenliebe, die Rolle des Karl Moor in anderer Weise zu spielen und die Geliebte zu entführen, doch schei-

politische pevcrficht.

Deutsches Reich.

Fulda, 2. März.

(Der Papst und das Centrum.) In einem heftigen Artikel gegen die perfiden Hetze­reien der italienischen Regierungsblätter führt der ,Osservatore Romano', das bevorzugte Blatt des Vaticans, treffend aus, wie die Haltung der Curie als Vertreterin der höchsten kirchlichen Jnteresten von dem Vorgehen der Cen­trumspartei unabhängig und unbeeinfiußt sei. „Schon der einfache gesunde Menschenverstand und ein wenig Hebung im Denken genügen, um die Thatsache klar zu legen, daß das Gebiet, das Ziel, auf welches sich die Thätigkeit der Kirche bezieht, ein ganz anderes ist, als dasjenige, wel­ches einer parlamentarischen Partei zusteht. Die besonderen Jnteresten (i parziali interessi) und die thatsächlichen Umstände, von denen die Hand­lungen und die Haltung einer solchen Partei ge­leitet sein können, haben durchaus keinen Anspruch darauf, einen Einfluß auf die Sphäre auszuüben, in der sich die Kirche bethätigt, und die Thätig­keit dieser letzteren, die rhre Eingebungen einzig aus den höchsten Jnteresten der Religion und der Menschheit schöpft, kann sich nicht der Einwirkung von Meinungen preisgeben, die einem engeren Gedankenkreise entspringen, so ehrenwerth diese auch sein mögen, und noch viel weniger mit den­selben sich verquicken. Der heilige Stuhl mischt sich nicht in das, was die deutsche Centrumspartei zu thun für gut hält, und kann auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden; der h. Stuhl, er­haben über jegliche Erwägung und jegliche Rück­sicht politischer Art, schaut auf jenes hohe Ziel hin, auf das ihn sein göttlicher Beruf hinweist, nämlich auf den religiösen Frieden."

Der römische Correspondent der .Köln. Ztg.'

erlaubt sich zu diesem Artikel des .Osterv. Rom.' die gewagte Bemerkung: „Die Bedeutung dieses „Absagebriefes" wird man in ihrem vollen Umfange ermesten, wenn man erwägt, daß, wie ich mit aller Bestimmtheit versichern kann, der betreffende, fein und vornehm abgefaßte Ar­tikel vom heiligenVater selbstgeschrieben ist." Das römische Posthörnchen hat im Laufe der Jahre schon so allerlei Märchen „versichern" zu können geglaubt, daß man auch diese auf Sensation berechnete Behauptung mit einem großen Fragezeichen versehen muß. Es soll ja Leute geben, deren Gehör- und Ahnungsvermögen so stark entwickelt ist, das sie fast das Gras wachsen und die Federn durch 20 Mauern und Zimmer hindurch rascheln hören. Doch gehört das „Post­horn" nach alten Erfahrungen nicht zu diesen Bevorzugten, seine „Wahrsprüche" waren mei­stens Trugsprüche.

O (Daß die Verhandlungen zwischen derCurie und der preußischen Regierung fortgesetzt werden), ist eine Thatsache, über die jetzt kein Zweifel mehr herrschen kann. Richt nur die inspirirten römischen Blätter, sondern auch die preußischen Officiösen heben in allen ihren Er­örterungen diesen Umstand als den einzig festen Punkt hervor. Die voreiligen pessimistischen Jere- miaden über den Abbruch und das jähe Ende der Verhandlungen und Friedensaussichten haben daher keine Bestätigung gefunden. Wir betonen nochmals, daß die Angriffe i>er Officiösen sich in ihrem Zier und Zweck nur gegen das Centrum als politische Partei richten, deren Principientreue und Unbe­stechlichkeit ihnen von jeher ein Dorn iin Auge war. Die momentanen Verhandlungen selbst wissen die Herren Officiösen in ihren Herzensergüssen stets mit einer in ihren Motiven leicht erklärlichen Zu­rückhaltung zu besprechen. Die,Provinzial-Corre- spondenz' erklärt am Schluffe ihres Leiters „In gleichem Schritt" ausdrücklich, daß sie diese „Be­scheidung dem Umstande schuldig sei, daß die Ver­handlungen zwischen der königlichen Staatsregierung und der Curie fortgeführt werden."

-(„In gleichem Schritt.") Zu dem gestern mitgetheilten und kurz besprochenen Artikel der

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Die Zwillingsbrüder.

Von Erich Wasserström.

(Fortsetzung.)

Obwohl Philipp's schlimmgearteter Charakter das treue Mutterherz mit heimlicher Sorge erfüllte, so suhlte es sich doch gedrungen, gerade ihn dop­pelt zu lieben, zum Unglück der ganzen Familie, da drese mütterliche Schwäche die bösen Anlagen in dem Charakter des Knaben verhängnißvoll pflegen und ausbilden mußte.

So wuchsen sie heran; der Vater verlor nach und nach die Gewalt über den wilden Philipp, der sich zum Studium der Medicin entschloß und die Universität bezog. Hier beging er die extra­vagantesten Streiche und verschwendete auf die unsinnigste Weise des Vaters Vermögen, der ver­gebens dem wilden Treiben des Studenten Ein­halt zu gebieten versuchte und immer wieder zahlen mußte, nur um die Ehre seines Namens zu retten.

Philipp wurde nach und nach der Schrecken seiner Familie, nur die Mutter entschuldigte und liebte ihn wie früher; mit Recht konnte Herr Kohrfen ihr im Stillen die Hauptschuld beimesten, wenn gleich er sich selber auch Vorwürfe machen mußte.

Während Robert sich zum tüchtigen Landwirth heranbildete, um dereinst des Vaters Nachfolger zu werden, war das Lernen des wilden Philipp's schwächste Seite und das Bierhaus sowie der

,Prov.-Corr.' „In gleichem Schritt" bemerkt die .Germania' u. A.:

„Dieser Artikel adressirt sich äußerlich an un­seren Leitartikel pari paseu, ist aber thatsäch- lich auch gegen die Note des Cardinals Jacobmi und den zweiten Brief Sr. Heiligkeit gerichtet, mit deren Inhalt unsere Leitartikel vollständig Über­einstimmte. ...

„Was die Berufung der ,Prov.-Corr auf die

Verhandlungen mit dem Herrn Nuntius Masel la angeht, so haben wir darüber noch am Sonnabend der ,Kreuzzeitg.' gegenüber das Nöthige gesagt. Die ,Prov.-Corr.' behauptet nur, aber beweist nicht,' daß das „pari passu“ nicht in unserem Sinne zu verstehen sei, und sie beweist ebenfalls nicht, daß jemals die Anerkennung des vollen mal­gesetzlichen Einspruchsrechts von kirchlicher Seite in Aussicht gestellt worden sei. Wenn sie sich auf den aus Anlaß des päpstlichen Breves gefaßten Staatsministenalbeschluß bezieht, so sprach doch dieser selbst, was die ,Prov.-Corr.' natürlich verschweigt, seine „Zweifel" aus über dre „Congruenz" der vom Papste m Aussicht gestell­ten Concefsion betreffs der Anzeigepflicht „mit den bezüglichen staatsgesetzlichen Bestimmungen.' Jiod) ehe dieser Staatsministerialbeschluß in Rom be­kannt war, erließ der Cardinal-Staatssecretair eine Erläuterung der Concession, welche die RrchO Congruenz klar constatirte. Es ist also schon nach dem Zeugniffe des Staalsministerialbeschluffes un­wahr", weMl die ,Piov.-2orr.' diese swrigtrte».z ohne Weiteres annimmt, es ist unwahr, daß in dem Breve „eine Anerkennung der..Anzeigepflicht . in Aussicht genommen wurde, welche sich auf alle von den Bischöfen zur Ausübung der Seelsorge berufenen Priester beziehen solle," denn das päpst­liche Breve spricht nur von Priestern, welche die „kanonische Institution" erhalten, und das ist nur bei den Pfarrern der Fall. Wenn die Hinter­männer der ,Prov.-Corr.' nicht Kirchenrecht genug verstehen, um das daher zu wiffen, so ist es doch seitdem von katholischer Seite so oft dargelegt worden, daß sie es jetzt recht gut wiffen. . . . Auch die Behauptung der ,Prov.-Corr.' rst un- wabr, daß der päpstliche Stuhl jemals die voll^ terte diese lvlle Idee an der erschiedenen Weiger­ung des jungen Mädchens, das zu sittlich erzogen war, um solchen Schimpf auf den Namen der Eltern zu häufen. Als er kurz darauf sich wegen einer Dame von zweideutigem Ruf buetlirte und feinen Gegner tödtete, wandte sie sich mit Abscheu von ihm und erkannte, daß sie nicht ihm, sondern doch eigentlich mehr dem Bruder von Herzen zu- qethan sei. „ . ......

Philipp mußte entfliehen; der Vater unterstütz^ seine Flucht und schaffte den Unseligen heimlich auf ein Auswandererschiff nach Amerika, das bet seiner Ankunft sogleich die Anker lichtete.

Die Mutter war untröstlich, der Vater und Robert aber athmeten auf, von einem unheimlichen Alp befreit.

Zwei Jahre waren vergangen, ohne eine einzige Nachricht von dem Flüchtling gebracht zu haben, man hielt für gänzlich verschollen. Die Verbin­dung Nobert's mit Amalie Bornemann wurde jenes unglücklichen Ereigmffes halber aufgeschoben, zumal die Braut erst siebzehn Jahre zählte. Nun aber fanden die Eltern keine Veranlaffung mehr, noch länger damit zu zögern und fetzten die Hoch- zeit auf den Monat Mai fest, da mittlerweile auch der blutige Krieg mit Frankreich beendigt war, und die glorreichen Siege, die Größe des deut­schen Vaterlandes einen dauernden und segens­reichen Frieden verheißen durften.

Tas junge Paar war unaussprechlich glücklich,

Fuldm