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Beiblatt zu Nr. 48 der.Fuldaer Zeitung/

Die erste Periode der Socialpolitif des Zentrums.

Es ist eine unbestreitbare Thatsache, daß die Partei des Centrums so lange schon und so consequent wie keine andere, eine Partei der socialen Reform ist. Wir verweisen, abge­sehen von der kirchlichen Socialthätigkeit — auf dem Gebiete der Armen- und Krankenpflege und des Vereinswesens — welche für die pro­testantischen Bestrebungen dieser Art Vorgang und Muster gewesen ist, auf die politische Thätigkeit in dieser Richtung, welche gleich beim Beginn des parlamentarischen Lebens in Preußen und in Deutschland, d. h. vom Jahre 1848 an schon, sich an die Namen v. Ketteler, Aug ust und Peter Reichensperger, v. Mallinckrodt u. s. w. knüpft. Sogar auf der Kanzel, in seinen großen socialreformerischen Predigten im Mainzer Dom im Jahre 1849, hat Freiherr v. Ketteler die rich­tigen Grundsätze für die Socialthätigkeit auch in Betreff des Staates gezeichnet. Gerade diese Predigten, in Verbindung mit der am Grabe der grausig ermordeten Frankfurter Abgeordneten Ge­neral v. Auerswald und Fürst v. Lichnowski gehaltenen Rede, welche ebenfalls von großen Ge­danken über die socialen Gefahren getragen war, lenkten die Augen des Königs Friedrich Wil­helm IV. auf den damaligen einfachen Landpfar­rer v. Ketteler und gaben Anlaß zu deffen Be­rufung als Propst nach Berlin und bald darauf als Bischof nach Mainz. Die weitere socialpo­litische Thätigkeit des großen Bischofs mit seinem warmen, christlichen und deutschen Herzen, seine Wirksamkeit in Wort/'Schrift und That, sind ja bekannt genug, Dr. Moufang, Kolping, Dr. Jörg, Schüren, Reischl, Schings, Frei­herr v. Vogelsang u. s. w. schloffen in litera­rischer und zum Theil auch in practischer und parlamentarischer Thätigkeit sich an.

In letzter Beziehung sind aber noch besonders andere Namen zu nennen. August Reichens­perger z. B. vertrat schon im Jahre 1848 in der Frankfurter Nationalversammlung die An-

Donnerstag, den 1. März 1883.

spräche des Handwerkerstandes auf eine Gewerbe­ordnung gegenüber den Fanatikern der Gewerbe­freiheit genau in derselben Weise und mit den­selben Gründen, wie sie jetzt vom Centrum und den Conservativen geltend gemacht werden, und derselbe hochverehrte Veteran des Centrums mit seinem etwas jüngeren Bruder Peter, mit Hermann v. Mallinckrodt und der ganzen katholischen Fraction, haben diese Haltung stets ohne Wanken beobachtet. Insbesondere war es der Abgeordnete Peter Reichensperger, welcher in den fünfziger Jahren fort und fort mit Feuer­eifer und wahrhaft prophetischem Blick die furcht­baren Gefahren unserer socialen Entwickelung schil­derte und das Bild einer Socialdemokratie der Zukunft genau so zeichnete, wie wir sie leider jetzt vor uns sehen. Er verlangte die thätige Fürsorge auch des Staates für die drei großen Productivstände: Bauern, Handwerker, Arbeiter, forderte schon damals als wichtigstes Mittel ihrer Erhaltung und Hebung die corporative Or­ganisation der Berufsstände, sogar mit Einfluß derselben auf die politischen, zunächst die communalen Wahlen, war der erste Abgeordnete in Preußen, der — auch vor der Regierung — ein Hilfscaffengesetz für die arbeitenden Classen mit Beiträgen auch der Arbeitgeber beantragte rc.

Selbst in den Fragen der Handelspolitik sind vom Centrum ganz allein stets die jetzt in immer weiteren Kreisen als richtig für Deutschland anerkannten und 1879 ja auch in der Gesetzgebung wieder durchgedrungenen Gesichtspunkte mäßiger Schutzzölle vertreten worden. Ovgleich Freibänd- lerthum und Manchesterthum seit Ende der 50er Jahre immer sieghafter ihren Gang durch die Welt nahmen und in der ersten Hälfte der 60er Jahre auch den deutschen Zollverein ergriffen, und ob­gleich damals so gut wie heute die Bismarck'schen Gedanken in der Regel mit rücksichtsloser Leiden­schaftlichkeit vertreten wurden und den Gegnern den Vorwurf des Mangels an Patriotismus ein­trugen, so stellte sich doch einzig und allein ein Theil des damaligen Centrums dem Anprall der Sturmfluth entgegen, und wiederum waren es insbesondere der Abgeordnete August Reichens­

perger und neben ihm der verstorbene Abgeord­nete Osterath und der leider viel zu früh Hin­geschiedene Plaßmann (Arnsbergs welche die Gründe für eine mäßige deutsche Schutzzollpolitik in derselben Weise vertraten, wie sie jetzt wieder Gemeingut des größten Theiles der deutschen Na­tion geworden sind, nachdem dieselbe den Taumel der „Weltwirthschaft" im Gegensatz zur „National- wirthschaft" mit unwiederbringlichen Einbußen an ihrem Wohlstände hat bezahlen müssen. Derselbe Abgeordnete August Reichensperger hat in seiner Jahrzehnte umfassenden parlamentarischen Laufbahn auch consequenter wie wohl irgend ein Abgeordneter die einseitige Abneigung gegen in- directe Steuern bekämpft, hat vor der Ab­schaffung solcher eingelebten und bewährten Steuern, welche vielfach, wie er vorausgesagt hatte, nicht einmal den Consumenten, sondern den Pro­ducenten und vor Allem den Händlern zu Gute kam, gewarnt und hat immer, wie das ganze frühere Centrum und auch das jetzige, eine weise Verbindung indirecter und directerSteuern als das richtige System bezeichnet, während die Regie« rungsprazis neuerdings wieder in eine neue Uebertreibung — der blos indirecten Steuern verfallen war, welcher erst jetzt im Landtage ein allerdings noch schwaches Halt geboten worden ist.

Da es neuerdings Mode zu werden scheint — hier und da auch von solchen Seiten, von denen wir es nicht erwartet hätten — die socialpolitische Haltung des Centrums zu fälschen oder zu ver­dächtigen, obgleich dieselbe seit Jahrzehnten so positiv und consequent gewesen rst, wie die keiner Partei, und das Centrum durch die That- sachen fort und fort die glänzendsten Rechtfertig­ungen erfahren hat: so haben wir diesen kurzen Rückblick auf die Wirthschafts- und Socialpolitik von 1848 bis 1866, mit gelegentlichen Blicken aber auch schon auf die spätere Zeit, für recht zeitgemäß gehalten. Wir werden daher diese Ar­beit auch noch auf die folgende Periode bis heute, in der dann auch der besonders verunglimpfte Ab­geordnete Windthorst im deutschen und preuß­ischen Parlamente seine Rolle spielt, ausdehnen, und dabei nachweisen, daß das Centrum in diesen

zuwider. Diejenigen von ihnen, welche sich hier eingedrängt haben, sollen sich schleunigst entfernen. In den Folterkammern, den rußentflammten Schorn­steinen, den Qualm- und Schwefelbädern gibt es Arbeit genug für sie.

Und nun zu euch, meine näheren Gehülfen: Seitdem sich der theoretischen Bautechniker so viele hier Eingang verschafft haben, ist die Hölle durch ihre nie rastenden Baubemühungen mindestens drei­mal so groß geworden, aber ich habe die unprak­tischen Kammern und Gewölbe bisher schlecht ver- werthen können. Sie sind für den großen Troß, der keine wohnlichen Ansprüche macht, und dafür werde ich sie benutzen."

„He, Alkohol, tritt einmal vor. Du hast Dich bisher in den Hechelstuben umhergetrieben, die für Weiber gut genug sind; hast Dir auch mit glü­henden Klammern, Zangen und Schraubstöcken ein wenig zu thun gemacht, aber das ist keine lohnende Beschäftigung für Dich. Du sollst mir Massen von neuen Bewohnern hierherschaffen. Reiche mir einmal die Flasche, welche dort an dem glühenden Nagel hängt."

Alkohol holte die Flasche, welche der Ober­satan mit den Flammen seiner Nasenlöcher be­leuchtete: „Mein neuestes Elexir", sagte er mit grausemLachen. „Es enthält kostbare Ingredienzien. In das Gebräu habe ich sinken lassen: Einen Trop­fen unersättlichen Durstes, einen Tropfen Menschen- entwürdigung, einen Tropfen Schande, einen Trop­fen viehischer Wollust, einen Tropfen Religions­verachtung, einen Tropfen Jähzorn, einen Tropfen Ehrlosigkeit und einen Tropfen Selbstmord. Auf der Oberwelt befinden meine Distillatoren, und Dich ernenne ich zu meinem Provisionsreisenden. Hinauf, Alkohol, hinauf!"

Alkohol fuhr empor. Der Oberteufel aber schloß für heute die Versammlung.

X Briefe aus der Hölle.*)

Von Sans Hahnenfeder.

I.

Locales.

Endlich ist auch die Hölle in den Weltpostver­ein ausgenommen und die Herren Journalisten, die hier reichlich vertreten sind, haben nun Ge­legenheit, die neuesten Vorgänge sofort an die Oberwelt gelangen zu lassen. Den Zeitungsredac­teuren will ich aber von vorn herein sagen, daß man auch im Orkus Geld braucht, um sich des Teufels Großmutter, die immer auf neue Schuhe verpicht ist, geneigt zu erhalten. Ich muß mir deshalb für den Nachdruck meiner Briefe ein an­ständiges Honorar erbitten.

Nun zu den neuesten Vorgängen: Gestern hörte ich einen Ton, den ich anfangs für das Brüllen eines Löwen hielt, aber er schwoll immer mehr an und wurde nach und nach so furchtbar, daß er selbst für die Hölle ein außergewöhnliches Er- eigniß war. Er drang gewiß bis auf die Ober­fläche der Erde, und es soll mich Wunder nehmen, wenn in Italien und Spanien nicht alle Pomeranzen von den Bäumen gefallen sind.

Da ich erst seit der Gründung des Kladdera­datsch hier bin und für meine Zeitungsenten und falschen Börsendepeschen unter einem Berge von vielen Tausend Nummern der .Kölnischen Zeitung' liegen muß, so habe ich von der Hölle noch nicht viel gesehen und ich fürchtete schon,' daß die Mil- lionen von kichernden Lettern, welche mich um­gaben, recht behalten würden. Sie riefen mit näm­lich Tag und Nacht in die Ohren:

Du und wir, im Lügen groß, Sitzen in der Hölle Schooß, Aber strenge ist es uns verboten, ______ Umzukrauchen bei den Feuerschloten.

*) Nachdruck verboten.

Sie hatten nicht Recht, denn das Ende des langen Schreckenstones war der Ruf: „Alle herbei zum Pech- und Schwefelsee!"

Alle! Da war ich mitgemeint, das konnte nicht bezweifelt werden. Gehorsam thaten sich die Zei­tungen auseinander und ich konnte der lastenden Schwere enteilen. Wo sich der Pech- und Schwefel­see befand, wußte ich nicht, aber ich machte es wie beim Wettrennen und Vogelschießen, ging dem all­gemeinen Strome nach und kam richtig an den Versammlungsort, der in weiter Runde schon von vielen Tausenden umstanden wurde. Der See flammte, loderte und rauchte so stark, daß ich kaum die Augen aufhalten konnte, aber ein Mann mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, den sie Maxentius nannten, gab mir einen Rippenstoß und fagte in italienisch klingendem Deutsch: „Sieh dorthin, du deutscher Federfuchser!"

Da gewahrte ich mitten in dem wallenden „Flam­mensee" den obersten der Teufel. Er hielt das mächtige Horn noch in der Hand; jetzt aber legte er es neben sich, und ich konnte sehen, daß der Höllenfürst auf dem Bauche des Kaisers Nero saß. Fingerbreite Furchen auf der Stirne des Gehörnten thaten kund, daß er nicht bei bester Laune war. Jetzt blitzte er einige schwergelehrte Professoren mit flammenden Augen an, und rief mit schrecklicher Stimme: „Ihr habt mir durch eure gottesleugnerischen Lehren gute Dienste ge­leistet ; das Volk, welches eure Bücher liest, läuft mir haufenweise zu, aber ich werde es euch nie­mals verzeihen, daß ihr mir so viele Advocaten hierher geschickt habt. Bei ihnen ist selbst der Teufel nicht mehr im Stande, sein Recht zu be­halten, und ich werde sie in unfern Versammlungen nicht mehr dulden; schließlich finden sie noch einen Paragraphen, auf Grund dessen sie mich zum Vater der Unschuld machen, und das wäre mir