Montag, den 25. Februar
1883.
—t, -ruldä-r «eihina' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg-, mit ben ** '5ulbaet 3ettU”9 9 iiuftrirkit Sonntagsblättern .Im Familienkreise' in Fulda 1 M. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg
Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; ber Wiederholungen entsprechender Rabatt.
* Gedankenspäne.
Die augenblicklich herrschende Verschiedenheit der Meinungen über den günstigen oder ungünstigen Stand der kirchenpolitischen Verhandluugen sind für Denjenigen, welcher Gelegenheit hat, Tag für Tag die Spalten der Tagesblätter zu studiren, ihre llrtheile zu vergleichen und daraus Schlüffe für die Stellung der Parteien zum Ausgleich zwischen Staat und Kirche zu ziehew, hochinteressant. Bei diesem Studium der Preßstimmen ist uns von Anfang an der seltsame Umstand .ausgefallen, daß mit vereinzeltenAusnahmendie ehemaligen Herolde und Bannerträger der Culturkämpferei kaum mehr den Versuch machen, das Falk'sche System in allen seinen Consequenzen zu verfechten. Noch vor Jahresfrist war die Situation eine andere, der verlorene Posten Falk wurde von einzelnen, vornehmlich von nationalliberalen Zeitungen, mit wahrer Todesverachtung vertheidigt. Heute ist das wesentlich anders geworden, und wir halten diese Aenderung für einen erheblichen Fortschritt. Sehr treffend bemerkt die .Franks. Ztg.': „Während vor einem Dezennium der Cul- turfmnpf von dem Liberalismus als ein Werk des Patriotismus gepriesen wurde, sind heute die Reihen seiner Anhänger bedenklich gelichtet. Seine Träger gelten nicht mehr als die Befreier eines Volkes von Pfaffenzvust und Aberglauben, sondern als Leute, die an einer Ärt p öl Nischen Verfolgungwahnes leiden und darum nicht ernst zu nehmen sind."
Bei dm jüngsten hitzigen Parlaments-Debatten über die kirchenpolitischen Lage hat die liberale Partei dieselbe Haltung eingenommen, wie der weitaus größte Theil ihrer Preffe: Sie hat geschwiegen und mit verschränkten Armen zugeschaut. Der Cultusminister sah sich in seinen Angriffen auf das Centrum geradezu vereinsamt. Niemand fühlte sich berufen, die mehr persönlichen als sachlichen Angriffe des Herrn von Goßler zu unterstützen. Der Standpunkt der Regierung wurde dadurch wesentlich e r s ch w e r t, und wie eine osficiöse Auslassung in der gestrigen Nummer der ,Nordd. Allg. Ztg.' beweist, ist ihr die mißliche Solorolle mehr als unangenehm gewesen. Der sehr beach- tenswerthe Herzenserguß des Auftraggebers des .Herrn Pindter lautet:
„In den erregten Debatten über den Cultus* etat, welche jetzt schon mehrere Tage währen, haben die liberalen Parteien eine auffällige Zurückgezogenheit beobachtet UnseresEr« achtens muß die Regierung aus diesem Schweigen nothwendig schließen, daß sie in dem Streit zwischen dem Staat und der Kurie nicht mehr in dem Maße wie früher auf die Unterstützung der liberalen Parteien rechnen könne, und sie wird sich deshalb vielleicht veranlaßt fühlen, gegen die päpstlichen Wünsche nachgiebiger zu sein, als es bisher der Fall war. Es ist möglich, daß dieser Erfolg von liberaler Seite bezweckt wird, und wir können uns das passive Verhalten derselben damit erklären."
Wer sich irgendwie auf die Interpretation offiziöser Entrefilets versteht, weiß natürlich sogleich, daß man hinter diesem schönen Spruch in erster Linie etwas anderes zu suchen hat, und zwar einen gewissen Wink für die Liberalen, ihr Schweigen zu brechen und der Regierung wenigstens eine kleine äußere Deckung zu geben. Wenn nun aber auch, was wir zunächst noch bezweifeln, die ehemaligen Cnlturkänipfer diesen Rath befolgen sollten, so kann die Regierung dennoch keinesfalls mehr „in dem Maße wie früher auf die Unterstützung der liberalen Parteien rechnen." Es gewinnt
allmählich den Anschein, als ob die Liberalen den doch einmal in die Brüche gerathenen Kulturkampf so schnell wie möglich aus der Welt schaffen wollten, und zwar allein deßhalb, weil sie von dem Ende des Kulturkampfs eine Auflösung des Centrums und einen festen Anschluß der politisch-liberalen Elemente der katholischen Partei erhoffen. Ob die Liberalen sich nicht in dieser Hoffnung täuschen, wollen wir hier nicht weiter untersuchen, die nächsten Tage werden beweisen, ob die Lockung des offiziösen Blattes einen Einfluß auf die Haltung der Liberalen haben wird, denen man ja bekanntlich neuerdings auch wieder mit der versteckten Verheißung einer Ministercanditatur Bennigsen zu schmeicheln gesucht hat.
Ein unzweideutiges Symptom für die der Regierung am Donnerstag und Freitag durch das liberale Schweigen widerfahrene Enttäuschung lag auch in dem wesentlich veränderten Typus der Kulturkamps-Debatten von Sonnabend. Obwohl die Abgg. Biesenbach und Reichensperger gegen die Regierung scharf in's Zeug gingen, wurde vom Regierungstische eine Wiederholung der heftigen Angriffe und des ganzen feindseligen Tones mit Vorsicht vermieden. Vielleicht mag auch ein Wink von hoher oder höchster Stelle Herrn von Goßlers Zorn besänftigt haben.
Unter bem frischen Eindruck des heftigen Redekampfes zwischen den Centrumsführern und Herrn XT.-t^ioefvr -mittstc btr
urtheilung der von der ,Nordd. Allg. Ztg.' publi« Sitten Note Jakobinis bedenklich leiden. Obwohl die Note sich nur als eine präzisere Wiederholung der Erklärungen des päpstlichen Briefes darstellt, wurde sie von einer großen Zahl von Blättern aller Parteien ungünstiger beurtheilt, als der Papstbrief selbst. Wir brauchen die Jakobinische Note nicht zu commentiren und zu in- terpretiren, sie ist in sich klar: der hl. Stuhl will die Bischöfe ermächtigen, für die jetzt va can ten Pfarreien die Anzeige zu erstatten, verlangt aber vorher eine gesetzliche Gewährleistung der Freiheit der kirchlichen Jurisdiktion und der Erziehung und Ausbildung des Klerus. Eine allgemeine Regelung der Anzeigepflicht soll erst nach der vollständigen Revision der kirchenpolitischen Gesetze erfolgen.
So wenig wir wir von Anfang an geglaubt haben, der Papst würde die kaiserliche Anfrage mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten, eben so wenig glauben wir jetzt, daß der Kaiser und die Regierung den Papstbrief und die Jakobini'sche Note in absolut bejahendem oder verneinendem Sinne beantwortet hat resp. beantworten wird. Ein Theil der katholischen Blätter findet es für gut, bei ihren Lesern die Illusion zu erwecken, als sei es nun wieder einmal ganz zu Ende mit jeder Hoffnung. Ueberhaupt ist das provokatorische Vorgehen einzelner Centrumsorgane sehr zu beklagen. Wir haben in der „Politischen Ueber- sicht" einen Auszug aus einem Artikel des in seiner strammen katholischen Tendenz gewiß unverdächtigen .Westfälischen Merkur' wiedergegeben. Wenn wir auch nicht alles das unterschreiben wollen, was das Hauptorgan der westfälischen Katholiken in dieser Richtung bemerkt, so findet sich darin doch manches Körnchen Wahrheit.
Heute gilt es mehr denn je, ruhig, klar und besonnen die sich drängenden Ereignisse zu verfolgen, ihre Tragweite und Bedeutung abzuwägen und nicht voreilig in die Linien hineinzugreifen, deren Gestaltung und Entwickelung höheren Gewalten zusteht. Zuwarten und beobachten, das muß heute unsere Losung sein!
Der Briefwechsel zwischen Kaiser und Papst wird fortgesetzt, das wissen wir, wir wissen
ferner, daß der Kaiser den letzten Brief desl Papstes bereits beantwortet hat und dürfen auch als bestimmt voraussetzen, daß die Antwort keine einfache Zustimmung enthalteu hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber auch keineeinfache Ajb- lehnung, obwohl Leute, die das Gras wachsen hören, dieses mit aller Bestimmtheit zu wissen vorgeben.
Die Fortdauer der Verhandl'ung'en erhält auch durch die nachstehende Erklärung der ,Nordd. Allg. Ztg.' eine recht bezeichnende Illustration. Das officiöse Blatt berichtigt nämlich die Meldung verschiedener Blätter, daß sowohl die Briefe des Papstes wie die Note des Car- dinalstaatssecretärs beantwortet worden sind, und schreibt weiter:
„Diese Angabe ist nur bezüglich des päpstlichen Schreibens richtig, während die erwähnte Note überhaupt noch nicht beantwortet ist, weil dazu eingehende Erwägungen und Verständigung der diesseitigen Behörden, und zwar nicht nur einzelner Ressorts, sondern des Staatsministeriums, erforderlich sind. Es liegt in der Natur von Geschäften mit auswärtigen Mächten, daß dieselben in ihren Details, nament- licht auf einem Gebiete, in welchem diese Details so mannigfache und verwickelte sind, nicht durch autographe Correspondenz der Souveräne dauernd und erfolgreich betrieben werden könne n Die
Ü<1 c^iiier
und Sr. Heiligkeit dem Papst ist, wie Correspon denzen zwischen Souveränen überhaupt, auf die Einzelheiten schwebender Unterhandlungen nicht anwendbar. Sie kann nur ausnahmsweise stattfinden, um große allgemeine Grundsätze und Stellungnahmen zum Austrag zu bringen, und diesen Unterschied vergißt man, wenn man kaiserliche und päpstliche Schreiben und geschäftliche Noten uno actu zusammenwirft. Die Beantwortung der Jakobinischen Note wird seinerzeit ohne Zweifel erfolgen, aber doch nur nach Abschluß und als Ergebniß der Erwägungen aller dabei betheiligten Staatsbehörden."
Aus dieser, wenn auch nur sehr allgemein gehaltenen officiösen Auslassung geht doch jedenfalls das Eine hervor, daß die preußische Staatsregierung sich mit den Einzelheiten der Jakobinischen Vorschläge zu befassen gedenkt, was doch zweifellos auf die Fortsetzung der Verhandlungen hinweist. Hoffen wir daß diese Verhandlungen recht dald zum erwünschten Ziele führen!
„Der würdige Greis auf dem Throne', um mit dem Abg. Windthorst zu reden, will den Frieden, möge auch die Regierug, das Staatsministerium, und vor Allem sein oberster Leiter endlich zu der Einsicht gelangen, daß es hohe Zeit geworden ist, dem lange hingehaltenen und enttäuschten katholischen Volke den kirchlichen Frieden, die freie Ausübung seiner Religion wiederzugeben.
Rede des
Abg. Dr. Reichensperger (Olpe)
bei Berathung des Cultusetats
am 23. Februar.
Meine Herren! Seit Jahren ist keine so schneidige Cul- turkampfrede gehalten worden, wie die gestrige des Herrn Ministers; es scheint, als ob man sich in die Offensive begeben habe, weil man sich zur Defensive zu schwach fühlt. Lange kann das aber nicht vorhalten. Die Angriffe auf Herrn Windthorst, die der Herr Minister gestern gemacht hatte, sind durch nichts gerechtfertigt; ebenso ungerecht waren die Vorwürfe gegen den Fürstbischof von Breslau. Was hat der Mann denn gethan? Er hat einerseits die Staatspfarrer aufgefordert, ihr Aint nieder-