JVi 28.
Dienstag, den 6. Februar
1883.
Fuldaer WV Jeitung.
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* Unsere Stellung zur Frage des Kaiserbriefes.
Die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung' beschäftigt sich in ihrer „Journal-Revue" vom 2. Februar u. A. auch mit unserer in dem Leiter vom '29. Jan. („Der Bries des Kaisers an den Papst") enthaltenen ersten Auslassung 'zu deni kaiserlichen Schreiben an den Papst. Zur vollständigen Orientirung über diese Angelegenheit glauben wir zunächst den fraglichen Artikel des officiösen Blattes wenigstens theilweise im Wortlaut mittheilen zu müssen. Die .Nordderitsche Allgemeine' schreibt:
„Vor einigen Tagen hoben wir an dieser Stelle her- „vor, wie mit alleiniger Ausnahme der Centrumsorgane „die gesammte deutsche Presse einig sei in der Billigung „des Inhalts des kaiserlichen Schreibens an den Papst, „wenn auch von verschiedenen Gesichtspunkten ausgehend. „Die.Germania' ist entrüstet darüber, daß wir auf „solche Weise die Centrumsorgane in Gegensatz zur ge- „sammten übrigen Presse stellten, wenigstens hätten wir „die verschiedenen Gesichtspunkte, von denen letztere aus- „ging, definiren müssen. Letzteres thaten wir für unsere „Leser, indem wir die Stimmen der verschiedenen Stand- „punkte selbst sprechen ließen, genügend. In der Sache „hat aber diesmal die ,G ermania' Recht, denn nicht die „Centrumsorgane stehen der gejammten übrigen Presse „gegenüber, sondern nur ein Theil derselben, ein anderer „Theil hat sich ebenfalls auf den billigenden und hoff- „nungsvollen Standpunkt gestellt. So z.'B. die .Schle- „sische Volkszeitung', welche bemerkt, es liege jetzt „sehr viel daran, „daß die katholische Presse nicht „nur die nöthige Reserve in dem Sinne übt, „daß sie nicht zu viel kritisirt, sondern auch in dem „Sinne, daß sie den Offiziüsen einerseits keinen Anlaß „gibt zu sagen, wir machten „Vorstöße", wir wollten „durchkreuzen" und dergleichen. „Man vergegenwär- „tige sich", wird weiter gesagt, „jetzt zweierlei, nämlich „einmal dies, daß, wenn es jetzt zum Abschluß des kirch- „lichen Friedens kommen soll, einige Concessionen seitens „der Curie gemacht werden werden. Sie werden nichts „vergeben, was der Kirche zu ihrer Lebensbedingung un- „bedingt nöthig ist, und sie werden klein sein, aber von »uns als möglichst groß erklärt werden müssen. Unsere „Leser werden jetzt bei uns manchmal etwas „zwischen den Zeilen lesen müssen. So ist unsere „Stellungnahme zu dem Antwortschreiben Sr. Majestät „an Se. Heiligkeit, und sie ist, wie wir hier, um Miß- „verständnisse zu verineiden, gleich erklären, ein wenig „anders als die derjenigen katholischen Blätter „und Berliner Correspondenten, welche auch „dieses Mal gleich wieder damit da sind, daß „es wieder nichts ist, daß der Inhalt des neuesten „Documents in der Form alle Anerkennung verdiene, in „seinem materiellen Inhalt aber viel zu wünschen übrig „lasse, und daß der Zweck der Publication wohl erreicht „sei, wenn derselbe die Annahme der vom Abg. Windt- „horst eingebrachten kirchenpolitischen Anträge vereitele."
„Noch viel deutlicher in diesem Sinne spricht sich die „ebenfallsultramontane .Fuldaer Zeitung' aus, von „welcher angenommen wird, sie werde vom Bischöfe von „Fulda, Kopp, inspirirt; dieses Blatt sagt: „Wir entneh- „men aus dem kaiserlichen Schreiben mit berechtigter „Freude, daß die Verhandlungen über die Beilegung „der kirchlichen Wirren einen erfolgversprechenden Fort- „gang nehmen, daß also der Charakter des Briefwechsels „zwischen Papst und Kaiser kein lediglich conventioneller „ist, wie anfangs mehrfach behauptet wurde. Der vor- „liegende Brief gibt auch der momentan in Frage stehen- „den Schwierigkeit klar und deutlich Ausdruck. Es wird „von der preußischen Regierung ausdrücklich zugestanden, „daß, sofern die Geistlichkeit auf dem Gebiete der Anzeige- ,,pflicht ein Entgegenkommen zeigen würde, eine organische „Revision der Maigesetze in Angriff genommen werden „soll. Die Entschließungen des apostolischen Stuhles ent- „ziehen sich natürlich gänzlich unserer Kenntniß und Be- „urtheilung. Wir glauben aber annehmen zu „dürfen, daß nach Lage der Sache und bei der „bekannten Staatsklugheit und versöhnlichen „Gesinnung des heiligen Vatrrs auch dieses „Hemmniß baldigst aus dem Wege geräumt sein „wird."
Es folgt NUN noch ein Auszug aus einem Artikel des „polnisch-klerikalen" .Knryer Poz- nanski', welcher deshalb besonders interessant ist, weil das ofsiciöse Organ der Bemerkung des ,Knryer,' „die Annäherung auf dem
Gebiete der Anzeigepflicht wäre möglich, wenn von Seiten der preußischen Regierung nicht so hartnäckig die Anerkennung des ganzen in dieser Angelegenheit erlaßenen Gesetzes gefordert würde", eine Aeußerung der .Schlesischen Zeitung' gegenüber ft eilt, und dadurch gewissermaßen zu der ihrigen macht, welche besagt: „Im kaiserlichen Schreiben ist nicht von der bedingungslosen Unterwerfung unter das ganze Gesetz, sondern nur von Bekundung einer Annäherung auf diesem Gebiete die Rede." Am Schluffe des Artikels des .Kuryer Poznanski' heißt es ähnlich wie in unserem oben citirten Artikel: „Wir hegen die Hoffnung, daß die Weisheit des heiligen Vaters einen Modus finden werde, der zum Frieden führen wird."
Wir haben zur Sache Folgendes zu bemerken:
Es ist richtig, daß die große Mehrzahl der katholischen Blätter das kaiserliche Schreiben sofort beim ersten Bekanntwerden weniger hoffnungsfroh begrüßt hat, als wir und mit uns eine allerdings kleine Anzahl Centrumsorgane. Wir bleiben auch heute noch bei unserer Anschauung, geben jedoch der.Germania' und den sich in ihrem Sinne auslassenden Blättern in feiner Weise Unrecht. Obwohl der Inhalt des Briefes int Allgemeinen ziemlich klar ist , läßt die Stelle bezüglich des Entgegenkommens auf dem Gebiete der Anzeigepsticht mehrfache Deutung«! zu. und diese Deutungen sind denn auch in verschiedenster Weise versucht worden.
Ob es klug und der Sage angemessen war, der in dem Schreiben gesetzten Bedingung gleich bei der ersten Behandlung eine möglichst pessimistische, ungünstige Deutung zu geben, wollen wir hier nicht weiter untersuchen. Wir unseres- theils hielten es für paffend, zu dieser Frage keine bestimmte Stellung zu nehmen, insbesondere da ja alle Raisonnements darüber den wirklichen Lauf der Verhandlungen nicht zu beeinfluffen geeignet sind und nur wieder eine größere oder geringere Mißstimmung hier ober dort Hervorrufen konnten. Die Preffe bringt sich auch, abgesehen von allen Anderem, durch dergleichen Deutungsversuche gar leicht in die Verlegenheit, von den späteren That- sachen desavouirt, Lügen gestraft zu werden. Wir haben daher das Schreiben so genommen und be< urtheilt, wie es sich darstellte, offen und ehrlich, ohne den Versuch, zwischen den Zeilen zu lesen ober gar etwas in bie Zeilen hineinzulesen. Der Wortlaut bes Schreibens gibt aber unseres Erachtens auch keinerlei Veranlassung zu ber Auslegung, als ob bie preußische Regierung bie volle unb unbeschränkte formelle Anerkennung bes Gesetzes über bie Anzeige- pflicht als Bebingung einer Revision ber Maigesetze forderte. Es ist von einer „Annäherung auf biesem Gebiete," von einem „Entgegenkommen auf biesem Gebiete" bie Rebe, nicht von einer Unterwerfung, einem völligen Nachgeben. Die Zukunft wirb ja lehren, wer Recht gehabt hat, wir wieberholen aber nochmals, daß wir Angesichts eines so bedeutungsvollen und folgenschweren diplomatischen Actenstückes die katholische Presse nicht für berufen halten. eine Kritik zu üben, die wenigstens in ihren Consequenzendie allein maßgebenden Factoren und ihre Entschließungen irgendwie beeinflussen könnte. So haben w i r auch aus dem Versprechen des Kaisers, eventuell „solche Gesetze, welche im Zustande des Kampfes zum Schutze streitiger Rechte des Staates erforderlich waren, ohne für friedliche Beziehungen dauernd
nothwendig zu sein, einer wiederholten Erwägung in dem Landtage unterziehen zu lassen," noch keine bestimmte Schlüffe auf einzelne darunter speciell verstandene oder nicht verstandene Gesetze ziehen zu dürfen geglaubt, weil eine Garantie für die Richtigkeit solcher Schlüffe nirgendwo gegeben ist, im Gegentheil die von Vielen beliebte Ausscheidung bestimmter „Kampf gesetze" nur dazu dienen kann, unsere wohlwollenden Freunde zu verwirren, unsere Gegner zur Schadenfreude zu stimmen und im Allgemeinen eine vorläufig unnütze, ja sogar schädliche Discussion über principielle Fragen heraufzubeschwören, über die wir uns mit unseren Gegnern doch niemals einigen werden und können. — Wenn die .Kölnische Volkszeitung', welche in ihrem zweiten Blatt vorn 4. Febr. von dem obigen Artikel der ,Nordd. Allgemeinen' Notiz nimmt und unsere Auslassungen zum Kaiserbrief im Wortlaut wiedergibt, zu letztem nur sachlich bemerkt, daß von einer organischen Revision der Maigesetze in dem Schreiben nicht die Rede sei, so geben wir ihr unumwunden Recht. In biesem einen Ausbrucke mag unsere erste Auffassung zu optimistisch gewesen fein, aber viel weniger noch als von ber organischen Revision ist in bem Kaiserbriefe von ben vielfach hineininterpretirten Kampfgesetzen unbber unbedingten Unterwerfung unter das Anzeigepflicht-Gesetz die Rede.
Dies ist unser Standpunkt! Wir erwarten ruhig und gefaßt ben weiteren Verlauf bei Verhandlungen, unb überlassen den Ausgang ganz vertrauensvoll der für uns allein matzgebenben höchsten Stelle in Rom. Bekanntlich hat ja auch ber als officiöses Organ bes VattkanS gettenbe .Moniteur be Rome' seine Freude unb Genugthuung über bas kaiserliche Schreiben klar ausgebrückt.
Es gibt eine Sorte von Blättern, welche ber Ansicht sinb, durch bie Veröffentlichung des kaiserlichen Handschreibens habe bie Regierung „bem Centrum einen Strich burch bie Rechnung machen" wollen, unb zwar bezüglich bes nun bereits auf Antrag Dr. Windthorst's von ber Tagesorbnung abgesetzten kirchen-politischen Antrags. Unter unteren spricht sich die.Elberfelder Zeitung' in dieser Weise aus, und die .Norddeutsche' kann es sich in ihrem bekannten Groll gegen das Centrum nicht versagen, auch diese „Stimme" wiederzugeben. Ob bie Leute, welches solches schreiben, auch an bas für die Regierung keineswegs erfreuliche Bilb gebucht haben, welches entstänbe, wenn es bem Centrum unb seinem Führer einmal einfallen könnte, ber Regierung einen Strich nach dem anderen durch ihre Rechnungen zu machen? Das „Zünglein an der Waage" könnte sich ja Tag für Tag solchen Scherz erlauben, wenn es so geartet wäre, wie man es verläumdet. Aber dazu ist das Gen» trum viel zu ehrlich, es. bentt nur an das Wohl des Volkes und'nicht an selbstsüchtige kleinliche Rache, wie seine Feinde, welche alles nur darauf anlegen, Personen und Parteien in ihren Gefühlen zu kränken, ihnen „einen Strich durch eine Rechnung zu machen," deren Zahlung die öffentliche Meinung- auf das dringendste verlangt, und die Mehrheit der Parteien auch mit dem Munde versprochen hat.
Wenn daher die ,Nordd. Allgemeine' mit einem gewissen Gefühl der Befriedigung aus der behandelten Verschiedenheit der Beurtheilung des kaiserlichen Schreibens in der Centrumspresse den Schluß ziehen will auf eine im Centrum bestehende „Theilung", so irrt sie ganz gewaltig. Die Selbstständigkeit der Meinung hat in