Jts. 24
Dienstag, den 30. Januar
1883
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ch Was dem Bauernstände noch chut!
Ein wohlgemeintes Wort eines Landmannes an seine Standesgenossen.
I.
Wenn Jemand auf einem Thurme oder einem hohen Berge steht, so kann er freilich die Gegend im Umkreise lveithin übersehen und viele Dinge und Menschen überschauen, allein jedes einzeln genau betrachten kann er nicht.
So denke ich immer, wenn ich manche hohe Herren über die jetzige betrübte Lage der bäuerlichen Landwirthe schreiben oder sprechen höre. Es wird daher auch nicht schaden, einmal ein Wort über bänerliche Verhältnisse zu hören von Jemand, der unten steht, von einem Bauer, denn ich meine, der Bauer müßte es doch am besten fühlen, wo ihn der Schuh drückt.
Da sitzt mein Nachbar auf seinem verschuldeten Hofe und jammert immerfort. Ich weiß nicht, spricht er, wie das noch enden soll, ich plage mich Jahr ein Jahr aus und immer gehts rückwärts. Die Zinsen, Steuern, Cominunalabgaben, Gesinde- und Tagelöhne, Schuster-, Schneider-, Sattler«, Schmiede«, Wagner- und andere Rechnungen sind alle h o ch und meine Einnahmen sind s e h r n i e d r ig. Ich lebe sehr sparsam, schaffe nicht das Nütz« lich e an, sondern nur das Alle rno thwendigKe. 2?.!?dr. tAnrsr rückwärts' Ich habe nun jedes Jahr zusetzen müssen, dieses Jahr war die Ernte ziemlich, da dachte ich mich etwas herausreißen zu können, allem die Preise sind so niedrig und der Handel so flau, daß man noch nicht einmal etwas los werden kann. Und nun noch die schlechten Aussichten für nächstes Jahr, da der Acker so schlecht bestellt ist. Das Vieh steht ja jetzt gut im Preise, allein in meinem Stalle fehlt ein Drittel der Stückzahl, weil ich im vorigen Jahre solches wegen Geld- nnd Futtermangel verkaufen mußte, jetzt muß ich wieder kaufen. Wo soll das noch hinaus, wann ivird es wieder besser werden? Ach wäre ich doch so ein kleiner Beamte, für die
Hans Werlmann.
Original-Novelle von Richard Fröhlich.
(Fortsetzung.)
Sechstes Capitel. Hans.
Au dem verhängnißvollen Abende, an welchem in dem Walde zwischen Marnheim und dem Tannenhofe der Schurkenstreich verübt wurde, waren in dem Forsthause noch bis tief in die Nacht hinein Alle in der größten Aufregung.
Hans ivar nämlich aus einiger Entfernung Zeuge der ruchlosen That gewesen; trotzdem er dem Michel aufgetragen hatte, abzuwarten, ob der Tannenhofer Wagen an dem Abende noch zurückkehre oder nicht, hatte ihn dennoch ein innerer Drang hinausgetrieben in die sternenhelle Nacht. Ohne zu ahnen, daß nicht ferne von ihm ein Anderer in schlimmer Absicht dem Wagen auflauerte, hatte er ungefähr eine halbe Stunde regungslos und in seligen Träumereien versunken an derselben Stelle gestanden, wo er auch am Morgen den Wagen erblickt hatte. Der Wagen war endlich gekommen, doch kaum war er an Hans vorüber geeilt, als von der anderen Seite des Wagens ungefähr 100 Schritte seitwärts ein Schuß auf denselben abgeseuert wurde. In demselben Augenblicke vernahm er den lauten Aufschrei einer weiblichen Stimme. Hans, der mit wonnigem Blicke dem Wagen gefolgt war, hatte eine schwarze Gestalt
wird doch so viel gesorgt, daß sie anständig leben können, für uns sorgt aber Niemand. Könnte ich nur meinen Hof los werden, ich zöge sofort nach Amerika, schlechter wie jetzt könnte mir es doch nicht gehen.
Was soll ich da antworten: „Mein Nachbar hat recht, denn mir geht es grade so." Ich will versuchen, die Ursachen dieser landwirthschastlichen Erbärmlichkeit einigermaßen klar zu legen und die etwaigen Mittel zur Besserung vorzuschlagen. Nicht als wollte ich etwas Neues bringen, sondern weil diesseö nicht oft genug wiederholt gesagt werden kann. Es ist die amerikanische, russische rc. Concurenz. In Amerika läßt sich die Landwirthschaft ganz anders betreiben wie hier in Deutschland. Man hat dort im Allgemeinen billigen und fetten Boden, gute Ernten und wenig Abgaben. Zwar sind die Arbeitslöhne dort noch theurer als hier, allein dort wird fast Alles mit Maschinen betrieben und die Maschinen sind dort verhältnißmäßig billiger als hier. — Ich selbst habe hier in Deutschland vier Jahre mit einer amerikanischen Mähmaschine gearbeitet. Es wird dort die Bauerei sehr großartig betrieben, davon nur ein Beispiel:
In Dakuta wohnt ein Farmer (Bauer), Dalrymple genannt, dessen Gut ist 100,000 Acre groß, dort wild nur Weizen gebaut. Im Jahre 1878 hatte derselbe blöd 13,000 Akr. mit Weizen besäet. Sein Gut ist in Theile von je 2000 Acker zerlegt. Jeder Theil hat seine Aufseher. An der Spitze der Verwaltung steht Dal-' rymple selbst. Zur Bestellung der Felder wurden 400 Arbeiter, 500 Pferde und Maulesel, 80 Säemaschinen; 160 Pflüge, 200 Stahleggen, 15 Cy- linder - Dreschmaschinen und 80 Fruchtschiieide- maschmen, welche das Getreide auch gleich binden, verwendet. Die Maschinen werden mit Dampf getrieben, mit Dampf werden die Pflüge gezogen und per Telephon nimmt der Herr mit seinen Aufsehern Rücksprache. Der Versandt nach den östlichen Märkten und Ausfuhrhafen wird dadurch wesentlich erleichtert, daß die großen Farmer sich eigene, nach den Haupt-Eisenbahnen führende Nebengeleise bauen lassen und auf ihrem eigenen Grund hervortreten, aber auch in demselben Augenblicke wieder verschwinden sehen. Ohne recht zu wissen, was er that, war er der Richtung, in welcher die Gestalt verschwunden war, blindlings gefolgt, aber sein scharfes Auge entdeckte keine Spur, er hatte einen Augenblick innegehalten, um zu lauschen; kein Blättchen rührte sich und der Mond strahlte mit geisterhaftem Scheine durch die Zweige der Bäume, doch fein Licht ließ auch nicht die geringste Spur von dem Flüchtlinge erkennen. Rathlos stand er da, die mannigfaltigsten Gefühle bestürmten ihn, sein Puls schlug rascher und rascher, seine Stirne wurde heiß, ein augenblicklicher Schwindel erfaßte ihn, und er wäre hingesunken, wenn er sich nicht an einen Baum gelehnt hätte. Als er sich wieder erholt hatte, galt sein erster Gedanke der geliebten Elise, er fürchtete für sie, denn er hatte ihr lautes Aufschreien gehört. War sie verwundet? Lebte sie noch? Das waren die Fragen, die den jungen Mann bestürmten und die ihm fast die Besinnung raubten. Dann wandten sich seine Gedanken dem verruchten Mörder zu, der verwegen genug war, im Walde, in der Nähe des Forst- Hauses, seine meuchelmörderische Hand auszustrecken. Was sollte er nun beginnen? Der Wagen hatte in rasender Eile den Schauplatz verlassen, der Verbrecher war geflohen, ohne eine Spur von sich zurückzulaffen. Hans sann vergeblich nach,' er konnte keinen richtigen Gedanken fassen. Schließlich sah er doch ein, daß es das Beste wäre, wenn
und Boden das Getreide in die Bahnwagen verladen. Dalrymple gedenkt nach einigen Jahren jährlich 1,000,000 Buschel Weizen zu ernten. Von Düngen ist keine Rede. Der Weizen wird in der Mitte abgeschnitten, das Stroh bleibt auf dem Felde liegen, dieses wird im Herbste wieder umgeackert und im Frühjahr wieder mit Weizen besäet.
Es ist ja nun allgemein bekannt, daß durch Dampfschiffe und Eisenbahnen der Verkehr gegen früher ungemein erleichtert ist und daß z. B. hier in Fulda amerikanisches Weizenmehl so billig angeboten wird, daß unser Weizen keinen Absatz findet.
Ich will diesen leichten Verkehr freilich nicht verwünschen, denn wäre er die letzten Jahre nicht gewesen, so wäre mancher arme Mensch in Deutschland total verhungert. Allein diesem allzugroßen Import von ausländischem Getreide muß Einhalt geschehen, sonst geht die deutsche Landwirthschaft verloren und uns bleibt nichts anderes übrig als nach Amerika auszuwandern. Unsere Nachkommen können dann vielleicht später, wenn Amerika voll ist, wieder nach Deutschland zurückkehren und hier vom Staate die herrenlosen Grundstücke, per Acker 3 Mark, wieder erwerben.
Der geneigte Leser wird denken, das ist doch zu schwarz aufgetragen — Deutschland zur Wüste werden? — Nun, der Anfang ist doch schon gemacht Gibt es nicht im Äreife Fulda schon Höfe, die buchstäblich wüste sind? — und andere werden noch folgen. Oder will man verlangen, der Bauer solle so lange auf -seiner-Scholle bleiben, bis er buchstäblich verhungert ist? Er wird doch vorziehen, sich etwas früher aus dein Staube zu machen. Er überläßt dann in vielen Fällen seinen Hof dem Wucherer. Es heißt nun freilich sprüchwörtlich, wo der Wucherer seinen Fuß hinsetzt, da wächst kein Gras, allein beim Bauer ist es jetzt jedoch umgekehrt. Wo der Wucherer hier den Fuß recht fest hinsetzt, da wächst erst recht Gras, aber anderes nichts.
Die Regierung und die gesetzgebenden Körper haben nun freilich eingesehen, daß es nicht gut er das Forsthaus auffuchte und feinem Barer oaS Geschehene mittheilte.
Der alte Förster war sehr erstaunt, seinen Sohn in einem solchen Zustande zu sehen; wohl hatte er den Schuß gehört, wohl waren schon -die verschiedensten Vermnthungen in ihm aufgestiegen, doch daran hatte er kaum gedacht, daß sein Sohn, wie es ihm jetzt klar wurde, in irgend welcher Beziehung zu dem Schüsse gestanden hatte. Hans sank erschöpft auf den Lehnstuhl nieder, den seiy Vater ihm zugeschoben hatte. Langsam erholte er sich von seiner Erregtheit und erzählte dem Vater, was geschehen war. Der ergraute Mann war in der ganzen Gegend als ein gefüöofer Mensch verschrieen, doch darin that man ihm Unrecht- Herr Werlmann hatte ein zartes Gefühl, eine sehr warme Empfindung. Er konnte es sich in -diesem Falle lebhaft vorstellen, wie niederschlagend für seinen Sohn der Gedanke sein mußte, daß das Mädchen, welches er liebte, in der größten Lebensgefahr geschwebt hatte, wie erdrückend die Ungewißheit, ob dieselbe Schaden genommen habe ober nicht. Wer den Alten nur oberflächlich kannte, hätte vorausgesetzt, daß er seinen Sohn mit barschen Worten angefahren, daß er ihn einen sentimentalen, weichherzigen Burschen genannt hätte; doch das that der alte Förster nicht. Auch er hatte geliebt und wußte, wie es seinem Sohne um's Herz mar, und darum suchte er seinen Sohu zu beruhigen.