«vl2 6 Mittwoch, den 10. Januar 1883.
Fuldaer flU Ieitung.
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Aufruf.
Schon manches Jahr besteht in unserer Stadt ein Vincenz-Verein, ein Zweig jenes segenspendenden Riesenbaumes, der grade vor einen, halben Jahrhundert in der Hauptstadt Frankreichs gepflanzt worden und nunmehr über fast alle Länder, wo Katholiken wohnen, ausgebreitet, die Liebesthätigkeit unter dem Schutze der Kirche ausübt, indem er den Armen im Namen Jesu Christi die Unterstützung reicht und mit ihr jenen religiösen Einfluß verbindet, der die Seelen aufrichtet und mit ihrem Schicksal versöhnt. Diese Vincenz-Conferenzen vereinigen nur Männer und Jünglinge, um sie selbst jener Verdienste theilhaftig zu machen, welche an die frommen Liebeswerke geknüpft sind und sie Kraft ihrer Opferwilligkeit in der Gnade sittlicher Reinheit und Unbescholtenheit zu bewahren. Sie haben ihren Namen bekanntlich von jenem großen Vater der Armen angenommen, der in seinen, langen Priesterleben wie ein Schutzengel für jede Art menschlicher Noth und Verlassenheit erschien. Nach dem Vorgang und Beispiel dieser Vincenzvereine nun haben sich später in Deutschland zugleich Vereine für Frauen und Jungfrauen mit gleichen Zwecken und gleicher Organisation gebildet und haben ebenso die Gutheißung des apostolischen Stuhles und der kirchlichen Behörden wie reiche geistliche Gnaden von Ablässen erlangt. Sie nannten sich „Elisa- bethen-Vereine" nach jener hl. deutschen Frau, welche in allen Wechselfällen ihres Lebens, im Glanze der Fürstenkrone wie in der
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Gefunden.
Original-Novelle von A. Linden.
(Fortsetzung.)
Am frühen Morgen hatte sich die Gräfin erhoben, frisch und jugendlich, wie es ihrer Schönheit und ihren Jahren angemessen war, aber hinfällig, wie es die Krankheit, deren Opfer sie war, mit unerbittlicher Strenge forderte. Doch augenblicklich fühlte sie Nichts von Krankheit und Schwäche.
Mit einer nie gekannten Wonne prüfte sie ihren Athen,, der wieder leicht und unbeklommen, wie in früheren Jahren, ihrer Brust entstieg. Die Last, die drückende Last, war von ihrem Geiste genommen; kein Wort des Vorwurfs von Vater und Kind war ihr geworden; Manuela lebte; der treue Gerald packte bereits seinen Koffer, um in den nächsten Stunden nach einer nahen Hafenstadt zu gehen, um von dort sich „ach den Antillen einzuschiffen, und die lang für tobt gehaltene Tochter seines Herrn zu holen. Die Dienerschaft konnte leicht durch ein Märchen über die wahre Art von Manuela's Geschick getäuscht werden, denn Keiner von ihnen, nicht einmal Gerald, war mit in Martinique gewesen.
Fleunice war freudig um ihre Mutter beschäftigt, sie flocht ihr die dunklen Flech-
Verbannung, wo sie das Brod der Armuth aß, ihre Liebe denen zuwandte, in denen sie das Bild ihres armen, leidenden, verlassenen Christus sah. Auch in Fulda bestand lange Jahre ein Elisabethen-Verein, freilich mehr als ein Verein, der durch seine Mitglieder Gaben für die Armen sammelte, um sie durch die Hand der Seelsorger ver- theilen zu lassen. Es ist nun wiederholt der Wunsch ausgesprochen worden, daß dem Vincenz-Verein in unserer Stadt wieder ein ElisabethenVerein zur Seite trete, um so mehr als die Bedürfnisse der Wohl- thätigkeit wachsen und der Vincenz-Verein schon durch natürliche Grenzen gehemmt, nicht in alle Häuser und Familien seine Mitglieder zur Hülfeleistung senden kann. Wo aber wäre dieser löbliche Wunsch mehr berechtigt als im Mittelpunkte unserer Di- öcese, der in ihrem gegenwärtigen Umfange die geheiligte Stätten angehören, an denen die große Wohlthäterin der Armen, nach welcher sich der Verein benennt, einst den Segen ihrer glühenden Nächstenliebe, nach allen Seiten hin verbreitet hat? Und wird es nicht die würdigste Verehrung sein, welche die katholischen Frauen und Jungfrauen unserer Stadt der gefeierten Diöcesanheiligen darbringen können, wenn sie in diesen Werken der Nächstenliebe ihr folgen? Und daß es nur der Anregung bedarf, um in ihnen den Geist der hl. Elisabeth zu wecken, dafür bürgen die mannichfaltigen und zahlreichen Werke der Wohlthätigkeit, die aus ihrer Mitte einzeln und im Stillen vollbracht werden.
Aber diese so lobwürdigen Erweise christ- ten noch einmal mit jener studirten Sorgfalt , die Adenare früher geliebt. Ein schweres Kleid von perlgrauem Atlas erschien beinahe zu matronenhaft für die Gräfin.
Fleunicen's Mienen waren so freudig bewegt, so strahlend von heiterer Wonne über die wunderbare Veränderung, die mit ihrer Mutter vorgegangen war, daß sie jauchzend ausrief: „Und heute wirst Du auch Hortense sehen, o, sie wird es gar nicht glauben, daß Du meine Mutter bist, so jung und schön bist Du!"
Ein prüfender Blick der Gräfin streifte ihre Tochter, die so einfach und schmucklos vor ihr stand, als ob sie sich schon jetzt alles Reichsthums zu Gunsten der unbekannten Schwester entäußert habe.
Auch die Gedanken der Gräfin nahmen diese Richtung; wiederum zog sie ihre Tochter an ihr Herz und fragte bie schon so oft wieberholte Frage:
„Du willst Manuelen freubig geben, was ihr gehört, Fleunice?"
„Alles, alles, meine Mutter!" „Auch Belle-Granbe gehört ihr zu!" „Ich weiß es!"
„Deine Perlen unb Diamanten." „Gewiß."
„Einen Theil von ber Liebe des Großvaters."
licher Liebe bleiben in ihrer Vereinzelung schwach und ohnmächtig gegenüber den mehr und mehr wachsenden Nöthen der Gegenwart. Die Kirche will sie darum im Elisabethen-Verein, wie es im Vincenz-Vereine geschieht, zu einem starken, wohl organisirten Gefüge zusammenfaffen, in der die Einzelkraft sich verdoppelt und jene vorübergehenden Anwandlungen und Werke zarten Mitgefühls, welches dem weiblichen Geschlecht von Natur aus eigen ist, Dauer und Planmäßigkeit erlangen. Sie will jene natürlichen Gefühle der Güte und des Mitleides in solide Bahnen leiten, wo nicht eine augenblickliche Rührung, sondern feste Regeln und Pflichten in die Wohnstätten der Armen führen, um dort mit der Gabe für den Leib die werthvollere für die Seele niederzulegen. Und diese Besuche sollen den Mitgliedern des Elisabethen-Vereins neben dem himmlischen Lohn schon hienieden den himmlischen Sinn vermehren, der aus der Betrachtung des menschlichen Elendes und aus den Mühen ber Selbstüberwinbung hervorgeht. Die Vorsehung hat nun einmal in die liebende Berührung mit dem menschlichen Elend die Kraft gelegt, in dem eigenen Herzen heilige und tiefe Eindrücke zu hinterlassen. Denn betonen wir es wieder und wieder, um jeglichem Mißverständniß an der Schwelle zu begegnen: Der Besuch, der persönliche Besuch der Armen und Kranken bildet den unentbehrlichen und wesentlichen Kern der Elisabethen - Vereine ebenso wie der Vincenz-Conferenzen. Sich an dem Schmerzenslager oder in einem von Allem entblösten Winkel niedersetzen und zu
„Großpapa wird durch Manuela nur gewinnen."
„Die Ansprüche Graf Chari's."
„Chan?" rief Fleunice mit Beben, „o Chari kennt sie ja nicht!"
„Er wird sie kennen und lieben lernen, denn Manuela kann nur liebenswerth geworden sein. Manuela war ihm bestimmt, er ihr zugesagt, Nichts, Nichts dürfen wir von ihrem Eigenthume behalten!"
Die Hast, mit der die Gräfin sprach, die zurückkehrende Angst und Unruhe verhinderten sie, das Beben Fleunicen's zu gewahren.
Arme Fleunice! an solches Opfer hattest Du nicht gedacht.
„Du schweigst?" rief die Gräfin mit fliegender Stimme, „reut Dich Dein Versprechen, Fleunice? Das Versprechen, das mich dem Leben wiedergab?"
Fleunice sank zu ihren Füßen. „Nein, nein, meine Mutter!" rief sie, „ich will freudig Alles geben, nur Chari — nein, Chari kann ich freiwillig nicht der Schwester geben!"
Der erschreckte, qualvolle Blick Adenarens senkte sich tief in Fleunicen's Augen. — Die Gräfin begriff, daß das Schicksal noch ein schweres Opfer, den Frieden ihres einzigen Kindes, um deswillen sie so schwere Schuld