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Sonnabend, den 23» December 1882.

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g. Bankerott der französ. Republik.

Es ist Thatsache, daß alle bedeutenderen Geister Frankreichs, den kindisch gewordenen Victor Hugo ausgenommen, entweder niemals der jetzigen Republik zugestimmt oder ihr schon längst den Rücken gekehrt haben. Alexander Dumas Sohn, Victorien Sardou, Taine, die Dichter wie die Philosophen sind alle als ihre Gegner bekannt. Bei jeder Aufnahme eines Mitgliedes in die französische Akademie enthalten die sorgfältig vorberei­teten, meist recht bedeutenden Reden eine scharfe Verurtheilung der jetzigen Zustände. Der von den Republikanern verhimmelte Ernest Renan hat eine Art Roman „Caliban" ge­schrieben, worin das in Gambetta verkör­perte politische Schwindlerthum mit beißen­dem Spott geschildert wird. Am 2. October wurden die Schulschwestern aus einem Hause zu Paris, Rue de la Lune, mit Waffenge­walt vertrieben, obwohl ihnen dasselbe 1693 ausdrücklich vermacht worden war. Am 6. veröffentlichte Vacherot, Mitglied der Akade­mie, welcher unter dem Kaiserreich als Re- publicaner verfolgt worden war, einen Ar­tikel im .Figaro', worin es heißt: „Re- publicaner, die ihr von der Staatsgewalt folchen Gebrauch macht, das ist also Alles, was ihr in das Wort Republik gelegt habt: Unterdrückung der Gewissen und Befriedigung der Habgier. Und dafür laßt ihr die Ge­schütze donnern und die Glocken läuten, wenn ihr euere Nationalfeste feiert. Fürchtet ihr nicht, die Todten zu erwecken, welchen der schöne Raine Republik einst vor Begeisterung das Herz springen machte? Sie hatten frei» iö

Gefunden.

Original-Novelle von A. Linden. (Fortsetzung.)

Gräfin d' Anbret fuhr fort, sich als Ma­nuelas Beschützerin zu betrachten; da erwachte in ihrem Manne die unbezwingbare Sehn­sucht, nach Peru überzusiedeln, woselbst ein Oheim ihm reiche Besitzungen hinterlassen hatte. Wenn in Graf d' Anbret ein Wunsch rege ward, so gelang es Niemanden, selbst der Gräfin nicht, dies Begehren zu erschüt­tern. Sie wußte das und folgte ohne Wi­derrede, da seit Adelens Tod Martinique seinen Hauptreiz für sie verloren hatte. Sie schied von dem Grafen Renee, nachdem sie ihm Adelens Wünsche in Betreff Manuela's und Chari's noch einmal an das Herz gelegt hatte. Der Abschied von Adenare war kalt, wie es sich nicht anders erwarten ließ; der Briefwechsel blieb mangelhaft und gezwungen, besonders da Graf d' Anbret oft feinen Wohnort wechselte. Nach kaum 8 Wochen erkrankte Manuela, auf deren Leben die Freundin ihrer Mutter fff große Hoffnungen gesetzt hatte und starb nach kurzem Krank­sein, während Graf Renee auf dem Fest­lande war.

Ein Jahr darauf kehrte Graf Belle-Grande mit den Seinen nach Frankreich zurück.

lich von ganz anderen Dingen geträumt, die einen von Freiheit, die anderen von Gerech­tigkeit, . diese von Eroberungen und Ruhm, jene von Frieden und Glück für die ganze Welt: Alle hatten an Tugend und Hinge­bung gedacht. Sie würden ihre Republik schwerlich in der eurigen erkennen. Ein ge­wählter Präsident an Stelle eines Königs; eine anonyme an Stelle einer parlamenta­rischen Regierung; Parlamente, die sich ihre persönlichen Angelegenheiten mehr angelegen sein lassen, als das öffentliche Wohl; eine auswärtige Politik, welche unser geschlagenes Frankreich, anstatt es zu erheben, nur noch mehr erniedrigt; eine innere Politik, welche nur gegen die Häuser des Gebetes und der Wohlthätigkeit thatkräftig vorzugehen weiß: lohnte ein solches Ergebnis; wohl der Mühe, Revolutionen zu machen? Laßt jene Re­publikaner im Grabe ruhen, ruft sie niemals in's Gedächtniß zurück. Ihr habt kein Recht dazu."

Geradezu klassisch ist die Verurtheilung, welche der Ministerpräsident Duclerc selbst, der als vielbewanderter Siebziger wohl Er­fahrung besitzen dürfte, über seine Partei ausspricht. Ein Abgeordneter hatte in dem Generalrath seines Departements die Ver­söhnung der Parteien als Programm des Ministeriums gepriesen. Darauf antwortete Duclerc am 10. September in einem öffent­lichen Briefe, worin es unter Berufung auf das Bibelwort: „Jedes Reich, das uneinig ist, wird untergehen", heißt: „Wenn sich die republicanische Partei nicht, und zwar binnen Kurzem, Selbstdisciplin auferlegt, müssen wir darauf verzichten, die Republik

Gräfin d' Anbret erfuhr erst spät die Uebersiedelung Graf Renee's; von Manuela's Tod ward ihr keine Kunde.

So pflegte sie denn fortwährend in dem Herzen ihres Sohnes die freundlichen Erin­nerungen an die kleine Spielgefährtin und Chari erwuchs bei den Gedanken, die ihm um so leuchtender vorschwebten, da sie ihn nach Frankreich hinzuführen versprachen, nach dem Lande, welches die Erzählungen seiner Mutter mit allem Reiz ausgeschmückt hatten, den eine begeisterte Phantasie nur je zu schaffen verstand.

Auch Graf Renee hatte Adelens Wünsche zu den seinen gemacht, und da Manuela tobt war, so übertrug er ihre Rechte in seinen letzten Willen auf Fleunice.

Graf Chari verließ die Heimath, um fein langgeträumtes Glück nun kennen zu lernen.

Seine Mutter, die ihm dies Glück be­stimmte, war auch zur ewigen Ruhe gegan­gen, nachdem sie zuvor ihre Wünsche dem Sohne zur Pflicht gemacht hatte. Dieser ging zunächst nach Martinique, um dort seine Besitzungen sicheren Händen anzuver­trauen, dann schiffte er sich nach Europa ein.

Der Zufall- führte ihn dahin, wohin er begehrte.

.. Er hatte mit Hortense im Anfang ihrer Reife über das Ziel dieser Reise gesprochen,

zu constituiren." Folglich ist die Republik, trotz zehnjährigen Bestandes, noch nicht con- stituirt. Ein gewiß höchst bezeichnendes Ge- ständniß. Der Brief Duclerc's ist die „of- ficielle Bankerott-Erklärung der Republik", bemerkte ein Pariser Blatt. Die sehr re­publikanische ,$erite' stimmt dem Todes- urtheil bei: „Die Republik ist eine alte vermummte und geschminkte Dirne, welche weder Saft noch Kraft mehr besitzt, deren Thaten ohne Ausnahme Schwäche und Arm­seligkeit verrathen. Sowohl was Unterricht, Gewissensfreiheit, Diplomatie, Kriegswesen, Verwaltung und selbst bescheidene, aus Ge­sundheitsrücksichten gebotene öffentliche Ar­beiten betrifft, wie jede Handlung dieser Regierung trägt das Zeichen der Ohnmacht und Unfähigkeit an der Stirne."

Solcher abfälligen Urtheile und kostbaren Geständnisse könnte man fast jeden Tag eine reichhaltige Blumenlese zusammenstellen. Wer soll da noch an die Zukunft der Republik glauben, welche ohnedies schon mehr als die Hälfte der Jahre hinter sich hat, die Frank­reich in diesem Jahrhundert seinen verschie­denen Regierungen zur Lebenszeit vergönnte? Selbst republicanische Blätter fangen an, die Hoffnung aufzugeben; mindestens ein Dutzend derselben beobachtet, trotz ihres scheinbaren Republicanismus, eine solche Haltung, daß ihnen das Abschwenken in ei« anderes Lager, zunächst in dasjenige einer constitutionellenMonarchie, nicht schwer werden könnte.

Faßt man die ganze Lage der Republik in's Auge, so ist der um sich greifenden royalistischen Bewegung ihre Bedeutung nicht ehe er inne geworden, daß Hortensen's Be­kanntschaft es war, die ihm später den Wunsch seiner Mutter nicht mehr als sein Glück er­kennen ließ.

• * *

Wir führen den Leser in die Gemächer Adenarens.

Die Gräfin hatte ihr Lager verlaffen und es mit einemjener hohen gothischen Armstühle vertauscht, die mit ihrer steifen geschnörkelten Lehne schon eine recht stattliche Figur dem Auge des Eintretenden verbergen können, wenn dieser nicht gerade en face des Ses­sels tritt.

Die Gräfin lag in die weichen Kiffen hineingeschmiegt, in jenem unverkennbaren Grade von Schwäche, der mehr fürchten läßt, als eine gewöhnlich langsame Recon- valescenz. Ihre Glieder Merten sichtbar unter dem Morgenkleide reicher Spitzen, das oben in einen zierlichen Capuchon endete, der halb über Locken und Stirn der Gräfin seine leichten durchsichtigen Falten zog.

Graf Wqlo saß neben ihr, steif, unbe­wegt, wie mir ihn am Abend zuvor sahen. Die mageren Hände hielten heute keine Filet­nadel, sie waren beinahe vergraben in die reichen Spitzenmanchetten die an den Aer- meln des violetten Sammtkleides anschloffen, Graf Walo hatte sich mit derselben Sorg-