Freitag, den 22» December 1882.
Zeitung
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Deutsches Reich.
* Berlin, 20. Dec. Der Kaiser ist fitzt soweit wieder hergestellt, daß er bei günstigem Wetter seine regelmäßigen Ausfahrten wird wieder aufnehmen können. Er nahm heute Vormittag die gewohnten Vorträge entgegen.
— In der am 19. Dec. abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesraths wurden der Entwurf einer Verordnung, betreffend die Verwendung von Blei und Zink bei der Herstellung von Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, sowie der Antrag Mecklenburg-Schwerins wegen der Aushändigung des Schifferprüfnngs- Zeugnisses an einen Steuermann den zuständigen Ausschüssen zur Vorberathung, der zu der Petition der Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg, betreffend die Couponseinlösung der Reichsanleihe, gefaßte Beschluß des Reichstags vom 2. Dec. d. I. dem Reichskanzler überwiesen. Die Vorschläge der Ausschüsse wegen der Zollbehandlung von Ozokerit und Corneed beef, wegen Eriveite- rung der statistischen Aufnahmen über die Erwerbung und den Verlust der Reichs- und Staatsangehörigkeit, in Betreff derZulaffung von Privattransitlagern für Sternanis, und wegen Ergänzung der Bestimmungen über die Prüfung der Apothekergehilfen wurden genehmigt. Die Versammlung beschloß, unter gewissen Einschränkungen und Vorbehalten die Zulassung der Einfuhr von Rindvieh aus Oesterreich zum Zwecke der im Jahre 1883 in Hamburg stattfindenden internationalen landwirthschaftlichen Thierausstellung.
-- Der hl. Vater hat eine Encyclica an
die spanischen Bischöfe gerichtet, in welcher er es für einen Fehler erklärt, die Kirche in einen Zusammenhang mit irgend einer politischen Partei zu bringen; die Kirche stehe über den menschlichen Leidenschaften und verdamme keine Ansicht, welche die Religion uni) die Gerechtigkeit respectire. Der Inhalt der Encyclica deckt sich der ,Germ.' zufolge mit dem Rathe, welchen Leo XIII. unlängst den spanischen Pilgern gab. Der Papst wiederholt darin in feierlicher Form vor allen Katholiken Spaniens die Mahnungen zur Eintracht, welche er schon der kleinen Pilgerschaar ans Herz legte. Die Spaltung unter den spanischen Katholiken rührt daher, daß die Einen in Don Carlos den rechtmäßigen König erblicken und zu demselben halten, während die Anderen sich auf den Boden der Thatsachen stellen und die Monarchie des Königs Alfons rückhaltlos anerkennen. Die Anhänger Don Carlos', mit Rocedal an der Spitze, suchten die Rom- fahrt der Katholiken Spaniens für ihre politischen Zwecke auszubeuten und auch die Führung der Pilger in ihre Hand zu bekommen. 'Leo XIIj. hätte, von der geplanten Pilgerfahrt in Kenntniß gesetzt, seine Zustimmung zu derselben gegeben, doch nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß man von dieser rein religiösen Kundgebung alle Politik ausschließe. Auf die Nachricht von dem geplanten Mißbrauch wiederrieth der Papst die allgemeine Rom- fahrt und empfahl statt dessen einzelne Rom- reisen nach Provinzen, an deren Spitze jedoch lediglich die Bischöfe stehen sollten. Die Carlisten zogen sich nun von der Pil-
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Gefunden.
Original-Novelle von A. Linden.
(Fortsetzung.)
Fleunice erröthete wie ein junges Kind, dessen Ohr die erste ungewohnte Schmeichelei trifft. Sie legte mit unnachahmlicher Zärtlichkeit die Arine um Hortensen's Hals und sagte sie küssend: „Morgen vielleicht schon sieht Dich Mama, und dann wirst Du nicht mehr einsam sein!"
Dann schlüpfte sie zur Thür hinaus.
„Einsam? Bin ich denn einsam, fragte sich Hortense, als sie nun allein war, „ist man je allein, wenn ein solches Heer von Gedanken und Befürchtungen auf uns einstürmt? Was suche ich in Frankreich? Es war eine Thorheit, ein Wahnsinn, jene unbezwingbare Gewalt, die mich antrieb, mein Vaterland zu verlassen! Vielleicht äffte mich Lysanna mit den Worten, die sie mir auf dem Todtenbett zurief, vielleicht war es unbezwingbarer Haß, der sie vermochte, mich in Zweifel und Hoffnungen zu stürzen, die sich nie erfüllen werden, nie erfüllen können, denn sie beruhen auf Nichts als auf den fieberkranken Reden eines Weibes, das mich nie liebte! Was soll ich hier? Ich frage mich vergebens! Ich möchte zurück, und doch scheide ich nur mit Widerstreben von
— genug, Graf Chari hat das Ziel seiner Reise gefunden, er bedarf keiner Reisegefährtin mehr, sie wird ihn nur belästigen, da er unklug genug war, dieser Gefährtin den Zweck seiner Reise nach Belle-Grande zu vertrauen und zu ahnen, daß sie unfreiwillig sein Ziel theilen würde. Besser, ich scheide bald!"
Hortense erhob sich rasch; man sah es ihr an, daß sie im Stande war einen noch so schwer gefaßten Entschluß auszuführen.
Da trug der Abendwind die süßen Klänge eines heimathlichen Liedes zu ihrem Fenster hinauf. Die Vögel im Busch erwachten von den weichen Tönen; auch Hortense erwachte aus dein Sinnen, das ihrem heftigen, raschen Entschluß gefolgt war. Sie kannte den Sänger, er hatte auf dem Deck der „Walkyrie", so hieß das gescheiterte Schiff, an ihrer Seite gesessen und in die mondhelle Nacht hinaus, den einfachen friedlichen Gesang ertönen lassen, zu dem das Brausen des Ocean's den Tact geschlagen und Hortensen's Herz das Verständniß gefunden hatte.
Es war Graf Chari d'Anbret, der den ganzen Tag über vergebens versucht hatte, das Fräulein zu sehen.
Hortense konnte sich jetzt in keine friedliche Stimmung hinein denken; es war hier anders wie auf dem Meer, wo sie oft in ihrer
gerfahrt zurück, es kam selbst unter den Bischöfen zu heftigen Polemiken, namentlich weil die vom Erzbischof von Toledo gegründete „katholische Union" von allen Parteiinteressen absah und alle Katholiken des Landes zu einem großen Bunde zu vereinigen suchte, welcher die Vertheidigung der religiösen Interessen auf seine Fahne schrieb. Leo XIII. verwirft nun in dem Document die Jdentificirung der Kirche mit irgend einer Partei, und darin liegt eine Mahnung an die Carlisten, solche Bischöfe, welche die gegenwärtige Obrigkeit anerkennen und achten, fernerhin nicht zu verketzern. Gleichzeitig liegt darin aber auch eine Mahnung an die liberale Regierung Spaniens, der Religion und Kirche volle Gerechtigkeit angedeihen zu lassen.
— Die ,Nordd. Allg. Ztg.' enthielt gestern einen Artikel, der es als „bezeichnend ftir die in Paris herrschende Stimmung" hervorhebt, daß sich die republicanische und sogar die radicale Presse mit großem Eifer für Beibehaltung und Vermehrung der der Regierung zur Verfügung gestellten geheimen Fonds ausspricht. Der Artikel nimmt Bezug auf Aeußerungen des ,XlX. Siöcle' und des radikalen ,Rappel', in denen die Vermehrung dieser Fonds für Zwecke der Spionage in Deutschland dringend befürwortet wird.
— Eine Berliner Correspondenz des ,Pester Lloyd' behauptet, das Bündniß vom October 1879 sei unverändert für eine Reihe von Jahren verlängert worden und bestätigt, daß 420,000 Mann russische Truppen feldmäßig ausgerüstet in Polen bereit stehen. Verlassenheit ein Recht auf den Schutz eines edlen Manne', zu haben glaubte, jetzt gehörte dieser zu Belle-Grande, nur seine Bewohner standen ihm nahe — sie selbst war wieder- allein !
Sie schloß mit Hast das Fenster und zog die Gardinen vor.
Wir müssen uns einen Blick in die Vergangenheit erlauben.
Gräfin Adele Belle-Grande verließ kurz nach ihrer Verheirathung mit dem Grafen Renee Frankreich nut um so leichterem Herzen, da sie ihren Gemahl genug liebte, um auch die ödeste Verbannung freiwillig mit ihm zu theilen. Wie viel mehr konnte sie sich nun mit Freuden entschließen, ein reizendes Landhaus an der Meeresküste des westlichen Martinique zu ihrer künftigen Heiinath zu wählen. Diese Heimath wurde ihr doppelt lieb, da sie auf einer nahen Besitzung eine Freundin wieder fand, die mit ihr in Frankreich ein Pensionat getheilt hatte, und die nach Martinique an den Grafen d'Anbret verheirathet wurde.
Die beiden jungen Frauen durchlebten in der Erinnerung noch einmal all' ihre kleinen Leiden und Freuden, die sie in der Pension zusammen erduldet. Die kluge, geistreiche Gräfin d' Anbret, die drei Jahre älter war als ihre Freundin, fuhr halb im Scherze,