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tobt in Martinique, ich kenne sie nicht mehr; ich aber bin Fleunice."

Sie glaubte mit dem Namen Alles gesagt und einen genügenden Commentar zu ihrer Existenz geliefert zu haben; der Graf ver­stand sie auch vollkommen, als er sagte: „Gewiß, ich erinnere mich der kleinen Fleu­nice noch, die kaum zwei Jahre zählte, als ich Martinique verließ, aber Manuela?"

Ehe er seine Frage beenden konnte, hat­ten sie den Schloßhof erreicht. Hortense besaß nicht die Kräfte ihres Gefährten, und von den Erinnerungen an die ausgestan­dene Angst, so wie von Hunger und Sorge gleich sehr gequält, konnte sie kaum ihre schwankenden Schritte bis zu dem zierlichen kleinen Gemache, Fleunicen's Eigenthum, lenken.

Der Graf wurde von Gerald in ein Fremdenzimmer des ersten Stockes geführt, und wir überlasten ihn vorerst seiner Pflege, die auch für den verwundeten Arm von den wohlthätigsten Folgen ward.

In dem reichgeschmückten Zimmerchen Fleunicen's finden wir die beiden Mädchen wieder. Hortense Valcour, durch Speise und Trank erquickt, durch einen tiefen und wohlthuenden Schlummer von der unnatür­lichen Ermattung befreit, in die die an- strengenden Erlebnisse ihrer letzten Reise­

tage sie versetzt hatten, rechtfertigte durch ihre äußerere Erscheinung vollkommen Fleu­nicen's Entzücken, die mit fast anbetender Bewunderung zu der schönen Fremden auf­sah. Ein Polsterstuhl von gestepptem hoch- rothen Corduan war an das offene Fenster gerückt, und Hortense lehnte darin, während Fleunice zu ihren Füßen auf einem Schemel saß. Die dunkeln Augen der jungen Ameri­kanerin streiften mit lebhaftem Interesse das Bild erhabener großartiger Natur, das vor ihr ausgebreitet lag; die sinkende Sonne furchte mit goldenem Pflug den glatten Meeresspiegel, der sich dicht am Ufer mit leisem Rauschen in die malerisch geformten Klippen rahmte. Pas Schloß selbst spiegelte in seinen hohen Fenstern den letzten Gruß der scheidenden Tageskönigin zurück, die tiefer und tiefer in ihr Wolkenbett sank und die Augen der beiden Mädchen bis zu un­freiwilligen Thränen blendete.

Hortense beschattete ihre Augenlider mit der schmalen Hand und sagte mit einem halben Lächeln:

„Die Sonne gibt mir heute so schmei­chelnd den Abschiedsgruß, als ob sie mich versöhnen wollte mit der Härte, mit der sie gestern so früh schied, und uns Unglück­liche in Nacht und Grausen allein ließ!"

(Fortsetzung folgt.)

M 293. Mittwoch, den 20. December 1882.

/ulbarr Zeitung.

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Deutsches Reich.

* Berlin, 18. Dec. Das Befinden der Kaiserin macht so erfreuliche Fort­schritte, daß eine Theilnahme der hohen Frau an einigen Hoffesten der Saison er­hofft werden kann.

— Der Kaiser hat letzte Nacht ziem­lich gut geschlafen und fühlt sich bedeutend wohler.

— Zur Feier der silbernen Hochzeit des Kronprinzenpaares erwartet man von den englischen Herrschaften den Prinz von Wales, sowie das herzoglich Connaught'- sche Paar zu Gaste.

— Abgeordnetenhaus. Sitz, vom 18. Dec. Erster Gegenstand der Tagesord­nung ist die Verlesung der Interpellation des Abg. Dirichlet betr. die körperliche Züchtigung eines Mädchens durch den Amts­vorsteher resp. den Amtsboten in Buchwald bei Schmiedeberg. Die Interpellation lautet: 1) Sind der Regierung die Vorgänge in Buchwald bei Schmiedeberg, welche die kör­perliche Züchtigung eines Mädchens durch den Amtsvorsteher resp. Amtsboten betreffen, insbesondere aber der auf den Strafantrag des Onkels tfes gezüchtigten Mädchens, Jos. Hartramps, von dem ersten Staatsanwalt d. d. Hirschberg, den 8. August 1882, er­gangene Bescheid bekannt? 2) Hat dieselbe Veranlassung genommen, in dieser Angele­genheit amtliche Schritte zu thun?

Justizminister Friedberg erklärt sich zur sofortigen Beantwortung der Interpellation bereit.

Abg. Dirichlet. Die Vorfälle, welche der Interpellation zu Grunde liegen, sind

7~ Gefunden.

Original-Novelle von A. Linden. (Fortsetzung.)

Fleunice fühlte den leisen Spott nicht; sie nickte zutraulich und versichernd dem jungen Manne zu und sagte im Tone einer geheimnißvollen Mittheilung: „O wir selbst, Mama und ich, sind schon beinahe in den Wellen gestorben!"

„Ah! so waren auch Sie schon jenseits des Meeres?" fragte Hortense mit Interesse.

„O gewiß, ich bin von Martinique, und Mama und ich sind nur herüber nach Frankreich gekommen, um den blinden Groß­vater zu pflegen."

„So sind Sie die junge Comtesse von Belle-Graude?" fragte der Graf mit sicht­lich gepreßter Stimme.

Fleunice nickte.

Der Graf ließ einen Augenblick den Arm seiner Gefährten los, um höflich zu grüßen, die beschädigte Hand erlaubte ihm nicht, dieß mit der andern zu thun.

„Comtesse Manuela?" fragte er noch einmal zögernd.

Fleunice blickte erschreckt zu ihm auf, große Thränen rannen aus ihren Augen, und wieder sagte sie leise und klagend:

„Manuela, meine süße Schwester, schläft

kurz folgende. Der Pfarrer des dortigen Ortes hatte schon seit längerer Zeit ein Mädchen, das noch in die Schule ging, in der Weise beschäftigt, daß dieselbe nach Ab- solvirung der täglichen Schulzeit feine Kinder wartete und dafür die Nachmittagsbeköstigung erhielt. In dieser Zeit hat sich der Ver­dacht herausgestellt, daß das Mädchen kleine Geldbeträge entwendet, um sich dafür Eß- waare zu kaufen. Der Pfarrer machte, nachdem das Mädchen aus der Schule ent­lassen, bei dem Amtsvorsteher hiervon An­zeige. Schon bei der Untersuchung fielen kräftige Ohrfeigen; je nach der Wirksamkeit derselben mag es gekommen fein, daß das Mädchen mehr oder weniger eingestand. Jedenfalls gebe ich zu, das Mädchen hat gestanden, daß sie Geld entwendet hat. Sie ist dafür von ihrer Mutter gezüchtigt wor­den, die Eltern haben den Betrag ersetzt, trotzdem sie in dürftigen Verhältnissen leben und die Sache hätte damit abgethan sein sollen. Aber mehrere Tage nach diesen Vorgängen erhalten die Eltern des MKHens eine Vorladung vom Amtsvorsteher, mit ihrer Tochter auf das Amt zu kommen. Die Mutter weigert sich, der Stiefvater sieht sich schließlich doch veranlaßt, mit der Tochter der Vorladung Folge zu leisten. Auf dem Amt fordert der Vorsteher den Stiefvater auf, dem Mädchen 10 Peitschen­hiebe zu ertheilen. Als derselbe sich wei­gerte, wurde der Amtsbote aufgefordert, der sich denn auch bereit erklärte. Aber der Amtsbote war bei der Strafertheilung dem Amtsvorsteher zu milde und er nahm ihm die Peitsche aus der Hand, um ihm zu

zeigen, wie er strafen solle. Der Amtsbote leistete diesem Beispiel auch nachher Folge. Es könnte scheinen, daß diese Erzählung tendenziöse Entstellung oder Erdichtung wäre, wenn nicht der Bericht der königl. Staats­anwaltschaft an den Onkel des Mädchens dieses bestätigte. Die Mutter war zwar entrüstet über diesen Vorgang, aber sie wußte nicht, wie sie dagegen vorgehen sollte und wagte es auch nicht, aus Furcht vor dem Amtsvorsteher. Nur dem Umstande, daß der Bruder derselben ein selbstständiger Handwerkermeister in Breslau, ist es zu ver­danken, daß wegen der Angelegenheit von demselben, der den Amtsvorsteher nicht zu fürchten braucht, ein Strafantrag an die königliche Staatsanwaltschaft gestellt wurde. Der Antrag wurde jedoch mit dem Bemerken zurückgewiesen, daß der Amtsbote zur Vor­nahme der Bestrafung von dem Amtsvor­steher nicht genöthigt worden sei, daß es zweifelhaft sei, ob der Amtsvorsteher seine Amtsgewalt , überschritten habe und-daß Trnnd zu einer strafrechtlichen Verfolgung nicht vorliege. Redner ist erstaunt über dieses Urtheil der Staatsanwaltschaft und wundert sich noch mehr, daß die königliche Staatsregierung in der Angelegenheit nichts gettzan habe.

Justizminister Friedberg antwortet, daß der Kern der Sache sich so verhalte, wie sie Dirichlet dargestellt, obwohl manche Einzelheiten unrichtig seien. Er habe be­reits die Sache in die Hand genommen und erwarte nur noch einige Data, um in derselben schlüssig zu werden. Die Interpellation ist damit erledigt.