M 288.
Donnerstag, den 14. December 1882.
Fuldstr Ws Jeikullg.
i* e« etf^eirt t «glich, Sonn- und Feiertage ausgenommen, «an abonnirt gegen Borausbezahluna »u Fulda
411™ “Sä’0«?8 6ei ben WÜtatem. Der vierteljährliche SlbonnemmtSpreis beträgt ausschließlich Brinaerlobn in Fulda 1 Mark b<> mit Bnngerlohn 1 «. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Rark und SO PfL inS LauS^aebraLt IW <1(1
«tt den S t l kostet dieFuld Ztg oiert-ljährlich in FuldaM. 1.90; SBlM am Pofischalter «a.75? & ÄX<J?« S
Inserate. Die Petitzeile oder (deren Raum IS Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.
Dentsches Reich.
* Berlin, 13. Dec. Für morgen steht auf der Tages-Ordnung des Reichstags die Interpellation Windthorst, betreffend das Schicksal des vom Reichstage angenommenen Gesetzentwurfs, wodurch das Ausweisungsgesetz aufgehoben werden sollte.
— Der Kaiser bewilligte für die durch das Hochwasser beschädigten Bewohner der Rheinprovinz aus seiner Chatulle fünfzehntausend Mark. - Prinz Wilhelm stattete Bismarck heute einen längeren Besuch ab.
— Der Kaiser spricht in einem Briefe an die Wittwe des verstorbenen Ministerpräsidenten v. Manteuffel sich in dankbarer Anerkennung über die wesentlichen Dienste aus, welche der Verstorbene ihm geleistet habe, seit das Vertrauen seines königlichen Bruders ihn zu den Staatsgeschäften berufen hatte. Wenn er sich von dem Minister auch habe trennen müssen, so habe er doch nie aufgehört, ihm sein Wohlwollen und seine Achtung zu bewahren, wovon er den, Verstorbenen auch äußerliche Beweise gegeben habe.
— In der heutigen (15.) Sitzung des Abgeordnetenhauses folgte die erste Berathung der Hundesteuervorlage. Sämmtliche Redner (Zelle, S ch o r l e m e r- Vehr, Francke, Risselmann, v. Po- fad owski) erklärten sich für Ueberweisung der Vorlage an eine Commission. Schor- lemer-Vehr (Centrum) bedauerte, daß die Vorlage nicht in der Form eingebracht worden sei, welche schon im vorigen Jahre vom Hause beschlossen worden sei. Der Entwurf
wurde schließlich der Agrarcommission überwiesen. Es folgte die Discussion der Extraordinarien des Etats der Bauverwaltung. Die erste Rate für den Bau eines Canals von Bingen nach Mainz wird ebenso wie in der Commission abgelehnt; dagegen wird vom Regierungscommiffar erklärt, daß der Vertrag mit der hessischen Regierung bis zur dritten Etatlesung perfect sein dürste. (Dieser Vertrag ist bereits perfect geworden und schon heute aus Darmstadt hier eingetroffen. D. R.) In diesem Falle würde das Haus die Position in dritter Lesung bewilligen. Nächste Sitzung Freitag. Erste Lesung der Steuervorlage.
— In der Petitionscommission des Reichstags wurde der ,Fr. Ztg? zufolge gestern Abend die Frage des Impfzwang es verhandelt. Der Referent Thilenius beantragte, sämmtliche Jmpfpetitionen dem Reichskanzler zur Kenntnißnahme zu überweisen und damit das Ersuchen zu verbinden 1) eine brauchbare Jmpfstatistik zu schaffen auf Grund einer obligatorischen Anzeigepflicht der Pockenfälle; 2) durch Erlaß eine ständige Volksseuchen-Commission unter Oberleitung des Reichsgesundheitsamts zur Prüfung des gegenwärtigen Standes der Jmpffrage einzusetzen. Der Korreferent Westermeyer beantragt die Beseitigung des Impfzwanges. Rach Erstattung dieser Referate wurde die Berathung vertagt.
— Die Commission des Reichstags für ms Beamtenpensionsgesetz strich heute die Bestimmung, wonach über 65 Jahre alte Beamte auch ohne ihr Nachsuchen in Ruhestand versetzbar sein sollen.
— Der Großherzog und die Großherzogin von Baden sind heute Nachmittag, von Stockholm kommend, in Berlin zu mehrtägigem Aufenthalte angekommen.
— Wie man v rnimmt, würden von Seite des hiesigen Hofes zu der silbernen Hochzeit des Kronprinzenpaares keine Einladungen an auswärtige Fürstlichkeiten ergehen. Es bleibt diesen überlassen, sich freiwillig zur Theilnahme an den Festlichkeiten der silbernen Hochzeit am hiesigen Hofe anzusagen.
— Die.Norddeutsche' bringt einen scharfen Angriffsartikel gegen die Konservativen, welche wiederholt der Reformpolitik der Regierung Schwierigkeiten bereiten. Sie schreibt: Bisher hat die Reformpolitik der Regierung zum guten Theil das Schicksal gehabt, nur immer den Boden für neue Pläne und Gegenprojecte zu bilden und das Sprungbrett zu sein für Machtbestrebungen Einzelner. Die Partei würde vielleicht heute eine andere Stellung zur Reformpolitik einnehmen, wenn sie hätte darauf verzichten können, ihre Unterstützung von Bedingungen abhängig zu machen, die außerhalb des Rahmens dieser Politik lagen. Die konservative Partei hat es in der Hand zu zeigen, daß sie nicht eine parlamentarische Partei wie jede andere ist, welche danach strebt, nicht die Wege der Regierung zu gehen, sondern die Wege vorzuschreiben; sie hat Gelegenheit zu zeigen, daß ihr Schwerpunkt n der wirklichen und thatsächlichen Unter« 'tützung der königlichen Politik liege. Wir vertrauen, daß die Konservativen bei Zeiten es zu vermeiden wissen werden, in die Rolle
Gefunden.
Original-Novelle von A. Linden.
(Fortsetzung.)
„Ja, ja das that ich, aber nun thue ich das nicht mehr, denn das Meer ist nahe am Schloß und ich sehe es jeden Tag, ich kenne es nun schon ganz genau," erwiderte das Mädchen in einem Tone der Schüchternheit und Sorge, als wenn man sie auf die stürmende See aussetzen wolle.
In diesem Augenblicke schüttelte der erwachende Nordost die Giebelsahne des Thurmes mit unheimlicher Gewalt. Die schrillen Töne der pfeifenden Eisenstange, um die sich die Fahne drehte, kreischten durch die Stille der Nacht. Fleunice bebte zusammen; sie hatte auf der Ueberfahrt von Martinique damals einen Sturm erlebt, der ihr kindliches Gemüth mit einem Entsetzen erfüllt hatte, das als einzige quälende Errinnerung alle übrigen freundlichen Bilder aus ihrem Leben auf Martinique übertäubt hatte, die, wie es bei schwachen und zaghaften Naturen wohl der Fall ist, nie wieder in reiner Klarheit erwachten.
So unzählige Stürme sie nun auch schon in sicherer Geborgenheit an der Küste erlebt hatte, so erfaßte sie stets wieder das frühere Entsetzen. Sie erhob sich leise und ging
zum Altanfenster yin, das sie geräuschlos öffnete. Ein schauriger Wind wehte ihr die langen Locken um Stirn und Schläfe, kohlschwarz und düster lag das Gewölk dicht ausgethürmt vor ihren erschreckten Blicken. Grelle Blitze durchzuckten das Düster und die wilden Fluthen des Meeres stürzten in unheimlicher Hast über die scharfen Klippen dahin. Die grelle Kienfackel im Seitenthurm erhöhte um Vieles den unheimlichen Eindruck der wilden Natur, den sie zu mildern bestimmt war.
Wunderbar genug schloß die zaghafte Fleunice das Fenster nicht sogleich wieder. Es gab eine Macht in ihr, die selbst die ost kindische Zaghaftigkeit beherrschte, und dies war ihr mitleidiges Herz. Ein suchender angstvoller Blick überflog die dunklen Wogenberge, aber das Licht fehlte, welches ihr das wehende Segel eines kämpfenden Schiffes gezeigt hätte. Alles war in Nacht gehüllt. Sie schloß das Fenster, leise fiel sie _ auf ihre Kniee nieder und unhörbar flüsterte sie: „Herr, Herr, erbarme dich der armen Seefahrer!"
„Fleunice, mein Kind, hast Du mich schon verlassen?" fragte der Graf, dem die Stille des Zimmers unbehaglich bei dem draußen immer lauter tobenden Sturm wurde.
„Ich bin da, Großpapa, aber ich will
nun zu der Mutter gehen, denn sie schläft wohl nicht, wenn der Donner so laut und heftig rollt.
Der Graf erhob sich, Fleunice rührte die silberne Klingel, ein Kammerdiener trat ein, nm die schwankenden Schritte des Grafen bis zu seinem Schlafgemache zu geleiten. Die Enkelin schlang zärtlich ihre Arme um seinen Nacken und führte ihn selbst zum nahen Zimmer. Dann, als sich dasselbe geschloffen, lauschte sie noch einen Augenblick sorglich der Ruhe, die im Schlafzimmer des Grafen herrschte, und versank auf der Schwelle von Neuem in jene geistige Ermattung, die auch nicht den leifteften Gedanken erwecken oder zu phantasiereichen Traumbildern beleben kann.
Ein dumpfer ferner Kanonenschuß weckte die junge Gräfin zu einem klagenden Angstschrei.
„Ein Schiff versinkt, Gerold!" rief sie dem Kammerdiener zu, der soeben aus dem Zimmer des Grafen trat.
Der Kammerdiener hatte das Signal nicht gehört, er hatte sich gewöhnt, die Ansichten der Komtesse, die freilich oft eigenthümlich waren, stets von vorne herein schon zu bezweifeln, er sagte achselzuckend:
„Ich glaube kaum, daß ein Schiff unserer Hilfe bedarf, Komtesse." (Forts, folgt.)