M 285. Sonntag, den 10. December 1882.
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Deutsches Reich.
* Berlin, 8.Dec. Auf der Tagesordnung der morgigen Sitzung dss Reichstags steht: Dritte Berathung der Zusammenstellung der dem vormaligen Norddeutschen Bunde auf Grund des Artikels V. Ziffer 1 bis 7 des Gesetzes vom 8. Juli 1872 aus der französischen Kriegskosten - Entschädigung zu ersetzenden, für das Etatsjahr 1880/81 verechneten Ausgaben, auf Grund der in zweiter Berathung unverändert angenommenen Commissionsanträge. — Fortsetzung der ersten Berathung des Entwurfs eines Gesetzes, betreffend die Feststellung des Reichshaushalts-Etats für die Etatsjahre 1883/84 und 1884/85 in Verbindung mit der ersten Berathung des Entwurfs eines Gesetzes, betreffend die Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltungen des Reichsheeres, der Marine und der Reichseisenbahnen.
Der ,P. 6.' wird von hier von sehr beachtenswerther Seite geschrieben: „Die am 30. Rovbr. ausgegebene Nummer der ,Grenzboten' enthält einen Artikel: „Herr v. Giers in Varzin." Der Artikel ist wesentlich nur ein Referat über die in der Preffe an diesen Besuch geknüpften Conjecturen. Am Schluffe jedoch heißt es: „Das Bündniß der beiden mitteleuropäischen Kaiser — von deni wir jetzt sagen dürfen, daß es ein regelrecht und in aller Form abgeschlossenes, in Documenten niedergelegtes ist — ist die bleibende Grundlage der Verhältnisse Mitteleuropas, von der die Strömung der Tagesereignisse nichts abzuspülen vermag." Natürlich haben alle hiesigen Blätter diese Aeuße- rung registrirt und da sie in keinem der Negierung nahestehenden Organe dementirt worden ist, nimmt man an, daß der Verfasser des Grenzbotenartikels zu einer solchen Aeuße- rung autorisirt war. Die allgemeine Meinung ging ja längst dahin, daß das zwischen Deutschland und Oesterreich bestehende Bündniß auch formell besiegelt sei, aber constatirt war diese Annahme bisher nicht, und selbst nicht durch anitliches Schweigen der bethei- ligten Regierungen zugelaffen. Das amtliche Schweigen gegenüber einer so positiv auftretenden Behauptung wie jene des Grenzboten-Artikels scheint besagen zu muffen, daß der Annahme eines formellen Bündniffes nicht mehr widersprochen, sondern daß diese Annahme amtlich zugelassen werden soll. So unscheinbar der Vorgang sich darstellen mag, die Wichtigkeit kann nicht in Abrede gestellt werden. Man fragt, wie immer in solchen Fällen, warum gerade der gegenwärtige Augenblick gewählt worden, um mit einer solchen Offenbarung hervorzutreten. Es bietet sich keine andere Deutung dar, als die, daß die öffentliche Meinung Europa's gerade jetzt wiffen sollte, das Freundschastsverhältniß zwischen Oesterreich- Ungarn und Deutschland reiche bis zu einem Grade der Interessengemeinschaft und sei in einer Weise formell verbürgt, daß keine dritte Macht zu einer der verbundenen Mächte.
ein Verhältniß gewinnen kann, welches an Intimität und Festigkeit dem Verhältniffe der verbundenen Mächte gleichkäme. Demnach hätte wohl Herr v. Giers in Varzin den Versuch gemacht, zwischen Deutschland und Oesterreich einen Keil einzutreiben, sich aber dabei einen Korb geholt.
* Bonn, 4. Dec. Die in ansehnlicher Zahl hier wohnenden Engländer (Angehörige der Ho chkirchc) beabsichtigen, hier eine neue Kirche zu bauen. Von Seiten des deutschen Kaisers sind hierzu laut der .Deutsch. Reichsztg.' 1000 Mk. geschenkt worden. Die Kaiserin hat 300 Mk. gespendet.
Oesterreich-Ungarn.
* Wien, 7. Dec. Das .Armee Verordnungsblatt' veröffentlicht die am 1. Januar k. I. in Kraft tretenden organischen Bestimmungen über die neue Armee-Organisation und die Jnspicirungsvor- schrift für das Heer. Zu Corps-Comman- danten sind ernannt: FZM. Baron Kuhn zum Commandanten des III. Corps und commandirenden General in Graz, FZM. Philippovic zum Commandanten des VIII. Corps und commandirenden General in Prag, General der Cavallerie Baron von Edelsheim-Gyulai zum Commandanten des IV. Corps und commandirenden General in Pest, FZM. Wilhelm Herzog von Württemberg, zum Commandanten des XI. Corps und commandirenden General in Lemberg, FZM. Baron von Ringelsheim zum Commandanten des X. Corps, FZM. Franz Graf Thun- Hohenstein zum Commandanten des I VX. Corps, General der Cavallerie Baron von R am berg zum Commandanten des XIII. Corps, FZM. Baron Bauer zum Commandanten des II. Corps und commandirenden General in Wien, General der Cavallerie Baron von Appell zum Commandanten des XV. Corps in Serajewo, FML. Ritter von Kees zum Commandanten des VI. Corps, FML. Baron von Ccrtty zum Commandanten des V. Corps, FML. Baron von Schönfeld zum Commandanten des XII. Corps, FML. Graf von Degenfeld zum Commandanten des VII. Corps, FML. Prinz zu Windisch-Grätz zum Comman- »anten des I. Corps, FML. Baron von König zum Commandanten des IX. Corps, FML. von Stubenrauch zum Stellvertreter des commandirenden Generals in Pest, FML. Baron Teuchert zum Stellvertreter des comniandirenden Generals in Prag, FML. Baron Becsey zum Stellvertreter des commandirenden Generals in Graz.
* Aus Gal izien schreibt man und: Obwohl in Rußland zur Zeit keine Wiederholung der Unruhen gegen die dortigen Israeliten zu fürchten ist und die russische Regierung auch der Repatriirung der Flüchtlinge in die Heimath keine Hindernisse in den Weg legt, so mindert sich die Zahl der hier befindlichen Flüchtlinge doch nur sehr
langsam. Es weilen zur Zeit in Brody immer ; noch ca. 400 jüdische Emigranten aus Rußland ■ und müssen vom Hilfscomits verpflegt werden. . Die Leute machen augenscheinlich keine rechte Anstrengung, um in die Heimath zu kommen, sie möchten am liebsten in Oesterreich bleiben. Diese edle Absicht der Flüchtlinge- dürfte aber kaum das richtige Verständniß bei den hiesigen Behörden finden.
+ In Mostar wurde kürzlich in feier- • sicher Weise der erste Eingeborene der occu- pirten Länder, Stanislaus Grabcvac aus der Herzegowina, zum Officier ernannt.
* Aus Tyrol schreibt man uns: Der Landtag hat nunmehr durch Annahme der bekannten vom Landesausschuffe ausgearbeiteten Vorschläge betreffs der einzuleitenden Hilfsaction seine Thätigkeit erledigt und wurde di-e kurze außerordentliche Session be» * reits wieder geschlossen. Eine Deputation „des Landtages unter (Führung des Landeshauptmanns wird sich 4tach Wien begeben, um Sr. Majestät den Dank des Landes für den so großartigen Beweis kaiserlicher Güte und Munificenz zu Gunsten der Ueberschwemm- ten auszudrücken. Ein den treukatholischen Charakter und religiösen Sinn der Tyroler Landtagsmehrheit in schönes Licht stellender Antrag; nämlich, daß als Gelöbniß zur Al^ Wendung ähnlicher Unglücksfälle und um Gottes Huld und Segen zu erflehen für das - Gedeihen jener Hilfeleistung, welche das Land mit äußerster Anstrengung seiner Kräfte zu unternehmen im Begriffe steht, von nun an in ganz Tyrol das Fest des hl Johannes von Nepomuk an dem diesem Feste nächstfolgenden Sonntage in allen Seelsorgestationen des Landes in feierlicher und möglichst einheitlicher Weise zu begehen sei uud die drei hochwürdigsten Herren Landesbischöfe zu bitten, in dieser Beziehung das Erforderliche anordnen zu wollen, fand bis auf zwei liberale Stimmen den Beifall des gesammten Landtages.
England.
* London, 8. Dec. In England, Schottland und Wales herrscht starker Schneefall, was eine empfindliche Störung des Bahnverkehrs und zahlreiche Unfälle hervorgerufen hat. Eine in vergangener Nacht in Wood- treet ausgebrochene große Feuersbrunst war Vormittags noch nicht gelöscht. Die Magazine der Foster Porter Rylands Compagnie und Selbes Fleming Compagnie sind zer- lört. Der Verlust beträgt über 2 Mill. Pfund Sterling (40 Mill. Mark).
Italic«.
* Rom, 8. Dec. Nachdem der russische Minister des Auswärtigen Herr v. Giers, >eim hl. Vater eine einstündige Audienz erhalten und dem Cardinalftaatssecretär Ja- cobini seinen Besuch erstattet hat, wurde dieser heute von Cardinal Jacobini erwidert. Man hofft, daß nunmehr die Verhandlungen >es hl. Stuhles mit Rußland rascher zu dem erwünschten Ziele führen.