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JH 279. Sonntag, den 3» December 1882.

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Deutsches Reich.

* Berlin, 1. Dec. Die ,Nordd. Allg. Ztg/ sagt, Giers Besuch in Varzin scheine den polnischen Blättern sehr unerwartet ge­kommen und höchst unbequem zu sein. Die .Gazeta Narodowa' habe bereits gewisse Maß­regeln aufgezählt, welche sie mit freudiger Zuversicht erfüllten und nach ihrer Meinung die Hoffnung erwecken mußten, Rußland stehe am Vorabend eines Krieges mit einem seiner Nachbarn. Dieselbe wisse nicht recht, wie sie die Varziner Zusammenkunft mit jenen kriegerischen Vorbereitungen in Ein­klang bringen solle, komme aber schließlich doch zu der Ansicht, daß mit Giers Reise die einstweilige Aufrechterhaltung des Frie­dens bezweckt sei.

— (Abgeordnetenhaus. 12. Sitz.) Die Debatte über den Justizetat wird bei dem Capitel „Gehalt des Ministers" fort­gesetzt. — Der Abg. Bachem lenkt die Aufmerksamkeit der Justizverwaltung auf die erschreckende Zunahme der Verurtheilung Unschuldiger, welchen vielleicht auf dem Wege der Reichsgesetzgebung eine Entschä­digung zugesichert werden könnte. Eine Hauptursache dieser Verurtheilungen erblickte Redner in der Zunahme der Meineide, welche wiederum ihren Grund habe in der Lähmung des religiösen Gefühls im Volke. Ebenso beklagenswerth sei die Zunahme der sittlichen Verbrechen. — Der Justiz-Mi­nister Dr. Friedberg bestätigte die Zu­nahme der Meineide, auf deren Vermin­derung er durch Verordnung einer feier­licheren Eidesabnahme hingewirkt habe. Zu

—

Oswin Connor.

Eine Erzählung aus dem Volksleben Irlands. Aus dem Englischen des Charles Lever, frei übersetzt von Alice Salzbrunn.

(Fortsetzung.)

Oswin nahm die Pistole und untersuchte sie langsam und mit fester Hand. Er saß schweigend, während der Anführer und Heffernan ihm die Umstände des Anschlages auf Mr. Lucas Leben erklärten. Einige Verbündete hatten erfahren, daß der Ad­ministrator am nächsten Abend Galway verlaßen und auf seinem Wege nach West­port um Mitternacht durch Oughterarde und ihr eigenes Dorf kommen werde. Gewöhn­lich reiste er in seinem Cabriolet mit fri­schem, vorausbestelltem Vorspann in ver­schiedenen Orten; einen Haltepunkt hatte er eine halbe Meile von einer alten Ruine be­stimmt; es war eine wilde, öde Gegend am Ufer des Sees, wo die einsame Hütte eines Fischers stand, und hier sollte während des Pferdewechsels der Mord geschehen. Viel Gesträuch und aufgestapelte Torfstücke stan­den auf der öden Gemeindewiese neben dem See, so daß man sich leicht verstecken konnte. Jedoch wurde eine Verfolgung nicht voraus­gesetzt, wenigstens glaubte man, der Diener werde seinen Herrn in solchem Augenblick

dem gleichen Zwecke habe er sich mit dem Cultus-Minister in Verbindung gesetzt und ihn veranlaßt, den kirchlichen und Schul­organen eine schärfere Betonung des sitt­lichen und religiösen Moments zu empfehlen. Dagegen konnte der Minister eine Abnahme der sittlichen Verbrechen an der Hand sta­tistischen Materials nachweisen. Die Frage der Entschädigung für unschuldig Verurtheilte werde ihre Lösung im Reichstage finden. Er persönlich sei gegen eine Entschädigung. — Der Abg. Dr. Windthorst führt aus, daß die Zahl der unschuldig Verurtheilten nicht so groß sein würde, wenn man das Be­rufungsrecht beibehalten hätte. Die Zunahme der Meineide erkläre sich auch daraus, daß das Exanien der Zeugen in vielen Fällen ein sehr mangelhaftes fei, weil die Richter mit der Sprache der Zeugen nicht vertraut seien. Diese Ausführungen wurden später trotz dem Widerspruche des Ministers und des Abg. v. Bismarck (Flatow) vom Abg. Berger unterstützt. Es komme vor, daß der Richter aus Unkenntniß der Sprache den letzten Willen eines Testators nicht richtig auffasse. Abg. Windthorst weist noch darauf hin, daß die Versetzung der Richter in andere Provinzen den kosmopolitischen Sinn in denselben wecke. Deshalb seien so viele Richter liberal. Ferner werde den­selben die gründliche Kenntniß des gemeinen und des Landesrechts erschwert.

— Fürst Bismarck wird Anfang nächster Woche hier erwartet und beabsichtigt, sich eingehend an den Debatten des Reichstages und Abgeordnetenhauses zu betheiligen, auch heißt es bestimmt, daß der Kanzler bei der nicht verlassen, und was den Fischer betraf, so war derselbe zwar kein Mitglied der Verschwörung, aber er würde es sicherlich nicht wagen, zum Angeber gegen einen von ihnen zu werden.

Oswin hörte aufmerksam auf alle Einzel­heiten und genauen Anweisungen, welche ihm über jeden seiner Schritte gegeben wurden.

„Merkt Euch!" sagte Heffernan, „er geht niemals in die Fischerhütte,, aber wenn die Nacht kalt ist, wie jetzt, geht er auf und ab, um seine Füße warm zu halten. Geht ihm einige Schritte nach, wenn er sich um­gewendet und Euch nicht sieht; aber schießt nicht sogleich, sondern wartet, bis er zu der­selben Stelle zurückkehrt, dann schießt. Wenn er fällt, so lauft auf die Gemeindewiese; aber wenn er nur verwundet ist — Ihr werdet doch gewiß bester treffen!"

„Ich will dafür bürgen," sagte Mac- Guire, „unnütze Sorge, daß Oswin Con- nor's Herz muthlos werde! Und wenn er mich mit sich nehmen will —"

„Nein, nein," sagte Oswin in demselben hohlen Tone wie vorher, „ich will es selbst thun, ich brauche Niemand!"

Die Versammelten trennten sich, nachdem beschlossen, daß sie erst nach acht Tagen wieder zusammenkommen sollten. Die Nach­richt von Luca's Tod würde gewiß das

Ende nächster Woche im Abgeordnetenhause stattfindenden ersten Lesung der Steuervor­lage das Wort ergreifen wird. Sein Be­finden ist nicht ganz befriedigend, da er an neuralgischen Schmerzen leidet. Sein erstes Erscheinen dürfte insofern Aufsehen machen, als er nach der ,Köln. Ztg.' einen Vollbart trägt.

Frankreich.

-ng. Paris, 29. Nov. In Lille tagte in den letzten Tagen der 10. Jahrescong res; der Katholiken der Erzdiöcese Cambray unter dem hohen Vorsitz ihres im Dienste der Kirche unermüdlichen Metro­politen Msgr. Duquesnay, Erzbischof von Cambrai. Während der fünftägigen Dauer dieser löblichen Versammlung — vom 22. bis 27. Nov. — bekun­deten sowohl die verschiedenen Redner bezw. Bericht­erstatter wie auch die zahlreich zu jeder Sitzung er­schienenen Mitglieder den rühmlichsten Eifer und lobenswertheste Eintracht in der entschlossenen Ver­teidigung der katholischen Sache, was uns über die werkihätigen Früchte dieses Congresses zu den schön­sten Hoffnungen berechtigt. Zu Beginn der ersten Versammlung brachte Graf Caulaincourt ein Schrei­ben des päpstlichen Privatsecretärs Msgr. Boccali zur Verlesung, worin den Congreßmitgliedern er­hebende Worte der Ermuthigung gespendet und den­selben als Unterpfand seiner väterlichen Zuneigung der apostolische Segen des Vaters der Christenheit ertheilt wurde. Nach Vernehmung dieser frohen Kunde und des zuvor verrichteten üblichen Gebetes hielt Graf Caulaincourt in glänzender Ausführung die mit viel Beifall aufgenommene und den tiefsten Eindruck hinterlassende Eröffnungsrede über die von den Katholiken dem bekannten Unterrichtsgesetze gegenüber einzunehmende Haltung. Daß die wacke­ren Katholiken der Erzdiöcese von Cambrai — allen voran die gut katholischen Einwohner der Stadt Lille — selbst in diesem so überaus wichtigen Punkte ihren verantwortungsschweren Pflichten sich vollauf bewußt sind und denselben auch genügen, entnehmen wir dem herrlichen Bericht des umsichtigen Präsiden­ten des kathol. Schulvereins der Erzdiöcese, Mr. Jongler de Signe, worin u. A. die erfreuliche, den Signal zu einer allgemeinen Durchsuchung der Gegend und zur eifrigen Verfolgung des Mörders sein. Daher mußten sie un­gewöhnliche Vorsicht brauchen und ihre Wohnungen während einiger Zeit nicht ver­kästen.

Es ist bekannt, daß der Schmerz das Haar in einer einzigen Nacht ergrauen läßt; daß die Nachricht von einem unerwarteten Un­glück die Hand lähmte, welche den verhäng- nißvollen Brief hielt; aber die Stunden vor einem vorsätzlichen Verbrechen mögen noch verheerender auf das menschliche Herz wir­ken, als alles irdische Leid. Ehe die nächste Nacht kam, schien Oswin um Jahre geal­tert. Seit Sonnenaufgang glaubte er in qualvollen Zweifeln seines Gemüthes ein Menschenleben zu durchleben. Jeder Ab­schnitt seines Daseins zog an seiner Erin­nerung vorüber; seine fröhliche, glückliche Kindheit, die knabenhaften Spiele und Raufereien, die Zeit seiner blühenden Mann­heit mit neuen Bestrebungen und Hoffnun­gen. Er bedachte, wie glücklich er als armer Bauer gewesen. Was würde er ge­dacht haben von demjenigen, welcher ihm solche Zukunft vorausgesagt hätte? Wie hätte er das glauben tonnen ? Und doch sollte das Schlimmste noch kommen. Er versuchte seinen Muth zu erheben und sein