Jtß. 272.
Sonnabend, den 25. November 1882.
FiildM Ws Jcihing.
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spectiren, immerhin werden die Herrscher von Mexiko es fühlen, daß ihre Unabhängigkeit nur von der Gnade des mächtigen Nachbarn abhängt. Wollen die Vereinigten Staaten einen Streit suchen, so können sie auf den Eisenbahnen sofort eine Anzahl von Truppen nach Mexiko werfen, weshalb die Mexikaner bald die Notwendigkeit begreifen würden, den ihnen aus Washington zukommenden Befehlen unbedingt Folge zu leisten. Ehe die Pacificbahn gebaut war, konnte der Mor- monen-Häuptling Brigham Aoung es wagen, der nordamerikanischen Regierung zu trotzen, aber im selben Augenblicke, wo die Bahn vollendet war, fühlte er, daß es mit seiner Macht vorbei sei. Ob nun nordamerikanische Einwanderer in solcher Anzahl nach Mexiko strömen werden, daß sie die Macht in ihre Hände bekommen und, wie es in Texas der Fall war, durch ihre Abstimmung den Anschluß Mexiko's an die Union bewerkstelligen können, oder ob die zwei Republiken getrennt bleiben, immerhin muß in Wirklichkeit Mexiko in Abhängigkeit zu den Vereinigten Staaten gerathen. Daß dies schließlich der Mehrzahl, des mexikanischen Volkes zum Vortheil gereichen werde, ist unzweifelhaft, wenn auch int Anfänge, wie es in Kalifornien und Texas geschehen, viele der jetzigen Landbesitzer um ihr Land beschwindelt werden dürften; denn eine bessere Regierung und materielle Prosperität wären eine sichere Folge des Anschlusses. Und selbst die katholische Religion würde, so unwahrscheinlich es dem oberflächlichen Beobachter erscheinen mag, großen Vortheil daraus ziehen, wenn in Mexiko dem spanischen Staatskirchenthum ein Ende ge
macht und die nordamerikanische Trennung der Kirche vom Staate eingeführt würde. Durch die Einwanderung von europäischen und nordamerikanischen Geistlichen würde dann unter dem leider so verkonimenen mexikanischen Klerus bald eine heilsame Reform angebahnt werden. Auch ist es keine Frage, daß die Annexion Mexiko's an die Vereinigten Staaten der ganzen Welt Nutzen bringen würde. Je mehr Mexiko prosperirt, desto mehr wird es zum Fortschritt des Handels und der Industrie der civilisirten Welt beitragen.
Auf der andern Seite aber ist es mehr als zweifelhaft, ob dieser Länderzuwachs den Vereinigten Staaten selbst zum Heile gereichen würde. Dieselben sind schon ohnehin groß genug und jede Vergrößerung des Gebietes macht die Erhaltung der Union schwieriger. Wenn aber die Vergrößerung des Gebietes auch noch eine fremdartige Bevölkerung und eine niedriger stehende Rave mit sich bringt, so werden die Schwierigkeiten noch unendlich größer. Deshalb dürfte eine förmliche Annexion große Opposition in den Vereinigten Staaten selber finden; aber auch ohne Annexion dürfte die Abhängigkeit Mexiko's von den Vereinigten Staaten den letzteren große Verlegenheiten bereiten und könnte möglicher Weise zur Annahme einer Politik führen, die mit den jetzigen Institutionen Nordamerika's sehr wenig in Eiukaug steht.
Deutsches Reich.
• Berlin, 23.Nov. Abgeordneten haus, 5. Sitzung. (Fortsetzung der Etats- berathung.) Minister Maybach gibt Er-
-h- Mexiko und die Nordamerikanische Union.
Als vor 3 Jahren das Eisenbahnfieber in Nordamerika seinen Höhepunkt erreicht hatte, beschlossen gewisse Gründer-Consortien, ihre neuen Linien bis nach Mexiko hinein auszudehnen. Demgemäß wußten sie von der Mexikanischen Regierung große Concessionen zu erlangen, wobei ihr Hauptunterhändler Niemand Geringerer als General Grant selbst war, und machten sich ohne Zeitverlust an die Ausführung ihrer Pläne. Von diesen jetzt im Baue begriffenen Linien sind namentlich zwei ganz besonders''wichtig, die beide von der Hauptstadt Mexiko nach der nord- amerikanischen Grenze führen, die eine in nordwestlicher Richtung nach Paso del Norte, die andere in nördlicher Richtung nach Laredo. Bei diesen Punkten erreichen sie das nordamerikanische Bahnnetz und bringen so die Stadt Mexiko in directe Verbindung mit Newyork, Neworleans und San Francisco. Ein großer Theil der beiden Linien ist bereits gebaut und man glaubt, daß binnen zwölf Monaten beide Bahnen fertig gestellt und dem Verkehr übergeben werden können. Dann wird man ohne Unterbrechung von Newyork nach der Hauptstadt Mexiko reisen können, woraus höchst wichtige politische und ökonomische Folgen resultiren dürften.
Sind einmal die Bahnen fertig gestellt, so werden nothwendiger Weise die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko eine Veränderung erfahren. Selbst wenn die Regierung von Washington, was zu bezweifeln ist, den ehrlichen Wunsch hegen sollte, die Unabhängigkeit von Mexiko zu re- ~ 24
Oswin Connor.
Eine Erzählung aus dem Volksleben Irlands. Aus dem Englischen des Charles Lever, frei übersetzt von Alice Salzbrunn.
(Fortsetzung.)
„Gott helfe mir! Was kann ich jetzt thun?" sagte Oswin Connor zu sich selbst; er grübelte über sein Schicksal und fand keine Antwort auf seine Frage; er stand auf und ging langsam weiter, ohne zu wissen wohin. Eine große, menschenreiche Stadt erhöht das Gefühl der Verlassenheit im einsamen freudlosen Wanderer. Der arme, ungebildete Bauer ermaß seine eigene niedrige Stellung inmitten des Reichthums und zog sich scheu in einen ärmeren Stadttheil zurück.
Als Oswin am nächsten Morgen erwachte und sich im schlichten Gasthaus, welches er gewählt hatte, umsah, konnte er das Fehlschlagen seiner Absicht kaum faffen. Er glaubte geträumt zu haben. Mechanisch ging er aus, und erst beim Anblick des prächtigen Leslie'schen Hauses erinnerte er sich deutlich des gestrigen Abend und erkannte die ganze Wahrheit und Bitterkeit seines Schicksals. Der arme Mann trat den Heimweg an, obgleich er nicht wußte warum. Er wanderte mit langsamem Schritt und
schwerem Herzen, Angst und Schrecken folterten sein Gemüth und erhöhten die körperliche Mattigkeit, so daß ihm jede Meile unendlich lang erschien.
Am vierten Tage seiner Reise erreichte er ganz von Regengüffen durchnäßt ein Nachtquartier und wurde dort fieberkrank. Sein Wirth ließ ihn in das Hospital bringen, wo er acht Wochen lang gefährlich darniederlag; ein Rückfall seiner Krankheit trat ein, als er fast genesen war, und fast drei Monate verflossen, ehe er das Hospital verließ.
Eine Woche später setzte er seine Reise fort; er ging täglich nur kurze Strecken und blieb bei eintretender Dunkelheit im Gasthaus. So erreichte er Liverpool und kehrte Mitte Januar in seine Heimath zurück.
Seine körperliche Kraft war wiedergewonnen; er wanderte einen ganzen Tag, um seine Wohnung zu erreichen, und ging an einem schönen, sternenhellen Abend über die Berge, welche zwischen Ballinrobe und Maam liegen. Es schien ihm, als habe seine Abwesenheit von der Heimath lange Jahre gedauert. Sein Herz schlug freudenvoll, weil jede wohlbekannte Hütte ihm alte Freunde in Erinnerung brachte. Endlich fah er Philipp Joyce's langes, niedriges Farmhaus, in dessen Fensterreihe die Lichter brannten. . Er konnte sich nicht leicht von
diesem Anblick losreißen; niederknieend betete er für die Geliebte und für die Freunde unter jenem Dach. Gegen zehn Uhr erreichte er die Bäume, welche fein Farmhaus umgaben, und erschrack über ein Licht am Fenster und über das wüthende Bellen eines Hundes. Es war nicht fein Spitz, dessen Gebell er wohl kannte.
„Philipp hat vielleicht Jemand beauftragt, das Haus in Ordnung zu halten," dachte er, aber seine Besorgnis; glaubte diese Muth- maßung nicht.
Wieder bellte der Hund; in demselben Augenblicke wurde die Thür geöffnet und eine Männerstimme rief: „Wer kommt da?"
Beim Schein des Kaminfeuers im Hintergründe sah Oswin, daß der Mann ein Gewehr in bet Hand hielt.
„Ich bin es, Oswin Connor," antwortete Oswin.
„Bleibt zurück!" rief der Andere, „kommt Ihr noch einen Schritt näher, so trifft Euch eine Kugel."
„Eine Kugel!" rief Oswin verächtlich, jedoch mehr erstaunt als entrüstet, „soll ich nicht in mein eigenes Haus eintreten dürfen?"
„Ich werde Feuer geben," schrie der Mann, wenn Ihr noch einen Schritt näher kommt," und Oswin sah, daß er die Flinte an die Schulter erhob und zielte.