JH 271. Freitag, den 24. November 1882.
JfidbaiT 8B Jeikung.
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Deutsches Reich.
* Berlin, 22. Nov. In der heutigen (4.) Sitzung des Abgeordnetenhauses waren folgende Vorlagen eingegangen: 1) der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Abänderung des hannoverschen Gesetzes vom 30. Juni 1842 über das Verfahren in Ge- lneinheitstheilungs- und Verkoppelungssachen nebst Begründung; 2) die Nachweisung über die Resultate der anderweiten Verpachtung der im Jahre 1882 pachtlos gewordenen Domänenvorwerke; 3) ein Nachweis über die im Verwaltungsjahre 1882/83 stattgehabte Aus- und Einrangirung von Beschälern in den Landgestüten; 4) die Nachweisungen der bei derDomänenverwaltung und der bei der Forstverwaltung im Etatsjahre 1. April 1881/82 durch Kauf und Tausch vorgekommenen Flächenzugänge, sowie der durch Verkauf, Tausch und in Folge von Ablösungen eingetretenen Flächenabgänge, beide Nachweisungen mit der summarischen Angabe der in den Jahren 1867 bis 1. April 1880/81 vorgekommenen gleichartigen Flächen-Zu- und Abgänge vervollständigt. Auf den Vorschlag des Abg. Dr. Windthorst wurden zu Mitgliedern der statistischen Central-Commission die Abgg. Dr. Gneist, Dr. Virchow und Herr durch Acclamation gewählt. Darauf folgt die erste Lesung des Etats; Rickert plaidirt in scharfer Weise gegen den vom Finanzminister Scholz aufgestellten Etat. Wie kann man einen Steffererlaß vorschlagen, wenn nicht Mittet zur Deckung des Deficits vorhanden sind? Es sei nicht wahr, daß Camphausen's Finanzleitung eine Schleuderherrschaft ge-
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Oswin Conrwr.
Eine Erzählung aus dem Volksleben Irlands Aus dem Englischen des Charles Lever, frei übersetzt von Alice Salzbrunn.
(Fortsetzung.)
„Lucas! Welch dummes Geschwätz!" rief der Major lachend.
„Meiner Treu! Ihr würdet wenig dummes Geschwätz hören, wenn ich auf dem Berge Slievena-vick mit Euch zusammen käme," sagte Oswin mit drohender Miene.
„Verlaßt das Zimmer, Bursche! Verlaßt das Zimmer!" rief Lucas, nach der Thüre zeigend.
„Darf ich fragen, wo Mr. Leslie jetzt ist?" sagte Oswin ruhig.
„Er wohnt in London, Belgrave Square Nr. 18."
„Wollen Ew. Gnaden so gütig sein, es für mich auf ein Stück Papixr zu schreiben," bat Oswin fast unterthänig.
Lucas setzte sich, schrieb die Adresse auf eine Karte und übergab sie Oswin schweigend.
„Ich bitte um Verzeihung, Ihr Herren, wenn ich unhöflich zu Einem von Euch war," sagte Oswin, indem er sich verbeugte und zur Thüre wendete, „das Mißgeschick reizt einen Mann zum Zorn und ich bin nur
wesen fei. Gegen die Erhöhung des Holzzolls müsse er entschieden protestiren. In eingehendster Weise wendet sich Rickert gegen die jetzige Steuerpolitik, die ein Einbruch in das altbewährte preußische directe Steuer- system sei. Noch vor einem Jahre habe der damalige Staatssekretär Scholz im Reichstage das Programm des Reichskanzlers dahin definirt, daß die gejammte Classensteuer aufzuheben sei. Die Regierung möge uns ihren Steuerreformplan darlegen. Man verlangt eine Licenzsteuer auf Tabak. Das deutet auf die Einführung des Tabakmonopols hin, welches der Reichskanzler nur für einige Zeit zurückgestellt hat. Es sollten sich alle Parteien gegen den Einbruch in unser directes Steuersystem vereinigen. S ch o r l e m e r - A l st fordert die Einführung einer procentualen Börsensteuer und Capitalrentensteuer. Die Börsemüsse bluten, nicht der Tabak. Das Centrum wolle mit den Conservativen gehen, wenn diese auf eine gesunde Reaction nicht nur in wirthschaftlichen, sondern auch in anderen Fragen hinarbeiten wollen. Thun dies die Conservativen nicht, so werden sie bei den nächsten Wahlen die Folgen sehen. Abg. Minnigerode: Die Conservativen wollen die Beibehaltnng des dauernden Steuererlasses von 14 Millionen, die Aufhebung der vier unterstenClaffensteuerstufen, mit Vorbehalt der Entschließung über die Deckung. Er kündigt für den Reichstag den Antrag auf Einführung einer procentualen Börsensteuer an, wobei er die Unterstützung des Centrums erwartet. Bei den Wahlen habe das Land erkannt, mit welcher Opposition ein schlichter Bauer, aber wenn ich meine Farm doch behalte, und Ihr einen Tag zum Jagdvergnügen bestimmen wollt —"
„Ei, Ihr seid so übel nicht," sagte der Major, „der Bursche ist fein, nicht wahr, Lucas?"
„Euer Diener, Ihr Herren," sagte Oswin, entrüstet über die kalte Unverschämtheit, mit welcher sein gastfreier Vorschlag aufgenommen wurde und verließ das Zimmer.
„Nun, Oswin," sagte Philipp, welcher seine Pacht längst bezahlt hatte und ungeduldig auf feinen Freund wartete, „nun, Oswin, du hättest die Angelegenheiten des ganzen Dorfes in dieser Zeit ordnen können. Warum hielten sie dich so lange auf?"
Mit vor Erregung zitternder Stimme erzählte Oswin den Erfolg seines Gespräches und fügte schließlich hinzu: „Jetzt bleibt nichts Anderes übrig, Philipp, als daß ich den Gutsherr aufsuche und mit ihm rede. Hier ist seine Wohnung ausgeschrieben, er ist in London; und ich will nicht nach Hanse gehen, ehe ich ihn gesprochen. Ich habe die halbjährliche Pacht in meiner Tasche, also kann ich die Reise machen und habe Geld vollauf; ich bitte dich nur, Philipp, erzähle Maria Alles und behalte den kleinen Patrick, bis ich wiederkomme, er befindet sich jetzt in deinem Hause."
„Sei unbesorgt, wir werden ihn ver-
man es zu thnn habe. Alle Agitation des Fortschritts und der Seces- stonisten haben mit einem Fiasko geendet. Wir nehmen die Unterstützung an, wo wir sie finden. In schneidendem Gegensatz stehen wir nur zur Fortschrittspartei. Auf den Nacken der Demokratie habe das Volk bei den Wahlen seinen Fuß gesetzt. Abg. Benda (nationalliberal) kennzeichnet die Stellung seiner Fraction dahin, daß, wenn der Finanzminister den einmaligen Steuererlaß von 6 Millionen auf den Tisch des Hauses niederlegen wollte, das Hous dem Finanzminister den Steuerlaß wiedergeben würde, um denselben als Deckung der aufzuhebenden Classensteuer zu verwenden.
— Die ,Prov. Corr.' schreibt: „Unsere Kaiserin wird noch im Laufe dieser Woche Baden-Baden verlassen und sich zu kurzem Aufenthalte nach Coblenz begeben. Obschon leider nicht völlige Genesung, so hat doch die bisherige Cur bereits wesentliche Besserung in dem Befinden der hohen Patientin herbeigeführt. Anfang nächsten Monats gedenkt die Kaiserin wieder nach- Berlin, zurückzukehren."
— Die ,Kreuzzeitung.' meldet: Auch die gegenwärtige Session des Landtages, zumal wenn sie sich länger ausdehnt, wird ver- muthlich die Verstaatlichung der Eisenbahnen wieder einen Schritt weiter führen. Dafür scheinen die bisherigen günstigen Erfolge des Systems, sowie einige äußere Anzeichen zu sprechen. Doch ist Näheres noch Vorbehalten. — DerKaiser empfingvcrgestern Nachmittag den Staatsminister v. Bötticher, den Geheimen Baurath Adler, den Hofbaurath pflegen, Oswin, und ich glaube, du thnst so am Besten."
Die beiden Freunde brachten den Tag zusammen zu, bis die Zeit zum Abgang des Bahnzuges kam. Der Tag, dessen Anfang so freudenreich gewesen, endete traurig, und alle Bemühungen Philipp's, seinen Freund zu erheitern und zu ermutigen, konnten Oswin nicht von der düsteren Ahnung befreien, daß dies nur der Anfang des Unglücks sei. „Ich fühle, daß Böses daraus kommen wird," sagte er mehrmals, und obgleich feine Befürchtungen unbestimmt waren, wurde er trübfinnig wie beim wirklichen Unglück. Der Augenblick des Abschieds kam, Philipp schüttelte seines Freundes Hand mit einem herzlichen „Gott behüte dich!" und Oswin fuhr ab.
Es war eine Zeit ungewöhnlicher Noth in den englischen Fabrikstädten, Mehrere große Häuser hatten Bankerott gemacht, überall stockte der Handel und allgemeiner Druck ruhte auf der Arbeiterklasse. Oswin, welcher aus Sparsamkeit seine Reise theil- weise zu Fuß machte, hatte oft Gelegenheit, die Wohnungen der Armen zu betreten und ihre Lebensart zu beobachten. Unaufhörliche Klagen über Leiden und Noth tönten vom Morgen bis zum Abend in fein Ohr und doch sah er feine Beweise großer Ar-